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Reiseführer Rom


Piazza Navona


Er ist der Lieblingsplatz der Römer an lauen Sommerabenden, wenn die Cafès und Restaurants überquellen von Gästen, die Straßenkünstler sich noch einmal ins Zeug legen und die Lichter Roms sich in den Becken und Fontänen der drei prächtigen Brunnen spiegeln. Kaum geringer ist der Zuspruch im Winter um die Weihnachtszeit und am Dreikönigsfest, wenn der Duft gerösteter Kastanien über den Platz streicht und der Weihnachtsmarkt mit Leckereien, Luftballons, Spielsachen und tausend Geschenkideen das Publikum auf der ehrwürdigen Piazza in Volksfeststimmung versetzt.

Piazza Navona

Inzwischen haben auch die Touristen die fast intime Atmosphäre des lang gestreckten Platzes für sich entdeckt, der autofrei und nur durch wenige enge Straßen mit der Umgebung verbunden, viel Raum zum Flanieren und Entspannen lässt. Sein länglicher Grundriss bringt es mit sich, dass eine Längsseite immer in der Sonne liegt. Die Gastronomie hat sich darauf eingestellt. Wer Schatten sucht, wird ihn finden und vielleicht auch eine Antwort auf die ewige Frage, ob denn die Piazza Navona Italiens schönster Platz sei. Dass er die römische Nummer eins ist, scheint ohnehin unumstritten.

Sein ungewöhnlicher Grundriss folgt einem von Kaiser Domitian vor rund 2.000 Jahren angelegtem Stadion. Wo damals Tribünen den Stadiongrund säumten, bilden heute grandiose Palazzi und kuppelgekrönte Kirchen mit eher schmucklosen ockerfarbenen Wohnhäusern eine spannungsreiche Kulisse. Sie umschließt die einstige Wettkampfbahn, deren Hauptachse von den drei Brunnen des Platzes markiert wird.

Dazwischen entfaltet sich pralles römisches Leben, schlendern Besucher umher, drängen kopfstarke Touristengruppen auf die Szene, in dichtem Pulk ihrem  lautstark dozierenden  Erklärer auf den Fersen. Nur zu gerne würden sie sich auf den Steinbänken niederlassen oder wenigstens auf dem Brunnenrand, um eine der schönsten römischen Bühnen mit allen Sinnen erleben zu können, die Musiker etwa oder die gestikulierenden Schwadroneure, die Büroleute, die im Bella-Figura-Chic in die Restaurants streben oder die gelassen der Kundschaft harrenden Maler, Karikaturisten und Porträtisten. Mit sanfter Stimme versprechen Losverkäufer beste Gewinnchancen und gleich daneben steht wie festgemauert die Freiheitsstatue als lebende Skulptur und auch Kleopatra testet ihr Talent als reglose Statue, muss aber noch ein wenig an ihrem exotischen Outfit zupfen. Auch die gewitzten Gucci-Handtaschenverkäufer sind zu ihrem täglichen Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei wieder vor Ort und verbotenerweise kurven drei hübsche Mädchen mit unnachahmlich getragenem Helm über wehender Frisur auf ihren Motorrollern am Rand der Bühne entlang. Die Restaurants sind derweil gut besetzt, noch mehr Neugierige strömen auf den Platz und so wird es den Tag über bleiben.

Voller Leben war die Piazza schon vor 200 Jahren, wie der schwäbische Poet  Wilhelm Waiblinger in seinen „Reisebildern aus Italien“ festhielt:
Da  sieht man ein Volksgewimmel zum Erstaunen, die Bedürfnisse des gemeinen Lebens, vorzüglich Gemüse und Obst, werden in rauschendem Getümmel und Gewimmel eingekauft (…) man trifft immer einige hölzerne Botthegen (Buden) aufgeschlagen, worin fremde Bestien und solcherlei Merkwürdigkeiten dem neugierigen Publikum gezeigt werden. Hierher kommen die Bauern aus der Campagna mit den Produkten ihrer Gegenden. Ganze Lager von goldenen Zitronen und Pomeranzen (eine Art Orange) erfreuen das Auge, reizen den Gaumen und schmeicheln dem Geruch, der sonst hier nicht immer der beste ist.
(WilhelmWaiblinger lebte seit 1826 in Rom, wo er 1830 starb und auf dem Cimitero acattolico beigesetzt wurde, ganz nahe dem Grab des Goethe-Sohnes August.)

Mohrenbrunnen in Rom

Detail des Mohrenbrunnens

Stadium Domitiani

Kaiser Vespasians Sohn Domitian ließ die nach ihm benannte Sportanlage in den 90er Jahren des 1. Jahrhunderts an der Stelle der heutigen Piazza Navona errichten. Sie hatte die gewaltigen Ausmaße von 275 X 106 m. Ihre Tribünen umfassten zwei Ränge und boten etwa 30.000 Zuschauern Platz. Da die Anlage kein Circus war, fehlte die für eine Pferderennbahn typische Abgrenzung (wie sie im Circus Maximus existierte). Leichtathletische Spiele nach griechischem Vorbild standen hier auf dem Programm, was bei den Römern gar nicht gut ankam. Ihnen fehlte einfach das spektakuläre Element und überdies empfanden sie den Auftritt der Athleten (merkwürdigerweise) als „unmoralisch“. Aber für kurze Zeit konnten sie sich selbst hier an ihrer großen Leidenschaft, den blutigen Gladiatorenkämpfen, ergötzen, als im Colosseum wegen Brandschadens keine Spektakel stattfinden konnten. Rasch siedelten sich die für das Umfeld antiker Stadien typischen Etablissements an: Wirtshäuser, Bordelle, Imbissstuben.

Im Mittelalter brach das Stadion nach und nach ein, blieb aber Austragungsort ausgefallener Vergnügungen wie dem Wettklettern auf dem „Baum des Schlaraffenlands“. Für den Sieger gab es Salami-Würste. Später fanden Ritterturniere statt und selbst Stierkämpfe unter der Regie des grausamen Cesare Borgia aus dem ursprünglich spanischen Geschlecht der Borja. Es gab festliche Umzüge und Paraden zu bestaunen und als absoluten Höhepunkt im 18. Jahrhundert die Flutung des Platzes zur Gaudi von Jung und Alt. An jedem Wochenende im August wurde der Platz unter Wasser gesetzt. Man verstopfte einfach die Abflüsse der Brunnen und bald schon plantschte halb Rom vergnügt im Wasser herum oder jagte in irrsinnigem Tempo mit den Kutschen hindurch. Es war ein wildes fröhliches Sommertheater, das sich hier mindestens 150 Jahre abspielte und erst ein Ende fand, als sich die Päpste daran machten, den Platz umzugestalten.  Doch Römer lassen sich das Feiern nicht nehmen. Jahrmärkte fanden immer noch ihre Besucher, Promenadenkonzerte und Serenaden ihre begeisterten Zuhörer. Die Piazza blieb ein Ort des Vergnügens, eingebettet in eine wundervolle Szenerie.      

Ein wenig Renaissance und viel Barock

Die neuzeitliche Bebauung setzte 1477 mit der Ansiedlung des Marktes ein, acht Jahre später wurde der Platz gepflastert und die kleine Kirche Nostra Signora del Sacro Cuore entstand am südöstlichen Rand der Piazza. Der anmutige Renaissancebau mit dekorativem Mittelportal, einem Scheinportal, war über einen langen Zeitraum die Nationalkirche der in Rom ansässigen Spanier. Sie zählt zu dem in Rom äußerst seltenen Typus der Hallenkirche mit mehreren Schiffen in gleicher Höhe.
Adlige Familien zogen zu, die Piazza wurde zu einer beliebten Wohngegend der reichen Oberschicht, darunter war auch das Geschlecht der Pamphili. Giacomo della Porta, Roms prominentester Brunnenbauer, wurde engagiert und schuf 1574/76 die Brunnen an der Nord- und Südseite des Platzes, noch ohne ihren Figurenschmuck. Bis hierhin war das Bauprogramm Stückwerk. Geprägt aber wird die Piazza von den Großen des Barock, den ewigen Rivalen Borromini und Bernini, die nun – wir befinden uns in der Mitte des 17. Jahrhunderts – auf den Plan treten.

Initiator der nun einsetzenden Bau- und Regulierungsarbeiten war der Pamphili-Papst Innozenz X. Zunächst ließ er den kleinen Familienpalast der Pamphili an der Südwestseite des Platzes durch Einverleibung der Nachbarpaläste um das Doppelte erweitern. Die Unregelmäßigkeiten der drei Gebäudefronten verdeckte Architekt Girolamo Rainaldi durch eine vorgeblendete einheitliche Fassade. So entstand ein eindrucksvoller repräsentativer Palazzo, so recht nach den Vorstellungen des Papstes, dem nachgesagt wird, dass er seine Residenz vom Vatikan in den Familienpalast verlegen und die Piazza zu einer Art Vorhof seines Amtssitzes umgestaltet sehen wollte.

Berninis Vier-Ströme-BrunnenSo begannen 1648 die Arbeiten am Vier-Ströme-Brunnen (Fontana  d e i  Quattro Fiumi), einer allegorischen Darstellung der päpstlichen Weltherrschaft. Jetzt kam Gian Lorenzo Bernini zum Zuge, der nach Meinung vieler Kunsthistoriker hier sein absolutes Meisterwerk schuf: ein aus dem Wasserbecken aufragendes wuchtiges Felsmassiv, das von einem Obelisken überhöht wird, gekrönt mit der Taube, dem Wappentier Innozenz` X. Auf Felsabsätzen lagern die Personifikationen der größten Flüsse der damals bekannten vier Kontinente. So steht der sich gleichgültig abwendende Ganges für Asien (mit Ruder, Palme und Schlange), der Nil für Afrika, der in Anspielung auf seine noch unbekannten Quellen das Haupt verhüllt. Ein Löwe ist ihm zur Seite gestellt. Amerika wird durch den Rio de la Plata verkörpert und durch ein mangels lebender Vorbilder phantastisch missratenes Gürteltier. Schließlich symbolisiert die Donau mit Pferd den europäischen Kontinent. Sie stützt das päpstliche Wappen und wendet sich dem Obelisken mit Taube zu. Der Obelisk ist übrigens nicht ägyptischen Ursprungs. Er wurde zu Ehren Domitians um das Jahr 81 n. Chr. angefertigt und mit Schriftzeichen versehen, die den römischen Machthaber im Stil eines Pharaos preisen. Im Mittelalter erhielt die Granitnadel noch weitere ägyptischen Vorbildern nachempfundene Zeichen, die aber keinen Sinn ergeben.

Kirche Sant' Agnese in Agone mit dem Mohrenbrunnen1652 konnte nun endlich Borromini sein Können unter Beweis stellen, nachdem sein Entwurf für den Vier-Ströme-Brunnen nicht den Zuschlag erhalten hatte. Wieder war es Bernini gewesen, der mit seiner Taktik, im entscheidenden Moment alles auf eine Karte zu setzen und alle wichtigen Kontakte zu aktivieren, den Auftrag an sich reißen konnte.
Der Neubau der Kirche Sant`Agnese in Agone (s. Foto)in direkter Nachbarschaft zum Stadtpalast sollte der Umgestaltung der Piazza im Sinne des Pamphili-Papstes Innozenz X. die Krone aufsetzen. Zunächst begann Girolamo Rainaldi, unterstützt von seinem Sohn Carlo, mit den Arbeiten, dann übernahm Francesco Borromini die Verantwortung für die nächsten neunzehn Jahre, die der Bau in Anspruch nahm. Es entstand ein „typischer Borromini, ein Beispiel für jene Mischung aus Lebendigkeit und Zurückhaltung, wie auch für seine Musikalität in Stein, die er durch das Wechselspiel von konkaven und konvexen Oberflächen erzielte“. Über der mit Säulen und Pilastern (das sind Wandpfeiler) gegliederten Fassade erheben sich in der Flucht der Platzbebauung zwei Türme und zurückgesetzt die leicht gestreckte Kuppel, gekrönt von einer Laterne, einem durchbrochenen Aufsatz als Tageslichtquelle.
Der Name der Kirche knüpft an die antike Funktion des Platzes als Wettkampfstätte an (das griechische Wort agon steht für Kampf). Gewidmet ist sie der jungen Märtyrerin Agnes, die im Stadion dem johlenden Volk nackt vorgeführt und verbrannt werden sollte, doch wie durch ein Wunder wuchsen ihr urplötzlich lange Haare, die ihre Blöße bedeckten und die Flammen wichen zurück. Nach der Überlieferung entkam sie ihren Verfolgern nicht. Im Bordell des Stadions wurde sie erdolcht. Es war die Geburtsstunde ihrer Verehrung als Schutzheilige der Keuschheit.

Neptunbrunnen in RomJetzt war es wieder an Bernini, ins Spiel zu kommen und er nahm sich den Mohrenbrunnen (Fontana del Moro) am Südende des Platzes vor, den Giacomo della Porta angelegt hatte. Bernini fügte ein großes, flaches Becken hinzu und ergänzte den schon vorhandenen Brunnenschmuck aus Masken und Tritonen (mythologischen Wasserwesen mit menschlichem Oberkörper und Fischschwanz) durch einen Wassergenius, der mit einem großen Fisch kämpft und das Aussehen eines „Mohren“ hat. An seinen Gesichtszügen meinten Zeitgenossen den damaligen Botschafter des Königreichs Kongo erkennen zu können. . .

Der Neptunbrunnen (Fontana del Nettuno, s.Foto) – auch er entstammte della Portas Werkstatt – blieb drei Jahrhunderte ohne Figurenschmuck. „Aus Gründen der Symmetrie“ wurde dieser unbefriedigende Zustand in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts beendet und dem Brunnen an der nördlichen gerundeten Schmalseite des Platzes ein kraftvoller Neptun, der einen Oktopus mit einer Art Dreispitz attackiert, in den Mittelpunkt des Beckens gestellt. Seepferde und anmutige Meerjungfrauen leisten ihm dabei Gesellschaft.

 


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