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Reiseführer Rom


Der Tiber

Für Roms Kaiser Diokletian war er der „Vater aller Gewässer“. Er verband die Metropole mit dem Meer und erleichterte auf seinen Uferstraßen Transporte in den bergigen Norden. Lastkähne voller -Luxusgüter aus aller Herren Länder oder mit dem Raubgut unterworfener Völker beladen, machten in den Stadthäfen fest. Doch Ostia, die Vorstadt direkt am Meer, bot bessere Bedingungen und blieb wichtigster Umschlagplatz für Rom. Die Kanalisierung des Tiber Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete für die städtischen Häfen das endgültige Aus. Nach den schrecklichen Erfahrungen der Vergangenheit war man jetzt fest entschlossen, die periodischen Überschwemmungen großer Teile des historischen Zentrums in einem beispiellosen Kraftakt ein für alle Mal abzustellen. Bis zu dreizehn Meter hohe Seitenwände aus gewaltigen Steinquadern begrenzen seitdem das Flussbett und verhindern ein Ausbrechen. Neben zahllosen alten Wohnquartieren am Flussufer blieben freilich auch die städtischen Häfen auf der Strecke. Aber die Römer konnten aufatmen. Selbst bei höchsten Pegelständen blieben die tiefer gelegenen Stadtteile von nun an trocken.

Von den Höhen des Apennin zum Tyrrhenischen Meer

Am Monte Fumaiolo im nördlichen Apennin, wo mit der Emilia-Romagna, den Marken, der Toskana und Umbrien gleich vier historischen Landschaften zusammentreffen, entspringen seine beiden Quellen. Der Geburtsort des Tiber liegt weit über tausend Meter hoch im Schatten alter Buchen. Er zwängt sich durch Felsschluchten und erreicht mit Pieve Santo Stefano die erste Ortschaft. Oberhalb hat sich die Siedlung Caprese, wo Michelangelo geboren wurde, um eine Burg geschart und fast in Sichtweite liegt die von Gläubigen verehrte Erhebung von La Verna. Hier soll Franziskus im September 1224 die Wundmale Christi empfangen haben. Weiter südlich durchfließt der Tiber der Länge nach den Stausee von Montedoglio. Flussabwärts, im toskanischen Städtchen Sansepolcro, erblickte der Renaissancemaler Piero della Francesca das Licht der Welt und in der Ebene nahe Città di Castello lebte auf seinem Landgut der römische Schriftsteller und Politiker Plinius der Jüngere und beschrieb schwärmerisch die Schönheiten des oberen Tibertals.

In unzähligen Windungen durchströmt der Tiber dann die Landschaften des heiligen Franziskus, passiert die umbrische Hauptstadt Perugia und durchquert die Anbaugebiete großer Rotweine an den Ufern des Lago di Corbara. Es ist ein weiterer Stausee, durch den sich der Tiber hindurcharbeitet, um danach in mächtigen Schleifen wie jenen bei Nazzano in den Norden der Region Lazio vorzudringen. Die schon in der Antike angelegte Via Flaminia und die ebenso ehrwürdige Via Salaria werden für einige Zeit seine Begleiter ehe er die Stadtgrenze Roms erreicht und durch hohe Mauern in seinem Flussbett festgehalten wird. Im Südwesten verlässt er die Stadt und kann unbehelligt von einengenden Wänden wieder über die Ufer treten, wenn heftige Niederschläge im Apennin den Strom anschwellen lassen.

Zwischen Roms „Badewanne“ Lido di Ostia und dem Flughafen Rom-Fiumicino mündet der Tiber nach einer Reise von gut vierhundert Kilometern in das Tyrrhenische Meer.


Le piene del Tevere

Die Hochwasser des Tiber haben sich tief in die Geschichte der Stadt eingeschrieben. Für alle, die vom Fluss lebten, wie die Schauerleute in den Häfen, die Bootsbauer und Segelmacher, Wasserträger und Fischer, die Betreiber von Getreidemühlen, Seilereien und Gerbereien, geriet die Welt aus dem Gleichgewicht, wenn der Tiber wieder zuschlug. Noch waren die Spuren der letzten Überflutung allgegenwärtig. Und eine erneute Leidenszeit begann auch für die Anwohner, die das Pech hatten, am Flussufer zu wohnen oder in besonders gefährdeten Stadtteilen, im jüdischen Ghetto etwa, wo das Wasser bis zum zweiten oder gar dritten Stock stieg, in den Niederungen zwischen den Hügeln, rund um das Pantheon. Schlimmstenfalls stand das gesamte historische Zentrum unter Wasser.

Schon aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert sind Klagen über die Tiberfluten überliefert. Kaiser Augustus suchte nach einer Lösung, ohne sie zu finden und auch der Plan seines Nachfolgers Tiberius, den Tiber in den Arno umzuleiten, fand keinen Rückhalt. Von Kaiser Nero ist bekannt, dass er daran dachte, den Unterlauf des Tiber in Richtung Golf von Neapel umlenken zu lassen. Es blieb bei einer Idee. Die Zähmung des Tiber ließ weiter auf sich warten. Aus dem 13. Jahrhundert stammt die älteste noch erhaltene Tafel, die an eine Hochwasserkatastrophe erinnert. Sie trägt die Inschrift Bis hier stieg der Tiber, aber er zog sich schlammig bald wieder zurück. Es geschah im Jahre des Herren 1277, am siebenten Tage des Monats November. Und auf einer anderen Tafel an der Kirche S. Maria sopra Minerva zeigt ein ausgestreckter Finger auf die Linie, die das Hochwasser am 8. Oktober 1530, im 7. Jahr des Pontifikats von Papst Klemens VII. erreichte. Und darunter ist zu lesen Bis hier stieg der Tiber und Rom wäre komplett überflutet worden, hätte nicht die Jungfrau Maria hier so schnell gehandelt.

Auch 1870 war eines dieser Jahre, in denen der Tiber über die Stränge schlug und seinen Schlamm auf den Straßen der Stadt ablud. Aber das junge Königreich Italien und seine frisch gekürte Hauptstadt sannen auf Abhilfe. 1871-1875 wurden die technischen und finanziellen Optionen abgewogen. Die zuständige Regierungskommission entschied sich für das Projekt des Architekten Raffaele Canevari. 1876 begannen die Arbeiten zur Regulierung des innerstädtischen Tiber. Canevaris Plan sah vor, hohe Schutzmauern auf beiden Flussufern zu errichten. Die gigantischen Ufermauern, die „Muraglioni“, stützten zugleich das neu entstehende Hochufer, auf dem die „Lungotevere“, die neuen Verkehrsachsen angelegt wurden. 1926 konnten die letzten noch verbliebenen Lücken unterhalb des Aventin-Hügels geschlossen werden.

Das Gesicht der Innenstadt war über weite Strecken verändert. Der früher ungezähmte Tiber floss nun, eingesperrt in einen Trog, an haushohen Mauern entlang. Erst wenn man die Brücken betrat, bekam man ihn zu Gesicht. Es schien, als hätten die Römer ihm den Rücken zugekehrt. Der Preis für mehr Sicherheit war hoch, denn ganze Straßenzüge in Ufernähe hatten weichen müssen, auch die prächtige Villa Altoviti vom Ende des 16. Jahrhunderts. Die Häfen Ripa Grande in Höhe des Aventin und Ripetta am heutigen Ponte Cavour waren die nächsten Opfer. Selbst antike Brücken wie der Ponte S. Angelo (Engelsbrücke) und der Ponte Cestio mussten bauliche Eingriffe über sich ergehen lassen, die ihre ursprüngliche Gestalt stark veränderten und nur mit Mühe waren die übereifrigen Planer davon abzubringen, die Tiberinsel in eine Halbinsel zu verwandeln. Dahinter stand die Idee, den Tiberarm unter dem Ponte Fabricio zuzuschütten, um den Abfluss der Wassermassen zu erleichtern.

Lungo il Tevere . . .Roma

Der Tiber war nach seiner Regulierung abgeschnitten vom städtischen Geschehen. Mauerbewehrt durcheilte er Rom, an seinen versteinerten Ufern häufte sich Unrat an. Später versuchte man gegenzusteuern, die zunehmende Verwahrlosung der Uferzone zu stoppen, sie wieder zugänglich zu machen für Spaziergänger und Radfahrer. Bootstouren wurden angeboten, die heute mit mehreren Halts zwischen Engelsbrücke und Tiberinsel verkehren. Meist gehen die erwartungsvollen Fahrgäste etwas enttäuscht von Bord, denn die hohen Mauern verstellen den Blick auf die architektonischen Highlights der Stadt. So bleibt nur zu erraten, welche vorbeiziehenden Dächer und Kuppeln zu welchen Palazzi und Kirchen gehören.

Damals, in den 50er Jahren, schrieb Ingeborg Bachmann: In Rom sah ich, dass der Tiber nicht schön ist, aber unbekümmert um seine Kais, aus denen Ufer treten, an die keiner Hand legt. Die rostgebräunten Frachtschiffe benutzt niemand, auch die Barken nicht. Sträucher und hohes Gras sind mit Schmutz beworfen, und auf den einsamen Balustraden schlafen in der Mittagshitze die Arbeiter regungslos. Noch nie hat sich einer umgedreht. Nie ist einer hinunter gestürzt. Sie schlafen, wo die Platanen ihnen einen Schatten aufschlagen und ziehen sich den Himmel über den Kopf...

Oben auf der Mauerkrone schlafen in unseren Tagen keine Arbeiter mehr, Touristen ruhen sich dort im Schatten der Platanen aus, die wie ein massiges grünes Band den Tiber durch die Stadt begleiten. Die Mauern haben inzwischen Patina angesetzt und unten am Wasser sind Radler unterwegs, bummeln Familien mit Kindern, jagen sich Hunde. Es scheint, als gehöre der Tiber wieder wie selbstverständlich zur Stadt. Ganz deutlich wird das in den Sommermonaten, wenn das Tiberufer die Bühne abgibt für „Lungo il Tevere“ (Entlang des Tiber), das große Ferien- und Sommerevent, das bis in den September hinein Einheimische und Touristen in Massen anzieht. Von sieben Uhr abends bis zwei Uhr morgens kann man schlemmen und kühle Drinks genießen, Eis schlecken, Musik hören, jungen Dichtern lauschen. Es gibt Theateraufführungen und Ausstellungen, Bookshops laden zum Stöbern und Workshops zum Mitmachen ein. Es wird getanzt und geflirted und auf der Tiberinsel werden Filmklassiker gezeigt – und das alles „a cielo aperto“, unter freiem Himmel.



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