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Reiseführer Rom


Gian Lorenzo Bernini

Es geschah in Rom in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Stadt am Tiber war Europas Zentrum der Künstler, Sammler und Mäzene. Als größter schöpferischer Geist jener Epoche veränderte Gian Lorenzo Bernini das Gesicht der Stadt. Schon von seinen Zeitgenossen wurde er als „neuer Michelangelo“ gefeiert und spätere Bewunderer verliehen ihm die Auszeichnung „Erfinder des barocken Rom“.

Die katholische Kirche war seinerzeit dabei, nach dem Schock der Reformation wieder Fuß zu fassen. Unter dem Eindruck der Reformbeschlüsse auf dem Konzil zu Trient einigte man sich in der Kirchenführung darauf, in einer offensiv geführten Auseinandersetzung die Lehren der Reformation einzudämmen und Territorien zurückzugewinnen, die sich dem Protestantismus geöffnet hatten. Diese als Gegenreformation in die Geschichte eingegangene Bewegung bediente sich dabei auch künstlerischer Mittel. Überwältigende Sakralbauten und mitreißende Kunstwerke sollten die Machtstellung von Kirchenfürsten und weltlichen Herrschern glorifizieren. Den Gläubigen wollte man Glanz und Größe anschaulich machen, sie durch die expressive Gestaltung der Werke gefühlsmäßig ansprechen, ihnen das Erlösungsversprechen der Kirche eindringlich vor Augen führen. Unter Roms Künstlern fanden die Bestrebungen der Kirche ein positives Echo, waren sie doch selbst auf der Suche nach einer „neuen Ganzheitlichkeit von Form und Ausdruck“, die eine starke, die Betrachter emotional anrührende szenische Wirkung hervorbringen sollte. Alles was damals in Rom auf dem Feld der Architektur und Malerei Rang und Namen hatte, ließ sich auf das Zusammenspiel mit den herrschaftlichen Auftraggebern ein, hervorstechend dabei allein schon durch die enorme Zahl seiner Werke und seine überragende Könnerschaft: G. L. Bernini.


Früher Ruhm

Bernini entstammte einer Künstlerfamilie. Sein Vater Pietro zog aus der Umgebung von Florenz nach Neapel und übersiedelte 1606 nach Rom, wo er Statuen, Büsten und Grabmäler schuf und den berühmten Brunnen mit dem leckgeschlagenen Boot, die Fontana della Barcaccia, am Fuße der Spanischen Treppe. Ob sein 1598 geborener Sohn Gian Lorenzo schon in ganz jungen Jahren für ihn arbeitete – er soll sieben oder acht gewesen sein – sei dahingestellt. Gesichert aber sind frühe Werke von ihm aus Teenagerjahren und auch seine erste offizielle Anstellung ist dokumentiert. Er war damals 19 Jahre alt und arbeitete mit seinem Vater im Auftrage des Kardinals Maffeo Barberini an der Ausstattung von dessen Familienkapelle. Barberini, der spätere Papst Urban VIII., war einer von acht Päpsten, in deren Diensten Bernini tätig wurde. Der erste war Paul V. aus dem Hause Borghese, für den er als noch nicht Zwanzigjähriger eine Portraitbüste schuf.

Seine Begegnung mit einem anderen Borghese, Scipione B., wurde zu einem einschneidenden Erlebnis. Der Kardinal betätigte sich als großzügiger Mäzen und leidenschaftlicher Sammler von Kunstwerken. Seine Gemäldesammlung, heute in der Galleria Borghese, zählt zu den kostbarsten Kollektionen der Welt. Im Auftrag des Kunstliebhabers Scipione Borghese entstanden einige der berühmtesten Skulpturengruppen Berninis wie „Aeneas und Anchises“, „Raub der Proserpina“, „David“, „Apoll und Daphne“, mit denen er seinen Ruf als bedeutendster Bildhauer Roms begründete. Er zeigte mit seinen Werken seine große Begabung, dem Marmor eine ungewohnte Leichtigkeit zu verleihen und die Gemütsbewegungen seiner Figuren zum Ausdruck zu bringen. Er vermochte selbst die kleinsten anatomischen Details festzuhalten, hatte aber schon in jungen Jahren erkannt, dass bloße Ähnlichkeit nicht genüge, vielmehr gelte es auszudrücken, „was in den Köpfen der Helden vorgeht“. Um den Charakter seiner Portraitierten zu erfassen, fertigte er unzählige Zeichnungen an und schnell hingeworfene Karrikaturen.

Papst Gregor V. war Berninis nächster Auftraggeber. Er hielt den Pontifex in mehreren Portraitbüsten fest, aber viel Zeit blieb nicht, denn Kardinal Borghese hatte ihn mit Beschlag belegt. Bernini war jetzt 22 Jahre alt und in Anerkennung für seine frühen Werke zum Ritter des Christusordens geschlagen worden.

Fontana della Barcaccia

Auf dem Höhepunkt

Er genoss die freundschaftlichen Beziehungen zu Maffeo Barberini, der noch am Tage seiner Wahl zum Papst den Künstler zu sich gerufen haben soll, um ihm zu eröffnen: „Groß ist Euer Glück, Cavaliere, den Kardinal Barberini als Papst Urban VIII. zu sehen. Aber noch weit größer ist unser Glück, dass der Cavaliere Bernini während unseres Pontifikats lebt.“ Es begann eine Phase prall gefüllt mit Aufträgen. Berninis Karriere strebte ihrem Höhepunkt entgegen. Er beherrschte brillant die Bildhauerei und vervollkommnete sich auch in der Malerei und Baukunst. Die erste Arbeit des Universalkünstlers für den St. Peter, der monumentale Baldachin für den Papstaltar über dem Grab Petri, geriet zu einer viel bewunderten Konstruktion, in der Skulptur, Architektur und Malerei zu einer Einheit verschmelzen. Noch bevor der Baldachin 1633 eingeweiht wurde, erhielt Bernini den Auftrag, die Vierungspfeiler von St. Peter für die Aufstellung von vier Kolossalstatuen zu gestalten. In den Vierungspfeilern werden die Reliquien der Heiligen Andreas, Helena, Longinus und Veronica verwahrt. Die Statue des Longinus stammt von Bernini. Dazu später mehr.

1629 trat Bernini die Nachfolge des renommierten Architekten Carlo Maderno bei der Fertigstellung des Palazzo Barberini an. Dabei traf er mit Francesco Borromini zusammen, der ihm schon bei der Gestaltung des Baldachins geholfen hatte, damals noch friedlich, jetzt aber in einer angespannten Atmosphäre, denn im Laufe der Jahre hatte sich eine hasserfüllte Rivalität zwischen ihnen aufgebaut, die eigentlich eine Zusammenarbeit unmöglich machte, hätte nicht der Papst die beiden zu einem friedlichen Miteinander verdonnert.

Vierströmebrunnen

Der kleine, hagere Gian Lorenzo galt als Hitzkopf. Er war sehr eigenwillig und oft jähzornig, konnte plötzlich umschwenken und dann war er überraschend umgänglich und ein gesuchter Gesprächspartner und gegenüber seinen päpstlichen Vertrauten sowieso stets fügsam. In der Zeit, als er mit der Errichtung des Baldachins beschäftigt war, tat sich in seinem Privatleben einiges. Er hatte eine Geliebte. Sie war die Frau eines seiner Mitarbeiter. Costanza Bonarelli war eine schöne Frau, die auch andere Männer anzog, darunter seinen jüngeren Bruder Luigi. Als die Liaison aufflog, war Gian Lorenzo außer sich, verfolgte seinen Bruder mit einer Eisenstange quer durch die Stadt bis sich der Ertappte in Santa Maria Maggiore in Sicherheit bringen konnte. Die Schöne ließ der eifersüchtige Liebhaber durch seinen Diener im Gesicht verunstalten, wofür er sich vor Gericht verantworten musste, das ihn zur Zahlung von 3.000 Scudi verurteilte. Die Frau ließ ihn offenbar nicht los. Er gestaltete eine Büste der Costanza (heute im florentinischen Museo Nazionale del Bargello), sein einziges Werk ohne Auftrag und nur für ihn ganz allein und nach damaligen Vorstellungen eigentlich nicht statthaft, da marmorne Portraitbüsten allein kirchlichen Würdenträgern und weltlichen Herrschern vorbehalten waren. Dem Papst missfiel die Geschichte und so drängte er Bernini, endlich (er war Ende dreißig) zu heiraten. 1639 war es soweit: Caterina Tezio gab das Jawort und stimmte seiner Bedingung zu, „seine Natur ertragen zu wollen, die nicht einfach sei und auch nicht normal“. Sie wurde Mutter von nicht weniger als elf Kindern.

1640 vollendete er die Fontana del Tritone. Zwei Jahre zuvor hatte er mit dem Bau eines der beiden Glockentürme von St. Peter begonnen, einem waghalsigen Unterfangen, wie sich zeigen sollte, mit dem er eine optische Nachbesserung der übergroßen Front der Kirche erreichen wollte und zugleich einen angemessenen Rahmen für Michelangelos Kuppel.

Palazzo Barberini

Widrigkeiten und neue Triumphe

Man begann mit dem Bau des Südturms, musste aber bald feststellen, dass sein Gewicht den Fundamenten zusetzte und Risse verursachte. Nach einigem Hin und Her ließ die Baukommission zu Berninis großer Enttäuschung den Turm abreißen. Die Geschichte mit den Türmen setzte ihm arg zu. Seine Neider rieben sich die Hände, sein Ruhm geriet ins Wanken und kurzzeitig blieben die Aufträge aus. Besonders beliebt war er unter seinen Kollegen nicht, die ihm seine Vorrangstellung neideten und darunter litten, wie er seine Interessen rigoros durchsetzte, wozu der Maler und Kunstschriftsteller Giovanni Battista Passeri drastisch anmerkte: „Er stellte sicher, dass kein anderer nach den goldenen Äpfeln päpstlicher Gunst greifen konnte. Er spie Gift in alle Richtungen und pflanzte bösartige Dornen entlang des Weges zum reichen Lohn.“

Ein weiterer Zwischenfall wirft ein bezeichnendes Licht auf das angespannte Verhältnis zwischen dem Papst-Günstling und seinen Künstlerkollegen. Es war schon die Rede von den Vierungspfeilern im St. Peter. Bernini hatte die Statue des Longinus geschaffen und sein Kollege Francesco Mochi die der hl. Veronica. Während der Arbeiten wurden Risse in der Peterskuppel entdeckt und Bernini verdächtigt, bei der Vergrößerung der Nischen in den Vierungspfeilern die Statik nicht beachtet zu haben, was den Riss in der Kuppel verursacht habe. Bernini war empört. Doch der von ihm ständig drangsalierte Mochi konnte es ihm „geben“. Bei der Vorstellung der Veronica war auch Bernini anwesend und wandte sich in gespielter Höflichkeit an Mochi: „Ein sehr schönes Werk, Meister Mochi, wirklich, sehr ansprechend. Aber sagen sie mir doch bitte eines: Wo kommt eigentlich der Wind her, der das Kleid der Heiligen in so unerklärlicher Weise nach hinten weht?“ Darauf Mochi: „Nun, Cavaliere, es wundert mich denn doch, dass ich das gerade Euch erklären muss: aus den Rissen natürlich, die in der Kuppel aufgetreten sind!“ Es heißt, man konnte nur mit Mühe Bernini davon abhalten, auf Mochi loszugehen.

Bernini war gut vernetzt in der römischen Gesellschaft, verfügte wie kein anderer über vertrauliche Beziehungen in höchste Kirchen- und Adelskreise. So blieb seine Schwächephase nur eine kurze Episode und selbst der anfänglich abweisende Papst Innozenz X., ein Spross der Pamphili-Familie, wurde zu einem Bernini-Fan. In seinem Auftrag entstand auf der Piazza Navona unter der Regie Berninis der Vierströmebrunnen. Er schuf Portraitbüsten des Papstes, die heute in der Galleria Doria-Pamphili im gleichnamigen Palazzo ausgestellt sind und für die Cornaro-Kapelle in der Kirche Santa Maria della Vittoria entwarf er die Statuengruppe „Die Verzückung der hl. Theresa“, die damals wie heute Aufsehen erregt wegen ihrer profanen Sinnlichkeit.

Während des Pontifikats von Alexander VII. (1655-1667), einem Mann mit ausgeprägter Bauleidenschaft, war St. Peter Berninis Hauptarbeitsfeld. Die Gestaltung des Petersplatzes mit seinen Säulenreihen, die den ovalen Platz umfangen, geriet zu seinem architektonischen Meisterwerk. Und noch eine geniale Idee konnte er an dieser Stelle einbringen: die Anlage des trapezoiden Kirchenvorplatzes verkürzte optisch die zu breit gelagerte Fassade, die Carlo Maderno dem St. Peter vorgesetzt hatte. In der Hauptapsis entstand etwa zur gleichen Zeit die Cathedra Petri, ein Monument aus vergoldeter Bronze, worunter sich eine Reliquie verbirgt, der Legende nach der Lehrstuhl von Simon Petrus, des ersten Bischofs von Rom.

Berninis Elefant

Sein letztes großes Bauwerk, wo er nochmal alle Register seines Könnens zog, war die Kirche Sant`Andrea al Quirinale, die sehr viel später dem italienischen Königshaus bis 1946 als Hofkirche diente. Zu den berühmten Spätwerken Berninis zählt der kecke Elefant, der den Dominikanern an der Piazza Santa Maria sopra Minerva sein faltiges Hinterteil entgegenstreckt, die Engelsfiguren gehören dazu, die seit 1669 die Engelsbrücke schmücken und die dramatische Darstellung der Beata Ludovica Albertoni in dem Moment ihres Todes (in der Kirche San Francesco a Ripa) sowie das Grabmal für Alexander VII. in St. Peter.

Bernini starb 1680. Sein Bodengrab vor der Apsis in Santa Maria Maggiore trägt die Aufschrift: „Eine Zierde der Künste und der Stadt, ruht er hier demütig.“

Berninis Grab

 

 



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