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Reiseführer Rostock

Das gotische Rathaus

Kommt man aus der Kröpeliner Straße, der Fußgängerzone der Innenstadt, auf den weitläufigen Marktplatz Rostocks, den Neuen Markt, springt sofort das Rathaus auf der gegenüber liegenden Seite des Platzes ins Auge. Das liegt in erster Linie allerdings weniger an der Größe, als vielmehr an der rosa getünchten Fassade, die den Bau als Farbtupfer aus der Häuserzeile hervorstechen lässt.

Rostock - Rathaus

Dass man dem schmucken Sitz der Stadtverwaltung das Alter auf den ersten Blick nicht ansieht, ist genau dieser Fassade - eigentlich ein kompletter Vorbau - geschuldet, denn sie ist jüngeren Datums, als das dahinter liegende ursprüngliche Gebäude. Errichtet wurde das Rathaus um 1270 als zweigeschossiges Doppelgiebelhaus. Grundlage waren zwei Bürgerhäuser mit Unterkellerung aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, die um ein zweites Obergeschoss erweitert wurden und die schließlich 1484 mit einem dritten Haus, dem städtischen Festhaus, durch eine gotische Schauwand aus farbigen glasierten Ziegeln an der Marktseite eine einheitliche Front erhielten. Vorgebaut war eine ebenfalls zweistöckige Laube. Der Profanbau ist der älteste erhaltenene Rostocks und gilt als solcher als einer der bedeutendsten der Backsteingotik des Ostseeraums. Auf der Vicke Schorler-Rolle, einer 18,68 Meter langen und 60 Zentimeter hohen kolorierten Federzeichnung des Krämerburschen oder -gesellen Vicke Schorler, die von 1578 bis 1586 entstand und die einen Teil der Stadt und die Warnow zeigt, sieht man das spätgotische Rathaus, neben vielen weiteren Gebäuden der Stadt, noch in einem deutlich anderen Erscheinungsbild als heute.

Rostock - Eingang des Rathauses

Unter den Arkaden des Vorbaus sieht man noch Teile der gotischen Backsteinwand

Heute sieht man von dem gotischen Schildgiebel mit seinen (erst nach 1484) sieben Fialtürmen und Spitzbogenblenden nur noch den Teil, der über den zwischen 1727 und 1729 entstandenen barocken Vorbau hinausragt. Der neue Vorbau war nötig geworden, als die alte im Mittelalter errichtete hölzerne Laube im Jahre 1718 einem Sturm nicht standhalten konnte. Es wurde auch schon darüber nachgedacht, den für damalige Zeiten sehr modernen französisch und italienisch beeinflussten Vorbau wieder zu entfernen und die gotische Prunkwand wieder freizulegen. Bislang sind allerdings alle Versuche einen Abriss ernsthaft zu erwägen gescheitert, schließlich würde der Bürgermeister damit auch sein Büro verlieren.

Rostock - Rathaus - Heiligenbild

Reste eines alten Heiligenbildes an der Rathauswand unter den Arkaden

In früheren Zeiten wurde vor dem Rathaus bzw. unter den Arkaden der Laube Gericht gehalten und so manches Urteil wurde hier auch gleich vollstreckt, denn einst stand hier ein Schandpfahl und zu Zeiten der Hexenverfolgungen brannten auch Scheiterhaufen auf dem Neuen Markt.

Rostock - Rathaus - Schlange

Wer näher an das Rathaus herantritt, findet eine sich zwischen den Säulen windende Schlange aus Bronze. Sie ist nicht die erste, bis ins 18. Jahrhundert reichen die Erwähnungen einer Schlange am Rathaus zurück, manche wurde gestohlen, andere zerstört. Die jetzige, eine Schlange mit Aalschwanz, eine lebensgroße Plastik des Künstlers Erhard John, wurde 1998 gegossen und ziert seit der feierlichen Übergabe am 24. Juni 1998, dem 780. Jahrestag Rostocks, die Säulen des Eingangsportals und ist an diesen fest montiert. Sie hat sogar einen Namen: Johannes, als Erinnerung an den Johannistag, den Tag der Übergabe. Ihr blanker Kopf rührt von den Streicheleinheiten zahlreicher Hände, denn dies bringt angeblich Glück. Die Bedeutung der Schlange ist ungewiss und lädt zur Interpretation ein. So heißt es etwa, sie symbolisiere die Weisheit und Klugheit der Ratsherren oder nach einer anderen Deutung, deren Doppelzüngigkeit. Ebenso könnte sie allerdings als Aalmaß für die Markthändler genutzt worden sein oder war ein Handwerkerzeichen.

Sehenswert sind auch die rekonstruierte Rathaushalle und der Ratskeller unter dem Rathaus, wo schon in vergangenen Jahrhunderten so manches Fass bei fröhlichem Gesang geleert wurde.

Rostock - Rathausrückseite und Walldienerhaus

Walldienerhaus links, dahinter die Brücke zum Stadthaus und zwei Giebel der Rathausrückseite

An der Rückseite des Rathauses, in der Straße An der Hege, findet sich mit den zwei Giebeln der Ursprung des Baus wieder, die zwei Bürgerhäuser. Doch nur noch einzelne Backsteinelemente dokumentieren die gotische Historie. Seit 1907 ist das Rathaus mit dem Stadthaus, einem Jugendstilbau durch eine geschlossene Brücke verbunden. Der zusätzliche Platz wurde durch die wachsende Verwaltung nötig.

In direkter Nachbarschaft steht das ehemaliges Walldienerhaus, das um 1500 errichtet wurde. Der Walldiener war als städtischer Beamter für die Wartung und Pflege der Stadtbefestigungsanlagen (Stadtmauer und Wälle) verantwortlich. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Giebelhaus vorübergehend als Lagerraum für Kohlen und Gerätschaften des Ratsweinkellers genutzt, bevor es mehrfach umgebaut und die innere Struktur komplett verändert wurde.

Rostock - An der Hege 11

Nur einen Steinwurf davon entfernt (An der Hege Nr. 11) befindet sich eines der ältesten erhaltenen Giebelhäuser der Stadt. Laut einer angebrachten Infotafel stammt die Südfront des Wohnhauses aus dem 13. Jahrhundert. Der Giebel wurde im 18. Jahrhundert erneuert, da die Geschossaufteilung im Inneren des Hauses verändert wurde. Unter den vielen, die hier lebten und arbeiteten, war auch Johann Ch. S. Koppe, Bürgermeister, Buchhändler und früher Lessing-Verleger, dem das Haus im 18. Jahrhundert gehörte. Das 100-jährige Gaststättendasein im Anschluss an diese Zeit, sieht man dem 2002 rekonstruierten Haus heute auch nicht mehr an.

Rostock - Kerkhoffhaus

Fassade des Kerkhoffhauses

Ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Rathauses, allerdings in der entgegengesetzten Richtung, in der Großen Wasserstraße, steht das Wohnhaus, das sich ein damaliger Rostocker Bürgermeister dort um 1470 bauen ließ. Das nach ihm benannte Kerkhoffhaus gilt als eines der schönsten Häuser der Spätgotik in der Stadt. Der Bau erhielt zu jener Zeit einen siebenachsigen Stufengiebel mit hohen Spitzbogenblenden und horizontalen Glasuren. In der mittleren Giebelblende sieht man eine Kreuzigungsgruppe aus Terrakotta. Rund 80 Jahre später wurde der Giebel mit Elementen der Renaissance wie farbig glasierten Keramikmedaillons und horizontalen sowie vertikalen Terrakottabändern mit Figuren und Ornamenten darauf verschönert. Heute ist in dem Gebäude das Standesamt untergebracht und liefert gleich einen angemessenen Hintergrund für das Hochzeitsfoto.

 

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