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Marcello Mastroianni

„Ich brauche ein sehr normales Gesicht, ein Gesicht ohne Persönlichkeit, ein ausdrucksloses, banales Gesicht – ein Gesicht, wie du es hast.“ Federico Fellinis an Marcello Mastroianni gerichtete Begrüßungsworte waren der Beginn einer lebenslangen freundschaftlichen Beziehung. Es ging damals um die Besetzung der Rolle des Klatschkolumnisten „Marcello Rubini“ in dem Film „La Dolce Vita“. Fellini weiter: „Ich zwang ihn, zehn Kilo abzunehmen und tat alles, um ihm ein etwas aufregenderes Aussehen zu verleihen: falsche Wimpern, einen gelblichen Teint, Augenringe, einen schwarzen Anzug, eine schwarze Krawatte, ein bisschen was Unheilvolles.“

„La Dolce Vita“ war Fellinis erfolgreichster Film und ein Skandal des Jahrzehnts. Für Mastroianni markierte er einen Wendepunkt in seiner Karriere. Er zählte jetzt zu den ganz Großen, zu den heftig Umworbenen der Branche. Seine ihn jahrelang begleitende Unschlüssigkeit fand ein Ende, im anspruchsvollen Charakterfach sah er seine Zukunft.

Fellinis wenig schmeichelhafte Bemerkungen hatten ihn nicht wirklich beleidigen können, „denn ich hatte mich noch nie weder als außergewöhnliches Gesicht noch als außergewöhnliche Persönlichkeit betrachtet“, wie er später behauptete. In seinen Erinnerungen geht er noch einen Schritt weiter und sieht sich als jemand, an dem das Leben vorbeizog: „Es ist, als ob ich immer ein Leben in Klammern geführt hätte, in der Erwartung, dass irgendwann, später, das richtige Leben beginnen würde; aber vielleicht (ohne Übertreibung) hat es nie eines gegeben.“


Das Leben auf der Bühne jedenfalls  begann für den 1924 Geborenen in den frühen 1940er Jahren. Die Schauspielerei war seine größte Leidenschaft, sein Repertoire gewaltig. Es reichte von Shakespeare über Victor Hugo bis Arthur Miller. Und immer wieder besorgte er sich in den Filmwerkstätten in Roms Cinecittà Komparsenrollen. Bis 1956 zählte Mastroianni zur Theatertruppe Luchino Viscontis, übernahm aber auch mehr und mehr Filmrollen, in denen er als sensibler Darsteller „kleiner“ Leute brillierte, besonders Komödien liebte und von Beginn an den Beau und Herzensbrecher überzeugend verkörperte, an seiner Seite die Schönen der Zeit wie Gina Lollobrigida und Silvana Pampanini, Marina Vlady und Rosanna Schiafino, Claudia Cardinale und immer wieder die überaus populäre Sophia Loren. Sie und Marcello waren Italiens Filmtraumpaar der fünfziger Jahre.


Er war unglaublich schaffensfreudig, dabei nicht wählerisch in seiner Stoffauswahl. Allein in den 50er Jahren drehte er 40 Filme, von denen nur wenige in Erinnerung blieben. Dann brach wie ein Orkan „Das süße Leben“ 1960 über die italienische Gesellschaft herein. Bestimmte Kreise der römischen Society, Parteien und Kirche spuckten Gift und Galle: „Skandalös, obszön, kommunistisch, müsste verboten werden...“ „Marcello“, der mit „Sylvia“ (Anita Ekberg) die berühmte Tanzszene im Trevi-Brunnen absolviert hatte, war jetzt international bekannt, drehte aber weiterhin in Italien, dabei die ihm scheinbar auf den Leib geschnittene Rolle des „latin lover“ und ewigen „womanizer“ immer häufiger gegen melancholische und tragische Helden eintauschend, wie in „Die Nacht“ (La notte/1961) von Michelangelo Antonioni: darin geht es um ein Ehepaar, das sich auseinander gelebt hat, dem die Liebe abhanden gekommen ist. In „Divorzio all`italiana“ (Scheidung auf italienisch/1962) spielt Mastroianni den italienischen Macho mit doppelbödiger Moral und 1963 folgte Fellinis „achteinhalb“ mit seiner ganz persönlichen Geschichte vom berühmten, tief verunsicherten Regisseur in einer Schaffenskrise und deren Überwindung. Weitere filmische Höhepunkte waren 1967 „Der Fremde“ (Lo straniero) unter Luchino Visconti mit Anna Karina, im Jahr darauf mit Faye Dunaway „Der Duft deiner Haut“, Regie: Vittorio de Sica und 1970 probte er mit Monica Vitti „Eifersucht auf italienisch“.
1971 begann für Marcello das „französische Abenteuer“. Er ging nach Paris, lernte dort Catherine Deneuve kennen und lieben. Mit ihr drehte er unter wechselnden Regisseuren vier nicht gerade erfolgreiche Filme. Zwischendurch lud er Michel Piccoli, Ugo Tognazzi und Philippe Noiret unter der Regie von Marco Ferreri zum „Großen Fressen“, einem bösen Film über Fresssucht und andere Perversionen der Gesellschaft.  
Am 28. Mai 1972 kam Chiara, die gemeinsame Tochter der Deneuve und Mastroiannis, auf die Welt.


Er verlangte jetzt entschiedener nach anspruchsvollen Charakterzeichnungen, wollte endgültig weg vom Publikumshelden, die vielen eher mittelmäßigen Filme der jüngsten Vergangenheit vergessen machen. Fellinis „Ginger & Fred“ (1985), in dem er „mit hinreißender Melancholie einen alternden Tänzer an der Seite Giulietta Masinas verkörperte“, kannals Beginn einer Ära gesehen werden, in der er introvertiert-selbstzweiflerische Männer darstellt, sich nachdenklichen, komplexen, bisweilen trostlosen Themen zuwendet. Dazu zählt „Splendor“ (1988) von Ettore Scola mit Marina Vlady, eine Liebeserklärung an das Kino, das seine große Zeit hinter sich hat und „Der Bienenzüchter“ von 1986 unter der Regie des Griechen Theo Angelopoulos. Sein Werk erzählt in melancholischen Bildern von einem alternden Lehrer, den die Todessehnsucht ergriffen hat. Mit Angelopoulos drehte er auch „Der schwebende Gang des Storches“ (1990), an seiner Seite Jeanne Moreau. Der Film spielt unter Emigranten und Flüchtlingen im Norden Griechenlands, unter denen ein verschwundener griechischer Politiker vermutet wird. Davor hatte Mastroianni unter der Regie des Giuseppe Tornatore mit Michèle Morgan die Tragikomödie „Allen geht`s gut“ gedreht. Darin macht er sich als alternder Witwer auf den Weg zu seinen Kindern, die er alle glücklich und gut versorgt wähnt, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Wieder zu Hause, versichert er am Grab seiner Frau: „Allen geht`s gut!“. 

In seiner eigentümlichen Mischung aus Resignation, heftig aufflammendem Trotz und hintergründiger Traurigkeit schuf er zum Ende seines Lebens noch zwei großartige Rollen. In der Politparabel „Erklärt Pereira“ (1995) von Roberto Faenza nach dem gleichnamigen Roman des italienischen Schriftstellers Antonio Tabucchi spielte Mastroianni einen einsamen alten Kulturredakteur, der das faschistische Portugal unter Salazar nicht wahrhaben will und sich lieber schöngeistigen Dingen hingibt, bis ihn ein junger Widerstandskämpfer aus seiner Lethargie reißt und ihn zwingt, Stellung zu beziehen. In seinem letzten Film, dem 171., „Reise an den Anfang der Welt“, in Szene gesetzt von dem großen alten Mann des portugiesischen Films, Manoel de Oliveira, verkörpert M. einen Kinopionier, der in seine portugiesische Heimat zurückkehrt auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit und Identität. Der Film wurde am 5. Mai 1997, einige Monate nach Mastroiannis Tod, in Portugal uraufgeführt und wenig später in Cannes ausgezeichnet.

Marcello Mastroianni ruht auf Roms Stadtfriedhof „Campo Verano“, vielleicht 200 m vom Tor entfernt, den Gang rechts hinunter, unter einem rot gemaserten, liegenden Stein mit der schlichten Aufschrift MASTROJANNI.  


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