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Reiseführer Rom


Via Giulia

Die einen Kilometer lange, schnurgerade Straße ist ein städtebauliches Glanzstück der Hochrenaissance. Ihr Initiator war Papst Julius II., ein mit außerordentlicher Entschlusskraft und beachtlichem Kunstverständnis ausgestatteter Visionär, dessen schockierende dunkle Seiten ihm den Beinamen il pontefice terribile einbrachten. In den zehn Jahren seines Pontifikats (1503-1513) rief er die berühmtesten Künstler seiner Zeit nach Rom. Er förderte sie großzügig, verlangte aber auch von ihnen nicht weniger als die Umgestaltung Roms in Italiens unangefochtenes Zentrum mit europäischen Ambitionen. Michelangelo folgte seinem Ruf 1505 und blieb bis an sein Lebensende in Rom. Bramante war schon vor Ort und arbeitete an den Entwürfen für die Via Giulia. 1508 kam Raffael und wenig später gesellten sich Baldassare Peruzzi und die Brüder Antonio und Giuliano da Sangallo hinzu.

 

Früher galt sie als eine der schönsten Straßen Roms. In neuerer Zeit, besonders im Zuge der Umgestaltung zur Hauptstadt nach 1870, kam es zu vielen Eingriffen in die alte Bausubstanz mit nicht immer ansehnlichen Folgen. Von der alten Grandezza der Via Giulia ist dennoch viel geblieben. Die noblen Palazzifronten und prachtvollen Kirchenfassaden lohnen den Besuch. Eine geruhsame Besichtigungstour führt über die Buckel des alten Kopfsteinpflasters hinweg, an dem sich der kleine Elektrobus der Linie 116 heftig schwankend abarbeitet. Die Giulia ist eine ruhige Straße. Von den berüchtigten römischen Autofluten und Motorrollergeschwadern wird sie nicht berührt. 

Antiquitätengeschäfte, Kunstgalerien und die Werkstätten von Möbelrestauratoren sind auffallend häufig vertreten, dagegen ist das gastronomische Angebot eher bescheiden.
Früher ging es lebhafter zu. Die dicht bevölkerte Gegend hatte endlich ihre Prachtstraße und besaß nun eine Anbindung an den Ponte Sisto, der nach Trastevere hinüber führte. Die drei Brücken zwischen Ponte Sisto und Ponte Sant`Angelo, die heute den Zugang zum jenseitigen Tiber-Ufer ermöglichen, gab es damals noch nicht. Aber geplant war offensichtlich, den antiken, in Trümmern liegenden Pons Neronianus zu restaurieren und auf diese Weise die Via Giulia mit dem Vatikan zu verbinden. Doch die Pläne verliefen im Sande.

In ihrer großen Zeit war die Via Giulia eine gern aufgesuchte Promenade. Prozessionen fanden statt und selbst Wettrennen – so ähnlich wie auf dem Corso. Überliefert ist ein Rennen nackter Buckliger während des Karnevals des Jahres 1600. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte die glanzvolle Zeit der Vergangenheit an. Andere Stadtteile kamen in Mode. Das Erlöschen urbanen Lebens in diesem Teil der Stadt nahm auch Emile Zola auf seinen Streifzügen wahr und hielt in Band 1 seines 1896 erschienenen Romans „Rom“ fest: „Der Wagen fuhr beinahe die ganze Straße entlang, inmitten der alten, grauen, wie schlafend und leer aussehenden Häuser mit den großen, vergitterten Fenstern und den tiefen Vorhallen, durch die man in düstere, brunnenähnliche Höfe blicken konnte (…) Man merkte noch jetzt, dass hier einst das elegante Viertel war; nun war es der Stille und Einsamkeit der Vernachlässigung anheimgefallen und von einer Art klerikaler Ruhe und Verschwiegenheit erfüllt.“

Fontana del Mascherone

Fontana del Mascherone

Der Riesenbau des Palazzo Falconieri aus dem 17. Jahrhundert (Hausnr. 1) verfügt über eine Fassade von Francesco Borromini, die weibliche Torsi mit Falkenköpfen zeigt. Seit 1927 ist der Palazzo Sitz der Ungarischen Akademie. „Das kleine viereckige Pflaster des Fahrwegs – ein Trottoir gab es nicht“ (E. Zola) führt uns am südlichen Ende der Giulia vor einen phantasievollen Brunnen, die Fontana del Mascherone (2), einem Maskaron oder Fratzengesicht über einem grazilen Granitbecken, darunter eine massive Steinwanne und das ganze Ensemble gekrönt von der farnesischen Wappenlilie. Die Farnese-Familie in ihrem Palazzo gegenüber ließ ihn 1626 errichten und nach alten Erzählungen soll anlässlich großer Straßenfeste auch mal Wein statt Wasser aus dem geöffneten Mund des Mascherone gesprudelt sein.
Auch der nun im Blickfeld liegende Brückenbogen aus dem Jahre 1603 trägt das Wappen der Farnese. Er wird Michelangelo zugeschrieben. Nach allem, was man weiß, sollte die Brücke den gewaltigen farnesischen Palazzo-Kubus  mit einem anderen Farnese-Besitz auf der gegenüber liegenden Tiberseite, der Villa Farnesina, verbinden. Warum nur dieser kurze Abschnitt gebaut wurde, ist nicht bekannt.
     
Nach dem Bogen des Michelangelo folgt die mit Todessymbolen und der grausigen Mahnung „Heute ich, morgen du“ versehene Fassade der Kirche Santa Maria dell`Orazione e Morte (3). Sie ist im Besitz der gleichnamigen Bruderschaft, die sich in den vergangenen Jahrhunderten um „die armen Toten, die auf freier Flur gefunden werden“ kümmerte, wie eine Inschrift verrät. Die Skelette sind in einer modrigen Krypta verwahrt.
Die Straße hinunter, führt rechter Hand eine kurze Abzweigung auf die Piazza de Ricci, wo der schöne Renaissance-Palazzo Ricci (4) mit den Fresken seiner Fassaden überrascht. Sie sind ein Werk des Malers Polidoro da Caravaggio aus der Zeit um 1525 – entsprechend verblasst sind inzwischen die Darstellungen der Menschengruppen.

Armenische Kirche

Armenische Kirche

So gar nicht in das Renaissanceflair der Via Giulia wollen die nüchternen Fronten der Carceri Nuove passen. Die „neuen Gefängnisse“ an der Via Giulia Nr. 52 entstanden Mitte des 17. Jahrhunderts auf  Anweisung von Papst Innozenz X. Sie waren die ersten einigermaßen humanen Gefängnisse der Welt mit Einzelzellen, Beratungsräumen, Kapellen. Sie ersetzten die grauenhaften Kerker der Vergangenheit. Die Carceri grenzen an die kleine Kirche San Biagio degli Armeni mit armenischen Schriftzeichen über dem gerahmten Fresko. Sie ist seit 1836 die Kirche der armenischen Gemeinde in Rom.
Dann laden die „Sofas der Via Giulia“ zu einer kurzen Rast ein. Es handelt sich um enorme Quadersteinblöcke, Überbleibsel eines Projekts, das nicht über sein Anfangsstadium hinaus kam, nachdem sein Auftraggeber, Julius II., 1513 gestorben war und im Jahr darauf auch sein Architekt Donato Bramante. Geplant war, an diesem Ort alle römischen Gerichtshöfe zu einem riesigen Komplex, dem Tribunals-Palast, zusammenzufassen. Er sollte Curia Iulia heißen, einmal um sich selbst zu verewigen, zum anderen in Anlehnung an die Curia Iulia, den Sitz des antiken römischen Senats am Forum Romanum.  Auf den mächtigen Fundamenten aus Travertinblöcken entstand ein später aufgelöstes Kloster und auch ein kleines Hotel hat sich hier niedergelassen.
Palazzo Sacchetti, die Nr. 66 der Via Giulia, ein mächtiger, etwas strenger Bau mit vergitterten Fenstern im Erdgeschoss, zählt zu den bedeutendsten Palazzi der Straße. Eine Inschrift an der Fassade verweist auf Antonio da Sangallo als Erbauer (1543), doch Zweifel bleiben. Andere Architekten, darunter Nanni di Baccio Bigio bauten den Palast aus, Künstler wie Francesco Salviati schmückten die Salons mit herrlichen Fresken. 1660 legte Carlo Rainaldi im Garten ein Nymphaeum an. Damals schon gehörte der Palast den florentinischen Marchesi Sacchetti, deren Nachfahren noch heute hier wohnen.

Sofas der Via Giulia

Die Sofas der Via Giulia


Für Emile Zola war der Palazzo das Vorbild für den „Boccanera-Palast“, in dem große Teile seines Romans spielen.
„Das regelmäßige, vom Alter geschwärzte, kahle und massive Haus machte ihn etwas beklommen (…) Die Fassade, gegen die Straße zu ungeheuer breit und viereckig, bestand aus drei Stockwerken; das erste Stockwerk war sehr hoch, sehr vornehm. Statt jeden Schmucks ruhten die hohen, wohl aus Furcht vor einer Belagerung mit ungeheuren, vorspringenden Gittern versehenen Fenster des Erdgeschosses auf großen Konsolen...“

In eine tragische Geschichte war der Palazzo viele Jahrzehnte später verwickelt. Ingeborg Bachmann lebte hier seit Ende 1971. Zehn Jahre zuvor hatte sie schräg gegenüber in Nr. 101 mit Max Frisch eine schwierige Zeit erlebt, war aus Rom weggegangen, um Jahre später zurückzukehren und eine Wohnung im Sacchettti zu beziehen. Hier ereignete sich jener furchtbare Brandunfall, an dessen Folgen sie im Oktober 1973 im römischen Krankenhaus Sant`Eugenio verstarb.

Palazetto Farnesiano

Farnese-Wappen am Palazzetto Farnesiano

Der Palazzetto Farnesiano gegenüber mit der Nummer 93 trägt gleich drei dekorative Wappen der Farnese-Familie. Wer der Besitzer des kleinen Palastes war, ist umstritten. Angeblich soll es Kardinal Durante Duranti gewesen sein, der Liebhaber der Costanza Farnese, Tochter von Papst Paul III.
  
Über dem Balkon im zweiten Stockwerk des unscheinbaren Hauses Nr. 85 verweist die Inschrift RAF. SANZIO auf den großen Maler und Architekten Raffael, der eigentlich Raffaello Sanzio hieß und hier im Jahre 1520 lebte.
    
Gleich neben dem Sacchetti-Palast errichtete Antonio da Sangallo der Jüngere im 16. Jahrhundert für sich selbst einen ansehnlichen Palast. Später ging der Palazzo Medici Carelli in den Besitz von Cosimo de`Medici über – eine Inschrift-Tafel an der Fassade erinnert an ihn – der hier die Vertretung des Großherzogtums Toskana standesgemäß unterbrachte. Dann wurden die Carelli Eigentümer, schließlich übernahm die Stadt Rom den Bau und machte ihn zum Sitz des 1° Municipio di Roma.

San Giovanni dei Fiorentini

San Giovanni dei Fiorentini

Als Abschluss der Tour durch die Giulia erwartet uns noch ein besonders faszinierender Kirchenbau. San Giovanni dei Fiorentini (5) war die „Nationalkirche“ der Florentiner in Rom, einer großen und einflussreichen, überdies wohlhabenden Gemeinde, die besonders im Bankgewerbe und hier zu Diensten der kredithungrigen Päpste tätig war. Ihre Kirche vereinte alle bedeutenden Architekten der Zeit von Raffael über Peruzzi, da Sangallo, Sansovino bis zu Vignola, Michelangelo, della Porta und Maderno. Die Fertigstellung der dreischiffigen Pfeilerbasilika zog sich endlos hin, verschlang Unsummen, hatte mit technischen Problemen zu kämpfen, auch mit Geldmangel, jedenfalls waren Baustopps fast schon die Regel. Die 1520 begonnenen Bauarbeiten endeten 1614, die Fassade aus Travertingestein konnte aber erst 1733/34 vorgeblendet werden.
Auch bei der Ausgestaltung der Innenräume war die römische Künstlerprominenz vertreten: Alessandro Algardi etwa und der Barockstar Gian Lorenzo Bernini und dessen ewiger Widersacher Francesco Borromini. Letzterer verzweifelte an seiner vermeintlichen Unterlegenheit und nahm sich das Leben. Seine sterblichen Überreste birgt das Grab (eine mehr als ungewöhnliche Lösung!) des Carlo Maderno in eben dieser Kirche. Vermutlich weil Selbsttötung seinerzeit geächtet war, ist sein Name auf dem Grabstein nicht vermerkt. Erst in neuester Zeit wurden in der Kirche Gedenktafeln für ihn angebracht.

(Die Via Giulia verläuft parallel zum Tiber zwischen den Brücken Ponte Principe Amedeo di Savoia und Ponte Sisto)

 

 


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