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Reiseführer Rom

 

Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II.

Welchen erhöhten Standort man in Rom auch einnehmen mag, das kalte Weiß des Marmor-Ungetüms zieht die Blicke auf sich, dieser unglückliche Bau, der viel zu groß und viel zu hoch geriet.

Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II.

Foto: © Walter Luger - Fotolia.com

Er will so gar nicht in die gewachsene Stadtlandschaft am Tiber hineinpassen, wo doch horizontale Linien dominieren und seit der Antike Travertin das bevorzugte Baumaterial ist. Mit der Zeit bringt dieser Stein die für Rom so typische Farbpalette hervor, helle Rotbrauntöne, Elfenbein- und Ockerfarben.

Da lagert er nun in herrischer Pose an der Piazza Venezia zwischen Trajan-Forum und Kapitolshügel, 70 m hoch, 135 m breit und 130 m tief, höher, breiter, heller als jedes andere Bauwerk weit und breit, ein „in Hysterie erstarrtes Gebilde“, wie sich ein deutscher Rom-Liebhaber empört. Die Römer sprechen der Einfachheit halber vom Il Vittoriano. Ihr anhaltendes Unbehagen an dem „Gebilde“ macht sich in deftigen Schmähungen Luft wie „Luxuspissoir“ (pisciatoio di lusso) oder „Schreibmaschine“ (macchina da scrivere), man verulkt es als „Hochzeitstorte“ und in der Steigerungsform als „glacierte Hochzeitstorte“ oder als „Gebiss“ einer alten Tante. So hadern viele Römer mit dem ungeliebten Denkmal, während andere ihren Frieden mit ihm schließen und es natürlich auch glühende Bewunderer des „grandioso edificio“ gibt. Nur die Archäologen sind untröstlich über die beispiellose Abrisswut, damals, in den 1880er Jahren, als mittelalterliche Bögen, Türme, Kirchen, Palazzi und ganze Straßenzüge als Ouvertüre zum Bau demoliert und später überbaut wurden.

Es sollte etwas Großartiges entstehen, ganz im Sinne der im Land lodernden nationalistischen Stimmung, ein monumentales Symbol, das sich an berühmten klassischen Bauten wie dem Pergamon-Altar und dem Terrassen-Heiligtum von Praeneste (Palestrina) orientierte – gewidmet dem Andenken Vittorio Emanueles II., der 1861 zum ersten König Italiens proklamiert wurde und die Weichen zur Einigung des Landes stellte. Zugleich sollte an diesem Erinnerungsort die jüngst vereinte italienische Nation und die Einigungsbewegung des Risorgimento geehrt werden.
Der Architekturwettbewerb zog sich bis 1884 hin, dann folgte die Abrissorgie und im Mai 1887 begannen die eigentlichen Fundamentierungsarbeiten. Verantwortlicher Architekt war Giuseppe Sacconi, der sich als erstes um das Baumaterial kümmerte und an Travertin aus der Nähe von Tivoli dachte, sich dann aber angesichts der enormen Mengen (30.000 m³) und der Forderung nach gleich bleibender Qualität für Botticino-Marmor aus der lombardischen Provinz Brescia entschied.

Am 4.6.1911 wurde im Beisein von König Vittorio Emanuele III. das Denkmal eingeweiht, obwohl noch nicht fertiggestellt. V. E. III. war der Enkel des Geehrten und der Vierte in der Reihe der italienischen Könige des Hauses Savoyen. 1922 berief er Mussolini an die Regierungsspitze, machte sich nach dem italienischen Überfall auf Äthiopien (1936) zum Kaiser des afrikanischen Landes, 1939, nach der Annexion Albaniens, erklärte er sich zum König des Balkanstaats.
1921 wurde das Grabmal des Unbekannten Soldaten auf dem Monumento eingerichtet, 1927 erhielten die beiden Quadrigen ihren Platz und endlich,1935, fanden siebenundfünfzig Jahre Planungs- und Bauarbeiten ihren Abschluss mit der Einweihung des Museo Centrale del Risorgimento.        

Eine 40 m breite Treppenrampe, flankiert von zwei vergoldeten Bronzegruppen, führt den Besucher zur Plattform vor den „Altare della Patria“ mit der „Dea Roma“ als Sinnbild der Nation im Zentrum. Zu ihren Füßen liegt das Grabmal des unbekannten Soldaten (milite ignoto), ausgeschmückt mit einem Bronzekranz. Der 60 m lange Fries des Altars illustriert  in Reliefs die Liebe zum Vaterland und das Bekenntnis zur Arbeit als staatsbürgerliche Tugenden. Waren es auf dem gerade absolvierten ersten Treppenabschnitt zwei geflügelte Löwen, bronzene Flaggenmaste, zwei Brunnen, die den Aufstieg begleiteten, wird der nun folgende Abschnitt von Skulpturengruppen akzentuiert. Man passiert die Portale des „Museo delle Bandiere“ und des „Museo Centrale del Risorgimento“ (das eine beherbergt militärische Fahnen, das andere Erinnerungsstücke an die Zeit des Risorgimento) und erreicht über seitliche Treppenläufe die Plattform der  bronzenen Reiterstatue des Vittorio Emanuele II. Ihren Sockel bevölkern weibliche Gestalten. Sie verkörpern die wichtigsten italienischen Städte. Das Reiterstandbild hat enorme Ausmaße. Es ist 12 m hoch und 12 m lang und wiegt 50 Tonnen. Zunächst geht es hinter dem Standbild in der Mittelachse weiter hinauf, dann nach einem 90-Grad-Schwenk über sich nach außen richtende Treppen auf die oberste Plattform in 27,50 m Höhe. Vor dem Besucher liegen nun die beiden tempelartigen Vorbauten oder Pronaen (plur. von Pronaos), auch Propyläen genannt, am Ende der leicht konkaven Säulenhalle (Portikus). Allegorische Skulpturen, geometrische Muster, farbige Mosaiken und zwei vergoldete Bronzeviktorien auf rosa Granitsäulen dekorieren diesen Teil des Monuments. Gekrönt werden die beiden Propyläen von der Quadriga „Einheit“ und der Quadriga „Freiheit“, die auf Sockeln stehen und je 54 Tonnen wiegen. Auch sie wurden in Bronze gegossen. Die 15 m hohen Säulen des Portikus tragen einen Fries und darüber eine sogenannte Attikazone, auf der menschliche Wesen die 16 italienischen Regionen von Piemont bis Sizilien symbolisieren.

Eingefleischte Kritiker des Monuments empfehlen, einen intelligenten Gebrauch davon zu machen, indem man auf die oberste Plattform hinaufsteigt oder im Panorama-Lift hinaufschwebt und vom Dach aus die ungetrübte Aussicht über die Stadt genießt, denn der Bau ist von dort gar nicht zu sehen. . .


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