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Vatikanstadt im Überblick

Kurie, Heiliger Stuhl, Vatikan – für die meisten von uns Begriffe, die wir gern synonym verwenden, weil wir ihre genaue Bedeutung nicht kennen. Es ist ja auch richtig: Alles gehört durchaus zusammen und muss doch auseinander gehalten werden, will man die komplexe Aufgaben- und Machtverteilung auf dem Mons Vaticanus verstehen.

Wir haben es dort mit zwei unterschiedlichen Größen zu tun, dem souveränen Staat der Vatikanstadt (it. Stato della Città del Vaticano, lat. Status Civitatis Vaticanae) und dem nichtstaatlichen souveränen Völkerrechtssubjekt des Heiligen Stuhls (it. Santa Sede, lat. Sancta Sedes, auch Apostolischer Stuhl genannt). Der Heilige Stuhl verfügt über keinen Quadratmeter Staatsfläche. Die territoriale Basis seiner völkerrechtlichen Souveränität stellt der Staat der Vatikanstadt (im folgenden: Vatikanstadt). Er ist dem Heiligen Stuhl zu- und untergeordnet. Es wird noch komplizierter: Der Papst ist Oberhaupt der Vatikanstadt als letzter absoluter Monarch Europas, der volle legislative, exekutive und gerichtliche Gewalt ausübt und er ist zugleich der Souverän des Heiligen Stuhls. Da er auch nur ein Mensch mit begrenzten Kräften ist, stehen ihm hochkarätige Gremien zur Seite. Für die Vatikanstadt sind es die päpstliche Kommission als gesetzgebende Institution und ein „Governatorato“ heißendes Verwaltungsorgan, das Infrastrukturaufgaben von der Stromversorgung bis zur Pflege der Verkehrswege erledigt, die Gärten, Museen und die Sternwarte verwaltet und in Rom und Castel Gandolfo die Gebäude instand hält. Und nun der Heilige Stuhl, das Leitungsorgan der katholischen Weltkirche – eine globale Macht mit beträchtlicher intellektueller und spiritueller Ausstrahlung, der die Kurie (um auch diesen Begriff zu klären) als zentrales Verwaltungsorgan zugeordnet ist. Die römische Kurie, ihre Kongregationen und Päpstlichen Räte, sind der einflussreiche „Think-Tank“ an der Seite des Papstes und wenn Vatikankritiker ihn als „ZK“ (Zentralkomitee) apostrophieren, ist das nicht unbedingt falsch. 

Petersplatz in Rom

Der Petersplatz
Foto: © Gina Sanders - Fotolia.com


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Wir bewegen uns von nun an innerhalb der 3.420 m langen Leoninischen Mauer aus dem 9. Jahrhundert, die die Vatikanstadt fast vollständig umschließt – der Welt kleinstes Staatsgebilde, „nicht gewaltiger als ein mittlerer Bauernhof“, „nicht ganz doppelt so groß wie Hamburgs Tierpark“, von den Ausmaßen „einer Handvoll Fußballfelder“, wie einige kesse Vergleiche lauten. Millionen Pilger und Touristen strömen alljährlich auf diesem winzigen Flecken am westlichen Rande der römischen Altstadt zusammen. Für viele ist es die heiß ersehnte Endstation ihrer Pilgerreise in das Zentrum der katholischen Christenheit, andere folgen hier den Spuren von Maderno, della Porta, Bernini und ihresgleichen, Schöpfer der prachtvollen Architektur des vatikanischen Gebäudeensembles. Noch größer ist der Andrang in den  vatikanischen Kunstsammlungen, die zu den bedeutendsten der Welt zählen. Den Apoll von Belvedere, die Aphrodite von Knidos und die Laokoon-Gruppe stellt man hier zur Schau und erlaubt einen Blick auf die unsterblichen Werke Michelangelos und Raffaels, Tizians und Caravaggios. Auch für Bücherfreunde ist die Vatikanstadt mit der Biblioteca Apostolica Vaticana eine erste Adresse, die reichste Bibliothek der Welt gemessen an der Kostbarkeit der hier deponierten alten Werke.
Die meisten Besucher überqueren auf dem Ponte Sant`Angelo, den Berninis spektakulär inszenierte Engelsstatuen schmücken, den Tiber, oder sie nehmen die nächste Brücke stromabwärts, den Ponte Vittorio Emanuele II., und treiben dann im dichten Strom der Pilgergruppen und Touristenschwärme auf der Prachtstraße Via della Conciliazione auf den Petersplatz zu.

Petersplatz in Rom

Petersplatz

Gilt die Peterskirche gemeinhin als größtes und berühmtestes Gotteshaus der Christenheit, so gebührt dem vorgelagerten Petersplatz eine nicht minder überschwängliche Würdigung. Er ist das Meisterwerk des viel beschäftigten Gian Lorenzo Bernini, eine grandiose Freiluftarena für die Zusammenkunft der Gläubigen aus aller Welt. Berninis in den Jahren 1656–1667 geschaffene Piazza San Pietro besteht streng genommen aus zwei Plätzen, der ellipsenförmigen Piazza obliqua mit den gewaltigen Ausmaßen 196 m X 142 m, dem altägyptischen Obelisken in seiner Mitte und den beiden Brunnen, und der zum Dom sich öffnenden trapezförmigen Piazza retta mit den beiden Apostelfiguren des Petrus und des Paulus. Die Ellipse der Piazza obliqua rahmte Bernini mit halbkreisförmigen Kolonnaden aus je vier Reihen 15 m hoher dorischer Pfeiler (88) und Säulen (284) aus Travertin mit einem ionischen Gebälk darüber, bekrönt mit 96 Heiligenstatuen. Die Kolonnaden setzten sich seitlich der Piazza retta als Korridorbauten fort, auch die Reihen der darauf  postierten Heiligenfiguren – 44 an der Zahl. Der trapezförmige Grundriss der Piazza retta und die ebenfalls trapezförmige Freitreppe, die zur Kirchenfassade aufsteigt, sollten die breit gelagerte, von Carlo Maderno 1614 ins Werk gesetzte Fassade schmaler und optisch leichter erscheinen lassen.

Mit einem weiteren architektonischen Kunstgriff – die Ellipse weist in sich einen Höhenunterschied von 2,46 m auf – erreichte Bernini bessere Sichtverhältnisse für die versammelte Menge. Man dachte bei der Anlage des Petersplatzes nicht nur an eine gefälligere Präsentation der Kirchenfassade, auch die von Michelangelo entworfene Kuppel sollte besser zur Geltung gebracht werden, was sich aber nicht mehr in die Tat  umsetzen ließ. Erst aus einiger Entfernung, etwa vom Anfang der Via della Conciliazione oder aus den Vatikanischen Gärten (Zutritt nur mit Sondergenehmigung) zeigt sich die Kuppel in ihrer ganzen Schönheit.

Es geschah im Jahr 1586 – die Kolonnaden waren noch gar nicht begonnen worden – als der damalige Papst Sixtus V. die Order ausgab, den 37 n. Chr. von Kaiser Caligula aus dem unterägyptischen Heliopolis entführten Obelisken in der Mitte der Piazza obliqua aufzustellen und dabei keinen technischen Aufwand zu scheuen. Für den Transport des Steins (er wiegt 322 t) vom ehemaligen Circus des Nero und die Aufrichtung an seinem neuen Standort benötigte man vier Monate. 44 Winden wurden eingesetzt, 900 Arbeiter und 140 Pferde.    
Auf dem weiten Platz rund um den Obelisken und die beiden Brunnen mit großen Monolithbecken aus orientalischem Granit versammeln sich an hohen Festtagen oft mehr als 100.000 Teilnehmer zum Gottesdienst oder zu den Generalaudienzen während der Hauptreisezeiten. Der Papst spricht zu ihnen vom mittleren Balkon in der Kirchenfassade, der sog. Benediktionsloggia, oder von einem Fenster (zweites von rechts im obersten Geschoss) der Gemächer im päpstlichen Palast.

Schweizer Garde im Vatikan

Schweizer Garde

Peterskirche

120 Jahre wurde an der Hauptkirche der katholischen Christenheit gebaut. Alles, was Rang und Namen hatte auf dem Gebiet der Sakralarchitektur im Rom der Renaissance und des Barock war in das Projekt eingebunden. Donato Bramante zählte ebenso dazu wie Raffael und da Sangallo, Baldassare Peruzzi, Michelangelo und della Porta, Maderno, Vignola, Bernini und andere. So kursierten zahllose konkurrierende Entwürfe, Änderungen waren an der Tagesordnung, es wurde verworfen, verzögert, verhöhnt und die päpstlichen Auftraggeber waren untereinander nicht weniger zerstritten. Immerhin waren es an die zwanzig Päpste, von Julius II. (1503-13) bis Urban VIII. (1623-44), die sich, oft genug schwankend zwischen Größenwahn und Verzagtheit, dem größten Kirchenbau auf Erden verschrieben hatten. Sie sahen sich in der Nachfolge des großen Konstantin, der im 4. Jahrhundert über dem (vermuteten) Grab des Apostels Petrus den Alt-Sankt Peter in Gestalt einer fünfschiffigen Basilika erbauen ließ.

1626 wurde auf den Fundamenten des unterdessen abgerissenen Alt-Sankt Peter die neue Sankt Peter Basilika geweiht. Nach langem Hin und Her hatte man sich auf eine Kombination geeinigt, die Michelangelos Zentralbau in Form eines griechischen Kreuzes mit gleich langen Hauptachsen und die Vorschläge Carlo Madernos für ein Langhaus in Form eines  gestreckten lateinischen Kreuzes unter einen Hut brachte. Es war ein mühsamer Kompromiss, der bis heute kritische Stimmen auf den Plan ruft. Hauptvorwurf: Die Krönung des Bauwerks, Michelangelos atemberaubende Kuppel, wird durch Madernos  Verlängerung des Kirchenschiffs so weit nach hinten versetzt, dass sie nur aus einiger Entfernung, aber nicht unmittelbar von vorne zu sehen ist. Schließlich Madernos übermäßig breit geratene Fassade, hier fängt Bernini mit seiner Gestaltung des Petersplatzes die Breitenwirkung ein wenig auf.
Auch nach der Weihe gingen die Arbeiten an der neuen Kirche weiter. Altäre, Mosaiken, Grabdenkmäler und ein aufwändiges Statuenprogramm beschäftigten Architekten und Handwerker bis ins 19. Jahrhundert.

Die Basilica di San Pietro bedeckt eine Fläche von mehr als 15.000 m². Ihre Länge wird mit 211,50 m angegeben, im Innenraum sind es 186 m. Das Querhaus weist mit 137,50 m die größte Breite auf. Mit einem Durchmesser von 42 m erreicht die Kuppel fast die Dimensionen der Pantheon-Kuppel. Vom Fußboden des Mittelschiffs bis zur Oberkante der Laterne auf dem Scheitelpunkt der Kuppel werden 137,50 m gemessen. Bis zu 42.000 Menschen finden Platz in der Basilika.
Der Preis für die Großartigkeit der neuen Kirche war die Zerstörung zahlloser römisch-antiker Bauten im Umfeld. Dabei ging es weniger um den Baugrund, gefragt waren hochwertige Baumaterialien und hier besonders Marmor in jeder nur denkbaren Qualität und Farbe. Manchmal sollen Bauwerke nur wegen zwei, drei besonders dekorativen Steinen dem Erdboden gleichgemacht worden sein.

Man betritt zunächst die Porticus, die von Säulen getragene Vorhalle, von der aus fünf bronzene Portale, darunter die phantastisch figurierte Tür des Florentiners Filarete, in das Kircheninnere führen. An den Schmalseiten der Vorhalle stehen Reiterstandbilder Konstantins d. Gr., von Bernini geschaffen, bzw. Karls d. Gr., der im Jahre 800 im alten St. Peter von Papst Leo III. zum ersten abendländischen Kaiser gekrönt wurde. Sein Abbild stammt von Agostino Cornacchini.

Es ist ein überwältigender Eindruck, wenn man an einem frühen Morgen in die noch kaum bevölkerte dreischiffige Basilika eintritt. Die ungeheure Weite des Raums teilt sich dem Besucher nur langsam mit, da die Proportionen der einzelnen Bauglieder gewahrt sind. Es ist unerwartet hell im Innenraum, der reich mit vergoldeten Stuckverzierungen und Mosaiken, farbenfrohen Säulen und Ornamenten, eindrucksvollen Statuen und allein 23 prachtvollen Papstgrabmälern ausgeschmückt ist. Die meisten Päpste der Neuzeit sind hier mehr oder weniger schlicht beigesetzt, 160 sollen es sein. Gleich rechts in der ersten Seitenkapelle steht die berühmte Pietà, die Michelangelo 1499 im Alter von 24 Jahren schuf. Das 27,50 m breite Hauptschiff wird von einem Tonnengewölbe überdeckt und von Kapellen gesäumt, die von mächtigen Pfeilern getrennt werden. Fünfeckige, noch gewaltigere Pfeiler von sage und schreibe 24 m Durchmesser und 71 m Umfang tragen die Kuppel Michelangelos, die aus einer äußeren und einer inneren Schale besteht und sich auf einem von Doppelsäulen strukturierten zylindrischen Baukörper, dem sog. Tambour, erhebt. Am Ansatz des Tambours liest man auf einem Schriftband: TV ES PETRVS ...Du bist Petrus und auf diesen Stein werde ich meine Kirche erbauen und Dir werde ich die Schlüssel zum Himmelreich geben. Tambour und Kuppel sind durchfenstert, Licht flutet herab auf den zentralen Punkt der Kirche, den Hochaltar über dem Petrusgrab mit dem berühmten Thronhimmel, dem Baldachin von Bernini und seinem ewigen Rivalen Borromini, der ihm hier als Assistent zur Hand ging. Vier gewundene Bronzesäulen nach Vorbildern aus der alten Peterskirche stützen den Baldachin. Wer die Kuppel besteigen will, kann bis in Dachhöhe den Fahrstuhl nutzen, dann geht es auf engen, einbahnigen Treppen 330 Stufen hinauf bis in Höhe der Laterne, von der sich ein großartiger Ausblick auf die Basilika und die Vatikanstadt, ganz Rom und die Berge Latiums bietet. 

Im gewaltigen rechten, vorderen Stützpfeiler der Kuppel, in dessen Nische die Kolossalstatue des Longinus mit der Lanze aufgestellt ist, führt eine Treppe zu den Vatikanischen Grotten herab. Sie entstanden, als vor Mitte des 16. Jahrhunderts der Fußboden der Basilika um 3,20 m angehoben wurde, um die Kirche vor Feuchtigkeit zu schützen. Die sterblichen Überreste der Päpste aus der alten Peterskirche, aber auch Mosaiken und Bruchstücke von Fresken wurden hierher überführt und an diesem Ort ist auch die Ruhestätte der letzten fünf Päpste: Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II.

Für eine Besichtigung der archäologischen Ausgrabungen (scavi) unter der Peterskirche, wo die alte Nekropole mit heidnischen und christlichen Gräbern freigelegt wurde, ist eine Sondererlaubnis notwendig.

Campo Santo Teutonico im VatikanOhne Sondererlaubnis, aber unter den prüfenden Blicken der Schweizer Gardisten, die sich manchmal den Personalausweis zeigen lassen, erreicht man vom linken Halbrund der Kolonnaden über die Piazza del Santo Uffizio den winzigen, vollständig von hohen Mauern umgebenen Campo Santo Teutonico (s. Foto rechts). Er ist eine Oase der Stille. Die meisten Vatikanbesucher nehmen ihn gar nicht zur Kenntnis. Der „Friedhof der Deutschen“, wie er vereinfachend genannt wird, trägt die offizielle Bezeichnung „Campo Santo d e i Teutonici e d e i Fiamminghi“, Friedhof der Deutschen und Flamen. Seine Anfänge gehen auf die Zeit Karls d. Gr. im letzten Viertel des 8. Jahrhunderts zurück. Später nahm die Erzbruderschaft der Deutschen und Flamen den Friedhof und die dazugehörige Kirche der Schmerzhaften Muttergottes (Santa Maria della Pietà) in ihre Obhut. Mitglieder der Bruderschaft können nur in Rom oder Umgebung lebende Katholiken werden, die aus dem historischen deutschen Kulturraum stammen, aus Luxemburg, den deutsch besiedelten Provinzen Ostbelgiens, aus den Niederlanden und dem flämischsprachigen Flandern in Nordbelgien, Österreich, der deutschsprachigen Schweiz, Südtirol, Liechtenstein. Sie alle und die Mitglieder einiger religiöser Institutionen deutschen Ursprungs besitzen hier das Begräbnisrecht. Mehr als 1.400 Namensnennungen sind seit dem 15. Jahrhundert auf dem Friedhof erhalten, darunter der österreichische Maler Joseph Anton Koch (gest. 1839), der deutsch-böhmische Schriftsteller und Kulturhistoriker Johannes Urzidil (1970), die prominenten Deutschrömer Ludwig Curtius (Archäologe, 1954) und der pazifistische Schriftsteller und Autor von „Wir sind Utopia“ und „El Greco malt den Großinquisitor“, Stefan Andres (1970). Die Kirchenhistorikerin Eva-Maria Jung-Inglessis wurde 2007 beigesetzt, die Lebensgefährtin von Franz Liszt, Prinzessin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, im Jahre 1887 und 1952 der Theologe und ehemalige Vorsitzende der katholischen Zentrumspartei Ludwig Kaas, ein Vertrauter von Papst Pius XII. 

Die Vatikanischen Museen

Die Geburtsstunde der Museen schlug unter dem Renaissancepapst Julius II., der als großzügiger Mäzen energisch seinen Nachruhm beförderte. Er war Amtsinhaber von 1503 bis 1513. Seine Sammlung großartiger Skulpturen bildet den Kern der vatikanischen Kunstsammlung, der wohl bedeutendsten der Welt. Viele seiner Nachfolger ließen sich von seiner Sammelleidenschaft anstecken und ergänzten bestehende Sammlungen oder sorgten für neue Ausstellungsflächen und überführten über die Stadt verstreute Kunstwerke in den vatikanischen Museumskomplex. Zu den eigentlichen Sammlungen, die sich aus Fundstücken, Geschenken oder ausgegrabenen Objekten speisten, kamen noch unzählige hochkarätige Kunstwerke hinzu, die auf Verlangen der Päpste von der italienischen Künstlerelite geschaffen wurden wie etwa Michelangelos Ausmalung der Sixtinischen Kapelle oder Raffaels Stanzen.

Der Eingang zu den gut zwei Dutzend Museen liegt im Norden der Vatikanstadt am Viale Vaticano. Ihn zu erreichen, folgt man vom rechten Halbrund der Kolonnaden der Via di Porta Angelica entlang der Leoninischen Mauer, hinter der sich die labyrinthische Häuserflucht der Vatikanstadt zusammendrängt – der päpstliche Palast mit seinen diversen Nebengebäuden und all die profanen Einrichtungen, die dieser ungewöhnliche Miniaturstaat auch braucht: Garagen und Büros, Postamt und Druckerei, Apotheke und Supermarkt, Werkstätten, Heizzentrale und die Kaserne der Schweizer Garde. Die Piazza del Risorgimento lassen wir rechts liegen, biegen in die Via Leone IV. ein und dann in den Viale Vaticano. Bis hierher sind es von den Kolonnaden etwa 800 m. 

Bevor man in den Sog der Besuchermassen gerät, sollte längst entschieden sein, welche Route man einzuschlagen gedenkt. Bei Hunderten von Räumen und schätzungsweise 50.000 Exponaten und einer Strecke von sieben bis acht Kilometern, die zu absolvieren wären, wollte man alle Säle durchwandern, erscheint eine Vorauswahl dringend geboten. Man sollte auch nicht den Fehler machen, den Museumsbesuch mit einer Besichtigung von Petersplatz und Peterskirche verbinden zu wollen.
Ein Faltplan mit einer übersichtlichen Darstellung der Raumfolge leistet gute Dienste. Man erhält ihn am Eingang.

In seiner Reichweite liegen die Säle des Museo Pio-Clementino mit einer umfangreichen Skulpturensammlung. Zu besichtigen sind Kolossalstatuen und Porträtköpfe von Göttern, Kaisern und Heroen. Der Belvedere-Torso, den Michelangelo wegen seiner anatomischen Genauigkeit bewunderte, ist hier ausgestellt, auch die entkleidete Venus von Knidos, der Apoll von Belvedere in jugendlicher Schönheit und die berühmte Laokoon-Gruppe. Das angrenzende Ägyptische Museum (Museo Gregoriano Egizio) zeigt seltene Kunstwerke und Fragmente aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. bis in die hellenistische Epoche Ägyptens im 3. Jahrhundert n. Chr. Bevor wir in die Pinakothek hinüberwechseln, werfen wir noch einen kurzen Blick in die benachbarten, weniger bedeutenden Sammlungen. Da ist das Museo Missionario Etnologico, in dem Kunstwerke und geschichtliche Zeugnisse aus allen päpstlichen Missionsgebieten der Erde zusammengetragen wurden, daneben zeigt 
das Museo Pio Cristiano frühchristliche Altertümer, vor allem Sarkophage und Grabinschriften, schließlich das Museo Gregoriano Profano mit griechischen und römischen Skulpturen sowie römischen Kopien von griechischen Werken.   

Der Eingang zur Pinacoteca ist rechts vom Restaurant. Die faszinierende Sammlung ist eine Zusammenschau der italienischen Malerei vom Mittelalter über die Renaissance bis zum Barock. Werke von Giotto und Fra Angelico sind zu bewundern, von Raffaels Lehrer Perugino und natürlich von Raffael selbst, von Leonardo da Vinci das unvollendete Opus des hl. Hieronymus (1482), Gemälde von Bellini, Tizian, Veronese und Caravaggios „Kreuzabnahme“, eine Kopie des originalen Holzmodells der Peterskirche von Michelangelo im Saal XIII. Auch nichtitalienische Künstler sind vertreten wie Lucas Cranach d. Ä. mit einer Pietà in Saal V sowie Murillo, Courtois, Thomas Lawrence, Rubens, van Dyck, Nicolas Poussin.

Einer der angrenzenden großen Innenhöfe, Cortile della Pigna, wird von einem antiken riesigen Bronze-Pinienzapfen beherrscht. Er steht in einer Nische auf einem antiken Kapitell und wird von zwei bronzenen Pfauen flankiert. Vom Hof gelangt man zur großen Skulpturensammlung im Museo Chiaramonti. Es sind hier wohl Tausend und mehr Kaiser und Götter darstellende antike Statuen in einer langen Galerie aufgereiht, von welcher der „Neue Arm“ (Braccio Nuovo) abzweigt. Herausragende Werke unter den hier ausgestellten römischen Statuen und Kopien griechischer Originale sind die beste erhalten gebliebene Darstellung des ersten römischen Kaisers, Augustus, in der Pose des Weltenherrschers, dann eine Kopie des berühmten „Doryphoros“ (Speerträger) nach dem Bronzeoriginal von Polyklet, Schöpfer dieses „Inbegriffs der griechischen Statue“ und in einer großen runden Nische beeindruckt die riesige Skulptur des personifizierten Flussgottes Nil. Der „Neue Arm“ endet an der Biblioteca Apostolica Vaticana, die im 15. Jahrhundert von den Päpsten Nikolaus V. und Sixtus IV. gegründet und von ihren Nachfolgern kontinuierlich erweitert wurde. Sie beherbergt 1.6 Mio. gedruckte Werke zu allen Wissensgebieten und  bezieht mehr als 2.000 Zeitschriften, was ihren Charakter als Forschungsbibliothek unterstreicht. In ihren Vitrinen und Schaukästen verwahrt sie Kostbarkeiten wie Papyri, uralte Schriftrollen, frühmittelalterliche illustrierte Evangeliare. Dazu kommen 8.400 Inkunabeln, das sind Wiegendrucke aus den Anfängen der Buchdruckerkunst bis etwa 1500, 80.000 Handschriften auf Pergament oder Papier, 300.000 Münzen und Medaillen, 150.000 Drucke und Zeichnungen und 150.000 Fotografien. Noch ein kurzer Blick in das Appartamento Borgia, ursprünglich die Privatwohnung von Alexander VI. (Amtszeit 1492-1503) aus der berüchtigten spanisch-italienischen Familiendynastie Borgia. Er ließ die Wände und Decken von dem Maler der Frührenaissance, Pinturricchio, phantasiereich zum Ruhm des Auftraggebers und zur Verherrlichung des christlichen Glaubens ausmalen. Von Pinturicchio stammt auch ein Gemälde, das die Tochter des Papstes, Lucrezia Borgia, als hl. Katharina darstellt. Das benachbarte Museo Sacro zeigt Funde religiöser Bestimmung aus Katakomben und frühchristlichen Kirchen Roms und der Umgebung. 
 
Überwältigend der Eintritt in die Sixtinische Kapelle, der Hauptattraktion unter den vielen vatikanischen Museen! Papst Sixtus IV. ließ sie im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts erbauen. Sie dient heute als päpstliche Hauskapelle und als Ort des Konklaves, der Zusammenkunft der wahlberechtigten Kardinäle zur Wahl des neuen Papstes. Großformatige Fresken prominenter Maler der florentinischen Schule und aus Umbrien (Botticelli, Perugino, Rosselli, Pinturicchio, Signorelli, Ghirlandaio) schmücken die Seitenwände. Sie zeigen biblische Szenen auf dem Hintergrund der Landschaften Umbriens und der Toskana. Ein „schrecklich-schönes Farbgewitter“ geht von der Gewölbedecke auf die Betrachter nieder: Michelangelos 1508-1510 entstandene Fresken illustrieren die Schöpfungsgeschichte der Menschen, so wie sie in der Bibel berichtet wird. 22 Jahre später zog es das Genie nochmal zu einem Mammutwerk an diesen Ort, um der Geschichte der Erschaffung der Welt mit dem „Jüngsten Gericht“ ein Ende entgegenzusetzen, hinreißende Fresken, auf denen Jesus Christus als Weltenrichter seines Amtes waltet. 

Im Obergeschoss des langgestreckten Museumstrakts hat das Museo Gregoriano Etrusco seinen Platz gefunden. Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände, Grabstelen und Sarkophage gewähren Einblicke in die hoch entwickelte Kultur der Etrusker. In der Galleria delle Carte Geografiche schmücken 40 Fresken von Landkarten Italiens und seiner Provinzen sowie einige Städteansichten die Wände. Gemalt  hat sie Antonio Danti nach Anweisungen seines Bruders, des Kosmographen Ignazio Danti in den Jahren 1580/83. Damals kamen Landkarten als Palastdekoration in Mode.
Zum Schluss der langen Auflistung noch ein letzter Glanzpunkt in der vatikanischen Museumslandschaft. Es sind die Stanze di Raffaelo, die von Raffael ausgemalten Gemächer des Papstes Julius II. Raffael hatte bei der Ausführung seiner Fresken freie Hand. So absolvierte der Meister der Hochrenaissancemalerei in den Jahren 1508 bis 1524 (in den letzten vier Jahren von seinen Schülern vollendet) ein thematisch vielseitiges Malprogramm, von der Krönung Karls d. Gr. und dem theologischen Disput über das Altarsakrament bis zur berühmten „Scuola d`Atene“ (Schule von Athen), wo er die führenden Köpfe der Wissenschaft im Bild vereint und dem „Parnass“ betitelten Fresko, das Dichter und Musiker mit ihren Musen zeigt. 

Gärten im Vatikan

Blick auf die Gärten des Vatikan
Foto: © mangomaxx - Fotolia.com

Gärten im Vatikan

Ein großer Teil der Vatikanstadt präsentiert sich als herrlicher Park, der zum Leidwesen erschöpfter Vatikanbesucher nicht als Ruheplatz genutzt werden kann. Er ist nicht öffentlich zugänglich, wohl aber werden Führungen durch die Gärten angeboten (eine rechtzeitige Anmeldung ist notwendig, Näheres dazu unter „Adressen und Links“). Zum hohen Preis von 31 Euro sorgt ein autorisierter Führer für Erläuterungen. Dezent behält er die Besuchergruppe im Auge und wacht darüber, dass auch alle das Gelände wieder verlassen. Wer will, kann im Anschluss an die Führung die Museen besichtigen. Der Eintritt dort, allerdings dann ohne Führung, ist in den 31 Euro enthalten.

Die eigentliche Besichtigung der Gärten beginnt an der Piazza Santa Marta in Höhe der südlichen Apsis der Peterskirche. Zuvor waren die Schweizer Gardisten am Arco delle Campane zu passieren. Die Route führt weiter am Campo Santo Teutonico und an der Sakristei von St. Peter vorbei. Gegenüber liegt nun der von Schirmpinien umgebene Bahnhof des Vatikans, dessen Fassade das Wappen von Pius XI. trägt. Die päpstliche Haltestelle wurde 1932 in neoklassizistischem Stil aus hellem Travertin errichtet. Der noble Bau ist heute ein kleines, aber feines Kaufhaus, das den vatikanischen Bürgern (und nur diesen!) erlesene Textilien, Uhren etc. zollfrei anbietet. Nur der Sonderzug des Papstes darf auf den Gleisen der Vatikan-Eisenbahn verkehren. Zum vorerst letzten Mal geschah das 2002, als Johannes Paul II. nach Assisi reiste. Häufiger frequentiert wird indes der Heliport auf der westlichen Bastion. Rechts vom Bahnhof erstreckt sich ein ockerfarbener Palazzo, der „Governatorato“ genannte Sitz der Verwaltung der Vatikanstadt.

Der Viale dell`Osservatorio führt in einem großen Bogen hügelan vorbei am Gärtnerhaus mit dem mittelalterlichen Türmchen, von dem aus die 30-köpfige Gärtnerbrigade befehligt wird. Am höchsten Punkt der Vatikanischen Gärten entstand 1902 eine „Lourdes-Grotte“ in enger Anlehnung an die Altargrotte des französischen Wallfahrtsorts. Über die ornamental gestalteten Gärten hinweg hat man von hier einen unverstellten Blick auf Peterskirche und -kuppel. Ganz in der Nähe ragen die Sendemasten von Radio Vatikan in den Himmel. Wenige Schritte westlich umgeben Pinien, Zypressen, Steineichen und ein kleiner Palmenhain den aus Backsteinen erbauten Johannesturm. Papst Johannes XXIII. ließ den ramponierten Bau renovieren und nutzte ihn als intimen Rückzugsort. Gelegentlich werden hier prominente Gäste des Papstes untergebracht. Benedikt XVI. empfing im Turm mit George W. Bush einen sperrigen Gesprächspartner. Auf der Rückseite des Hügels betritt man den Englischen Garten, der in den „bosco“ übergeht, das weitgehend naturbelassene winzige Wäldchen, wo man auf Zypressen und Pinien stößt und an seinem Rand zwischen Hecken und Büschen auf Statuen und Büsten. Auf seiner Ostseite bilden imposante Libanon- und Himalaja-Zedern und viele Palmen den Rahmen für die wunderschöne Casina di Pio, 1553 von Pius IV. als Sommersitz in Auftrag gegeben, heute tagen hier die Mitglieder der Päpstlichen Akademien der Naturwissenschaften und der Sozialwissenschaften. Ganz in der Nähe liegt ein 300 m² großer Hain von etwa 4.500 bis zu 7 m hohen Bambusrohren, man sieht eine Gruppe immergrüner Sequoien aus Kalifornien und echte Dattelpalmen, ein Geschenk aus Spanien.

Ein dichtes Netz von gepflegten Wegen und heckengesäumte Treppen berühren den Italienischen Garten mit seinen gestutzten Buchsbaumornamenten und den Französischen Garten voller rot blühender Azaleen in Terrakottagefäßen. Es gibt ausgedehnte Rasenflächen z. B. im Quadratischen Garten und einen Felsengarten mit vielen Kakteen und sogar, versteckt hinter einer Lorbeerhecke, einen Nutzgarten, in dem Kohl, Salat, Tomaten, Zitronen- und Orangenbäume gedeihen. Er gehört zum Kloster Mater Ecclesiae und wird von einer Gemeinschaft der Klausurbenediktinerinnen in, wie es heißt, „arbeitsamer Stille“ gepflegt.

Eckart Fiene

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