Der Fels in der Brandung

Ein Besuch auf Helgoland in der Deutschen Bucht

Text und Fotos: Stephan Eigendorf

Helgoland

Die muss man mal gesehen haben? Muss man nicht, kann man aber und macht auch Spaß. Und sie ist einzigartig, Deutschlands einzige Hochseeinsel, obgleich man aus mehreren Gründen gar nicht von hoher See sprechen kann. Knapp 50 Kilometer vor Schleswig-Holsteins Küste gelegen, ist sie jedes Jahr Ziel Tausender Besucher, die meisten davon Tagestouristen in den wärmeren Monaten. Ausflugsschiffe laufen Helgoland etwa von Büsum aus an. Vom „Alte Liebe“ genannten Anleger im Hafen der niedersächsischen Stadt Cuxhaven an der Elbemündung sticht auch ein Katamaran in See. Das Besondere an dem Boot auf zwei Rümpfen ist eine um etwa die Hälfte verkürzte Fahrzeit vorbei an den Inseln Neuwerk und Scharhörn. Bei gutem Wetter pflügt der hochmotorisierte Katamaran mit rund 65 Stundenkilometern durch das Nordseewasser, das ist schon beeindruckend.

In diesem Zusammenhang trifft allerdings der Spruch „Zeit ist Geld“ durchaus zu, denn man erkauft sich die kurze Fahrt zur Langen Anna durch einen deutlich höheren Fahrpreis, dafür bekommt man als Tagesgast auch mehr Zeit auf Helgoland. Zumal auch das langwierige Ausbooten wegfällt und ausbooten ist hier wörtlich zu nehmen, denn vor der Insel heißt es für die Reisenden auf den konventionellen Ausflugsschiffen umzusteigen in die rund 10 Meter langen Börteboote, die sie dann an Land bringen. Auch dieser Shuttle-Service beschert den Insulanern Arbeitsplätze - noch.

Helgoland - Landungsbrücke vor der Unterstadt

Landungsbrücke vor der Unterstadt

Gleich dort, auf der Promenade der Unterstadt trifft man auf einen Mann, der anlässlich des 175jährigen Geburtstages der deutschen Nationalhymne im Jahr 2016 in vieler Munde war. Natürlich konnte August Heinrich Hoffmann von Fallersleben nicht persönlich zum Jubiläum erscheinen, da er seit 1874 tot ist, aber ihm zu Ehren hat man hier seine Büste auf einen Sockel gestellt. Genau genommen feierte auch nur der Text von von Fallersleben Geburtstag, denn die Melodie des Liedes der Deutschen schrieb der österreichische Komponist Joseph Haydn bereits 1797 aus anderem Anlass. Und noch genauer genommen wurde das Lied erst während der Weimarer Republik im Jahre 1922 zur Nationalhymne erklärt. Tatsache ist jedenfalls, dass von Fallersleben die viel gesungenen Zeilen 1841 während seines Aufenthaltes auf Helgoland schrieb.

Helgoland - Büste von Fallersleben auf der Promenade

Helgoland - Büste von Fallersleben auf der Promenade

Allerdings wehte auf der Insel damals noch die britische Flagge. Bisweilen geht das Gerücht, dass die Deutschen Helgoland später im Tausch gegen die vor dem afrikanischen Tansania im Indischen Ozean gelegene Insel Sansibar erhalten hätten. Zwar war Tansania damals unter dem Namen Deutsch-Ostafrika deutsche Kolonie, Sansibar gehörte aber nicht dazu, was das Gerücht ins Reich der Fantasie schickt. Mit dem Vertrag von 1890 wollten die Briten vielmehr weiteren deutschen Gebietsansprüchen auf dem afrikanischen Kontinent Einhalt gebieten und gaben dafür eben Helgoland, ein aus heutiger Sicht guter Handel.

Von Fallersleben war übrigens nicht der einzige Künstler, der schon in der Vergangenheit Inspiration auf der Insel mit dem charakteristischen Buntsandstein fand. Georg Christoph Lichtenberg, Friedrich Hebbel und Heinrich von Kleist etwa zeigten sich ebenso angetan von Helgoland, wie die Malerin Elisabeth Reuter und der Düsseldorfer Maler Rudolf Jordan, der die Insel zum Thema seiner Ölgemälde „Sturmläuten auf Helgoland“ (1839) und „Hochzeit auf Helgoland“ (1855) machte. Der Schriftsteller James Krüss erblickte 1926 hier gar das Licht der Welt und so war seine Heimat auch immer wieder eine Bühne für seine Geschichten, wie sein bekanntes Buch „Mein Urgroßvater und ich“. Das Eiland, das sich seit 1962 staatlich anerkanntermaßen Nordseeheilbad nennen darf, erfreute sich großer Beliebtheit und erlebte schon zur Mitte des 19. Jahrhunderts einen bis dato nie dagewesenen Besucherandrang.

Bei einem Rundgang fällt dann allerdings auf, dass die Architektur denn so gar nicht zu der Jahrhunderte langen menschlichen Besiedlung passen möchte, denn die Gebäude atmen alle den Charme des 20. bzw. 21. Jahrhunderts, von altem Baubestand keine Spur. Nanu?

Helgoland - Gasse in der Oberstadt

Gasse in der Oberstadt

Schuld daran tragen Deutsche wie Engländer und die Geschichte ist nicht nur politisch explosiv. Nach dem Übergang in deutsche Hände ließ Kaiser Wilhelm II. auf der Insel eine Basis für die Kaiserliche Marine errichten. Die lieferte sich auch gleich nach Kriegsausbruch 1914 25 Seemeilen westlich von Helgoland ein erstes Seegefecht mit Schiffen der militärisch weit überlegenen britischen Royal Navy, die vier deutsche Schiffe versenkte. Nach der Evakuierung konnte die Bevölkerung ihre Insel erst nach Kriegsende 1918 wieder in Besitz nehmen. Nach einem Rückbau der militärischen Anlagen folgte nach der nationalsozialistischen Machtübernahme aber ein massiver Ausbau des Stützpunktes mit U-Boot-Bunker, Marineartillerie und Luftwaffen-Jagdstaffel. Dazu gehörte auch ein Bunkerstollensystem mit Luftschutzbunker, das durch den Sandstein getrieben worden war. Teile davon sind bis heute zu sehen, wie Ausgänge in Felswänden und der Zivilschutzbunker, der auch besichtigt werden kann.

Helgoland - der ehemalige Flakturm dient heute als Leuchtturm

Der ehemalige Flakturm dient heute als Leuchtturm

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs am 18. und 19. April 1945 wurde Helgoland schließlich zum Ziel der britischen Royal Air Force mit verheerender Wirkung. 7.000 Bomben wurden auf die Insel abgeworfen und die angerichtete Zerstörung machte sie zunächst unbewohnbar, aber das reichte den Briten nicht. Die Bevölkerung war mittlerweile evakuiert, es wehte wieder der Union Jack im Nordseewind in der Deutschen Bucht, da stapelten Experten zwei Jahre später 1947 in Tausenderpacks Torpedoköpfe, Wasserbomben und Granaten in den Bunkeranlagen. Mit einer Gesamtsprengkraft von 6.700 Tonnen sollte das die bis dahin größte nichtnukleare militärische Sprengaktion werden, als wollten sie die Insel endgültig im Meer versenken. Wie wir heute wissen, hat letzteres - ob damals tatsächlich beabsichtigt oder nur billigend in Kauf genommen - nicht geklappt. Nachdem sich der mehrere Kilometer aufsteigende Rauch verzogen hatte, wurde aber deutlich sichtbar, dass die konzertierte Sprengung das Oberflächenbild der Insel nachhaltig verändert hatte. Mit der Zerstörung des U-Bootbunkers am Südhafen entstand etwa das heutige Mittelland. Auch in den Jahren danach blieb das Areal militärisches Übungsgebiet und kam erst 1952 wieder in deutschen Besitz.

Helgoland - Hummerbuden am Binnenhafen

Hummerbuden am Binnenhafen

Helgoland erhob sich also erst ab den 1950er Jahren wie Phönix aus der Asche, was dann eben auch das architektonische Gesamtbild erklärt. Ein Überbleibsel aus der Kriegszeit ist der weithin sichtbare seit 1952 als Leuchtturm genutzte ehemalige Flakturm aus rotem Backstein in der Oberstadt. Die auffälligsten Häuschen aber sind wohl die sogenannten Hummerbuden, die sich mit ihren bunt bemalten Holzverschalungen am Binnenhafen aneinander reihen. Der Architekt Georg Wellhausen aus Hamburg entwarf die zweigeschossigen Bauten, die 1952 hier errichtet wurden und heute unter Denkmalschutz stehen. Früher wurden sie von den Fischern als Schuppen und Werkstätten benutzt. Doch die Zeiten sind vorbei, selbst der Bestand des bekannten Helgoländer Hummers ist aus vielfältigen Gründen stark reduziert und man versucht ihn mit aufwändigen Maßnahmen wieder aufzupäppeln, etwa indem man Weibchen mit bereits befruchteten Eiern in den Gewässern aussetzt und hofft, dass möglichst viele der dann geschlüpften Jungtiere überleben, um sich schließlich fortzupflanzen. Der Prozess ist jedoch langwierig.

Helgoland - Hummerfangkörbe

Mit solchen Käfigen werden Hummer gefangen

Seit Anfang der 90er Jahre werden die Hummerbuden nach einem neuen Konzept anderweitig genutzt. So ist aus der Hafenstraße statt einer Straße der Fischer eine touristische Flaniermeile geworden mit Shop von Kunst bis Kommerz, mit Restaurants und Cafés, Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr in der Nachbarschaft.

Um die nur 1km² große Insel zu erkunden braucht man nicht unbedingt einen Plan. Unter- und Oberstadt sind so übersichtlich, dass sich kaum verlaufen kann. Es sei denn, man kostet zu viel von dem Angebot an alkoholischen Getränken und das fällt auffallend üppig aus. Obwohl Helgoland deutsches Staatsgebiet ist, gehören weder Haupt- noch Nachbarinsel zum Zollgebiet der EU, darüber hinaus werden keine Verbrauchssteuern erhoben. Wie zu Zeiten der sogenannten Butterfahrten können Besucher also unter anderem Alkohol und Zigaretten in beschränkten Mengen zoll- und mehrwertsteuerfrei einkaufen. Ein gutes Geschäft.

Helgoland - Blick hinüber zur Düne

Blick hinüber zur Düne

Von der Unterstadt bringt ein Fahrstuhl Besucher in die Oberstadt, kostenlos dagegen ist die Treppe gleich nebenan. Von einer Zwischenebene hat man einen Blick auf die besagte Nachbarinsel, die Düne. Erst eine Sturmflut in der Neujahrsnacht im Jahr 1721 machte die deutlich flachere Insel zur separaten Insel. Überlegungen in jüngerer Zeit, die etwas kleinere Düne wieder fest anzubinden, wurden von der Bevölkerung abgelehnt. Das ist vielleicht auch gut so, denn so bleibt das Eiland von dem Strom der Tagestouristen weitestgehend verschont, denn für einen Besuch via Shuttle-Boot reicht meist gar nicht die Zeit. Entsprechend ruhiger geht es auf der Insel, die auch Unterkünfte bietet, zu, Dauergäste und Einheimische bleiben fast unter sich. Fast? Ja, sie müssen sich die Strände mit Seehunden und Robben teilen, die sich ebenso auf dem feinen Sand sonnen und dösen. Nirgendwo an der deutschen Küste kommt man den bis zu 300 Kilo schweren wendigen Schwimmern so nah. Niedlich sehen sie aus mit ihren großen dunklen Augen und dem weichen Fell, dennoch sind es Raubtiere und an Land schneller, als man vermutet, weshalb Vorsicht und respektvoller Abstand von Seiten der Menschen absolut geboten sind. Eben nur angucken, nicht anfassen. Das gilt vor allem für die Zeit von November bis Januar, wenn die Kegelrobben Nachwuchs haben.

Helgoland - Blick von der Ober- auf die Unterstadt, im Hintergrund die Düne

Blick von der Ober- auf die Unterstadt, im Hintergrund die Düne

Die Düne kann sogar aus der Luft erreicht werden. Während der Zeit des Dritten Reiches wollte die Militärführung vor Helgoland einen großen Seehafen errichten, doch viel wurde aus dem Projekt „Hummerschere“ nicht realisiert, fertiggestellt wurde allerdings der Flughafen, der nach wie vor von Kleinflugzeugen angeflogen wird.

Helgoland - Blick auf den Südhafen

Blick auf den Südhafen

Folgt man, am Ende der Treppe in der Oberstadt angekommen, dem Weg in die linke Richtung, gelangt man auf den wohl spektakulärsten Weg auf Helgoland, den Wai langs Klef, den Klippenrandweg. Hat man zunächst noch einen Blick von oben auf den Südhafen wird nach einem weiteren Anstieg der Name des rund drei Kilometer langen Weges Programm. Der Pfad führt am oberen Klippenrand dicht am Abgrund entlang.

Helgoland - Auf dem Klippenrandweg unterwegs

Auf dem Klippenrandweg unterwegs

Bis rund 50 Meter ragt die Steilküste auf, die erst durch Erosion zu einer solchen geworden ist. Und Wasser und Wind nagen beharrlich weiter an den Gatts und Hörns, den Buchten und Felsvorsprüngen, aus rot leuchtendem Buntsandstein. Sind Tagesausflügler auf der Insel, ist man auf dem in diesem Abschnitt im Zickzack verlaufenden Weg nicht alleine. Da sind die extra eingerichteten Aussichtsplätze eine willkommene Gelegenheit aus der Reihe auszuscheren, anzuhalten und in Ruhe den Ausblick zu genießen.

Helgoland - Basstölpel auf dem Lummenfelsen

Basstölpel mit Nachwuchs

Ruhe ist hier allerdings relativ, denn neben der Landschaft sind Tausende von Seevögeln die eigentliche Attraktion am Klippenrandweg. Rund 10.000 Paare brüten jährlich in zum Teil extrem steilen Hanglagen auf dem Lummenfelsen, darunter Trottellummen, Dreizehenmöwen und Basstölpel. Da herrscht ein stetes Kommen und Fliegen und munteres Kommunizieren. Allerdings erst ab dem Frühling für die Folgemonate, im Winter liegt der Felsen verlassen da.

Helgoland - Begegnungen auf dem Lummenfelsen

Begegnungen auf dem Lummenfelsen

Da die Tiere den Anblick von Menschen gewöhnt sind, kommt man teilweise sehr dicht an sie heran, ohne dass man ihnen zu nahe kommen könnte, denn Zäune schützen hier Tier wie Mensch. Besonders Möwen lassen sich allerdings nicht so schnell abhalten, könnte doch bei einem vorbeilaufenden Zweibeiner vielleicht das eine oder andere Stückchen Brot als willkommene Abwechslung abfallen.

Helgoland - Möwe im Portrait

Möwe

Ein besonders sehenswertes Ereignis findet jedes Jahr Ende Juni Anfang Juli mit dem Lummensprung statt, wenn sich die jungen Trottellumen in der Abenddämmerung vom Lummenfelsen in die Nordsee stürzen.

Ein kleines Wegstück vom Lummenfelsen entfernt, an der nordwestlichen Spitze Helgolands, trifft man schließlich auf das Wahrzeichen der Insel, die Lange Anna. Die 47 Meter in die Höhe ragende heute freistehende Felsnadel war bis Mai 1860 noch mit dem Rest der Felsformation verbunden, dann stürzte die natürliche Brücke ein. Die Erosion hat nicht nur diesen einstmaligen Torbogen geschaffen, sie bedroht das Naturdenkmal auch weiterhin, bereits in der Vergangenheit musste man den Felssockel befestigen, um einen baldigen Einsturz zu verhindern. Die dahinterliegende Brandungsmauer entstand, wie der Flughafen auf der Düne, im Rahmen des Projekts „Hummerschere“.

Helgoland - die Lange Anna an der Nordwestspitze des Insel

Wahrzeichen Helgolands: die Lange Anna

Es gibt tatsächlich auch eine Kurze Anna und zwar in direkter Nachbarschaft. Im Januar 1976 entstand durch einen Felsabbruch von der Hauptinsel eine zweite, kleinere Felsnadel in etwa 50 Metern Entfernung, die man allerdings vom Weg aus nicht sehen kann.

Von der Inselspitze führt der als Rundweg angelegte Klippenrandweg wieder zurück in die Ober- und weiter in die Unterstadt. Mit Glück findet man einen schönen Platz in einem der zahlreichen Restaurants oder Cafés. Garantiert aber dann, wenn die Tagesgäste zurück zur Landungsbrücke und zum Südhafen strömen, denn dann kehrt Ruhe ein auf Helgoland.

Helgoland - Gastronomie in den Hummerbuden

Auch ein schöner Platz: Gastronomie in den Hummerbuden

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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