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Karl May, DDR-Vergangenheit, ein Straßenangerdorf und beste Weinlagen – zu Besuch in Radebeul

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Wer nicht zum ersten Mal im Elbflorenz weilt, der sollte einen Ausflug nach Radebeul unternehmen. Gelegen ist der Ort an den mit Weinstöcken bestandenen Hängen der Elbe. Lusthäuser gehören ebenso zum Bild von Radebeul wie das Straßenangerdorf Kötzschenbroda.

Radebeul
Neorenaissance in Radebeul

Schlichte Winzerhäuser aus dem 17. und 18.Jahrhundert, die ein hohes Walmdach besitzen, gehören zum Ortsbild Radbeuls. Wer diese sehen möchte, sucht die Winzerstraße und die Weinbergstraße auf, wo sich als markanteste Haustypen das Haus Lotter und das Haus Lorenz befinden. Historistische Bauten hingegen konzentrieren sich rund um die Bahnhöfe Kötzschenbroda und Radebeul. Auch repräsentative Kirchenbauten finden sich in der Stadt vor den Toren Dresdens, so die evangelische Lutherkirche - im Stil der Neorenaissance errichtet und nicht weit vom heutigen Karl-May-Museum entfernt gelegen. Nicht nur die äußere Hülle des Sakralbaus, sondern auch die Innenausstattung lassen die Renaissance wieder auferstehen.

Radebeul
Sorgsam restauriertes Dorfbild von Altkötzschenbroda

In Altkötzschenbroda steht versetzt zum Dorfanger, an dem sich schmucke zweigeschossige, meist zweiachsige Häuschen aneinanderreihen die evangelische Friedenskirche. Seinen Namen erhielt dieses Gotteshaus nach dem zwischen Sachsen und Schweden 1645 geschlossenen Sonderfrieden, mit dem der 30-jährige Krieg in Sachsen drei Jahre vor dem Friedensschluss von Münster und Osnabrück beendet wurde. Unterzeichnet wurde das historische Dokument im Pfarrhaus der Kirche, die seither Friedenskirche heißt. Bei dem Sakralbau handelt es sich um einen in der zweiten Hälfte des 15.Jahrhunderts begonnenen spätgotischen Bau, der 1510 vollendet werden konnte. Allerdings überstand die Kirche die Wirren des 30-jährigen Krieges nicht. 1637 brandschatzten schwedische Truppen den Ort. Dem fiel auch die Kirche zum Opfer, die ein Jahr nach dem Friedensschluss von Kötzschenbroda wie Phoenix aus der Asche zu neuem Leben erwachte. Umbauten am Ende des 19.Jahrhunderts und Erneuerungen zu Beginn der 1960er Jahre sind weitere markante Baudaten für dieses Gotteshaus. Nur der Turm und der Chor blieben von dem ursprünglich rein spätgotischen Bau übrig.

Radebeul
Insignien aus vergangenen Zeiten

Die DDR „lebt“

DDR-Geschichte wird in Radebeul museal bewahrt, existiert hier doch in einem ehemaligen Bau der Firma Robotron das DDR-Museum Zeitreise. Die DDR-Kittelschürze wird hier ebenso sorgsam verwahrt wie die „Schätze“ aus DDR-Kinderzimmern und Wohnstuben mit Systemregalwänden. Ein DDR-Postamt besucht der eine Besucher, der andere macht sich lieber ein genaues Bild von der DDR-Motorradfertigung und Autoproduktion. Vor allem dem Trabant ist ein große Ausstellungsfläche gewidmet. In zwei Klassenräume können wir ebenso einen Blick werfen wie in den Pausenraum eines Betriebes. Meißner Porzellan ist zu entdecken wie auch Bockauer Kümmel Likör und Akzisafreier Trinkbranntwein für Bergarbeiter – 0,7 Liter für 1,12 Mark. Das Thema „Alkoholismus in der DDR“ – und gesoffen wurde heftig – sucht man im Haus allerdings vergeblich. Auch die Tonnagementalität, die nie realisierte Normerfüllung, bleibt thematisch ausgespart. Welche Mode angeboten wurde und aus welchen Materialien bleibt dem Besucher nicht verborgen und auch die bisweilen spießig-miefig daherkommende Privatheit der eigenen vier Wände wird präsentiert. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass die gezeigten Wohn-, Kinder- und Schlafzimmer museal inszeniert sind und nicht etwa Originalzimmer darstellen.

Radebeul
Retro ist angesagt im Restaurant Seventies

Wer auf Retro steht und auf Designs von Panton&Co, der kehrt nach seinem Museumsbesuch im „Seventies“ ein, das sich direkt neben dem Museum befindet. Wie wäre es denn mit Ruccola-Salat und gegrilltem Schafskäse oder Honig-Karotten-Ingwer-Suppe mit Pumpernickel? Weder diese Kleinigkeiten noch gar Tafelspitz in Meerrettichsauce, dazu Kartoffeln und Fingermöhrchen sind aber typisch für die 1970er Jahre, dann doch eher Schweineschnitzel mit Leipziger Allerlei und Kartoffeln.

Nur einen Steinwurf von der Zeitreise in die 40-jährige DDR-Geschichte kann man eine abenteuerliche Museumsreise in ferne Länder unternehmen, wenn man das Karl-May-Museum betritt. Generationen von Lesern fieberten mit Winnetou und Old Shatterhand, die allein der Fantasie eines Schriftstellers zu verdanken sind. Selbstverständlich wurden die Werke Karl Mays auch verfilmt, so „Durchs wilde Kurdistan“ mit Lex Barker und Marie Versini in den Hauptrollen. Karl May, dessen Werke in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden und bis heute Bestseller sind – und das weltweit! - war zu seinen Lebzeiten bereits bekannt wie ein bunter Hund. Sein Wohnhaus, historisch getreu restauriert, ist nun „Pilgerstätte“ für alle, die schon immer einmal wissen wollten, wo die Abenteuerhelden Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand das Licht der Welt erblickten. Darüber hinaus kann man in der Villa Bärenfett in die Welt der nordamerikanischen Indianer eintauchen. Jenseits von Winnetou und Old Shatterhand ist der Besuch des Hauses auch deshalb einen Besuch wert, weil man Einblicke in Mays Wohnkultur gewinnen kann. Ganz im Geist des Jugendstils wurde zum Beispiel der Empfangssalon eingerichtet, in dem auch der Raumschmuck, Originalgemälde von Sascha Schneider, sehenswert ist.

Radebeul
Wo bleibt denn bloß Old Shatterhand?

Dem Stadthaus Karl Mays gegenüber wurde eine kleine Gartenanlage angelegt, in der ein Gedenkstein mit dem Porträt des wohl meist gelesenen deutschsprachigen Schriftstellers zu finden ist. Verfehlen kann man das Museum nicht: Ein „Indianerhäuptling“ wartet vor dem Eingang auf die Besucher.

Sommerliches Ausflugsziel: Altkötzschenbroda

Nur einige Straßenbahnhaltestellen vom DDR-Museum Zeitreise entfernt liegt Altkötzschenbrodas Ortskern. Dieser wird durch einen lang gestreckten Anger bestimmt. In zartes Gelb, helles Pistaziengrün oder lichtes Rostrot sind die Häuser links und rechts des Angers gehüllt. Satteldächer findet man ebenso wie Mansarddächer. Ein solches bedeckt das Hotel Goldener Anker, auf dessen Fassade in „goldenen Lettern“ über großen Rundbogenfenstern „Ball Etablissement“ zu lesen ist. Auf dem Platz vor dem Hotel perlt ein Wasserstrom über eine Brunnenanlage, die als eine Wellentreppe gestaltet wurde. Nebenan begrüßt das Restaurant „Zur Alten Unke“ seine Gäste. Auf den dunkelgrünen Fensterläden hat der findige Wirt des Hauses mit Kreide Tipps und Angebote wie „Pfefferbeißer für Zwischendurch“ oder „Heutiger Wandertip Moritzburg Zum Mond und Zur alten Unke direkt hier“ niedergeschrieben. Auch die „Kombüse mit Koch“ kann man dank der Hinweise nicht verfehlen. Schließlich lesen wir auch folgenden Sinnspruch: „Rotwein ist für alte Knaben eine von den beiden Gaben!“. Welchen Humor der einstige Häuslebauer oder aber der jetzige Betreiber besitzt, kann der Hausinschrift entnommen werden: „Gott schütze dieses Haus vor Not + Feuer, vor Stadtplanung und vor Steuer.“

Radebeul
Nicht nur in der „Schwarzen Seele“ speist man lecker

Ja, die Qual der Wahl hat man bei seinem Besuch des Örtchens, denn auch der Elbterrassen-Biergarten des Goldenen Ankers lockt zur Einkehr. In knalliges Rot ist die Front des Fachwerkbaus getaucht, in dem die Weinstube „Zur grünen Linde“ – quietschgrün ist der nicht zu übersehende Schriftzug – untergebracht ist. Wein rankt sich an der Fachwerkseite des Hauses empor. Weiß sind die Fächer, bläulich getönt das Fachwerk. Wer zur richtigen Zeit durch den Ort schlendert, kann hier eine Erdbeerbowle mit frischen Erdbeeren oder Weine aus Sachsen probieren. Der dreiachsige Stumpf's Hof mit seiner in Altrosa gehaltenen Putzfassade kann der nächste Halt sein, wenn man einen ausgelassenen Tag mit leckeren Gaumenfreuden verbringen möchte. Unter dem schützenden Sonnenschirm genießen zahlreiche Gäste ihr Essen im Restaurant „Schwarze Seele“, untergebracht in einem Anwesen von 1839. „Feine sächsische Küche“ heißt es in der Eigenwerbung. Was auf den Tisch des Hauses kommt, stammt aus der Hausschlachtung des Missionshofs Lieske, auf dem geistig behinderte Männer leben und arbeiten. Nierchen süß-sauer mit Kartoffelstücken und Grützewurst mit Sauerkraut und hausgemachtem Kartoffelbrei sind nur zwei der Gaumenkitzler, die man serviert bekommt. Wie wäre es denn dazu mit einem naturtrüben Lieske Pils oder einem Kötzschber Rotling, einem Rosé aus Radebeul? Süßschnäbel treffen sich in „Das Kaffee“ zu ofenfrischem Johannisbeer-Streuselkuchen, Stachelbeer-Baiser-Kuchen oder Nuss-Streuselkuchen, derweil Brautpaare sich in der Friedenskirche das Ja-Wort geben.

Radebeul
Blick auf die Kapelle des ehemaligen Altersruhesitzes von
Generalfeldmarschalls Graf August Christoph von Wackerbarth

In vino veritas

Zu den Weingütern Radebeuls gehören Hoflößnitz, ehemals ein kurfürstliches Weingut und ab 1401 in wettinischem Besitz. Das Gut war eine Herzensangelegenheit der Kurfürsten Johann Georg I. und Johann Georg II., unter dessen Regenschaft der Ausbau weitgehend abgeschlossen wurde. Ein weiteres erwähnenswertes Weingut ist Schloss Wackerbarth auch als Wackerbarts Ruhe bekannt und heute das Sächsische Staatsweingut in Niederlößnitz. Gedacht war es einst als Altersruhesitz des Generalfeldmarschalls Graf August Christoph von Wackerbarth. Zu diesem Ruhesitz gehörte ein formaler Terrassengarten mit konisch geschnittenen Eiben sowie das sogenannte Belvedere, ein „Pavillon“ am Fuß der Weinberge. Hoch oben auf dem „Weinbergkamm“ sieht man den sogenannten Jacobstein, ein überkuppelter Weinbergpavillon. Unterdessen ist der einstige Alterssitz eines Grafen in ein Erlebnisweingut umgestaltet worden, in dem der Besucher Wissenswertes zum Weinanbau, zum Keltern von Wein und Sekt erfahren kann – auch audiovisuell.

Touristische Informationen

Tourist-Information Radebeul
Meißner Straße 152
01445 Radebeul

Sehenswürdigkeiten

DDR-Museums „Zeitreise“
Wasapark Radebeul
Wasastraße 50
01445 Radebeul,
www.DDR-Museum-Dresden.de

Karl-May-Museum
Karl-May-Straße 5
01445 Radebeul
http://www.karl-may-stiftung.de/museum/index.html

Friedenskirche Altkötzschenbroda
www.friedenskirchgemeinde-radebeul.de

Schloss Wackerbarth
Sächsisches Staatsweingut GmbH
Wackerbarthstraße 1
01445 Radebeul
www.schloss-wackerbarth.de


Speis und Trank

Restaurant Seventies
Wasastraße 50
01445 Radebeul
www.70-dresden.de

Weinstube "Zur grünen Linde"
Altkötzschenbroda 59
01445 Radebeul

Schwarze Seele
Altkötzschenbroda 19
01445 Radebeul

Anreise

DB Dresden Hbf.
www.bahn.de

ÖPNV: Straßenbahn ab Hbf. Nord mit 8,9,11 bis Postplatz, Linie 4 bis Wasastraße (DDR-Museum/Karl-May-Museum), Straßenbahn Linie 4 bis Moritzburger Straße für Besuch von Altkötzschenbroda, bis Schloss Wackerbarth für Besuch des Sächs. Staatsweingutes

 

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