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Reiseführer Nordzypern

Girne

In den Gassen von Girne

In den Gassen von Girne

Kein Ort Zyperns erfreut sich einer so üppigen natürlichen Mitgift wie das an der Nordküste gelegene Städtchen Girne : das Levantinische Meer und eine hufeisenförmige Bucht, wie geschaffen für einen Hafen, fruchtbares Hinterland, das von einem steilen Gebirgszug beherrscht wird, dazu ein moderates Klima und ein umgänglicher Menschenschlag - das alles lässt ein mediterranes Ambiente von überwältigender Intensität entstehen. Immer wieder haben Literaten und Werbetexter Girne in einem Atemzug mit dem südfranzösischen St. Tropez genannt. Der Vergleich mag einmal zutreffend gewesen sein, lange bevor sich der kleine Badeort an der Riviera einer Glitzer- und Glamourkarriere verschrieb. Davon ist Girne weit entfernt, doch der Glaube an eine touristische Erfolgsstory zieht sich wie ein roter Faden durch private Gespräche und amtliche Verlautbarungen. Zum Glück ist es noch immer das solide Tagwerk einer türkisch-zyprischen Distriktmetropole, das in dieser Stadt die Akzente setzt. Girne ist Zentrum des gleichnamigen Verwaltungsbezirks. 24.100 Einwohner (2006) leben in ihren Mauern. Handel und Handwerk ernähren sie, auch einige Produktionsbetriebe der Konsumgüterindustrie, natürlich eine Vielzahl öffentlicher Dienststellen, zunehmend auch der Tourismus und nicht zu vergessen die beiden Universitäten der Stadt, die einen beachtlichen Wirtschaftsfaktor darstellen.

Speisen mit Blick aufs Meer in Girne

Speisen mit Blick aufs Meer in Girne

Alle Wege führen zum Hafen. Wenn sie sich zu Gassen verengen oder in Treppen einmünden, ist man ihm ganz nahe. Fast schon am östlichen Ende der Hafenpromenade führt ein steiler, roh gepflasterter Weg zur Aga Cafer Pascha-Moschee. Steigen wir die ausgetretenen Treppenstufen neben der Moschee hinauf und halten uns dann links, stehen wir nach wenigen Metern vor der St. Andrew`s Church. Von hier führt die schmale Straße auf einen verkehrsreichen Platz mit der "Belediyesi", dem Rathaus der Stadt, in seiner Mitte. Ringsum treffen die Autoströme von und nach Lefkosa und Famagusta auf den Verkehr der Hauptgeschäftsstraße, der "Ziya Rifki Caddesi". 

In Girne unterwegs: Im kleinen, aber sehenswerten Volkskundemuseum am Hafen

In Girne unterwegs:
Im kleinen, aber sehenswerten Volkskundemuseum am Hafen

Dieser etwas unruhige Ort hat aber auch seine ruhige Seite, dort, wo der historische türkische "Baldöken-Friedhof" an den Platz grenzt. Schöne alte Pinienbestände werfen ihre Schatten auf Gräber und schmale Wege und den strengen Steinbau aus vier, ein Quadrat bildenden Spitzbögen mit einer Kuppel als Abschluß. Hier wusch man die Verstorbenen, ehe sie beigesetzt wurden. Muslime türkischer Abkunft leben seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert in Kyrenia, das sie selbst Gerinia, Kirne, schließlich Girne nannten. Wie Girnes Griechen und Türken miteinander auskamen, umschreibt ein betont progriechischer Autor so : "Obwohl eine Stadt mit gemischter Bevölkerung, war Kyrenia nie geteilt, wenn auch Griechen und Türken immer getrennt lebten. Ihr Verhältnis war harmonisch..." Bevorzugtes Wohnquartier der Türken war das Gebiet südöstlich des Stadtzentrums. Über ihre Zahl liegen aus früheren Zeiten nur widersprüchliche Angaben vor. Seit dem ersten Census unter den Briten (1881), der 566 Türken und 556 Griechen ermittelte, verschob sich das Zahlenverhältnis langsam zugunsten der Griechen und stabilisierte sich in der Größenordnung von 4:1 , so 1960, als 698 Türken und 2802 Griechen gezählt wurden oder 1973,im letzten Jahr vor der Teilung der Insel. Damals registrierte man 800 Türken und 3100 Griechen.

Baldöken-Friedhof, Girne

Baldöken-Friedhof

In der vom Rathausplatz nach links abbiegenden Straße stehen wir nach wenigen Metern vor dem Postamt, das neben einem englischen Kolonialbau untergebracht ist. Hier lässt sich nicht nur die Urlaubspost auf den Weg bringen - nordzyprische Briefmarken, eine Rarität in Sammlerkreisen, bieten sich als originelles Mitbringsel für Briefmarkenfreunde daheim an. Gegenüber reihen sich "avukat" (Anwalts)-Kanzleien aneinander, die anscheinend einen Großteil ihrer Obliegenheiten auf dem Bürgersteig abwickeln.

Kupfergefäße aller Art in einer Einkaufsstraße in Girne

Kupfergefäße aller Art in einer Einkaufsstraße in Girne

Nach vielleicht hundert Metern passieren wir das 1888 errichtete Krankenhaus, einen auffallenden Bau im Kolonialstil, neben dem der jüngst bezogene Neubau abweisend und gesichtslos wirkt. Bevor die Straße nach einer Linkskurve stadtauswärts strebt, liegt in einer gepflegten, parkähnlichen Anlage eine Villa aus englischer Zeit, die das Nationalarchiv der Türkischen Republik Nordzypern (TRNC) beherbergt. Bei einem Bummel durch die Innenstadt, vielleicht die Ziya Rifki - Straße hinunter und noch durch einige Nebenstraßen, umgibt den Besucher Alltagsleben, kleinstädtisches geschäftiges Treiben. Keine extravaganten Shops dominieren die Szene. Allenfalls sind es die zahlreichen Juwelierläden mit viel Gold in den Auslagen, die etwas Glanz in die biederen Geschäftszeilen bringen. Wie immer um diese Nachmittagszeit sprüht Özkan Wasser über das aufgeheizte Pflaster vor seinem Restaurant und für einen kurzen Augenblick erhält man einen Vorgeschmack auf die Kühle des Abends. Ein Jeep der UNO-Truppen zuckelt die Straße hinunter, lachende Argentinier darin. Einheimische Soldaten drängeln sich vor einer brütend heißen Hauswand um einen Geldautomaten. Eine Gasse gibt den Blick auf das Meer frei, wo in der Ferne die große Autofähre nach Mersin entschwindet. Hoch über dem Küstenstreifen kämpft ein Schwarm Zugvögel, Kraniche wohl, in geordneter Formation gegen den heftigen Wind an. Endlich, nach dem dritten Versuch, zwängt sich der Lieferwagen durch die enge Straße. Man tritt in den nächsten Hauseingang und lässt ihn passieren. 

Souvenirshop in einem Turm der mittelalterlichen Stadtmauer

Souvenirshop in einem Turm der mittelalterlichen Stadtmauer

Nahebei, wir sind in der oberen Ziya Rifki-Straße, fällt altes Gemäuer ins Auge : einer der drei noch erhaltenen Türme der Stadtmauer, ein Werk der Lusignans aus der Zeit um 1300, erbaut aus den Steinen der römischen Stadt des 3. und 4. Jahrhunderts. Heute dient der 1994/95 restaurierte Turm einheimischen Künstlern und Handwerkern als Ausstellungs- und Verkaufsraum. Hinter seinen fast drei Meter dicken Mauern bildet eine hölzerne Empore die Besucherebene, überdeckt von einer lichtdurchlässigen Fiberglaskuppel. Gegenüber liegt die1929 erbaute, 2006 von Grund auf renovierte Markthalle mit neuen Shops, Bars und Restaurants. Und hier etwa muss es gewesen sein, wo 1886 die erste Straßenlaterne Girnes die Nacht erhellte. Düfte wehen aus versteckten Innenhöfen voller Zitronenbäumchen und Jasminbüschen. Katzen lagern geduldig auf Fenstersimsen und Mauervorsprüngen bis die Hitze des Tages nachlässt. Noch ein Turm der Stadtmauer, nur noch Ruine, taucht zwischen den Häusern auf. In seiner Verlängerung liegt der dritte, der schon erwähnte Hafenturm. Ihre Anordnung lässt erahnen, wie klein und doch bedeutend die ummauerte Stadt der Lusignans, die damals Cerines hieß, gewesen sein muß. Sie war befestigter Ort und wichtiger Warenumschlagplatz zu Füßen der unbezwingbar erscheinenden Burg, um deren Besitz Könige, Prinzen und Glücksritter, Invasoren und Verräter blutige Machtkämpfe ausfochten.

Wenige Schritte westlich des Hafens thront auf einem Felspodest -auch hier stand einmal ein mittelalterlicher Turm- die Kirche Archangelos Michael, 1860 erbaut, der Glockenturm erst 25 Jahre später, einst Hauptkirche der griechisch-orthodoxen Gemeinde von Kyrenia/Girne, heute Ikonen-Museum mit einer reichen Sammlung geweihter Tafelbilder aus orthodoxen Kirchen und Kapellen in Girne und Umgebung (Bilder). Junge Leute mit hochmodischen Designer-Sonnenbrillen lassen die Motoren ihrer noblen Kabrios aufheulen, nicht weit von einer Gruppe Angler, die von der Ufermauer geduldig ihre Ruten auswerfen. Auf dem Spielplatz quietschen die Schaukeln, Opas sitzen dabei mit großen Tüten voller Erdnüsse. Und über alle wacht Kemal Atatürk, der Gründervater der modernen Türkei. Sein versteinerter Statuenblick beherrscht den Platz.

Nachtleben in Girne

Nachtleben in Girne

In der Nähe, hinter einer Häuserfront, duckt sich die uralte, ehemals orthodoxe Kapelle Chrysoglykiotissa. Der tonnenüberwölbte unscheinbare Bau wird seit der Zeit der Lusignans und Venezianer bis auf den heutigen Tag als katholische "Terra Santa-Church" genutzt ("Mass at noon, first and third Sundays of each month.") "Taxi, Sir?" Der Alte mit der röhrenden Stimme, den wir schon kennen, muß sich noch gedulden : es zieht uns auf die Terrasse des Dome-Hotels, wo wir den Tag mit einem köstlichen Brandy sour ausklingen lassen.

Girne in alten Reiseberichten

 



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