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Reiseführer Rom


Santa Maria Maggiore

Nicht weniger als achtzig römische Kirchen tragen den Namen der Muttergottes. An schierer Größe und ehrwürdigem Alter, an Prunk und Schönheit kommt keine von ihnen der Santa Maria Maggiore gleich, die im 5. Jahrhundert unter dem Pontifikat von Papst Sixtus III. erbaut wurde. Das damals stattfindende Konzil von Ephesos (431), das Maria als verehrungswürdige „Gottesgebärerin“ anerkannte und damit einen langwierigen theologischen Streit aus dem Wege räumte, wird die römische Kurie beflügelt haben, unmittelbar nach dem Konzil mit dem Bau der größten von allen dem Marienkult gewidmeten Kirchen zu beginnen.

 

So gibt es sie seit 1.600 Jahren und es soll keine fromme Mär sein, dass nicht an einem einzigen Tag versäumt wurde, die Messe zu lesen. Die zahllosen in der „Maggiore“ bewahrten Kunstwerke und Reliquien von unschätzbarem Wert umfassen die unglaubliche Zeitspanne von 1.300 Jahren.
 
Ihr hohes Alter sieht man der Kirche nicht an, was auf die barocken Bauten des 16. bis 18. Jahrhunderts zurückzuführen ist, die den „Kernbau“, die dreischiffige Basilika des 5. Jahrhunderts, vollständig ummanteln. Im Grunde war die „Maggiore“ seit ihrer Frühzeit eine Dauerbaustelle. Auf bauliche Erweiterungen, häufig unter Verwendung von  Steinblöcken, Dachziegeln oder Säulen aus antiken Tempeln, folgten Ausschmückungen der Innenräume durch hochkarätige Künstler. Überliefert sind Eingriffe in die Bausubstanz aus der Zeit um 1150, als eine neue Vorhalle entstand und aus dem Pontifikat von Papst Nikolaus IV., der gegen 1290 die Apsis erneuern ließ. 1377, nach der Rückkehr der Päpste aus dem „Exil“ in Avignon, entstand der 75 m hohe, reich gegliederte Campanile, der höchste in Rom, der 1503 – 1513 aufgestockt wurde und seinen pyramidenförmigen Abschluss erhielt. Im 16. Jahrhundert wurden Querschiff und Seitenschiffe mit einem Gewölbe versehen und  Giacomo della Porta errichtete nach Plänen Michelangelos die Capella Sforza im linken Seitenschiff. In diese Zeit fällt auch der Anbau der Cappella Sistina an das rechte Seitenschiff durch Domenico Fontana. Anfang des 17. Jahrhunderts entstand am linken Seitenschiff die Cappella Paolina und an der Nordseite der Palast mit Wohnräumen für Kanoniker. Auch der große Architekt Carlo Rainaldi kam zum Zuge. 1670/73 schuf er die spätbarocke Ummantelung der Chorapsis und die davor sich schwungvoll ausbreitende monumentale Freitreppe. In den zwanziger bis vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts wurde an dem Palast links der Fassade gearbeitet. Auch er bietet Kanonikern Unterkunft. Zur gleichen Zeit errichtete Ferdinando Fuga die Vorhalle der Fassade mit der großen Loggia und nahm Restaurierungen und Umbauten im Innenraum vor. 1825 entstanden ein Baptisterium und im Mittelschiff die Confessio und selbst im 20. Jahrhundert ruhten die Bauarbeiten nicht. Grabungen unter der Kirche führten in den sechziger Jahren zur Freilegung der Reste eines Gebäudes aus der römischen Kaiserzeit, das wie ein massives Fundament der „Maggiore“ Halt gibt.  
Soweit in aller Kürze die wichtigsten Daten zu ihrer Baugeschichte.

Santa Maria Maggiore, Haupatportal

Ein Monument päpstlicher Selbstdarstellung

Die Kirche auf dem Monte Esquilino, einem der sieben klassischen Hügel Roms, gehört zu den über das ganze Stadtgebiet verstreuten Besitzungen des Vatikans, die auf Grund ihrer kirchenhistorischen Bedeutung einen exterritorialen Status genießen. So sind Areal und Gebäudekomplex der Santa Maria Maggiore zwar Bestandteil des italienischen  Territoriums, sie unterstehen aber nicht der italienischen Gerichtsbarkeit.
Ihren besonderen Rang verdankt die basilica sanctae Mariae, wie man sie in den alten Quellen nannte, auch dem Umstand, dass sie durch die eineinhalb Jahrtausende ihrer Existenz die ursprüngliche Ausgestaltung ihres Innenraums im Wesentlichen bewahren konnte. So erleben Besucher den nahezu unverfälschten Raumeindruck einer frühchristlichen Basilika.

Die Kirche trägt den Titel basilica maior oder auch Papstbasilika und zählt damit neben San Paolo fuori le Mura (St. Paul vor den Mauern), San Pietro in Vaticano (Petersdom) und San Giovanni in Laterano (Lateranbasilika) zu den sechs ranghöchsten Gotteshäusern der römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft. Zu den vier in Rom kommen noch zwei (San Francesco und Santa Maria degli Angeli) in Assisi hinzu. Diese sechs Papstbasiliken genießen besondere Vorrechte und Auszeichnungen und verfügen über einen Papstthron, einen Papstaltar und eine Heilige Pforte, die nur alle fünfundzwanzig Jahre anlässlich der Feier des Geburtstags Jesu Christi geöffnet wird.
Die „Maggiore“ ist auch eine der sieben Pilgerkirchen Roms, deren Besuch frühchristlichen und mittelalterlichen Pilgerreisenden den Sündenablass in Aussicht stellte. Die Tour durch Rom, von einer Kirche zur nächsten, musste an einem Tag absolviert werden! Nur dann war mit dem Gnadenakt der Kirche zu rechnen, der immerhin die zeitlichen Sündenstrafen erließ, nicht aber die Vergebung der Sünden selbst. Noch heute wallfahren Pilger zu den sieben Kirchen, um sich einen Sündenerlass zu verdienen. Dreihundert Jahre Fegefeuer, so ist zu erfahren, werden einem dafür erspart, vorausgesetzt, man hat wirklich alle sieben Kirchen aufgesucht.
Gleiche Wirkung entfalten in unserer Zeit freilich auch Gebete oder der Segen Urbi et Orbi.

Fugas Meisterwerk : die Fassade

Ist der Besuch der „Maggiore“ für Pilger aus guten Gründen ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Wallfahrt nach Rom, so sollten auch Kunstliebhaber einen Ausflug zum Monte Esquilino ganz oben auf ihre Liste der „Pflichtbesichtigungen“ setzen. 
Auf der Piazza Santa Maria Maggiore, die dem Hauptportal vorgelagert ist, erhebt sich eine auffällig kannelierte und von einer Marienstatue bekrönte Säule, die einzige, die von der antiken Maxentiusbasilika übriggeblieben war und der Papst Paul V. 1613 diesen herausragenden Standort zuwies. Vor der schön geschwungenen rückwärtigen Fassade der Kirche bildet ein ägyptischer Obelisk, der einst das Mausoleum des Augustus überragt hatte, einen ähnlichen Schlusspunkt, diesmal auf der Piazza dell`Esquelino.

Nun zur Fassade des Ferdinando Fuga, eines florentinischen Architekten in päpstlichen Diensten. Sie ist sein Hauptwerk, errichtet im Stil des römischen Spätbarock und konzipiert als zweigeschossige Vorhalle – eine elegante, sehr bewegte Schöpfung, die im Untergeschoss einen fünfachsigen Portikus bildet und darüber eine dreibogige Benediktionsloggia. Als oberen Abschluss entwarf Fuga eine mit dekorativen Skulpturen geschmückte Balustrade, die auch die anliegenden Paläste mit einbezieht und damit die an den Platz grenzenden Gebäude als eine Einheit ausweist. Das Werk Fugas wurde von seinen Zeitgenossen bejubelt – nur der Auftraggeber, Papst Benedikt XIV., mäkelte daran herum: „Fuga hat wohl geglaubt, wir seien Theaterimpresarios. Das sieht ja aus wie ein Tanzpalast!“

Bei günstigen Lichtverhältnissen kann man vom Platz aus durch die weiten Öffnungen der Loggia hindurch die mit herrlichen Mosaiken versehene mittelalterliche Kirchenfront erkennen. Es sind Arbeiten des ansonsten wenig bekannten Mosaizisten Filippo Rusuti aus dem späten 13. Jahrhundert. Sie zeigen im oberen Bereich Christus auf einem Thron und Maria, umringt von Engeln und Aposteln. In den vier Szenen des unteren Bereichs wird die märchenhafte Gründungsgeschichte der Santa Maria Maggiore dargestellt, wie dem Papst Liberius im 4. Jahrhundert die Madonna im Traum erscheint und ihn beauftragt, eine Kirche zu bauen, die Verkündigung des Schneewunders im heißen Monat August und wie der Papst den Grundriss der Kirche in den frisch gefallenen Schnee zeichnet. 

Santa Maria Maggiore, Rückfront

Rückfront der Kirche

Klassische Antike und päpstliche Pracht vereint

Von der frühchristlichen Basilika, dem „Kernbau“, ist durch den Anbau der Kapellen und die Neugestaltung von Fassade und Apsis von außen kaum mehr etwas zu erkennen. Man muss sich hinein begeben, um die noch immer präsente Erhabenheit, Würde und Harmonie, die das Innere der 1.600 Jahre alten Kirche ausstrahlt, zu erleben. Die Ausmaße sind gewaltig. 86 m misst das Langhaus der dreischiffigen Basilika. Zwei Reihen von je 20 monolithischen Marmorsäulen mit ionischen Kapitellen tragen das reich verzierte Gebälk. Darüber reihen sich die Fenster des Obergadens (auch. Lichtgaden) auf. In frühchristlicher Zeit war die Fensterzahl doppelt so groß. Deutlich mehr Licht flutete damals durch das Kirchenschiff. Der Fußboden, Mitte des 12. Jahrhunderts in der sog. Cosmatentechnik erstellt, zeigt geometrische Muster aus polychromem Marmor. Die Kassettendecke wird Giuliano da Sangallo, einem der Rivalen Michelangelos, zugeschrieben. Die erste Goldlieferung aus dem gerade entdeckten Amerika wurde für die Vergoldung der Decke verwendet – ein Geschenk Spaniens an den seinerzeit amtierenden Papst Alexander VI., der dem verrufenen Geschlecht der ursprünglich spanischen Borja (Borgia) entstammte und der es sich auch nicht nehmen ließ, sein Wappen in der Mitte der Decke anzubringen.

Santa Maria Maggiore

Langschiff mit vergoldeter Kassettendecke
Foto © By Tango7174 (Own work) [GFDL (www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (www.creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Größter Schatz der  Kirche sind ihre Mosaiken, die es in dieser handwerklichen und künstlerischen Qualität nirgendwo anders zu sehen gibt. Sie stammen aus dem 5. Jahrhundert, entstanden also unmittelbar nach Fertigstellung des Baus. Bewundernswert ihre dramatische Komposition, die fein abgestufte Farbgebung, die Gestik. Sie sind aus Glassteinchen mit bis zu 190 verschiedenen Farbabstufungen zusammengesetzt. An den Langhauswänden unterhalb der Fenster zählte ursprünglich jede Seite 21 Mosaikfelder mit biblischen Szenen, von denen noch 36 erhalten sind. Aus gleicher Zeit stammen die nicht weniger hinreißenden Mosaiken des großen Triumphbogens, der zur Apsis führt, mit Darstellungen der Geburt Christi und seiner Kindheit. Das Apsismosaik stammt aus dem Jahr 1295 und ist das Werk von Jacopo Torriti. Es zeigt einen Zyklus mit Szenen aus dem Marienleben.

Neben dem rechten Seitenschiff liegt die Cappella Sistina, eine Kuppelkapelle mit fast schon überreicher Innendekoration, darunter Marmorinkrustationen und Freskenschmuck. Sie birgt die aufwändig gestalteten Grabdenkmale zweier Päpste, des 1572 gestorbenen Pius V. und von Sixtus V., der 1590 starb. Gegenüber, am Ende des linken Seitenschiffs, liegt die Cappella Paolina, nach Größe und Gestalt ein Abbild der Sistina, aber nicht so überladen. Im Zentrum steht ein mit vergoldeter Bronze und Lapislazuliplatten verzierter Altar, der die in Rom am meisten verehrte Marienikone Salus Populi Romani (Heil des römischen Volkes) bewahrt, der nachgesagt wird, der heilige Lukas habe sie gemalt. Wahrscheinlich ist sie frühchristlichen Ursprungs, wird in Quellen aber erst seit dem 10. Jahrhundert erwähnt. Auch diese Kapelle enthält die Grabmäler zweier Päpste: links das von Paul V., gestorben 1621 und gegenüber das seines 1605 verstorbenen Vorgängers Clemens VIII., ausgeschmückt mit Deckenfresken des großen Guido Reni.

Und noch zwei andere Große fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Vor der Chorschranke, zwischen den letzten Säulen, findet man die schlichte Grabplatte, unter der die sterblichen Überreste des Barockgenies Gian Lorenzo Bernini und die seines Vaters, Pietro Bernini, ruhen.

(Zwischen Piazza Santa Maria Maggiore und Piazza dell` Esquelino)

 

 


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