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Reiseführer Nordzypern

Seide für Aphrodite

Über die einst blühende zyprische Seidenkultur

1946 zählte das Statistische Amt Zyperns noch 153.172 Maulbeerbäume, davon allein 11 % in der Gemarkung Lapithos (heute türk. Lapta). Der Weiße Maulbeerbaum (morus alba) liefert mit seinen 6-18 cm langen Blättern das Futter für die Raupen des Maulbeerspinners (Seidenraupe). Während der Fütterungszeit bis zur Spinnreife werden die Raupen auf Stellagen in geschlossenen Räumen gehalten. Nach 35 Tagen und viermaliger Häutung beginnt die jetzt ausgewachsene, etwa fingerlange Seidenraupe mit dem Bau des Kokons, des Rohstoffs für die Seidenherstellung. Sie produziert dazu einen mehrere hundert Meter langen Faden, den sie in zwei Tagen und zwei Nächten mit achtförmigen Kopfbewegungen zu einer dichten Hülle, einem Seidenhäuschen, verspinnt. In ihm vollzieht sich die Verwandlung der Raupe zur Puppe und der Puppe zum Schmetterling. 18-20 Tage nach dem Einspinnen zwängt sich der Falter aus dem Kokon ins Freie. Er nimmt keine Nahrung auf, paart sich und legt bis zu fünfhundert, gerade mohnkorngroße Eier: der Kreislauf beginnt von neuem.

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Schmetterling des Maulbeerspinners

Man ließ nur wenige Schmetterlinge schlüpfen, gerade so viele, um Eier für die nächste Seidenraupengeneration zu gewinnen. Der weitaus größere Teil der Kokons wurde zum Abtöten der Puppen und zum Aufweichen des Leims, der die einzelnen Fadenlagen im Kokon verklebt, einem Heißwasserbad ausgesetzt. Lawrence Durrell hat diesen Moment in seinem Zypern-Klassiker Bittere Limonen festgehalten: "Die Seidenraupen starben mit einem schrecklichen Knacken und  Schluchzen und einem Geräusch, als würden Sehnen zermahlen. Die Familie sitzt rund um den großen Kupferkessel und schöpft das Produkt auf Handwebstühle ab - große Spulen butterfarbiger Seide, so dick wie ein Männerschenkel".

Traditionell waren Raupenaufzucht, Kokonernte, die Verarbeitung des abgehaspelten Endlosfadens zu Garnen und Zwirnen und auch das Weben von Seidenstoffen für Kleider und Blusen, Schals und Taschentücher, dekorative Heimtextilien und selbst Moskitonetze eine Domäne kleinbäuerlicher Familienbetriebe. Sie arbeiteten auf einem extrem niedrigen Produktionskostenniveau für den Binnenmarkt und in beträchtlichem Umfang für den Export.

Die Anfänge der zyprischen Seidenwirtschaft liegen in der Zeit der byzantinischen Herrschaft. Byzanz hatte sich auf verschlungenen Wegen Einblick in die Kunst der Seidenherstellung verschafft, die bis dahin ein streng gehütetes Geheimnis Ostasiens gewesen war. Unter der Herrschaft Venedigs erhielt Zyperns Seidenwirtschaft neue Impulse. 1540 soll der Wert der gesponnenen Seide bei 3.000 Dukaten gelegen haben. Auch unter den Osmanen blühte das Gewerbe. Ein Augenzeuge berichtete 1681, daß

"in jedem Hause Seidenwürmer zu finden waren" und der englische Reisende A. Drummond schätzte 1744 die jährliche Produktion von Seide auf erstaunliche 40-50 Tonnen. Immerhin erforderte die Herstellung von einem Kilo Rohseide sieben bis neun Kilo Kokons. Als jedoch die Engländer Zypern in Besitz nahmen, fanden sie eine vernachlässigte Seidenwirtschaft vor, denn, so der englische Forscher und Reisende Sir Samuel White Baker 1879 in einer Aufzeichnung aus dem Dorf Kythrea (heute türk. Degirmenlik) "...durch den Mangel an Voraussicht seitens der Producenten aber hat die Cultur hier wie in anderen Teilen Cyperns gelitten. Diese Leute haben in den letzten Jahren die Eier in solchen unglaublichen Mengen an die Händler von Beirut verkauft, daß dem Lande nur ein geringer Vorrat verblieben ist; das Resultat dieses Opfers, um bares Geld zu gewinnen, ist eine bedenkliche Verminderung der allgemeinen Produktion. In machen Teilen stehen die Maulbeerbäume in vollster Schönheit, ohne eine Seidenraupe, die sie ernähren sollten..."

Nach wissenschaftlichen Vorarbeiten des rührigen englischen Kommissars von Paphos, nahm die Kolonialregierung die Förderung der Seidenindustrie in die Hand: Versuchsstationen wurden eingerichtet und Kurse für Landschullehrer organisiert, die ihr neuerworbenes Wissen an die ländliche Bevölkerung weitergaben. Mitte der zwanziger Jahre lag die Produktion noch immer bei beachtlichen 30 Tonnen. Eine neu errichtete Spinnerei bei Yeroskipos nahe Paphos konnte indes nur kurzzeitig Hoffnungen auf eine kräftige Ausweitung der Produktion wecken, denn die hochgesteckten Erwartungen brachen unter einer geballten Offensive fernöstlicher Rohseideexporteuren zusammen. Züchter in China und vor allem in Japan hatten in den zwanziger Jahren den Qualitätsvorsprung der europäischen und levantinischen Produzenten eingeholt. Extrem niedrige Produktionskosten und die massive Ausweitung der Zucht-, Spinn- und Webkapazitäten in Fernost führten innerhalb weniger Jahre zu einer völligen Umkehrung auf den Weltmärkten. Hatten noch im 19. Jahrhundert die traditionellen Zucht- und Verarbeitungszentren Europas und der Levante dank überlegener Qualitäten und relativ kurzer Transportwege den Großteil des Weltbedarfs gedeckt, so spielten sie jetzt auf den internationalen Märkten keine Rolle mehr.

Für die zyprischen Seidenproduzenten besserte sich unerwartet die Situation, als während des Zweiten Weltkriegs eine starke Nachfrage nach Fallschirmseide einsetzte. Der kriegsbedingten kurzen Scheinblüte folgte ein dramatischer Rückgang der Produktion, kräftig gefördert durch den Siegeszug einer neuen Generation von Kunststoffen.

Noch immer gedeihen in Lapta die Maulbeerbäume, doch die Seidenindustrie ist heute als Wirtschaftsfaktor bedeutungslos.

 



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