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Reiseführer Nordzypern

Lapta

Nordzypern, Lapta

Wenn die Vegetation allerorten ihr staubtrockenes, ockerfarbenes Hitzekleid anlegt, bleibt die große Streusiedlung dank ihrer Quellen eine erquickende Oase. Zitrusbäume zeigen ihre tiefgrünen Blätter, es gedeihen Walnüsse und Mandeln, Feigen und Granatäpfel, Mispeln und Aprikosen. Baumwolle und Zuckerrohr, auch sie auf reiche Wasserzufuhr angewiesen und früher hier heimisch, wichen anderen Kulturpflanzen wie dem Maulbeerbaum, dessen breitkronige Exemplare Zeugnis davon ablegen, dass Lapta noch in jüngster Vergangenheit ein Zentrum der Seidenraupenzucht und florierender Seidenindustrien war. Laptas reizvolle Dorf- und Gartenlandschaft macht neugierig, verlockt zu Streifzügen auf schmalen, auf- und absteigenden Wegen, dabei flüchtige Einblicke in das Dorfleben freigebend und immer neue grandiose Berg- und Küstenpanoramen ins Blickfeld rückend.

Auch an Lapta gehen die Zeitläufe nicht spurlos vorüber. Es ist nicht mehr das Dorf der Obstbauern und Handwerker, als das es sich für lange Zeit eingeprägt hatte. Seine Lage ist sein Kapital („sein Verderben“, fürchten manche). Keine Frage, als Urlaubsort mit zahllosen kleinen und großen Hotels, Restaurants nebst Strandbetrieb und immer häufiger auch als Dauerwohnsitz für zugereiste Europäer, hat das Dorf schon vor Jahren eine Richtung eingeschlagen, die den Freunden des „alten“ Lapta Kopfschmerzen bereitet, denn seine neue Karriere als Urlauber- und „Expatriates“-Domizil scheint unumkehrbar.

Über 6.000 Menschen leben ständig in Lapta. Zum Höhepunkt der Sommersaison verdreifacht sich ihre Zahl. Dann kann es an manchen beach-nahen Stellen turbulent zugehen. Doch wenn im Herbst die Besucher abreisen und nicht wenige Touristenetablissements schließen, normalisiert sich das Leben schnell wieder. Wie eh und je fließt dann das Wasser leise plätschernd durch die schmalen Kanäle hinunter in die Gärten, der Gebetsruf des Muezzins verliert sich über den Hängen, orientalische Rhythmen einer Hochzeitsparty wehen herüber, Düfte von „Pakistanian Night“ und Frangipani hängen schwer zwischen den Bäumen und ein unglaublicher Mond, riesig und so deutlich gezeichnet, wie man ihn noch nie sah, beleuchtet die Szene – hier möchte man eine gute Zeit verbringen.

Streiflichter

1821, während des griechischen Unabhängigkeitskrieges, ankerte einer seiner populären Helden im Schutze der Nacht vor Lapta. Es war Konstantinos Kanaris, der mit seinen Mitkämpfern eine Haltung an den Tag legte, „welche in den Augen der heutigen Griechen dem homerischen Heldentum keineswegs nachsteht“, wie der griechische Historiker Pavlos Tzermias schreibt. Mit seiner Brandertaktik hatte er der osmanischen Flotte schwere Verluste zugefügt, benötigte nun dringend Proviant, Rekruten und Waffen. Bei einem gewissen Paspallas im Ortsteil Agía Paraskeví kam er unter und verließ bei Tagesanbruch mit neuer Verpflegung, sechzehn Rekruten und Waffen (vorwiegend feststehende Messer aus Laptas Messerschmieden) die zyprischen Gewässer. Doch das waghalsige Unternehmen war nicht unbemerkt geblieben und so folgte die Vergeltung durch osmanische Kommandos auf dem Fuße.

Lapta, Nordzypern

Unter den Briten war Lapta eine der zehn „municipalities“ (politische Verwaltungseinheiten) der Insel. Sie erhielt 1880 erstmals eine Straßenanbindung an Girne, die aber erst zehn Jahre später mit einer Kiesauflage befestigt wurde. Aus jener Zeit stammt die Reportage über einen Besuch beim Dorfkrämer von Lapta/Lapithos:

„Lapithos ist also das größte Dorf Cyperns. Zuerst führt man mich nach dem Geschäftshause meines Gastfreundes. Zur langen Halle zwischen Haus und Orangengarten zieht ein langer Zug waarenbeladener Kameele, wohl mehr denn zwanzig. - Sie gehören alle dem Gastfreunde, der längs der ganzen Nordküste mit den Landeserzeugnissen handelt. Er führt dieselben nach Levkosia (Nicosia) zum reichen Kaufmannskönig Schakali. Bei dem handelt und tauscht er Wolle und Sesam, Baumwolle und Weizen gegen europäische und asiatische Waaren ein, führt sie zurück nach Lapithos und verkauft sie mit gutem Gewinn an Griechen und Türken. Was hast Du nicht alles aufgethürmt und aufgebaut und aufgehangen, ehrwürdiger Gastfreund? Berge von Tschibuks (langstielige Pfeifen) und Fezen (Kopfbedeckungen), von gestickten Decken und schöngemusterten Teppichen, von Tabak und Cigarettenpapier, Schachteln und Schächtelchen, Ohrgehängen, Ketten und Ringen und Armbändern, türkischen Rosenkränzen und Amuletten aus Gold und Silber, Glas und Stein und Metall: das sind Waaren aus Konstantinopel, Smyrna, Beyrut und Alexandrien. Berge von Schießpulver und Schrot, carrirten und geblümten Kattunen (Baumwollgewebe), Streichhölzern, Regenschirmen, Photographierahmen, griechischen und katholischen Heiligenbildern, Kreuzen, Cravaten, Knöpfen, Stöcken, Gläsern, Flaschen, Sackleinwand und Stricken: das sind Waaren aus Europa, von Triest, Neapel, Genua, Marseille. Berge von Bauernstiefeln und Schnabelschuhen, glasperlengezierten Hemden, buntgefransten Handtüchern aus Baumwolle, rohseidenen oder buntseidenen Stoffen, Berge von trockenen Hülsenfrüchten, Hufeisen, Wurfschaufeln, Sensen, Branntweinflaschen und weingefüllten Schläuchen: das sind die Waaren des Landes, von Karpaso, Limasol, Levkosia, Larnaka und Bapho (Paphos). Selbst im menschendurchwogten Toledo Neapels sah ich auf den endlosen Weihnachtstischen und in den Weihnachtsbuden nicht so verschiedene Waaren aufgehäuft, wie hier beim Krämer zu Lapithos. Die Handelsproducte dreier Welttheile, in einem Dorfkramladen beisammen, kann es etwas Originelleres geben?“ (Aus: „Spazierritte durch Cypern“ von Max Ohnefalsch-Richter, hier unter dem Pseudonym C. Cin, veröffentlicht 1879 in dem Magazin „ Alte und Neue Welt“, Einsiedeln)

1905 erhielt Lapta einen Polizeiposten. In den 20er Jahren, während der Amtszeit von Bürgermeister Kyrios Kaplanis, blühte der Ort auf. Viele der neoklassizistischen öffentlichen Bauten wie die „Town Hall“ entstanden damals. Straßen und Schulen wurden gebaut, die Anlage von Zitronenplantagen forciert.

Im August 1915 berichtete das englische Wochenblatt „The Near East“ von einem Zwischenfall auf dem Fest des Propheten Elias, der sich an der Frage entzündet hatte, welches der beiden rivalisierenden Dörfer (vermutlich Karavas/Alsancak und Lapithos/Lapta) die Haupttänzer vor dem Caféhaus stellen sollte:

„Zwei schon heftig angetrunkene Männer aus einem der Dörfer beanspruchten diese Rolle für sich, was ihnen von den Rivalen aus dem anderen Dorf streitig gemacht wurde. Darauf erhob sich ein wildes Geschrei und die Festteilnehmer – Männer wie Frauen – teilten sich in zwei feindliche Gruppen. Wurden anfangs nur Steine und Stöcke eingesetzt, griff man schließlich zu Messern und fügte sich gegenseitig schwere Wunden zu. Die Auseinandersetzung zog sich bis Mitternacht hin und führt drastisch vor Augen, was sich auf zyprischen Festen gar nicht so selten ereignet, besonders dann, wenn gut gerüstete Polizeipatrouillen durch Abwesenheit glänzen. Das Gesetz, welches das Mitführen von dolchähnlichen Messern verbietet, kann natürlich kaum das Fortbestehen derartiger nationaler Gewohnheiten verhindern.“

Es ist kein Geheimnis, dass der Ort eine Hochburg der zyperngriechischen EOKA-Guerilla war. Viele junge Lapithioten ließen sich für den Untergrundkampf gegen die Briten schulen und taten sich als Saboteure, Bombenleger und Heckenschützen hervor, was von den Kolonialbehörden mit drakonischen Strafen geahndet wurde.

Als 1964 die Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen einen Höhepunkt erreichten, verließ die zyperntürkische Gemeinde (etwa 370 Personen) das Großdorf mit damals rund 3.500 Einwohnern und suchte Unterschlupf in der türkischen Enklave am Nordrand von Nicosia. Zehn Jahre später, nach der de-facto-Teilung des Landes, kehrten sie zurück und mit ihnen siedelten sich Flüchtlinge aus Paphos und Umgebung im Bergdorf an, Festlandstürken gesellten sich 1978 dazu. Die letzten Griechen verließen ihr Heimatdorf im September 1976.

Ortsbilder

Lapithos, das übrigens schon seit Jahrhunderten seinen türkischen Namen „Lapta“ trägt (so schrieb Richard Pococke 1738: „…a near village called Lapta, where there are some sources of fine water…“), steigt von der Küste über Terrassen und entlang steil abstürzenden Taleinschnitten auf Höhen von etwa 300 m. Darüber ragen Felswände auf, die eine Ortsausdehnung in südlicher Richtung unmöglich machen. „Unten“ an der Küste liegt das Gros der touristischen Einrichtungen, gewohnt wird traditionell „oben“ und zunehmend auch am Hang und in der Küstenebene, einem noch bis vor kurzem landwirtschaftlich intensiv genutztem Areal.

Nordzypern, LaptaDie für Lapta charakteristische lokale Architektur sieht man immer seltener. Bauboom und Grundstücksgeschäfte schaffen eben vollendete Tatsachen. Es waren zumeist rechteckige, anheimelnde Häuser. Sie wurden aus Kalkstein und Lehmziegeln nach einem einfachen Grundriß errichtet, boten im Sommer Kühle und im Winter guten Schutz gegen naßkalte Witterung. Eine aufwendig gestaltete, große Holztür führte in die Eingangshalle mit Steinboden und öffnete sich am anderen Ende zum Innenhof, wo gewöhnlich ein Brunnen war. Von Bögen getragen, lagen die beiden Haupträume (schlafen bzw. kochen/essen) beiderseits der Eingangshalle.

Baufällige oder verlassene Wohn- und Wirtschaftsgebäude und die einst zahlreichen Öl- und Getreidemühlen würden zu schnell und oft aus fadenscheinigen Gründen abgerissen, klagen besorgte Beobachter. Auf der anderen Seite sind viele gelungene Restaurierungen und dem alten Stil ganz passabel nachempfundene Neubauten zu sehen. Natürlich gibt es auch Mißlungenes, Langweiliges, Protziges, auch brachliegende Flächen und verkümmernde Obsthaine, aber dann wieder interessant gestaltete Gärten, üppige, wildwuchernde Flecken, „englischen“ Rasen, gestutzte Hecken, eine phantastische Blumenpracht. Und das macht den Ort so sympathisch. Er ist kein Vorzeigedorf, kein Reichenghetto, aber auch nicht mehr das Dorf von früher. Lapta ist dabei, Wege in die Zukunft auszuloten.

Von jeher scharten sich Laptas Griechen um ihre sechs Kirchen, Mittelpunkt der Pfarrgemeinden, die zugleich Ortsteile waren mit je eigenen Verwaltungsstrukturen. Im oberen Lapta waren es Agía Anastasía und Agía Paraskeví, Agios Theódoros im Westen und im Zentrum Timíos Prodhrómos und Agios Lúkas (zwischen diesen beiden lag die „mahalle“, das Quartier der türkischen Einwohner), schließlich Agios Mínas im Osten. An dieser Aufteilung orientiert sich auch das moderne Lapta.

Die architektonisch eher unbedeutenden Kirchen stammen aus dem 19. Jahrhundert. Ihr baulicher Zustand ist erstaunlich gut, wie kürzlich eine gemischte griechisch/türkische NGO mit Unterstützung durch USAID, UNDP und UNOPS feststellte.

Agía Anasatasía, allein schon wegen ihrer phantastischen Lage einen Besuch wert, gehört heute zu einem Hotelkomplex und Agía Paraskeví wird als Moschee (die „obere“, bezogen auf ihre Höhenlage) genutzt. Eine der beiden anderen Moscheen Laptas, die Seyyit Mehmet Ağa-Moschee (die „mittlere“) aus der Zeit um 1870, verkörpert eine für Zyperns muslimische Bethäuser typische Bauweise: dem rechteckigen Betsaal mit Holzdach ist ein Portikus aus drei Bögen auf seiner Längsseite und je einem an den beiden Schmalseiten vorgelagert. Dem Eingang gegenüber liegen auf der Südseite Mihrab (Gebetsnische des Imams) und Mimber (Kanzel für die Freitagspredigt). Die zweite, um 1909 errichtete Moschee, zählt als Zentralkuppelbau zu einem in Zypern seltenen Moschee-Typ. Nur noch die Arabahmet-Moschee in Lefkoşa und die Nurettin Ersin Paşa-Moschee in Girne weisen diese charakteristischen Merkmale klassischer osmanischer Bethäuser auf: einen quadratischen Grundriß, der von einer großen, auf einem oktogonalen Tambour aufsitzenden Kuppel überdeckt wird. Die Haydarpaşazade Mehmet Bey-Moschee (die „untere“) steht auf einem niedrigen Plateau in dichtes Gebüsch und Bäume getaucht, ein Bach führt Wasser heran. Man verzichtete wohl aus Platzgründen auf einen Portikus, strukturierte statt dessen die Außenfassade in auffallender Weise durch überwölbte Nischen, Wandpfeiler, ein Band mit floralen Motiven.

 



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