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Reiseführer Rom


Martin Luther in Rom

War es für den damals 28jährigen Erfurter Augustinermönch eine Reise in die „Höhle des Löwen“? Mitnichten! Er reiste nicht an den Tiber, um den Papst herauszufordern. Seine römischen Erfahrungen sollten sich erst ein gutes halbes Jahrzehnt später auswirken. Als gehorsamer Mönch und im Einklang mit seiner Kirche hatte er sich mit seinem Begleiter auf den Weg gemacht, erfüllt von dem Wunsch, in Rom eine Generalbeichte abzulegen. Eine Bußwallfahrt in die heilige Stadt bot unzählige Gelegenheiten, Sündenvergebung zu erlangen und selbst verstorbene Familienangehörige aus dem Fegefeuer zu befreien. Aber die Stadt enttäuschte ihn. Er hatte sie sich anders vorgestellt. Noch mehr irritierten ihn die kirchlichen Verhältnisse, die zwar heftigen Widerspruch und Abscheu in ihm auslösten, aber seine Treue zur Römischen Kirche nicht ins Wanken brachten.

Luther

Martin Luther als Augustinermönch mit Tonsur
Kupferstich von Lucas Cranach d. Älteren (1472-1553) im Kupferstichkabinett Berlin

Martin Luther kam in eine Stadt, die im Begriff war, das Unterste nach oben zu kehren und die engen mittelalterlichen Viertel abzuräumen, um an ihrer Stelle schnurgerade Straßen und Palastbauten entstehen zu lassen: Die Renaissance hielt ihren Einzug, inspiriert von den Planungen der großen Architekten des „Bauherrenpapstes“ Julius II.
Was Martin Luther in Rom genau gesehen hat und welchen Persönlichkeiten er begegnet sein könnte, war auch anlässlich einer über Luthers Rom-Aufenthalt debattierenden  Runde im Deutschen Historischen Institut Rom im Februar 2011 nicht zweifelsfrei zu ermitteln. Auch war nicht zu klären, in welchem Augustinerkonvent er gewohnt hat, ob im Santa Maria del Popolo oder im Sant`Agostino und selbst die Datierung der Reise wurde kontrovers diskutiert. Datierte man bislang seinen Aufenthalt auf vier Wochen im Dezember 1510/Januar 1511, so wollen aktuelle Forschungen (die bereits in der neueren Literatur ihren Niederschlag finden) herausgefunden haben, dass Luther erst ein Jahr später in Rom war.
Viele offene Fragen also und wenig Gesichertes zu seiner Reise.
Die zweifelhafte Quellenlage ist der Ursprung dieser Ungereimtheiten, der vielen Spekulationen und Lügenmärchen, die im Zusammenhang mit der Romreise festzustellen sind. 

Wenn Luther nach seiner Zeit in Rom befragt wird, kommen die „Tischreden“ zum Zuge, die 1566 in Eisleben erstmals herausgebrachten Colloquia oder Tischreden Doctor Martini Lutheri. Es handelt sich dabei um Niederschriften von Gesprächen, die Angehörige oder Mitarbeiter des Reformators in den Jahren 1531 – 1546 festgehalten haben, einige davon während der Abendmahlzeiten im Konvent des Klosters (daher „Tischreden“), weitere an anderen Orten und zu den unterschiedlichsten Anlässen. Die Aufzeichnungen setzten erst zwanzig Jahre nach seiner Romfahrt ein und als sie abgeschlossen wurden, lag das Rom-Erlebnis bereits fünfunddreißig Jahre zurück.
Dass die Notizen kein „besonders realitätsnahes“ Bild vom Verlauf der Reise wiedergeben und auch keine Anhaltspunkte für Luthers spätere Abkehr von der Römischen Kirche erkennen lassen, wurde auf der oben erwähnten Tagung mit dem schönen Wort vom „Schleier der Erinnerung“ umschrieben, der sich über das damalige Geschehen gelegt habe. Und auf römisch-katholischer Seite war von oben herab aus dem Munde des früheren „Chefhistorikers der Kurie“, Walter Kardinal Brandmüller, zu vernehmen, Luthers „zwischen Suppe und Braten erinnerte“ Aussagen über die Zeit in Rom, seien nun „gewiss keine authentischen Auskünfte“.

Luther soll sich noch einige Zeit nach seiner Reise recht positiv über Rom geäußert haben. Erst Jahre später machte sich ein Deutungswandel bemerkbar und gut vorstellbar ist auch, dass seine dann zunehmend negative Rom-Wahrnehmung durch die anhaltende, heftige Auseinandersetzung mit der Kirche zusätzlichen Ansporn erhielt. Welche Rolle seine römischen Erlebnisse auch gespielt haben mögen, Auslöser der von ihm initiierten Reformation waren sie nicht.

Als die „Tischreden“ mit den verstreuten Zeugnissen seiner Romreise zu Papier gebracht wurden, war sein Angebot an die Kirche zu einer Disputation seiner 95 Thesen (1517) schon Geschichte, ebenso die Debatten mit Kardinal Thomas Cajetan (1518) und dem Theologen Johannes Eck (1519), die von ihm Widerruf und Unterwerfung verlangt hatten. Schließlich 1520 sein Verdacht, in Rom herrsche der „Antichrist“, im gleichen Jahr noch Veröffentlichung der entscheidenden Reformationsschriften „An den christlichen Adel deutscher Nation“, „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ und „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Papst Leo X. bannt 1521 den Reformator, der sich auf dem Reichstag zu Worms verteidigt und Schutz auf der Wartburg findet. Luther übersetzt, diskutiert, veröffentlicht, widmet sich neben theologischen Fragen immer häufiger auch Themen aus der Wirtschaft, Bildung und Politik. Die Reformation erfasste die Gesellschaft.

Man weiß nicht, ob Luther seine Anmerkungen zu Rom mit Schilderungen angereichert hat, die er den zahlreichen Pilgerbüchern entnehmen konnte. Wie dem auch sei, derb formuliert sind sie auf jeden Fall. So ließ er notieren, dass die Stadt schon geradezu ein Kadaver ihrer früheren Denkmäler sei, dass die jetzigen Häuser da stehen, wo vorher die Dächer gewesen sind, so tief liegt der Schutt, dass leicht zum Tiber und zur Engelsbrücke hin sichtbar wird, dass zwei Landsknechtspieße hoch der Schutt liegt. Und an anderer Stelle heißt es: Rom ist ein Rattennest und nicht wert, dass man`s eine Stadt nennen soll. Zwei Mann tief unter der Erden liegt das alte Rom.Über das antike Pantheon, das zu einer Kirche wurde, äußerte er sich so: Vor Christi Ankunft war die Welt so voll mancher Abgötterei, wie kein Hund voll Flöhe ist um Sanct Johannis Tag, dass es krimmelt und wimmelt voll Abgöttern allenthalben. Dennoch treibt da kein Teufel den andern aus, trat kein Abgott dem anderen auf den Kopf, biss auch keiner den anderen in die Fersen, konnten sich wohl nebeneinander leiden und vertragen (…) auf dass sie nur die ganze Welt betören und betrügen möchten. Aber da Jesus Christus kommt – den wollen sie nicht leiden. Dennoch hat er sie mit Ruten ausgetrieben (…) und hat sie alle über einen Haufen gestoßen. Die damals übliche Praxis, Geld für den Neubau der Peterskirche zu spenden und im Gegenzug einen Sündenerlass zu erhalten, kommentierte er so: Viel sicherer und besser täte der, welcher lauter um Gottes willen gäbe zu dem Sankt Petri, als dass er Ablass dafür nehme. Denn es ist gefährlich, dass er solche Gabe um des Ablasses willen und nicht um Gottes willen gibt. Mit gemischten Gefühlen betrachtete er seinen Zeitgenossen, Papst Julius II., den er als fleißigen, tatkräftigen und sehr klugen Mann beschrieb, der die Gassen so rein hielt, dass nicht viel Pestilenz aufkommen konnte, der sich aber unausgesetzt um weltliche Geschäfte und Kriege kümmerte, dieser gottlose Mensch, grausame Wüterich, leibhaftige Teufel, Blutsäufer.

Mächtig geärgert hat sich Luther über die Unkenntnis der römischen Priester und ihr mangelhaftes Latein, sie seien die „ungelehrtesten Menschen“, zur Seelsorge ungeeignet, und überdies ekelte mich sehr, wie sie so rips raps die Messe halten konnten, als trieben sie ein Gaukelspiel. An anderer Stelle klagte er, es sei ein solch Gewürm und Geschwärm in dem Rom, und alles sich päpstlich rühmt...es sind mehr denn 3.000 Papstschreiber allein...wer will die anderen Amtsleute zählen? Und: Wer nach Rom kam und brachte Geld, der kriegte Vergebung der Sünden. Ich, als ein Narr, trug auch Zwiebeln nach Rom und brachte Knoblauch wieder, womit er wohl andeuten wollte, dass er seine Romreise eigentlich als Fehlschlag einschätzte. Und auch hier blieb der Erfolg aus: im ehrwürdigen Lateran zur Sonnabendmesse, die er lesen wollte und die als besonders wirkungskräftig galt: So ging es mir in Rom, als ich auch so ein toller Heiliger war; da lief ich durch alle Kirchen und Katakomben und glaubte alles, was daselbst erstunken und erlogen ist (…) Ich hätte sie (seine Mutter und seinen Vater) gerne mit meinen Messen und anderen trefflichen Werken und Gebeten aus dem Fegefeuer erlöst (…) aber es war zu viel Andrang, und ich konnte nicht hineinkommen und aß einen rustigen Hering (Salzhering) dafür, eine Redensart, die Erfolglosigkeit umschreibt.

 

 


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