Reisemagazin schwarzaufweiss

Krabben, Deich und Wattenmeer

Ein Besuch im Nordsee-Heilbad Büsum

Text und Fotos: Stephan Eigendorf

Büsum - Kutter

Einst war Büsum eine Insel, immer wieder bedroht vom „Blanken Hans“, wie die tosende Nordsee seit dem 17. Jahrhundert im Volksmund öfter genannt wird. Bedroht von gewaltigen Sturmfluten wie der mehrtägigen Groten Mandrenke im Januar 1362, bei der Tausende an der Küste den nassen Tod fanden und nach mancher Interpretation das sagenumwobene Rungholt etwas weiter nördlich bei Nordstrand und Pellworm für immer in den Fluten versank. Als die größte Flut des letzten Jahrhunderts 1962 das Nordsee-Heilbad bedrohte, war Büsum allerdings schon lange mit dem Festland verbunden, nämlich seit 1585. Heute zählt der gut 5000-Seelen-Ort, der zum Kreis Dithmarschen gehört, zu den wichtigsten Urlaubsorten an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins. Und seit 1985 steht das Meer vor Büsums Haustür als Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer unter Schutz, seit 2009 auch auf der Weltnaturerbeliste der UNESCO.

Über den Deich an den Strand

Büsum - Deich mit Strandkörben nahe der Innenstadt

Deich mit Strandkörben nahe der Innenstadt, im Hintergrund ragt das Büsumer Hochhaus in den Himmel

Kaum habe ich meine Nase über die asphaltierte Deichkrone gesteckt, weht mir eine kräftige Brise um die Ohren. Wenn der Wind von See kommt, wirkt der meterhohe Schutzwall gegen die Unbilden der rauen Nordsee wie ein Windabweiser, der es auf der landseitigen Deichseite nahezu windstill erscheinen lässt. Heute gibt es auf der Promenade unten am Fuß des Deichs direkt am Watt kein Entkommen, der Wind pustet unaufhörlich über die Nordsee und lässt die Kleidung am Leib flattern wie eine Fahne am Flaggenmast. Auch wenn gerade Ebbe ist und sich das Wasser weit zurück gezogen hat, liegt Salz in der Luft, das sich in feinen Partikeln nicht nur auf der Haut, sondern auch in den durchgewehten Haaren festsetzt und jede andere Art von Haarfestiger eigentlich überflüssig macht. Das mag der eine oder andere im Hinblick auf die sorgsam gestylte Haarpracht nicht so reizend finden, aus medizinischer Sicht wirkt das Reizklima jedoch gesundheitsfördernd, da der Stoffwechsel angeregt und damit die Heilungskräfte gestärkt werden, etwa bei Atemwegserkrankungen. Dazu gehört natürlich auch saubere Luft, die in Büsum regelmäßig kontrolliert wird, denn sie ist eine Voraussetzung dafür, dass der Ort sich Nordsee-Heilbad nennen darf und das bereits seit 1837.

Büsum - tote Krebse im Watt

Tote Krebse im Watt

Die Sonne scheint von einem nahezu wolkenlosen Himmel und während viele Urlauber die Ebbe nutzen, um durch das trockengefallene Watt zu schlendern, haben sich andere in den Windschatten der Strandkörbe zurückgezogen, die die seeseitige Seite des grasbewachsenen Deichs zu Hunderten fast bis zur Hafeneinfahrt säumen.

Büsum - Strandkörbe

Strandkörbe

Dass Büsums Strand mit den bunten „Sitzhäuschen“ an dieser Stelle keinen Sand zu bieten hat, empfindet nicht jeder als Nachteil - Gras knirscht einfach nicht unter den Füßen und kriecht nicht feinkörnig in jede Ritze sämtlicher Sachen, um noch nach Jahren dort gefunden zu werden. Im Meer schwimmen gehen, kann man hier natürlich dennoch, wenn das Wasser denn da ist. In regelmäßigen Abständen führen Treppen durch den mit Steinen befestigten Uferbereich ins Watt und um hinterher Salz und Sand vom ganzen Körper oder auch nur von den Füßen zu waschen, stehen Duschen gleich nebenan.

Wer allerdings unbedingt Sand für sein Urlaubsglück braucht, findet ihn seit 2013 in der „Familienlagune Perlebucht“ in Nachbarschaft des 1971 errichteten Büsumer Hochhauses (1) , einem rund 85 Meter hohen 22-stöckigen Bau, der zwar nicht zu den architektonischen Schönheiten des Ortes zählt, aber mitunter ein guter Orientierungspunkt in der sonst eher flachen Landschaft ist. Hier bildet der Gründeich eine größere Bucht, in der eine Landschaft mit Bade- und Wassersportbecken, Kinderstrand und Bereichen für Familien, für Spiel, Sport und andere Aktivitäten entsteht, um den Urlaubsort noch attraktiver zu machen und das Freizeitangebot zu erweitern.

Fisch und natürlich Krabben

Büsum - gebratene grüne Heringe

Gebratene grüne Heringe in Drescher's Kombüse

Seeluft macht hungrig, heißt es, und was liegt da in kulinarischer Hinsicht näher als Fisch? Praktischerweise liegen der ausgedehnte Hafen und die Innenstadt gleich hinter dem Grünstrand. Ein Teil des Fangs, den die Kutter von ihrem Fischzug durch das Wattenmeer vor Büsums Haustür mitbringen, landet in den Auslagen der zahlreichen Fischgeschäfte und auf den Speisekarten der ebenso zahlreichen Fischrestaurants vor allem in der belebten Fußgängerzone in unmittelbarer Hafennähe oder gleich direkt am Hafen.

Büsum - Krabbencremesuppe

Büsumer Fischkonserven auch bei Gleitze in Bremen

Büsumer Feinkost ist übrigens eine überregional bekannte Marke, unter der Büsumer Fischer ihre Fischprodukte vermarkten. Bereits 1911 organisierten sie sich in einer Genossenschaft, aus der 1918 die Büsumer Fischerei-Gesellschaft mbH hervorging. Heute mischen die Niederländer kräftig in dem Geschäft mit, wie Kühl-LKW mit holländischem Firmennamen und Kennzeichen neben den Kühlhäusern an den Kais zeigen.

Büsum - Krabben

Krabben

Die gewichtigste Rolle im Fischereigeschäft an der Nordseeküste spielen die Nordseekrabben, natürlich auch in Büsum. Fangsaison ist von April bis November. Seit dem 17. Jahrhundert werden die Garnelen aus den salzigen Fluten gezogen, in Salzwasser gekocht und verkauft. Fing man die Tiere früher noch in Handarbeit, ist der Fang mit Kuttern seit Ende des 19. Jahrhunderts deutlich effizienter. Für die Fischerei von Krabben und Plattfischen werden rund 17 Meter lange Baumkurren genutzt, eine spezielle Form von Schleppnetz. Ein Tau mit massiven Gummirollen, das sogenannte Rollengrundtau, an der Unterseite des Netzes wird dabei über den Meeresgrund gezogen und schreckt durch die entstehenden Erschütterungen die Tiere auf.

In meinen Kindheitsurlauben an der Nordseeküste setzten manchmal die Fischer ihre nicht sehr tiefgängigen Kutter sanft auf den Sandstrand und verkauften die gleich nach dem Fang an Bord gekochten Krabben noch warm an die Urlauber - aber das ist eine andere Geschichte und schon länger her. Wer jedoch mehr über die Küstenfischerei und den Arbeitsalltag der Fischer erfahren möchte, sollte einen Blick in das „museum am meer“ im Fischereihafen werfen.

Büsum - Kutter beim Fang

Kutter beim Fang

Krabben werden gepult, wie man hier zu dem Schälvorgang sagt, der die feste Schale aufbricht und das zarte rosa Fleisch freilegt. Pulen ist nachwievor zumeist Handarbeit, auch wenn man in der Vergangenheit bis heute viele Versuche unternommen hat, eine zufriedenstellend arbeitende Schälmaschine zu entwickeln. Bis es soweit ist, werden die Krabben in Billiglohnländern gepult und das Krabbenfleisch wieder importiert. Wer sie also möglichst frisch haben möchte, pult selbst, was mit etwas Übung eigentlich leicht von der Hand geht. Dabei wird die Garnele mit beiden Händen gehalten, Vorder- und Hinterteil etwa in der Mitte gegeneinander verdreht und der hintere Teil abgezogen.

Büsum - Blick auf den Museumshafen

Blick auf den Museumshafen und den alten Leuchtturm

Es hat schon irgendwie eine beruhigende und manchmal auch eine kommunikative Wirkung z.B. auf den terrassierten Bänken am Museumshafen neben der Nachbildung des ersten Leuchtturms Büsums in der Sonne zu sitzen, Krabben zu pulen und dem Treiben im Hafen zuzusehen. Und da gibt es einiges zu sehen, denn in den Sommermonaten herrscht ein munteres An- und Ablegen in den Hafenbecken. Neben den Kuttern im Fischereihafen sind es vor allem die Ausflugsschiffe, die zur Fahrt zu den Seehundsbänken, zur Küstentour oder nach Helgoland aufbrechen und irgendwann wieder anlegen, die Museumsschiffe sind ein ebenso interessanter Anblick wie der hier stationierte Seenotrettungskreuzer der DGzRS, und wenn das Polizei- oder das Zollboot mit eilig wirkenden Beamten an Bord den Hafen verlassen, ist wohl draußen auf der Nordsee was los.

Ausflugsschiff kehrt von Helgoland zurück

Ausflugsschiff kehrt von Helgoland zurück

Architektur und altes Handwerk

Bummelt man vom Museumshafen durch die Hafenstraße, läuft man auf das wohl interessanteste historische Gebäude der Stadt zu, die St.-Clemens Kirche (2). Nach zwei Kirchen, die durch Sturmflut und Brand verloren gingen, bauten die Einwohner 1442 diese dritte Kirche auf einer Warft, also auf einem künstlich angelegten Hügel.

Büsum - St.-Clemens Kirche

Blick vorbei an der Kanzel zum Altar in der St.-Clemens Kirche

Ältestes Objekt unter dem sehenswerten Interieur der kleinen Kirche ist eine Bronzetaufe, die um das Jahr 1300 hergestellt wurde und nach der „Chronik des Landes Dithmarschen“ aus der Feder des Büsumer Seelsorgers Johann Adolph Köster (etwa 1550-1630) von dem Seeräuber Cord Widderich (auch Kort Widerick) 1472 aus der alten Kirche auf der Insel Pellworm gestohlen wurde. Dem besagten Seelsorger und Chronisten, der auch Neocorus genannt wurde, hat man übrigens 2009 angesichts seiner literarischen Verdienste neben der Kirche ein Denkmal in Form einer lebensgroßen Bronzeplastik aus der Werkstatt des Künstlers Jens Rusch gesetzt.

Büsum - Neocorus-Denkmal

Neocorus-Denkmal

Schön anzusehen sind auch die Häuser mit Dächern aus Schilfrohr, das hier Reet genannt wird. Gebäude mit dieser Art der Bedachung findet man zwar auch in anderen Ländern Europas, aber an der deutschen Nordseeküste sind sie besonders weit verbreitet. Im Binnenland wurden vor allem Bauernhäuser bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit solchen Dächern versehen. Es braucht schon spezielle handwerkliche Fähigkeiten diese Bedachung anzubringen und vor allem so zu verarbeiten, dass keine Probleme mit dem Naturstoff, den schon unsere Vorfahren über Generationen verwendet haben, auftreten. Es braucht zum Beispiel mindestens ein 45-prozentiges Gefälle sowie einen Dachüberstand von 50 Zentimetern, damit das Regenwasser schnell genug abläuft und die richtige Belüftung, damit das Reet nicht von innen fault. Haben die Dachdecker gute Arbeit geleistet und war das Schilfrohr nicht von minderwertiger Qualität, dann kann solch ein Dach 30-60 Jahre halten.

Büsum - Dachdecker bei der Arbeit

Dachdecker bei der Arbeit

Viele alte reetgedeckte Häuser stehen unter Denkmalschutz, der den Besitzern untersagt, ein beschädigtes Dach durch eine andere Art von Bedachung zu ersetzen, selbst wenn die Statik des Hauses dies zulassen würde. Ein weiterer Nachteil ist die Brandgefahr und die damit verbundenen Auflagen auch der Versicherungen, besonders in den heißen und trockenen Monaten des Jahres. Ich kenne Hausbesitzer, die dann ungerne längere Zeit weg sind und in der Silvesternacht das Haus gar nicht alleine lassen, aus Angst der Funke eines Feuerwerkkörpers könnte das Heim in Schutt und Asche legen. Neben den Kosten für die Neueindeckung eines Reetdaches, ist das wohl ein Preis, der vielen Bauherren in der jüngeren Vergangenheit zu hoch erschient, was dieses spezielle Handwerk fast hat aussterben lassen. Bei Streifzügen durch den Ort und die Umgebung Büsums zeigt sich allerdings eine kleine Renaissance der Reetdächer auch bei Neubauten, was hoffen lässt, das diese Tradition und dieser Teil der Kultur nicht verschwinden.

Büsum - reetgedeckter Neubau

Reetgedeckter Neubau

 

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