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Villa Lante

Von jedem erhöhten Ort, sei es vom Pincio oder vom Kapitol und selbst vom anderen Tiberufer, erkennt man die frei stehende Villa als kantigen hellen Fleck im Grün des Gianicolo. Sie folgt alten Vorlieben, hatten doch schon in der Antike einige Berühmtheiten in der angenehmen Frische des Hügels und mit dem phantastischen Stadtpanorama vor Augen ihre Domizile bauen lassen und sei es nur als Sommersitz. Die Tradition der stadtnahen Villa „im Grünen“ (villa suburbana) wurde während der Renaissance wiederbelebt. Eine der ersten damals entstandenen Villen dieses Typs war die Villa Farnesina auf dem rechten Tiberufer – nur einen weiten Steinwurf von der Villa Lante entfernt.


Den Auftrag zum Bau der Villa Lante erteilte Baldassare Turini, der als datarius eine einflussreiche Stellung am Hof von Papst Leo X. bekleidete. Ihm behagten die Sommermonate im aufgeheizten Rom überhaupt nicht. Nach dem Kauf von ein paar Hektar Land auf dem Gianicolo konnte er den großen Raffael für sein Bauprojekt gewinnen. 1519, vielleicht auch schon 1518, begannen die Arbeiten, die sich an Raffaels Vorgaben orientierten. Nach dessen frühem Tod (1520) übernahm sein Lieblingsschüler und kongenialer Assistent, Giulio Romano, dem wir schon in der Villa Farnesina als virtuosem Freskenmaler begegnet sind, die Fertigstellung. Aber die zog sich hin. Geldmangel spielte eine Rolle und auch unvorhersehbare Ereignisse wie der berüchtigte „Sacco di Roma“, die Plünderung Roms durch marodierende Söldner des Kaisers Karl V. Ein Eindringling hinterließ an der Wand im Salon der Villa das Graffito „Am 6. Mai 1527 war die Einnahme Roms“. Erst 1531 konnte der Bau übergeben werden.

Die Villa Lante steht auf einem ebenso ungewöhnlichen wie soliden Fundament, auf massiven Mauern von Kellerräumen einer Villa, in der im 1. Jh. n. Chr. der Dichter Martial seine lyrischen Epigramme niedergeschrieben hatte. Eingangsfront und Gartenfront des kubischen Baus unterscheiden sich deutlich. Doppelpilaster aus Marmorstuck und Peperino (Tuffgestein) bilden die vertikalen Achsen der Eingangsfassade mit dorischen Kapitellen (unten) und ionischen (oben). Das Portal wird durch Halbsäulen betont. Der doppelläufige Zugang zum Portal wirkt üppig. Er stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts wie auch der Balkon und die Gitter. Ursprünglich führte eine einfache Treppe auf das Portal zu. Ein ganz anderes Bild bietet die Gartenseite: Hoch reichende Rundbögen, dorische Säulen und kräftiges Gebälk schmücken die heute verglaste Loggia im Erdgeschoss und lassen - jedenfalls optisch - dem Obergeschoss nicht viel Raum. Unkonventionelle Proportionen und die asymmetrische Anordnung der Räume sind typische Merkmale der Architektur des Raffael-Schülers Romano, der sich zunehmend stilistisch emanzipierte und einer der führenden Köpfe der manieristischen Architekturrichtung wurde.


Eine Kaufmannsfamilie Lante aus Pisa erwarb 1551 die Villa. Durch Einheirat in die vornehmen Familien della Rovere und Borghese stiegen die Lantes in den römischen Hochadel auf. Sie legten sich einen standesgemäßen Palazzo an der Piazza di St. Eustachio zu und die Villa auf dem Gianicolo nutzten sie als erholsamen Sommersitz. Anfang des 19. Jahrhunderts waren die schönen Zeiten vorbei, ihr Vermögen hatte sich verflüchtigt, ein Notverkauf war unvermeidbar. Den Zuschlag bekam Prinz Camillo Borghese, der gehörnte Ehemann der kapriziösen Paolina (Pauline), Napoleons Lieblingsschwester. Zwanzig Jahre später war die Villa in neuen Händen. Die Französin Madeleine Sophie Barat übernahm das Haus. Sie war die Gründerin des katholischen Frauenordens der Sacre-Coeur-Schwestern. Aus der noblen Villa wurde eine Wohn- und Ausbildungsstätte für die Ordensnovizinnen und das zog Veränderungen nach sich, über die noch heute geklagt wird, denn es gab Fresken, die in den Augen der strengen Schwestern „unangemessen“ waren und einfach übermalt wurden. Andere Fresken konnten gerettet werden. Sie wurden abgenommen und im Palazzo Zuccari in Sicherheit gebracht, wo die berühmte Biblioteca Hertziana vom Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte zuhause ist.

Die Geschichte der Villa nahm eine neue Wendung, als sich 1887 der deutsche Archäologe Wolfgang Helbig mit seiner Frau, der russischen Prinzessin Nadejda (Nadine)

Shakowskoy, einmietete. Helbig war 1862 als Stipendiat an das Instituto di Correspondenza Archeologica, dem späteren Deutschen Archäologischen Institut, gekommen. Nach drei Jahren übernahm er, gerade 26jährig, bereits das Amt des stellvertretenden Direktors. 1887 gab er den Posten auf und zog sich in die Villa auf dem Gianicolo zurück. Er betrieb weiterhin, nun als Privatmann, archäologische Forschungen und betätigte sich außerdem als Kunst- und Antikenhändler mit engen Kontakten zu führenden Händlern, Privatsammlern und Museumsdirektoren. Seine Frau Nadine hatte schon in ihrem früheren römischen Zuhause den Ruf einer welterfahrenen Salonnière erworben. Vielsprachig und als Pianistin ausgebildet, mit engen Verbindungen zu aristokratischen Zirkeln, Künstlerkreisen und prominenten Wahlrömern aus vielen Ländern, machte sie ihren Musiksalon zu einem bedeutenden Treffpunkt der städtischen Gesellschaft, zu einem carrefour nel cuore dell`Europa, „einem Ort der Begegnung im Herzen Europas“, wie ihr Biograf Franco Onorati schreibt.

Mit den Helbigs zog der Salon nebst prominenten Gästen auf den Gianicolo um. Künstler, Musiker, Wissenschaftler trafen hier auf Hochadel und gekrönte Häupter. Franz Liszt, Nadine Helbigs Freund und Lehrer, war darunter, die Tolstoi-Familie, Gabriele d`Annunzio, Romain Rolland, dessen Vertraute Malwida von Meysenbug und viele andere.

1909 kaufte Sohn Demetrio Helbig das Anwesen. In ihrem letzten Lebensjahrzehnt war Nadine hauptsächlich karitativ tätig. Sie gründete die Klinik für mittellose Kinder „La Scarpetta“ im Stadtteil Trastevere, wo man sie bald „Mutter von Trastevere“ nannte. Sie starb 1922, ihr Mann Wolfgang 1915. Sie sind auf dem Cimitero Acattolico beigesetzt (Zona Seconda, Reihe 13).

Unter Sohn Demetrio begann nach dem 2. Weltkrieg die bis heute anhaltende „finnische Phase“ der Villa. Sie ist die Residenz des Geschäftsträgers der finnischen Botschaft am Heiligen Stuhl und Sitz des Institutum Romanum Finlandiae.

(Passeggiata del Gianicolo, 10)



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