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Reiseführer Rom


Synagoge und ehemaliges Ghetto

Es war ein tiefer Einschnitt im Leben der jüdischen Bürger Roms, als 1555 der Papst der Inquisition mit dem Furcht einflößenden Beinamen „fleischgewordener Zorn Gottes“ um das angestammte Wohngebiet der Juden am Tiber eine Mauer ziehen ließ, deren bis zu acht Tore bei Einbruch der Dunkelheit geschlossen und erst wieder bei Anbruch des Tages geöffnet wurden.

Papst Paul IV., ein in unnachgiebiger Rechtgläubigkeit befangener Eiferer, der die damals etwa 7.000 römischen Juden ins Ghetto einsperren ließ, sah sich seinem Ziel nahe, „die störrischen Söhne Israels“ vom falschen Glauben ihrer Väter abzubringen. Für die Eingesperrten war es der Beginn einer Leidensgeschichte. Fast drei Jahrhunderte später erst wurden die Mauern unter der Ära Napoleons niedergerissen, doch vergingen weitere Jahrzehnte bis schließlich 1870 nach dem Sieg des Risorgimento und dem Ende des Kirchenstaats alle Einschränkungen aufgehoben wurden, denen die römischen Juden noch unterworfen waren.
Die uralten, oft baufälligen Wohnviertel fielen zur großen Freude ihrer früheren Bewohner größtenteils 1885 der Spitzhacke zum Opfer. Neue gesichtslose Bauten füllten alsbald die Lücken. Vielleicht zehn Prozent des ursprünglichen Baubestandes blieben erhalten, zwei, drei enge Straßen mit kleinen Werkstätten und Geschäften und koscheren Lokalen, wo man sich, wie im „La Dolce Roma“, an österreichischen Torten laben kann, wo der „Russian Tea Room“ altrussische Atmosphäre verbreitet und in den Spezialitätenrestaurants Köstliches alla giudia aufgetischt wird.    

Die große Synagoge

Rom, SynagogeWeithin sichtbares Zeichen der jahrhundertelangen jüdischen Präsenz in diesem Teil Roms ist die Große Synagoge, der Tempio Maggiore. In antiker Zeit unterhielt die jüdische Gemeinde dreizehn oder vierzehn Synagogen, im Mittelalter waren es noch zehn.
Nach Auflösung des Ghettos gab es am Ufer des Tiber keine Synagoge mehr. Der umgehend geplante Neubau sollte, so der einhellige Wunsch der Gemeinde, ihrer neu gewonnenen Freiheit Ausdruck verleihen und von allen bekannten Aussichtspunkten der Stadt aus zu sehen sein. 1901 machten sich die Architekten Osvaldo Armanni und Vincenzo Costa an die Ausführung. Auf dem Grundriss einer byzantinischen Kreuzkuppelkirche wuchs der Bau empor, dabei Impulse des damals aktuellen art nouveau übernehmend wie auch dekorative neobabylonische Elemente, die an die nahöstlichen Ursprünge des Judentums erinnern sollen. Diese Mischung verschiedener Stile („Eklektizismus“) war typisch für die Zeit. Besonders auffallend ist die Kuppel über einem quadratischen Tambour, eine aus vier Teilen bestehende Aluminium-Kuppel, damals eine  absolute Novität.
2004 feierte die Synagoge ihr 100jähriges Bestehen als kulturelles und gesellschaftliches Zentrum der Comunità Ebraica di Roma. Hier sind alle Religions- und Verwaltungsorgane der Gemeinde untergebracht. Seit 1959 beherbergt ihr Souterrain das Jüdische Museum Roms, eine beeindruckende Sammlung von zahllosen Sakralgegenständen, Dokumenten, Fotos und Filmen, die Auskunft gibt über das Leben und Leiden der ältesten jüdischen Gemeinde Europas.
Im April 1986 besuchte Papst Johannes Paul II. die Synagoge am Tiberufer. Es war eine historische Begegnung, der erste Besuch eines Papstes in einer Synagoge überhaupt. „Ihr seid unsere Lieblingsbrüder“, ließ er die Anwesenden wissen, „in gewisser Weise könnte man sagen, unsere älteren Brüder“. Der nächste Besuch eines Papstes ließ nicht so lange auf sich warten. Im Januar 2010 traf Papst Benedikt XVI. im Tempio Maggiore auf die Spitzen der jüdischen Gemeinde Roms. Er betonte die Bedeutung des jüdisch-katholischen Dialogs und versicherte die Gemeinde seiner Freundschaft und Verbundenheit.

Das Ghetto

Schon vor der Zeitenwende lebten Juden in Rom, bevorzugt auf dem rechten Tiber-Ufer im heutigen Stadtteil Trastevere, wo neben Juden auch andere ethnische und religiöse Gruppen aus Nahost Zuflucht fanden. Als Pompeius 63 v. Chr. Jerusalem eroberte, brachte er viele jüdische Gefangene nach Rom, nicht anders verfuhr Titus ein Jahrhundert später als römischer Oberbefehlshaber im Jüdischen Krieg. Aus seiner Kriegsbeute finanzierten die Mächtigen in Rom die Errichtung des Colosseums. Die Bauarbeiten leisteten jüdische Sklaven.
Aus unerfindlichen Gründen verließen um 1200 n. Chr. die meisten Juden Trastevere und ließen sich auf dem gegenüber liegenden Tiber-Ufer nieder, in der Mehrheit kleine Händler, Handwerker und Ladenbesitzer. 
Auf nur drei Hektar beschränkte sich nach 1555 ihr Lebensraum. Erlaubt waren ihnen verachtete Berufe  wie der des Geldwechslers, des Gebrauchtwarenhändlers, Lastenträgers oder Lumpensammlers. Ihre Quartiere waren feucht und dunkel, „...bleiche und verkommene Menschen, in sich gebeugt, mit der Nadel emsig arbeiteten Männer so gut als Weiber, Mädchen und Kinder. Das Elend starrt gesträubt aus dem wirren Haar und klagt aus dem braungelben Angesicht...“, schrieb der Historiker Ferdinand Gregorovius 1853 nach einem Gang durch das Ghetto. Sie waren gezwungen, Predigten am Sabbat in der Kirche Sant` Angelo in Pescheria beiwohnen zu müssen, Kontakte zu Christen wurden reglementiert, Besitz außerhalb des Ghettos war verboten. Demütigungen und Verbote gehörten zu ihrem Alltag. Antiebraismo war in der Gesellschaft tief verwurzelt.
Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 gesellten sich katalanische und kastilische Glaubensgenossen zu den Eingeschlossenen im Ghetto.  

Hauswand im ehemaligen jüdischen Ghetto von Rom

Hauswand im Ghetto

Die Zeit nach 1870 brachte manchem früheren Ghettoinsassen einen schnellen sozialen Aufstieg und wahrscheinlich wird der relativ geringe Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ihre rasche Integration begünstigt haben. Es schien eine Zeit des Friedens und Wohlstands anzubrechen. Das änderte sich, als Mussolini, Anfang der 30er Jahre noch engagierter Verteidiger der Juden, auf die Linie Hitlers umschwenkte. Die italienischen Rassengesetze von 1938 drängten die gut integrierten Juden an den Rand der Gesellschaft. Es ging dabei „nur“ wie früher um massive Einschränkungen. Es gab keine Deportationen oder physische Bedrohungen.

"Stolperstein" in der Via Reginella

„In Rom sah ich im Ghetto“, schrieb Ingeborg Bachmann 1955 in ihrem Stadt-Portrait, „dass noch nicht aller Tage Abend ist. Aber am Tag des Versöhungsfestes wird für ein Jahr jedem im voraus verziehen. Nah der Synagoge ist in einer Trattoria die Tafel gerichtet, und die kleinen rötlichen Mittelmeerfische kommen, mit Rosinen und Pignolien (Pinienkerne) gewürzt, auf den Tisch. Die Alten erinnern sich ihrer Freunde, die mit Gold aufgewogen wurden; als sie losgekauft waren, fuhren trotzdem die Lastwagen vor, und sie kamen nicht wieder.“
Sie spielte damit auf einen Vorfall an, der sich Ende September 1943 zutrug. Herbert Kappler, Obersturmbannführer der SS und Kommandant der deutschen Polizei in Rom, verlangte von den Vertretern der jüdischen Gemeinde, binnen 36 Stunden 50 kg Gold zusammenzutragen und ihm zu übergeben, eine Art Kopfgeld, wie man in jüdischen Kreisen vermutete. Die Sammelaktion, an der sich viele Italiener beteiligten, Juden und Nichtjuden, auch Priester, brachte mehr als die geforderte Menge zusammen. Doch das rettete niemanden. Während die Alliierten bereits in Kampanien und Apulien standen und Rom ins Visier nahmen, organisierte Kappler auf Anordnung Himmlers in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1943 eine Razzia imGhetto. Tausende konnten sich rechtzeitig verstecken, erhielten Unterschlupf in Klöstern oder religiösen Einrichtungen.

Von den 1.022 nach Auschwitz deportierten Gefangenen waren am Ende des Krieges noch 15 am Leben.



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