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Reiseführer Nordzypern

Der Überfall

Am 27. Juni 1365 verließ ein kleiner Schiffsverband Venedig Richtung Rhodos. Er bestand aus zwei Galeeren und einigen Hilfsschiffen, die „einen bunt zusammengewürfelten Haufen von zuchtlosen, beutegierigen Engländern, Franzosen und Deutschen“ an Bord hatten. Es war der dürftige Ertrag der königlichen Werbetour durch Europas Residenzen. Zwei, drei Grafen aus Frankreich und England waren darunter und geringere Ritter in größerer Zahl, aber kein Prominenter aus deutschen Landen.

Venedig, wie stets seine eigenen (Handels-)Interessen verfolgend, ließ die Flottille von drei mit einer Observierungsorder beauftragten Galeeren begleiten. Ihr Objekt: der zyprische König. Venedig sollte umgehend informiert werden, wenn erkennbar wurde, gegen welches muslimische Land sich der Angriff richtete. Venedig wollte dann sofort die Führung jenes Landes wissen lassen, dass der Zug gegen den Willen der Serenissima erfolge. Die doppelbödige Haltung der Lido-Stadt blieb Pierre I. nicht verborgen und er hielt deshalb das Ziel unter Verschluß.

Die einzige größere Unterstützung für den Kreuzzug stellten die rhodischen Johanniter-Ritter. Ihre vier Kriegsgaleeren und einige Hilfsschiffe mit 100 Rittern und dazugehörigen Knappen gesellten sich im Hafen von Rhodos zu den dort versammelten zyprischen Kampfverbänden. Die Flotte umfaßte nun 165 Schiffe, davon allein 108 aus Zypern, 31 Kampfgaleeren gehörten dazu, vielleicht 1.000 Berittene und nicht mehr als 10.000 Mann.

Ende September 1365 stach die Flotte in See und fuhr zunächst (um muslimische Späher und die Venezianer irrezuführen) entlang der kleinasiatischen Küste in östlicher Richtung in die Bucht von Antalya. Wieder auf hoher See, wurde das Geheimnis gelüftet: Ziel war Alexandria. Das war nicht die ganz große Überraschung, denn seit Generationen kursierte die Losung, Ägypten sei der Schlüssel zum Heiligen Land, wer Alexandria beherrsche, stehe schon mit einem Fuß in Jerusalem. Dennoch gab es Bedenken wegen der geringen eigenen Kräfte und des hoch eingeschätzten mamlukischen Militärapparates. Es bedurfte leidenschaftlicher Appelle, um die Invasionsstreitmacht auf das alexandrinische Unternehmen einzustellen. Mit dem Schlachtruf „Vivat, vivat Petrus, Jerusalem et Cypri Rex, contra Sarazenos infideles“ (Langes Leben und Sieg über die ungläubigen Sarazenen dem König Pierre von Jerusalem und Zypern) attackierten sie die Stadt am 10. Oktober. Es wurde ein unvorstellbares Gemetzel, vergleichbar nur mit den Massenmorden bei der Einnahme Jerusalems durch den 1. Kreuzzug (1099) und der Eroberung Konstantinopels durch den 4. Kreuzzug (1204). Das grauenhafte Massaker soll nach zeitgenössischen Quellen 20.000 Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet haben.

Alexandria
Ägyptens Metropole Alexandria aus dem "Kitap-i Bahriye" des
osmanischen Seehelden und Kartografen Piri Reis (1521)
Quelle: Skylife Nr. 208, Nov. 2000

5.000 Gefangene, darunter in Alexandria lebende Juden und Christen, wurden auf die Schiffe getrieben, die Stadt ausgeplündert und in Brand gesteckt. Pierre I., der die Stadt halten wollte, geriet während eines Kriegsrats in die Defensive, nachdem besonders die „zuchtlosen“ englischen und französischen Ritter den Rückzug verlangten (um ihr reiches Beutegut nach Hause zu schaffen) und damit auf wachsende Zustimmung stießen, zumal sich auch in Windeseile herumgesprochen hatte, dass ein großes ägyptisches Entsatzheer schon den Stadtrand erreicht hatte. Der König gab nach und befahl die Räumung. Es war ein bitterer Schlag für ihn. Seine Siegesfreude wich tiefer Verstimmung. Klagte Petrarca in einem Brief an Boccaccio: „Diese Männer (die für den Rückzug plädierten) waren einem frommen König gefolgt, freilich nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Gier. Sie ließen ihn auf dem Höhepunkt seines glorreichen Unternehmens im Stich. Ihnen war nur ihre Beute wichtig. Dabei machten sie des Königs frommes Gelübde zunichte, allein darauf bedacht, ihre eigene Habgier zu befriedigen.“

Eine zeitgenössische Stimme aus Alexandria, vermutlich die des gelehrten Schreibers Muhammed Ibn Kâsim al-Nuwairi al-Mâlikî, konnte sich das Geschehen nur als „ein von Gott verhängtes Geschick“ erklären: „Nicht fand der Sieg, den jener erlangte, durch seine eigene Macht und Stärke, sondern durch die Bestimmung Gottes und dessen Macht statt. Und“, fuhr er fort, „der Fürst von Zypern war ja der Schwächste, der Niedrigste und Geringste unter den Königen der Christenheit, gleichsam ein Affenhüter auf einer Insel (…) Gegenüber dem Sizilianer, dem heldenhaften Wilhelm II., dessen Angriff auf Alexandria scheiterte, ist der Fürst von Zypern nicht mehr als der Nagelabfall an dessen Fuße (…) Auch sind die Städte der Insel Zypern nicht den Städten der Christen Spaniens gleich und sie sind auch nicht wie Rom oder Konstantinopel . . .“

Noch einmal: Werben für den Kreuzzug

Ob die Ausschaltung Alexandrias als konkurrierender Handelsplatz Pierres eigentliches Ziel gewesen ist, die Rückeroberung des hlg. Landes dagegen nur vorgeschoben war, werden vielleicht abschließende Forschungen klären können. Immerhin: mit Antalya, Gorhigos, Alexandria, Famagusta und eines nicht so fernen Tages wohl auch mit Beirut wären die wichtigsten levantinischen Hafen- und Handelsstädte unter zyprischer Kontrolle gewesen. Das Mamluken-Reich hätte unter einem enormen politischen und wirtschaftlichen Druck gestanden, der den Lusignans günstige Bedingungen für die Rückgewinnung des hlg. Landes eröffnet hätte.

Zu den Folgen des Dramas um Alexandria ist zuerst das dauerhaft vergiftete Klima zwischen Muslimen und Christen zu nennen. Die Stadt ein Trümmerfeld, der Handel mit dem Westen ausgesetzt – der Schaden für die Welt, die sich noch nicht von den Verwüstungen durch die Schwarze Pest erholt hatte, war immens.

Eine weitere Folge: der mamlukische Sultan ließ den Besitz der Christen Alexandrias konfiszieren und für den Wiederaufbau der Stadt verwenden. Auch das Lösegeld für die gefangenen Muslime hatten sie aufzubringen.

Wieder in Zypern, löste sich die Flotte auf. Es kam zu Verhandlungen mit dem Mamluken-Sultan, die aber ohne greifbares Ergebnis blieben. Seine Mißstimmung konnte Pierre I. nicht davon abhalten, einen Schlag gegen Beirut zu planen, die kleinasiatische Küste heimzusuchen, mit internationaler Unterstützung über Tripoli, Tortosa und andere Städte an der syrischen Küste herzufallen. Dabei war ihm klar, dass sein Wüten in der Region ihn nicht einen Schritt seinem eigentlichen Ziel näher bringen würde. Ein neuer Anlauf für den Kreuzzug war vonnöten. So blieb der nicht müde werdende fahrende Ritter seinem selbst auferlegten großen Ziel treu, das aber bei dieser Gelegenheit einen alles verändernden Dämpfer erhielt.

Er reiste über Rhodos und Neapel nach Rom, wo er erfahren mußte, dass sein Freund und treuer Unterstützer, Papst Urban V., inzwischen die Meinung vertrat, ein Kreuzzug sei unter den gegenwärtigen Umständen der Christenheit nicht zuzumuten, ein Vorhaben, wie es der zyprische König plane, erscheine ihm gar als anachronistischer Luxus.

Verbittert kehrte Zyperns König in sein Reich zurück. Das war im Herbst des Jahres 1368. Er war jetzt 39 Jahre alt und hatte noch drei Monate zu leben. Das Scheitern seiner Kreuzzugsvision begann seinen Charakter zu verändern, machte ihn zu einem argwöhnischen und gewalttätigen Tyrannen, der Schrecken im Lande verbreitete.

Blutiges Ende

Hofintrigen, heftiger Ehestreit um wechselseitige Untreue, die Verfolgung seiner Geliebten, aufbegehrende Barone, drohender finanzieller Kollaps – die Lage am Hof war zum Zerreißen gespannt. Auch der letzte Untertan hatte derweil den betäubenden Glanz der Anfangsjahre abgeschüttelt und erkannt, dass die nicht endenden und immer kostspieliger werdenden Kreuzzugsabenteuer ihres Königs die Ressourcen des Landes zu erschöpfen drohten. Um nicht zahlungsunfähig zu werden, erlaubte er vielen Hintersassen sich gegen eine Menge Geld von der Kopfsteuer freizukaufen und aus dem gleichen Grund verscherbelte er sogar Bestandteile der königlichen Domäne an ausländische Abenteurer in seinen Diensten. Daß er Bürgerliche in Kronämter aufsteigen ließ, Vasallen unter Umgehung der Haute Cour in den Kerker verbannte, Steuern über ihre Frist hinaus beibehielt und seine ausländischen Söldner das Waffenprivileg der zyprischen Barone aushöhlen ließ, waren selbstherrliche Entschlüsse, absolutistisches Gebaren eines Gewaltherrschers, der das feudale Herrschaftssystem gegenseitiger Abhängigkeit, Treue und Haftung innerlich aufgekündigt hatte. Es war eine alarmierende Entwicklung, die Zyperns Barone in eine Revolte hineintrieb, der Pierre I. im Januar 1369 zum Opfer fiel.

Unter seinem nachfolgenden Sohn Pierre II. (reg. 1369-1382) setzte der innere Zerfall des Lusignan-Reichs ein. Auch entging es nicht der Rache der Mamluken. Nach einem verheerenden Angriff machten sie die Insel 1426 zu einem tributpflichtigen Vasallenstaat.

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