Reisemagazin schwarzaufweiss

Cuxhaven in der Nebensaison

Per Rad durch die Seebäder Döse, Duhnen und Sahlenburg

Text und Fotos: Stephan Eigendorf

Das kleine Frachtschiff ist gerade außer Sichtweite, da taucht schon das nächste aus dem leichten Dunst über der Nordsee auf. Diesmal kommt ein richtig „dicker Pott“ die unsichtbar tiefe Fahrrinne im sonst eher flachen Wattenmeer entlang. Selbst auf kurze Entfernung schluckt die steife Brise sämtliche Motorengeräusche, sodass der stählerne Riese mit seinen Tausenden aufgestapelten Containern lautlos durch das Wasser zu gleiten scheint. Während die auswärtigen „Landratten“ mit hoch gezogenem Kragen gegen den kühlen Wind auf der Aussichtsplattform der Hafenbegrenzung „Alte Liebe“ reges Interesse zeigen, als der Koloss ziemlich dicht am Hafen vorbeizieht, haben die Einheimischen für so etwas kein Auge mehr übrig, es sei denn von Berufs wegen. Mit unverminderter Fahrt läuft der Frachter an der Hafenanlage vorbei - ein Kunde für Hamburg - und die großen Kräne im 1997 eingeweihten Tiefwasserhafen Cuxhavens bleiben diesmal arbeitslos.

Cuxhaven - Hapag-Hallen

HAPAG-Hallen

Früher galt Cuxhaven für viele Menschen als ein Tor zur Welt. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Hafenstadt, ebenso wie Bremerhaven, ein wichtiger Zwischenstopp für die zahlreichen Auswanderer auf ihrem Weg in die Neue Welt. Durch die zwischen 1900 und 1902 errichteten HAPAG-Hallen gelangten sie zu den Schiffen, die an einem eigenen Anleger festmachten und sie einer Zukunft voller Hoffnungen entgegenbringen sollten. Ausstellungen in den Hallen informieren heute über diesen Exodus.

Für die Dampfer im Linienverkehr auf der Transatlantikroute nach New York wurde mit dem Steubenhöft 1913 eine eigene Pier im damals noch zu Hamburg (bis 1937) gehörenden Cuxhaven fertiggestellt, da die Häfen in der Elbmetropole für die immer größer werdenden Schiffe zunehmend schwieriger zu erreichen waren. Bis Anfang der 1970er Jahre konnte man von hier per Schiff über den Atlantik reisen, dann setzte sich der Flugverkehr als schnellere Alternative durch. Seit an der Pier im Amerika-Hafen 2005 auch die England-Fähre nach Harwich das letzte Mal ablegte, sind es vor allem Kreuzfahrtschiffe, die von hier mit gut zahlenden Gästen auf große Fahrt Richtung Baltikum oder Mittelmeer gehen.

Cuxhaven - Schiffe im Fischereihafen

Schiffe im Fischereihafen

Mittlerweile ist von dem Containerfrachter nur noch das Heck zu sehen und die Zuschauer wenden sich zum gehen, da sieht der Veranstalter der Hafenrundfahrt seine Chance gekommen, lautstark werbend den einen oder anderen als zahlenden Gast auf sein doch vergleichsweise kleines Schiff zu bekommen. Aber der Zuspruch bleibt mäßig, was vielleicht auch daran liegt, dass das Wetter gerade nicht wirklich prickelnd ist. Wir haben auch keine Lust - weder durch die Häfen zu tuckern, noch mit den etwas größeren Schiffen zu den Seehundbänken geschweige denn zu Deutschlands einziger Hochseeinsel Helgoland zu schippern. Statt dessen versorgen wir uns noch mit etwas Salzgebäck – zugegeben, eigentlich hätte es ja eher Fisch sein müssen, Cuxhaven ist neben Bremerhaven immerhin bedeutendster Fischereistandort an der deutschen Küste – und schwingen uns auf unsere Räder aus einem örtlichen Fahrradverleih.

Cuxhaven - Schloss Ritzebüttel

Keimzelle der Stadtgründung: Schloss Ritzebüttel

Nachdem wir uns schon die Innenstadt mit ihrem weithin sichtbaren 47 Meter hohen Wasserturm von 1887 – einem „heimlichen Wahrzeichen“ Cuxhavens - , Schloss Ritzebüttel, dessen Geschichte bis in das 14. Jahrhundert zurück reicht und das die eigentliche Keimzelle der Stadtgründung war, sowie das dem Schloss gegenüber liegende, dem gleichnamigen Dichter (1883-1934) gewidmete, Ringelnatz-Museum angesehen haben, machen wir uns über den Deich auf zu den Seebädern Cuxhavens.

Cuxhaven - Wasserturm

"Heimliches Wahrzeichen": der Wasserturm

Leider ist die deutsche Nordseeküste, wenn man von den ost- und nordfriesischen Inseln einmal absieht, von der Natur nicht so reich mit Sandstränden bedacht worden, wie die Anrainerländer Niederlande und besonders Dänemark. Natürlich gibt es auch viele schöne Ecken jenseits der Sandstrände und Sand allein ist nicht alles im Urlaub, aber für viele hat ein Sandstrand eben doch eine große Bedeutung und deshalb steppt in den Sommermonaten in den Seebädern Döse, Duhnen und Sahlenburg vor allem an den Wochenenden der Bär. Jetzt, in der Nebensaison, ist es deutlich ruhiger und angesichts einer Lufttemperatur von gerade 10 Grad ruft der Gedanke an ein Bad in der Nordsee bei uns auch nicht den Hauch einer Begeisterung hervor. Eine gute Zeit also, auf Erkundungstour zu gehen oder eben zu radeln.

Cuxhaven - Döse

Über den Deich zu den Seebädern

Von der Kugelbake nach Duhnen

Vom Cuxhavener Hafen aus erstreckt sich der Deich fast in einem Halbkreis bis zum Ortsteil Döse. Schon von Weitem sieht man ein weithin bekanntes und auf Postkarten, Andenken und im Ort selber immer wieder zu findendes Wahrzeichen, das darüber hinaus das Wappen der Stadt ziert: die Kugelbake. Das fast 30 Meter hohe Seezeichen, das in seiner heutigen hölzernen Konstruktion 1924 errichtet wurde, markiert das geografische Ende der Elbe. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts markierten die Hamburger die Fahrrinne der Elbe mit sogenannten Baken, damit die Handelsschiffe sicher in die hamburger Häfen gelangten, schließlich war Hamburg der größte Nutznießer des Seehandels.

Cuxhaven - Kugelbake

Ziert das Stadtwappen: die Kugelbake

Nach 1653 gab es mit dem „Kugelbakenlicht“ für Seeleute auch in der Dunkelheit die Möglichkeit sich zu orientieren, ohne Schiffbruch zu erleiden. Mehrmals wurden Vorläufer der heutigen Kugelbake von Sturmfluten weggespült, ebenso variierte der Standort. Heute ist die Kugelbake für den Seeverkehr allerdings bedeutungslos, genau genommen, wird sie ihrem Namen eigentlich auch gar nicht mehr gerecht, denn es fehlt die charakteristische Kugel an der Spitze. Oben auf dem Deich steht ein Gedenkstein zu Ehren des Seefunkpioniers Professor Dr. Zenneck, der um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert an der Kugelbake erste Versuche unternahm, einen Funkkontakt zwischen dem Festland und Schiffen auf See herzustellen.

Cuxhaven - Fort Kugelbake

Relikt aus vergangenen Tagen - Geschütz im Fort Kugelbake

Hinter den Deich duckt sich, gerade noch zu sehen, die einzige noch erhaltene Marinefestung Deutschlands. Das Fort Kugelbake wurde auf Betreiben Preußens zwischen 1869 und 1879 errichtet. Der pentagonale Bau mit einer Größe von 5 Hektar inklusive Kehlgraben diente dem Schutz des wichtigen Schifffahrtsweges, der genau davor vorbeiführt, war also strategisch ideal gelegen. Noch im Ersten Weltkrieg wurde die Festung genutzt, u.a. stand hier der größte Scheinwerfer jener Zeit. Neben den Gebäuden gibt es im Fort heute zahlreiche Geschütze, darunter ein Schiffsgeschütz von 1900 zu besichtigen. Hinein kommt man allerdings nur nach Voranmeldung und in der Gruppe. Wer an einer Führung interessiert ist, kann sich in einem kleinen Häuschen am Kurpark ein kleines Stück hinter dem Deich anmelden. Im angrenzenden Kurpark sorgen die täglichen öffentlichen Fütterung der Pinguine im dortigen Minizoo besonders bei Kindern für Unterhaltung und Abwechslung.

Cuxhaven - Pinguine im Kurpark Döse

Pinguine im Kurpark Döse

Wieder auf dem Deich, geht’s mit dem Drahtesel weiter. An Döse schließt sich der Ortsteil Duhnen an. Das Nordseeheilbad ist einer der wichtigsten Fremdenverkehrsorte an der niedersächsischen Küste, davon zeugen unter anderem zahlreiche Hotels hinter der Strandpromenade. Im dahinter gelegenen Stadtkern sorgen mehrere Boutiquen mit Klamotten für „Schietwetter“ ebenso wie für wüstenartige Gluthitze, Andenkenläden und Gelegenheiten gegen den großen und den kleinen Hunger dafür, dass man als Gast nicht mit zuviel Geld in der Tasche wieder nach Hause fährt.

Cuxhaven - Strandkörbe in Duhnen

Strandkörbe am Strand von Duhnen

Auf die Insel Neuwerk

Dann mischen sich für eine Stadt eher ungewöhnliche Töne unter die übliche Geräuschkulisse: rhythmisches Getrappel von Pferdehufen. Und schon biegt eine ziemlich hoch aufgebockte Kutsche mit zahlreichen Menschen an Bord um die Ecke. Als das Vehikel kurz darauf über eine spezielle Abfahrt über den Strand und dann ins trocken gefallene Watt rollt, wird klar, warum man gerne mal etwas höher sitzt. Salzwasser und der an vielen Stellen schlickige Meeresboden werden durch die Reifen hoch gespritzt. Ziel der Ausfahrt durch das Watt ist die kleine Insel Neuwerk, die man bei Ebbe mit dem Pferdewagen oder auch zu Fuß erreichen kann. Bei gutem Wetter ist die Wanderung ein schöner Tagesausflug.

Für den Weg zu der etwa 12 Kilometer entfernten Insel, die übrigens zu Hamburg gehört, braucht man je nach Fitness zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden. Kleiner Tipp: Ziehen sie alte Schuhe an, wenn sie nicht barfuß gehen möchten. Nach einem Aufenthalt mit einem kleinen Imbiss kann man später nach Einsetzen der Flut mit dem Schiff nach Cuxhaven zurück fahren und gelangt mit einem Bus der Bäderlinien wieder nach Duhnen oder Sahlenburg zurück. Da das Watt extrem gefährlich werden kann, wenn man von der Flut überrascht wird, informieren Sie sich vor einer Wattwanderung auf eigene Faust unbedingt über die wechselnden Gezeiten und etwaige Verhaltensweisen im Notfall. Die Helfer von der DGzRS mit ihrem Rettungskreuzer sind zwar schnell, aber ebenso schnell kann es zu spät sein.

Cuxhaven - Zeichen

Wenn dieses Signal hochgezogen wird, sollten Sie zu Ihrer Sicherheit das Watt verlassen

Von Duhnen aus lohnt ein kleiner Abstecher nach Stickenbüttel in das dortige Wrackmuseum. Tausende Schiffswracks liegen vor der deutschen Küste auf dem Meeresgrund, untergegangen nach Strandungen, Zusammenstößen, Stürmen oder versenkt in den Kriegen. Das in Europa einzigartige Museum zeigt auf dem Freigelände und auf mehreren Etagen geborgene Wrackteile verschiedenster Art, etwa von der 1912 bei der Elbinsel Krautsand mit 7000 Tonnen Stückgut gesunkenen „Vandalia“, die 1988 bei Bergungsarbeiten wieder ans Tageslicht befördert wurden. Zahlreiche Fotos dokumentieren das Schicksal großer und kleiner Schiffe sowie das der Besatzungen und Passagiere und zeigen damit eindrucksvoll die Respekt einflößende und besser niemals zu unterschätzende Macht des Meeres. Und die wirkt natürlich auch unter der Meeresoberfläche und so bekomme ich eine Gänsehaut, als ich mir das Klein-U-Boot und die Wrackteile weiterer U-Boote auf dem Außengelände ansehe. Kann man da noch rauskommen nach einem Treffer und/oder wenn Wasser eindringt? Bilder aus Wolfgang Petersens Film „Das Boot“ und dem dramatischen Untergang der „Kursk“ im Jahre 2000 werden wieder präsent.

Cuxhaven - U-Boot im Wrackmuseum

U-Boot auf dem Außengelände des Wrackmuseums

Endstation Sahlenburg

Wieder in Duhnen geht es weiter Richtung Sahlenburg. Kurz nachdem wir an der Strandpromenade von Duhnen die Hotelzeile hinter uns gelassen haben, endet der Strandstreifen abrupt und geht in einen Grünstreifen über. Dieser so genannte Duhner Anwachs, der durch Maßnahmen zur Landgewinnung seit 1936 entstanden ist, dient heute Vögeln als Hochwasserrastplatz und darf das ganze Jahr nicht betreten werden. Von einem Aussichtsturm aus kann man allerdings die Vögel aus der Ferne beobachten, ohne sie zu stören.  

Cuxhaven - Strand bei Sahlenburg

Strand bei Sahlenburg

Bei Sahlenburg kehrt dann der Strand zurück. Mit diesem Ortsteil haben wir die Endstation unseres Ausflugs erreicht, wie die kleine Strandbahn auch, die uns unterwegs schon mehrfach begegnet ist. Auf den ersten Blick wirkt Sahlenburg fast wie die kleine Schwester von Duhnen, nur etwas kleiner und ruhiger eben. Wer von hier nach Neuwerk aufbrechen möchte, findet übrigens dieselben Bedingungen und Möglichkeiten wie in Duhnen vor, die Strecke ist mit rund 8 Kilometern sogar etwas kürzer. Darüber hinaus hat Sahlenburg eine Besonderheit zu bieten, den Wernerwald - und ein Waldfreibad. Das, was an der Ostsee häufig auftritt, nämlich dass sich Waldgebiete bis direkt an die Wasserkante erstrecken, ist in dieser Form an der Nordsee äußerst selten und der Wernerwald ist der einzige Wald dieser Größe an der deutschen Nordseeküste, der direkt am Übergang zum Wattenmeer wächst. Der Name geht zurück auf seinen Begründer, den Hamburger Amtsverwalter Werner, der dazu geraten hatte, das 315 Hektar große, damals ziemlich ausgelaugte Stück Land aufzuforsten. Das war 1880. Nach der Überwindung anfänglicher Schwierigkeiten und mehr als 120 Jahre später ist daraus ein Wald geworden, der bei Radfahrern, Läufern, Reitern und Spaziergängern gleichermaßen beliebt ist. Aber auch Camper finden hier ein schattiges Plätzchen auf einem Campingplatz und zur Erfrischung gibt’s ein Bad im von Bäumen umstandenen Waldfreibad.

Cuxhaven - Strandbahn

Mit der Strandbahn durch die Seebäder

Davon sehen wir allerdings ab, hätte ohnehin keinen Zweck, da das Bad gerade geschlossen hat, aber die Hauptsaison kommt ja auch erst noch. Einstweilen gehen wir erst einmal eine heiße Schokolade trinken, bevor wir den Rückweg antreten – diesmal hoffentlich mit Rückenwind.

 

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