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Reiseführer Rom


Palatin

 

Er ist ein Spazierweg, wie man ihn sich wünscht. Begleitet von ausladenden Schirmpinien, steigt er von der Via di San Gregorio leicht an, beschreibt einen weiten Bogen mit schönen Ausblicken und verzweigt sich auf dem Plateau des Palatin-Hügels. In der heißen Jahreszeit, wenn die Rasenflächen hier oben längst ihr tiefes Grün eingebüßt haben und Besucher vergebens nach einem Schattenplatz Ausschau halten, erscheinen die malerischen Ruinen der Kaiserpaläste noch verlassener als sonst. Und man kann sich nur schwer vorstellen, dass auf diesem Hügel die Wiege Roms stand und Jahrhunderte später das Zentrum eines Weltreichs.

 

Die Anfänge waren bescheiden. Ein paar Bauern und Hirten vom Stamm der Latiner ließen sich auf dem Hügel nieder. Der Tiber lieferte ihnen das Wasser, Ackerland und Weidegrund gab es ringsum und die Siedlung auf dem Plateau war leicht zu verteidigen. Der Legende nach fällt die Stadtgründung in das Jahr 753 v. Chr., als Romulus den Anstoß zur Gründung von „Roma quadrata“ gab, einer schlichten Ansiedlung mit strohgedeckten Häusern aus Holz und Lehm, die eine quadratische Befestigung schützte. Mit seinem Zwillingsbruder Remus war Romulus von einer Wölfin in einer Höhle am Fuß des Hügels gesäugt worden. Einen wahren Kern kann man dem Epos von der Gründung Roms nicht absprechen, denn genau dort, wo sich „Roma quadrata“ befunden haben soll, entdeckte man Siedlungsreste, die tatsächlich bis in das achte vorchristliche Jahrhundert zurück zu verfolgen waren. Neuere Forschungen allerdings sprechen von Besiedlungsspuren, die noch viel weiter in die  Vergangenheit reichen, bis in das zehnte oder gar elfte Jahrhundert.....

Als „Roma quadrata“ über seine befestigten Grenzen hinauswuchs und Hügelsiedlungen auf Capitol, Esquilin und Quirinal entstanden, verlagerte sich auch die machtpolitische Bedeutung hin zu den neuen Zentren Capitol und Forum Romanum, dem einstigen sumpfigen Tal, das durch einen Abzugskanal, der „cloaca maxima“, entwässert und bewohnbar gemacht worden war. Der Palatin wurde derweil zum Lieblingswohnsitz der Betuchten und Berühmten. Ihre luxuriösen Patriziervillen zeugten von der ersten großen Blütezeit Roms. Der umstrittene Volkstribun Gaius Gracchus wohnte hier und Marcus Antonius, der Geliebte Kleopatras sowie Cicero, der große Redner und Anwalt und sein Konkurrent, Hortensius. Auch das Geburtshaus des späteren Kaisers Augustus stand auf dem Palatin und er sollte hier während der vierzig Jahre seiner Herrschaft wohnen bleiben. Der prominente Hügel erfuhr mit Augustus einen entscheidenden Wandel vom vornehmen Wohnviertel zum kaiserlichen Machtzentrum. Alle seine Nachfolger, von Tiberius und Caligula, über Claudius und Domitian bis zu Septimius Severus zog es auf den Palatin-Hügel und mit ihnen wurden die Residenzen immer luxuriöser, die Tempel und Thermen größer, die Wasserspiele raffinierter.

Mit dem Ende des Weströmischen Reiches im ausgehenden fünften Jahrhundert bekam auch der prächtige Palatin-Hügel das Ende einer Ära zu spüren. Das Plateau verwahrloste, doch schien es um das Jahr 800 immer noch so viel Anziehungskraft zu besitzen, dass Karl d. Gr. anlässlich seiner Kaiserkrönung dort Quartier bezog, wie auch noch zweihundert Jahre später, als der deutsche Kaiser sächsischen Geblüts, Otto III.,   der sich zum „Imperator Romanorum“ erklärt hatte und die Wiederherstellung des Römischen Reiches betrieb, die Einrichtung einer Kaiserpfalz auf dem Palatin veranlasste. Im Mittelalter beschleunigte sich der Verfall der einstigen kaiserlichen Pracht. Während sich die Barone des Frangipani-Clans nur kurzzeitig des Palatin bemächtigen konnten, waren die Farnese im 16. Jahrhundert erfolgreicher. Sie übernahmen einen großen Teil des Hügels und legten hier die berühmten Orti Farnesiani, die noch heute sehenswerten  Farnesischen Gärten an, damals die ersten botanischen Gärten Europas. In den anderen Bereichen des Plateaus ging der Verfall weiter, Bäume und Gebüsch überwucherten Fundamente und Ruinen. Ein reizvolles Ziel, besonders bei Mondschein, wie Ferdinand Gregorovius, Historiker und Ehrenbürger von Rom (1876), herausfand:


„Man muss Rom im Mondenschein durchwandern (…) steigen wir noch auf die Kaiserpaläste hinauf, deren gigantische Pfeiler, Bogen und Splitter aus dem schwankenden Buschwerk gen Himmel ragen. Zu Füßen liegt im Mondzauber das Kolosseum wie eine riesige Schale von Stein, in welche dieses Rom das Blut der Welt aufgesammelt hat, neben ihm der Triumphbogen des Konstantin (…) und wie weit der Blick dringe, überall tauchen Trümmer der Geschichte auf, alles ist still, wie gebannt. In den Ruinen der Kaiserpaläste schreit die Eule...“


(aus: Wanderjahre in Italien, 1856-1877)

Was gibt es zu sehen?


Phantastisch: Das Forum Romanum und die antike Rennbahn des Circus Maximus aus der Vogelperspektive! Und auf dem Plateau selbst weit und breit römisches Ziegelmauerwerk, ab und zu noch in bewährter Stabilität, häufiger als rissige, wild gezackte Palastwände mit leeren Fensterhöhlen. Man sieht Bögen, die keine Last mehr tragen, marmorne Säulenstümpfe, verwitterte Fundamente, Treppen, die in einen noch unerschlossenen Untergrund führen und daran erinnern, dass sich auf dem Plateau zu allen Zeiten die Bauhorizonte überlagerten, eine Schicht über die andere gelegt wurde und die Nachwelt nun rätselt, was es wohl gewesen sein könnte.

Für die Zunft der Archäologen ist jedenfalls noch kein Ende der Feldarbeit abzusehen. Seit gut zweihundert Jahren wird hier gegraben, werden Funde analysiert, Legenden und Geschichtsdaten befragt. Und immer wieder gibt es Erfolge zu feiern wie etwa 1948, als die Fundamente von drei Hütten aus der frühen Eisenzeit freigelegt wurden und die Gründungsmythen sich zu bestätigen schienen oder 2007 mit der angeblichen Entdeckung der „Lupercale“, der Höhle, in der Romulus und Remus von einer Wölfin gesäugt wurden. Für den verantwortlichen Archäologen war es „eine der großartigsten Entdeckungen, die jemals gemacht wurden“. Der ehemalige Chef der römischen Altertumsbehörde sah das etwas anders, sprach zwar auch von einen bedeutenden Ereignis, aber um die berühmte Grotte der Zwillingsbrüder handele es sich nicht, wohl eher um ein Nymphaeum Kaiser Neros. Und jüngste Untersuchungen der kaiserlichen Palastanlagen durch Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts „haben vollkommen neue und unerwartete Ergebnisse gebracht“. Es habe sich gezeigt, „dass die Entwicklung des Palastes sowohl zeitlich wie auch räumlich viel komplexer war, als bisher angenommen“.

Das sog. Gartenstadion

Den östlichen und südöstlichen Bereich des Palatin füllt das große, ruinenhafte Palastareal mit seinen vier Teilbereichen aus. Gegen Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. war es zu großen Teilen fertiggestellt. Letzte Erweiterungsarbeiten erfolgten im frühen 4. Jahrhundert. Die noch stellenweise 35 m hoch aufragende Domus Severiana mit Thermenresten bildet den südöstlichen Abschluss auf massiven Unterbauten, die ihr Halt am Hang geben. Ein 160 X 48 Meter großes freies Gelände schließt sich an, für das sich die Bezeichnung „Gartenstadion“ eingebürgert hat. Es ist eine natürliche Senke, die im 1. Jahrhundert die Form eines Stadions erhielt, tatsächlich aber ein Garten war mit zahlreichen Nebenbauten an seinen Schmalseiten. An seine westliche Längsseite grenzte die Domus Augustana mit Repräsentationsräumen, von Kolonnaden gesäumten Innenhöfen, Speisesälen und den privaten Räumen des Kaisers, die in späterer Zeit auch höheren Staatsbeamten zur Verfügung standen. Anschließend folgt die Domus Flavia, so benannt nach dem Geschlecht der Flavier, dem die Kaiser Vespasian, Titus, Domitian, Nerva, Trajan und Hadrian angehörten. Dieser erste, unter Domitian entstandene  Kaiserpalast muss ein prachtvoller Bau gewesen sein, wie zeitgenössische Autoren  berichten. Ihre besondere Bewunderung erregten der Thronsaal (Aula Regia) und der Innenhof in Form eines Peristyls sowie der den Schutzgöttern des Hauses gewidmete Raum, das Lararium. Und alles soll, erzählt Sueton, mit spiegelnd poliertem Marmor ausgekleidet gewesen sein.

Unteres Peristyl mit Brunnenanlage

Vor der Südwestecke des Palastareals stand einst der Apollo-Tempel, von dem nur noch die Basis übrig blieb. Kaiser Augustus ließ ihn errichten und mit Säulen aus farbigem Marmor und Statuen berühmter griechischer Meister ausstatten. An das Podium des Tempels lehnte sich das Haus des Augustus an, ein unscheinbarer Bau, denn der Kaiser liebte es schlicht. Sein fensterloses Privatstudio von nur 3,5 X 3,5 m Fläche war sein Rückzugsort. Fresken, von denen es heißt, sie zählten zu den besten der Antike, umgaben ihn in seiner zellenartigen „Denkfabrik“.

Fresken, Palatin, Rom

Antikes Fresko
Foto: © Mirek Hejnicki - Fotolia.com

Das Haus der Livia, der Frau des Augustus, bildet einen Flügel des Augustus-Hauses. Einen Innenhof mit Mosaikboden umgeben vier Räume, die großartige Fresken zeigen. Ein Teil von ihnen, die wunderbar erhaltene Darstellung eines antiken römischen Gartens voller Blüten und Vögel, wurde von den Wänden gelöst und bekam unter besseren klimatischen Bedingungen ein neues Zuhause im Palazzo Massimo, der zum Museo Nazionale Romano gehört. Ein Kryptoportikus genannter 130 m langer überwölbter Gang mit kunstvollen Stukkaturen an der Decke verband die einzelnen Palastkomplexe miteinander u. a. auch das Haus der Livia, in dessen Nähe ein besonders verehrungswürdiges Areal lag, das die Erinnerung an die Gründungszeit Roms lebendig hielt: Die mit Stroh gedeckte Hütte des Romulus, die gehegt und gepflegt wurde, aber später verschwand. Heute sind hier (überdacht) die Spuren jener eisenzeitlichen Hütten zu sehen, die 1948 freigelegt wurden. Gleich daneben erhebt sich ein kleiner Hügel aus Kies und Ziegelsteinen. Das ist alles, was von dem Tempel der Kybele übrig blieb, einer archaischen Muttergottheit, deren Verehrung in Kleinasien weit verbreitet war. Der Kybele-Kult war die erste orientalische Religion, die in Rom Fuß fassen konnte.

(Zugang von der Via di San Gregorio oder direkt vom Forum Romanum)

 

 



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