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Reiseführer Rom

 

Tour 7 durch Rom

Der Mund der Wahrheit, eine Pyramide
und der Scherbenberg

Vom Circus Maximus über den Aventin ins Testaccio-Viertel und darüber hinaus

Santa Maria in Cosmedin

Santa Maria in Cosmedin

In der Senke zwischen Palatin und Aventin, keine 200 m von der am Ende der Tour 6 besichtigten Kirche San Gregorio Magno entfernt, liegt eine berühmte antike Vergnügungsstätte. Hierher strömten die Massen, wenn die Vierspänner über den Parcours jagten, es wurde gewettet, was das Zeug hielt und konsumiert, bis der Lederbeutel keinen Sesterz mehr hergab. Der Circus Maximus (1) mit seiner Rennbahn und den Kaschemmen, Imbissbuden und Amüsierlokalen zählte neben dem Kolosseum zu den Prunkstücken der römischen Vergnügungsszene. Zwischen Rennstrecke und Tiber, gegenüber dem Ponte Palatino, liegt die Piazza della Bocca della Verità (2). Die antike Maske eines Flussgottes in der Vorhalle der Kirche Santa Maria in Cosmedin gab dem Platz seinen ausgefallenen Namen („Mund der Wahrheit“). Von dem bärtigen, kreisrunden Gesicht aus Marmor (wahrscheinlich ein antiker Kanaldeckel der Cloaca Maxima!) sei schon im Mittelalter eine magische Kraft ausgegangen, erzählt die Überlieferung: Wer die Hand in ihren Mund legte und nicht die Wahrheit sprach, dessen Hand wurde auf ewig festgehalten . . . Die lange Reihe geduldig wartender Besucher belegt die Faszination des mittelalterlichen Lügendetektors auch noch im 21. Jahrhundert. In antiker Zeit lag dort, wo sich jetzt die Piazza und angrenzende Straßen hinziehen, der Viehmarkt der Stadt (Forum Boarium) und der Gemüsemarkt (Forum Holitorium) und gleich daneben der wichtige Tiberhafen. Zurück zur dreischiffigen Hallenkirche Santa Maria in Cosmedin. Sie ist alt und man sieht ihr das Alter auch an, nachdem vor rund einem Jahrhundert barocke Einbauten und die Rokokofassade entfernt wurden. Antike Architekturreste kamen wieder zum Vorschein, die man im 6. Jahrhundert beim Bau verwendet hatte. Man sieht die Kirche, einschließlich der Vorhalle mit „Lügendetektor“ und des prachtvollen siebenstöckigen Campanile, heute so, wie sie zwischen dem 8. und dem 13. Jahrhundert aussah. Rund um die Piazza gibt es noch einiges zu entdecken, so die Casa dei Crescenzi (3), ein kleiner mittelalterlicher Palast der Crescenzi-Familie. Seine Fassaden sind mit den Bruchstücken antiker römischer Bauten üppig ausgeschmückt. Oder die beiden kleinen, wunderbar erhaltenen römischen Tempel, die früher das Forum Boarium zierten und erhalten blieben, weil sie im Mittelalter in Kirchen umgewandelt wurden: Der rechteckige Tempel mit Marmorsäulen und solchen aus Tuffstein, der dem Portunus geweiht war, dem Gott der Häfen. Der Tempel steht auf einem Podest, so als sollte er den nahen Flusshafen im Auge behalten können. Wie der Portunus stammt auch der grazile Rundtempel des Herkules (4) aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., frühestes Beispiel eines marmornen Tempels in Rom, gestiftet von einem reichen Fleischhändler (Herkules war der Patron des Fleischerhandwerks). Und schließlich San Giorgio in Velabro (5) eine Kirche, die in ihrer Baugeschichte Ähnlichkeiten zur Cosmedin aufweist: Wie jene entstand sie im 6. Jahrhundert, wurde im Mittelalter und im Barock mehrfach umgestaltet, erhielt aber in den Jahren 1923 bis 1926 ihren romanischen Stil zurück, nachdem Archäologen sie von störenden Hinzufügungen befreit hatten.

Rundtempel des Herkules

Rundtempel des Herkules

Wir folgen nun rund Hundert Meter der stark befahrenen Via di Santa Maria in Cosmedin bis zu einer unauffälligen Abzweigung, die nicht mehr ist als ein gepflasterter und mit wenig Gras bewachsener Weg. Stufen an seinem Beginn halten Autos fern und schlagartig ist es still. Kaum zu glauben, dass der Clivo di Rocca Savella (6) über viele Jahrhunderte der Hauptzugang zum Aventin war und eine der wichtigsten Straßen Roms, zumindest während der Amtszeit von Papst Honorius IV. aus der Savelli-Familie, der hier oben in seiner Burg Hof hielt. Der Aufstieg über den Clivo auf den Aventin ist eigentlich nur Einheimischen bekannt, hat aber auch schon in den einen oder anderen Reiseführer als „Geheimtipp“ Eingang gefunden. Als einer der berühmten sieben Hügel Roms war der Aventin (7) schon in der Antike dicht besiedelt. Viele Ausländer lebten hier. In der Kaiserzeit ließ sich der ärmere Bevölkerungsteil an der Südseite des Hügels nieder oder wechselte hinüber nach Trastevere und der römische Adel machte das Hügelplateau zu seinem bevorzugten Wohnsitz. Das war auch Alarichs Westgoten nicht entgangen. Als sie 410 über Rom herfielen, plünderten sie besonders ausgiebig die vornehmen Villen auf dem Hügel. In Kreisen Gutbetuchter ist der Aventin auch heute eine begehrte Wohngegend – ruhig, grün, gepflegt, diskret. Für Besucher sind die stillen, von ansehnlichen Villen gesäumtem schattigen Straßen einen erholsamen Spaziergang wert und auch die Historie kommt nicht zu kurz.

Giardino degli Aranci und Santa Sabina

Giardino degli Aranci und Santa Sabina

Gleich neben dem Clivo breitet sich der Parco di Savello (8) aus, besser bekannt als Orangengarten (Giardino degli Aranci). An der steil abfallenden Tiberseite überrascht er mit einem großartigen Stadtpanorama zu Füßen. Nur wenige Schritte weiter schiebt sich mit der Kirche Santa Sabina (9) ein eindrucksvoller Bau ins Blickfeld, dessen Gründung in die Zeit der frühen Christen zurückreicht, in die Jahre um 425. Die dreischiffige Basilika ist ein Backsteinbau mit nur einem Schmuckelement, den großen Rundbogenfenstern, die sich über den ganzen Bau verteilen und viel Licht in das Kircheninnere einlassen. Ein mächtige zentrale Apsis und Rundbogenarkaden, getragen von vierundzwanzig kannelierten korinthischen Säulen, prägen das Mittelschiff. Der weitgehend schmucklose Bau gilt unter Kennern als beispielhaft für den Typus einer Basilika des 5. Jahrhunderts. Unbedingt sehenswert ist ein kostbares Überbleibsel aus der Gründungsphase der Kirche: die Zedernholztür mit Reliefbildern, die biblische Szenen darstellen. Sie sind die wohl besterhaltenen Holzschnitzereien der Spätantike.

Brunnen im Hof der Santa Sabina

Brunnen im Hof der Santa Sabina

In unmittelbarer Nachbarschaft liegt die nach zwei christlichen Märtyrern benannte Kirche Santi Bonifacio e Alessio (10). Auch sie hat ein ehrwürdiges Alter. Vermutlich stammt der ursprüngliche Bau aus dem 4. Jahrhundert. Im frühen 13. Jahrhundert hat man die eingestürzte Kirche wieder aufgebaut (in jener Zeit wurde der fünfstöckige romanische Backstein-Campanile hinzugefügt), im 16., 18. (die fünfbogige Fassade kam hinzu) und 19. Jahrhundert wurden Restaurierungen und Rekonstruktionen vorgenommen.

Kirche Santi Bonifacio e Alessio

Kirche Santi Bonifacio e Alessio

Giovanni Batista Piranesi, Schöpfer der berühmten Stadtansichten Roms in Kupferstichen, arbeitete auch als Architekt, so bei der Gestaltung der Piazza dei Cavalieri di Malta auf dem Aventin und der dazugehörigen Kirche des Priorats der Malteserritter, Santa Maria del Priorato(11). Kirche, Platz und Gartenanlage entstanden um das Jahr 1765 strikt nach Piranesis Vorstellungen von einem römischen Klassizismus, der sich an antiken Vorbildern orientierte. Etwas zurückgesetzt liegt an Piranesis Piazza der große Komplex von Collegio (Kolleg und Unterkünfte) und Ateneo (Hochschule) Sant`Anselmo, die sich als Dienstleistungszentrum für die 25.000 Benediktinerinnen und Benediktiner weltweit verstehen. Die Hochschule besitzt Universitätsrang und Promotionsrecht. Ausbildungsschwerpunkte sind Philosophie, Theologie sowie alte und neue Sprachen. Eine Vielzahl von Spezialstudien werden ermöglicht.

Die Via di Porta Lavernale wird uns vom Aventin hinunter in den Stadtteil Testaccio bringen, in ein altes Arbeiterviertel, das auf dem Sprung ist, neue Wege zu gehen. In den 1880er Jahren, also kurz nachdem Rom Hauptstadt Italiens geworden war, begann im Testaccio die Stadterweiterung mit zunächst kleinen Anlagen, einzelnen, von Gärten umgebenden Häusern. Nur war das ein Konzept, das sich auf Dauer nicht durchhalten ließ, stieg doch die Einwohnerzahl unerwartet rasch. Mehrgeschossige Mietblöcke mit offenen Innenhöfen waren der Ausweg. Sie waren nur sparsam dekoriert mit vorkragenden Gesimsen und grob behauenen Natursteinquadern im Erdgeschoss. Bald folgten auch öffentliche Badehäuser, Bügel- und Waschhäuser, Versammlungsräume. Es waren die Alltagsnotwendigkeiten, die das Aussehen des Testaccio prägten. Das ist auch heute nicht zu übersehen, wenn auch mehr Buntes und manch Schräges in letzter Zeit das Bild verändert hat.

Porta San Paolo

Porta San Paolo

Die Via Marmorata, deren Name daran erinnert, dass früher auf ihr Marmor vom Flusshafen in die Stadt transportiert wurde, bringt uns zur Piazza di Porta San Paolo, wo gleich eine Menge Eindrücke auf uns einstürzen: Die Porta selbst, ein antikes, phantastisch erhaltenes Stadttor (12) in der Aurelianischen Mauer, die hier die frühere Stadtgrenze markiert, dann die Pyramide des Caius Cestius (13), ein ägyptischen Pyramiden nachempfundenes Grabmal eines hochrangigen römischen Beamten und auf der anderen Seite der Mauer der Cimitero Acattolico (14), ein friedliches, begrüntes Areal, „Friedhof für nicht-katholische Fremde“, wozu viel Prominenz zählt wie Goethes Sohn August, Gottfried Semper, die romantischen Briten Shelley und Keats, Gramsci, August Kestner und viele andere – ein wunderbarer Ort zum Entspannen.

Pyramide des Caius Cestius

Pyramide des Caius Cestius

Nur ein kurzes Stück Weg die Aurelianische Mauer entlang türmt sich der Monte dei Cocci (15) auf, ein unglaubliches Gebilde, das wie ein harmloser, vielleicht 35 m hoher Hügel aussieht, tatsächlich aber aus Abermillionen zerschlagener Tonkrüge besteht, in denen man Wein, Öl und Getreide am antiken Flusshafen angelandet hatte. Die zerbrochenen oder überflüssigen Behältnisse, Einwegamphoren, wenn man so will, entsorgte man danach auf dem Scherbenberg. Testaccios alter, etwas heruntergekommener Markt (16) hat einen anderen Standort bekommen und erstrahlt im neuen Glanz zwischen Via Franklin und Via Galvani. Noch nicht abgeschlossen ist dagegen die Verwandlung des alten Schlachthofs (Mattatoio) in ein Kulturzentrum. Aber einige prominente Mieter haben sich schon einquartiert, darunter das Kunstmuseum MACRO (17) und die Architekturfakultät der Universität Roma Tre. Ob das alte Arbeiterviertel Testaccio, wie angestrebt, zum Künstlerviertel mutiert, wird die nahe Zukunft zeigen. In der oben erwähnten Via Marmorata hat einer der ganz Großen des römischen Delikatessenhandels seine verführerischen Käse- und Schinken-, Wein- und Olivenölspezialitäten ausgebreitet. Es wäre unverzeihlich, nicht bei Emilio Volpetti (18) vorbeizuschauen, wenn man schon im Testaccio unterwegs ist.

Eigenwilliger Fassadenschmuck in Rom

Eigenwilliger Fassadenschmuck

Jenseits von Pyramide und Porta San Paolo gruppiert sich ein Viertel um die Kirche San Saba, die dem winzigen Stadtteil auch seinen Namen gab. Im Nordwesten wird er von dem Viale Aventino, im Nordosten von dem Viale delle Terme di Caracalla begrenzt und im Süden von der Aurelianischen Mauer. San Saba, die Kirche, wurde im 6. Jahrhundert errichtet und dem Ordensgründer der Ostkirche, dem hl. Sabas, geweiht und im 12. Jahrhundert durch einen basilikalen Neubau ersetzt. Die kleinen Villen des Viertels rund um die Piazza di Gian Lorenzo Bernini (19) mit schönen Innenhöfen und Gärten sind eine gefragte Wohngegend am Rande des römischen Zentrums. Nicht weit ist es von der Piazza zu den grandiosen Ruinen der Caracalla-Thermen (20), fast ein ganzes Jahrhundert Roms größtes Badeparadies, bis es von den Diokletian-Thermen übertroffen wurde.

Aurelianische Mauer

Aurelianische Mauer

Wer sich noch tiefer im Süden der Stadt umsehen möchte, sollte von der schon vorhin überquerten Haltestelle „Piramide“ mit der Metrolinie B eine Station bis Garbatella fahren, einer in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in aufgelockerter Bauweise angelegten „Gartenstadt“. Hier haben couragierte Architekten versucht, das Ideal ländlichen Wohnens in städtischem Umfeld zu verwirklichen. Gegenüber von Garbatella liegt mit dem Museo Montemartini (21) an der Viale Ostiense eine in der Kunstwelt für Aufregung sorgende Dependance der Kapitolinischen Museen. In einem stillgelegten Elektrizitätswerk werden seit 1997 antike Exponate aus den Magazinen der Museen ausgestellt, was reizvolle Kontraste durch die unmittelbare Begegnung von Kunst und Industrie schafft. Eine Metrostation weiter erhebt sich die bis zum Neubau von St. Peter größte Kirche Roms, die Basilica San Paolo fuori le Mura (22). Sie wurde dort errichtet, wo nach der kirchlichen Überlieferung der Apostel Paulus beigesetzt wurde. Die riesige fünfschiffige Basilika ist 1823 niedergebrannt, wobei viele dekorative Elemente verloren gingen. Die heute zu sehende Rekonstruktion, die den ursprünglichen Raumeindruck zum Glück bewahren konnte, stammt aus den 1850er Jahren. Ein schöner Kreuzgang, sakrale Gegenstände, Mosaiken und Fresken, die den Brand überstanden, die zahllosen, von antiken Bauten stammenden Säulen und nicht zuletzt die Dimensionen der Basilika lohnen unbedingt einen Besuch.

Noch weiter südlich, an der Station „E.U.R. Magliana“ (23), erreichen wir einen Stadtteil mit teils monumentalen, modern erscheinenden Bauten der Weltausstellung EUR (Esposizione Universale di Roma), die für 1942 geplant war, aber wegen des Krieges nicht stattfand. Hier sollte nach dem Willen Mussolinis ein großzügig konzipiertes, modernes Viertel entstehen als bewusste Alternative zum „päpstlich geprägten“ Rom der Vergangenheit. Nach dem Krieg hat man das Viertel in konventioneller Weise zu Ende gebaut, Büros und Geschäfte errichtet und seit einiger Zeit ist das EUR so etwas wie ein heißer Tipp auf dem Wohnungsmarkt.

Vor der „Piramide“-Metrostation startet der Bus 118 (angezeigte Endstation: Lagonegro) zu einigen der bekanntesten Katakomben Roms (24). Es sind weit verzweigte unterirdische Begräbnisstätten, die man in der Antike und in frühchristlicher Zeit in den weichen Tuffstein grub. Antiken Ursprungs ist auch die berühmte Via Appia (25), einst als Fernstraße für Rom eine lebenswichtige Verbindung zum Hafen Brindisi an der Adria.


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