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Die letzte Fahrt

Um das Jahr 300. v. Chr. kämpfte sich ein kleiner Segler in Sichtweite der anatolischen Westküste durch die aufgewühlte See der hochsommerlichen Etesien-Stürme. Ob seine Reise von einer der vorgelagerten ostägäischen Inseln seinen Ausgang nahm, wird wohl für immer im dunkeln bleiben. Einige Erkenntnisse über seine Fahrtroute lassen sich indes aus der später geborgenen Fracht gewinnen. Sie verrät, daß unser Schiff Samos angelaufen haben wird, wahrscheinlich auch Paros, auf jeden Fall Rhodos, wo jeweils Wein- oder Ölamphoren geladen wurden. Auf der Insel Kos nahm der Segler Mahlsteine an Bord. Kritiker dieser mutmaßlichen Fahrtroute geben zu bedenken, daß es in der ägäischen Inselwelt zentrale Warenumschlagplätze gegeben habe, wo Handelsschiffe Produkte aus der gesamten Region übernehmen konnten, ohne Insel für Insel anlaufen zu müssen. Wie immer es auch gewesen sein mag, unser Schiff segelte von Rhodos in östlicher Richtung weiter, immer darauf bedacht, die südanatolische Küste nicht aus dem Auge zu verlieren. Hier gab es unzählige Buchten, die für die Nacht eine sichere Bleibe boten. Nach tagelanger Küstenfahrt ging der Segler auf Südkurs und steuerte die Nordküste Zyperns an. Auf 35 Grad, 20 Minuten nördlicher Breite und 33 Grad, 19 Minuten östlicher Länge, weniger als eine Meile nordöstlich der heutigen Hafenstadt Girne, geschah das Unerwartete.

Das tragische Ende seiner Reise in den flachen Gewässern vor Girne gibt Rätsel auf. Deutungen bieten sich an, wie diese: man machte an Land fest, lud in Säcke gefüllte Mandeln, für die Zypern in der Antike berühmt war (fast 10.000 von ihnen fand man im Wrack!), zu Ballastzwecken nahm die Besatzung noch Kies und Flußsteine an Bord. Das Schiff lief danach wieder aus, fiel in die Hände von Piraten, wurde ausgeraubt. Das wäre immerhin eine Erklärung dafür, daß die Taucher vergebens nach wertvollen Objekten suchten, aber im Rumpf auf eiserne Speerspitzen stießen . . . Nach dem Angriff sank das Schiff. Denkbar ist auch ein weniger dramatisches Ende: der überalterte, oftmals ausgebesserte Segler kentert in einem plötzlich hereinbrechenden Sturm. Die Crew rafft hastig ihre Habseligkeiten zusammen und rettet sich an das nahe Ufer . . .

Das verlassene Schiff sinkt mit dem Bug voraus dreißig Meter in die Tiefe und gräbt sich mit seiner Backbordseite tief in den sandigen Schlick, wobei die an Backbord gefahrene Ladung in ihrer ursprünglichen Lage bleibt. Die frei liegende Steuerbordseite bricht später nach außen ab. Ihre Fracht (hauptsächlich Amphoren) fällt heraus und verteilt sich in der Umgebung.

Fast 23 Jahrhunderte blieb das Wrack unentdeckt. Ein Zufall führte 1965 den Taucher Andreas Kariolou aus Kyrenia (Girne) auf seine Spur: auf der Suche nach Schwämmen hatte sich der Anker seines Bootes in einer Ansammlung von Amphoren verfangen - für den erfahrenen Kariolou ein untrügliches Indiz dafür, daß sich unter den Amphoren, versunken im Schlick, die Reste eines Schiffes verbergen mußten. Seine Entdeckung behielt er für sich. Im Herbst 1967 kam eine Gruppe amerikanischer Unterwasserarchäologen nach Zypern, um auf Einladung der hiesigen Regierung in den küstennahen Gewässern nach Schiffswracks zu suchen. Sie waren erfahrene Leute, die gerade unter der Leitung von George F. Bass, des Wegbereiters der modernen Unterwasserarchäologie, nahe dem Inselchen Yassi Ada vor dem türkischen Bodrum ein versunkenes byzantinisches Schiff untersucht hatten. Ihnen vertraute sich Kariolou an. Bei gemeinsamen Tauchgängen inspizierten sie den Fundort mit den dicht an dicht gelagerten achtzig Amphoren. Ihre ersten Erkundungen, bei denen außer simplen Metallsonden (zum "Stochern") auch ein Protonenmagnetometer und ein Metalldetektor (zur Ermittlung und Lokalisierung von Eisen- und Nichteisenmetallen) zum Einsatz kamen, waren so vielversprechend, daß der Leiter der Gruppe, Michael L. Katzev, die zyprischen Behörden um Grabungserlaubnis bat und in den USA umgehend eine "fundraising"-Kampagne in Gang setzte, die das notwendige finanzielle Polster für eine gut ausgestattete und professionell arbeitende Expeditionscrew einbringen sollte. Im Sommer 1968 war es so weit.

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