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Reiseführer Nordzypern

Am Hafen von Girne

Auf dem Halbrund des Kais drängen sich Cafès, Bars und Bistros, ein Dutzend Restaurants und eine Handvoll Shops. Dennoch geht es gelassen zu, heiter und unaufgeregt. Unter Sonnenschirmen beim Lunch oder dem ersten Drink des Tages sieht man Fischer ihren Fang anlanden und Crews ihre Yachten für die Ausfahrt präparieren.

Blick von der Burg auf den Hafen von Girne

Blick von der Burg auf den Hafen von Girne

Am Abend erwartet das illuminierte Hufeisen seine Gäste zum festlichen Dinner. "Blackboards", die großen Schiefertafeln vor den Restaurants, verkünden, was die Küche bereithält : landestypische Kost oder kulinarische Ausflüge in die Haute Cuisine. Es ist die große Stunde das Hafens. Boote gleiten lautlos aus dem Dunkel in das Kerzen- und Lampionlicht des Hafenrunds. Knatternde Außenborder treiben Fischerkähne zum Nachtfang hinaus. Ein grandioser Sternenhimmel überspannt die Promenade mit ihren tafelnden und plaudernden Tischgesellschaften und wie eine Filmkulisse erheben sich, hell angestrahlt und zum Greifen nahe, die mächtigen Mauern und Bastionen der mittelalterlichen Burg. Dieses so oft umkämpfte Kastell und der Hafen zu seinen Füßen haben die Geschichte der Stadt nachhaltig geprägt. Es war der Handelsverkehr mit den Häfen der anatolischen Küste, der Girne einen bescheidenen Wohlstand brachte.

Hafen von Girne

Die geschützte Hafeneinfahrt

Risikofreudige Bürger der Stadt waren dort noch bis in das frühe 20. Jahrhundert als Unternehmer tätig. Holz von den Höhen des türkischen Taurusgebirges wurde nach Girne verschifft, den umgekehrten Weg nahmen gewaltige Ladungen Johannisbrotschoten. Auch die genügsamen zyprischen Esel waren in Kleinasien begehrt, sowie Agrarprodukte und farbenprächtig bedruckte Baumwollstoffe. Doch der rege Handelsverkehr zwischen Girne und der kleinasiatischen Küste litt unter den Unbilden der Witterung. Wenn die vorherrschenden Nordwestwinde Sturmstärke erreichten und aus den kleinen Segelfrachtern in Girnes noch ungeschütztem Hafen Kleinholz machten, standen Händler und Schiffseigner oft genug vor dem Ruin. Keine Mole brach die Kraft der heranstürmenden Brecher. Man ankerte im flachen Wasser der Bucht oder zog die Schiffe mittels Winden so hoch wie möglich auf das Ufer und hoffte im übrigen auf gnädiges Wetter.

Hafen von Girne

Die Engländer sahen sich das Dilemma noch eine Zeitlang an, dann ergriffen sie die Initiative : in den Jahren 1886-1891 verwandelten sie Hafen und Umgebung in eine große Baustelle. Eine Kleinbahn transportierte gewaltige, von Strafgefangenen in einem nahen Steinbruch herausgewuchtete Blöcke zum Hafengelände, wo das unbefestigte Halbrund eine robuste Kaimauer erhielt, an der die Boote noch immer sicher festmachen können. Gegenüber, vor der offenen See, wuchsen zwei mächtige Dämme empor. Der westliche endete dort, wo der zierliche, heute nicht mehr genutzte Leuchtturm steht. Der östliche Damm führte von der vorgelagerten Rundbastion der Burg in einem Bogen auf den Leuchtturm zu. Wie die geöffneten Greifer einer Zange lagen die Dämme nun vor dem Hafen. Zwischen ihren Enden liefen die Schiffe ein und aus, aber Fischer und Händler hatten allen Grund mit dieser Konstruktion unzufrieden zu sein, denn durch die verbleibende Lücke fanden die Brecher noch immer ihren Weg in die Hafenbucht.

Erst Ende der fünfziger Jahre erhielt Girnes Hafen sichere Liegeplätze, als die Öffnung geschlossen wurde, West- und Teile des Ostdammes unter Einbeziehung einer langgestreckten felsigen Untiefe bis östlich der Burg verlängert wurden. Am Ende des mit einem kleinen Leuchtfeuer bestückten Steindammes beginnt seitdem die Zufahrt zum Hafen. Zwischen Damm und hochragenden Burgmauern bewegen sich Yachten, Ausflugs- und Fischerboote durch eine der spektakulärsten Hafenszenen der Levante langsam auf die pittoreske Häuserzeile am Kai zu. Sie umfahren den kleinen mittelalterlichen Turm , auf dem einst eine Marmorsäule (heute eine Nachbildung) verankert war, Haltepfosten für die eiserne Sperrkette, die feindlichen Schiffen die Einfahrt in den Hafen verwehrte. Die Kette endete in dem gedrungenen Bau am Ufer. Zur Aufnahme der schweren Last wurde er mit Stützpfeilern verstärkt. Bogenschützen, deren Schießscharten noch zu sehen sind, sicherten ihn gegen Angriffe. Einige der dicht aufgereihten Häuser am Rande des Hafenbeckens dienten früher als Speicher und Verladestelle für Johannisbrotschoten. In Säcke abgefüllt, wurde das Exportgut auf der rückwärtigen, höher gelegenen Gasse von Fuhrwerken angeliefert. Eines der Hafenrestaurants mit dem beziehungsreichen Namen "Carob" (engl. für Johannisbrot) rühmt sich seiner jahrhundertelangen Funktion als "carob store and shipment point". Fotos aus den zwanziger Jahren zeigen noch zerbrechliche Segler, die mit ihrer hoch aufgetürmten Johannisbrotfracht auf das offene Meer hinausstrebten. Das ist längst Vergangenheit, seit Girnes malerischer Hafen für den Tourismus entdeckt wurde. Die Häuser, die zum Teil noch aus venezianischer Zeit stammen, sind gründlich renoviert, auch der Turm der mittelalterlichen Stadtmauer im Scheitelpunkt der Häuserzeile wurde restauriert. Ein kleines Volkskundemuseum in einem Bau aus dem 18. Jahrhundert zeigt eine Olivenpresse, Dreschschlitten und andere landwirtschaftliche Gegenstände, Textilarbeiten, darunter Brautkleider, sowie Erzeugnisse einheimischer Handwerker.

Hafen von Girne 

Der Hafen vor dem Hintergrund des Besparmak-Gebirges

Die vor Anker liegenden Boote haben nur drei Meter Wasser unter dem Kiel. Für große Fährschiffe und Frachter wurde daher Ende der achtziger Jahre weiter östlich ein neues Hafenbecken in Betrieb genommen. In der kleinen, durch ein Riff gegen die offene See abgeschirmten Bucht östlich der Burg vermutet man den römischen Hafen. Erst seit byzantinischer Zeit wird der heutige Yacht- und Fischerhafen ständig genutzt. Welche Bucht die Achäer bevorzugten, jene draufgängerischen Kolonisten von der griechischen Peloponnes, die sich hier etwa im zehnten vorchristlichen Jahrhundert niederließen, ist ungewiß. Sie gaben ihrer Siedlung den Namen Kerynia, unzählige Male im Laufe der Jahrhunderte variiert - von Keraunia über Corinaeum bis Kyrenia. Das kleine, unbedeutende Stadtkönigreich geriet Ende des vierten Jahrhunderts v. Chr. unter die Kontrolle der dominierenden Inselmacht Salamis. In römischer Zeit entwickelte sich der Ort zu einem rege genutzten Hafenplatz, unter den Byzantinern war er eine wichtige Flottenbasis. Seit dem 7. Jahrhundert wurde das Geschehen um die Festung zu einem untrennbaren Bestandteil der Stadtgeschichte.

 



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