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Reiseführer Rom


Spanische Treppe


Manche, so wird berichtet, reisen allein der großartigen Treppe wegen nach Rom. Wer einmal den sanft ansteigenden „heiteren Flanierweg“ beschritten hat, den wird das nicht weiter verwundern und auch nicht die Feststellung des römischen Chronisten Mauro Lucentini, es gehe hier um nicht weniger als „eine der szenographischsten städtebaulichen Anlagen der Welt“. Im bunten Gedränge der Einheimischen und Touristen bleibt die elegante Linienführung des in den Hang des Pincio wunderschön eingepassten Treppenkunstwerks leider allzu oft unentdeckt: der ständige Wechsel von Formen, Richtungen und Aussichten, die kleinen, die Stufenfolge unterbrechenden Podeste und die großflächigen Terrassen, die mal konvex, dann wieder konkav zurück schwingenden Stufen, hier die ganze Breite der Anlage einnehmend, dort als schmale seitliche Treppenläufe nach oben strebend.

Spanische Treppe in Rom

Foto © fabiomax - fotolia.com

Der schnöde Zweck, zwischen Hügel und Platz vermitteln zu sollen, ist eine Sache. Eine andere ist ihre Funktion als Bühne eines nur für wenige Nachtstunden unterbrochenen Straßentheaters, das jeden mit einbezieht, sei er nun Römer oder Zugereister. Hier lässt es sich gut bella figura machen beim leichtfüßigen Hinabschreiten über die flachen Travertinstufen, auf denen andere sich schon niedergelassen haben, um ihre müden Füße auszuruhen und die Wasserflasche kreisen zu lassen, die unten am Barcaccia-Brunnen wieder neu gefüllt wird. Reisegruppen rücken zusammen und besprechen die nächste Tour, während auf dem obersten Podest junge Männer aus Südostasien auf einem flüchtig ausgebreiteten Tuch „garantiert echte“ Gucci-Taschen anbieten, um alles blitzschnell zusammen zu raffen, wenn ihnen ihr Aufpasser eine Polizeistreife signalisiert. Abends umarmen sich Liebespaare und am frühen Morgen blinzeln Nachtschwärmer in die aufgehende Sonne. Die Stimmung ist gut auf den warmen Stufen, es geht entspannt zu, Kameras und Handys, telefonino nennen es die Italiener, sind in vollem Einsatz, aber auch ihn gibt es, der angestrengt in seinem Baedeker blättert, um endlich zu klären, warum sie denn „Spanische Treppe“ genannt wird und was die Franzosen sich dabei dachten, als sie den Bau finanzierten.
Im Mai schmückt ein Meer von Azaleen die Treppe und im Sommer jagen sich hochkarätige Events auf ihren Stufen: auf Ausstellungen folgen Modeschauen mit den neuesten Kreationen der Alta Moda und Spitzentenöre ziehen Tausende begeisterte Zuhörer an. An Weihnachten wird auf dem unteren Podest eine Krippe aufgestellt.

Oberer Teil der Spanischen Treppe mit Obelisk und Kirche Trinitá dei MontiAuf der Piazza di Spagna, an der Einmündung der Via dei Condotti, öffnet sich eine phantastische Blickachse mit dem Barcaccia-Brunnen des Bernini-Vaters im Vordergrund, gefolgt von dem aufsteigenden Stufenwerk der Spanischen Treppe, die überragt wird von dem Obelisk, hinter dem sich die Glockentürme der Kirche Trinità dei Monti erheben. Der Spanische Platz (Piazza di Spagna) wurde nach der hier schon im 17. Jahrhundert    ansässigen Spanischen Botschaft beim Heiligen Stuhl benannt und so begrüßten die Bürger des Stadtviertels kurzerhand die vom Platz abgehende neue Treppe als „Spanische Treppe“ und dabei blieb es, auch wenn sie in offiziellen Verlautbarungen als Scalinata della Trinità dei Monti geführt wird.
Über Sehenswertes an und auf der Piazza wird an anderer Stelle berichtet.

Richten wir jetzt für einen Moment den Blick auf die Planungs- und Baugeschichte der Treppe, die sich wie so oft in Rom quälend lange hinzog und in diesem besonderen Fall auch noch mit politischen Verwicklungen zu kämpfen hatte. Involviert waren die
konkurrierenden Weltmächte Frankreich und Spanien sowie der Heilige Stuhl.
Spanien und Frankreich hatten sich schon frühzeitig in dieser Gegend Grundstücke gesichert, die Franzosen oben am Pincio, die Spanier unten am Platz. Hier pflegte man ausgiebig seine nationalen Eitelkeiten, beobachtete misstrauisch die Aktivitäten des anderen, arbeitete an der Verschönerung „seines“ Territoriums. Mazarin etwa, Frankreichs „graue Eminenz“, Kardinal und Minister, schlug eine repräsentative Treppe vor, die den mit Büschen bestandenen und von Trampelpfaden überzogenen Hang hinauf zu den französischen Institutionen (Kirche, Kloster) führen sollte. Dazu wurden vier Entwürfe eingereicht, auch Bernini war beteiligt. Alle gipfelten in einer Reiterstatue des französischen Königs Ludwig XIV. Eine derart unverfrorene Herrschaftsdemonstration eines ausländischen Machthabers mitten in Rom empfand der Heilige Stuhl als blanke Provokation. Mazarin gab schnell nach und erklärte die Sache für erledigt. Doch die interessierten französischen Kreise in Rom und auch die nachfolgenden Päpste  verfolgten das Projekt weiter. Wie zu erwarten war, kam es angesichts der Prestigeträchtigkeit der Anlage zum Eklat, als die Franzosen „ihren“ Hausarchitekten Francesco de Sanctis mit dem Projekt beauftragt sehen wollten, während die päpstliche Straßenbaubehörde ihren eigenen Baumeister, Alessandro Specchi, durchsetzten wollte. Geschlagene zwei Jahre tobte der Streit, dann lenkte der Papst ein, auch weil de Sanctis so manche Überlegungen des Konkurrenten Specchi in seine Planungen übernommen hatte. Nun ging alles ganz schnell. Schon drei Jahre später (1726) war die Anlage fertig.

Sie folgte im wesentlichen den von Specchi und de Sanctis rezipierten Vorstellungen des jüngeren Bernini, der in Abkehr von den orthogonalen Treppenkonzepten des 16. Jahrhunderts geschwungene Rampen favorisierte, Plätze zum Verweilen, geteilte Treppenläufe, Vegetation seitlich der Treppe.
Der kompakte untere Abschnitt mit dreimal zwölf Stufen wird durch zwei niedrige Sitzmäuerchen dreifach geteilt. Es schließt eine schmale Terrasse an, der zwölf schwungvolle, über die ganze Breite ausgreifende Stufen folgen. Hat man die oberste Stufe erreicht, öffnet sich eine Terrasse, die eine Stützmauer begrenzt. Darüber, über zwei seitliche Treppenläufe zu erreichen, erstreckt sich der obere, größere Teil der Terrasse. Die Treppenanlage erreicht hier ihre größte Breite, während die folgenden zweimal zwölf Stufen die Treppe wie eine Wespentaille auf die geringste Breite verengen. Man steht nun auf dem obersten Podest und erreicht über zwei nach links und rechts weit ausgreifende Läufe von jeweils dreimal zwölf Stufen den Platz vor der Kirche Trinità dei Monti.
Die Treppenanlage ist etwa 80 m lang. Ihre größte Breite erreicht sie mit 54 m. Zwischen oben und unten liegt ein Höhenunterschied von etwa 20 m.

Dass die von vielen Autoren hervorgehobene allseitige Einsehbarkeit der Treppe nicht allein auf künstlerisch-ästhetischen Überlegungen fußt, erfahren wir von dem Architekten Francesco de Sanctis selbst: die Treppe werde so gebaut, „dass sie von überall her zu überblicken ist, da die Ehrwürdigen Väter (der Trinità) mich darauf aufmerksam gemacht haben, dass auf diesem buschbestandenen Hang grobe Verstöße gegen die Sittlichkeit begangen werden von Paaren, die hier die Heimlichkeit suchen.“

Kaum waren die Bauarbeiten abgeschlossen, brachte sich Spanien mit einer Machtdemonstration in Erinnerung. Unerwünschte Besucher wurden von spanischen Wachsoldaten brutal von der Treppe vertrieben, denn schließlich sei das ihr „Schutzgebiet“, wo allein ihnen die Polizeigewalt obliege. Proteste halfen nichts, die Spanier bekamen Recht – für eine gewisse Zeit.

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