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Reiseführer Nordzypern

Zypresse

Zypresse

Sie ist das auffällige Wahrzeichen vieler mediterraner Kulturlandschaften. Ihre obeliskenartige Silhouette krönt die sanften Hügel der Toskana, überragt die vor Korfu liegende winzige „Mausinsel“ Pontikonisi, die der Maler Arnold Böcklin als düstere Toteninsel darstellte und man begegnet ihr im kretischen Knossos und Kritsa, bei Phaistos und Agía Triada, in den grünen Tälern von Samos und am Asklepieion von Kos. Sie wirft ihren langen, schmalen Schatten auf die Johanniterburg Kolossi im südlichen Zypern und stellt zwei ihrer schönsten Exemplare ausgerechnet in der Altstadt von Nicosia zur Schau. Wie Säulen umstellen gleich ein, zwei Dutzend von ihnen den Friedhof in Alsancak am nördlichen Hang des Beşparmak-Gebirges und weiter im Westen, rund um Güzelyurt, gedeihen die immergrünen Nadelbäume, deren Krone schon mal mit „der typischen Form zusammengeklappter Regenschirme“ verglichen wird, besonders gut.

„Hayat ağaci“ – der Lebensbaum

In der osmanischen Kultur war die Zypresse der Baum des Lebens. Ihr Motiv erscheint in unzähligen Varianten auf Kacheln, Kelims und Gemälden. Aus Stein gemeißelt ziert sie Brunnen, um der lebensspendenden Natur des Wassers Ausdruck zu verleihen, manchmal ergänzt durch Vögel, die davonschwebende menschliche Seelen von Entschlafenen symbolisieren.

Schon in der Antike genoß die Zypresse im kultisch-sakralen Bereich hohe Verehrung. Sie war ein charakteristisches Kennzeichen von Kult- und Grabstätten, zierte aber auch schon Gärten der Mächtigen und reicher Privatleute. Homer erwähnte sie und auch das Alte Testament machte die Zypresse bekannt. Die Vorliebe für den immergrünen Lebensbaum setzte sich auch unter den Christen fort. Kirchhöfe und Klosteranlagen (bekanntes Beispiel: Berg Athos) wurden mit dem Baum bepflanzt. Mittelalterliche Quellen sprechen von ihm als Symbol der Schöpfung und des Paradieses oder auch ganz real als Vorbild für Gartenanlagen. Die Brüder van Eyck verewigten den Baum auf dem Genter Altar und in der Heilkunde des mittelalterlichen Abendlandes empfahlen Hildegard von Bingen und der Dominikaner, Philosoph und „Doctor universalis“ Albertus Magnus Holz, Blätter und Früchte der Zypresse als vielfach wirksames Heilmittel.

Verbreitung

In einigen Landesteilen Afghanistans und Persiens meint man die Urheimat der himmelstrebenden Echten Zypresse ausgemacht zu haben. In antiker Zeit wanderte der Baum an die Küsten des östlichen Mittelmeeres. „Und doch“, stellte ein Forscher kategorisch fest, „fehlt jede Berechtigung, denselben zu einer besonderen Eigentümlichkeit der Insel Zypern zu machen und deren Namen davon abzuleiten“. Der Baum wanderte weiter über Kreta, die Peloponnes und das griechische Festland nach Sizilien und auf den italienischen Stiefel und selbst in die Provence. Grund für die stürmische Ausbreitung war sein unverwüstliches Holz, das beim Hausbau Verwendung fand und unter Schiffbauern begehrt war. Die intensive Nutzung des harten, dauerhaften und gegen Zersetzung sehr widerstandsfähigen Holzes lichtete die Wälder. So sind alte, geschlossene Bestände heute extrem selten, angepflanzte (Einzel-) Exemplare dominieren, doch unverändert ist die Zypresse als Zierbaum am Mittelmeer hochgeschätzt und selbst für das holzverarbeitende Handwerk (Tischler und Drechsler) ist ihr aromatisch duftendes Holz örtlich noch von einiger Bedeutung.

Die hier abgehandelte Echte oder Italienische Zypresse, die gelegentlich auch Mittelmeer-Zypresse genannt wird (Cupressus sempervirens L. var. sempervirens), liebt trockene, steinige und relativ flachgründige Böden. Sie gilt als außergewöhnlich anpassungsfähig. Ihre Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit ist legendär, nur Kälte ist ihr zuwider – Voraussetzungen also, die sie in die Rolle des Charakterbaums mediterraner Landschaften aufsteigen ließen. Sein Name, behauptet die Überlieferung, gehe auf einen jungen Griechen namens Kypros zurück, der von Apollon in eine Zypresse verwandelt wurde, während die Fachliteratur nüchtern vermeldet, sein Gattungsname leite sich von (griech.) Kypárissos bzw. Kyparíssi (= Zypresse) ab. Seine wissenschaftliche Bezeichnung haben wir oben erwähnt. Nachzutragen ist noch die des engen Verwandten Cupressus sempervirens L. var. horizontalis, der, wie der Name sagt, eine breit ausladende Krone mit waagerecht ausgebreiteten Ästen bildet und ein wenig der nordeuropäischen Fichte ähnelt, sich also signifikant von der lanzettförmigen bis schmal pyramidalen Wuchsform der Varietät sempervirens unterscheidet. Man begegnet dem immer etwas zerzaust wirkenden Verwandten oft im Beşparmak-Gebirge.(Foto: Die Zypresse als Kachelmotiv im Domizil der Sultansmutter, Topkapi-Palast, Istanbul).

Aus der Familie der Cupressaceae . . .

. . . denen gemeinsam ist, dass sie zu den Nadelhölzern zählen, auch wenn ihre Blätter vorwiegend als Schuppen und nur selten als Nadeln ausgebildet sind. Neben den Zypressenartigen gehören die Lebensbaumartigen und die Wacholderartigen zur Familie. Die erwähnten Schuppenblätter sind dachziegelartig angeordnet, auch die kugeligen bis leicht länglichen Zapfen weisen Schuppen auf, die im Reifezustand weit aufklaffen und die mit einem schmalen Flügel versehenen Samen freilassen. Der Stamm zeigt eine graubraune, selbst bei älteren Bäumen relativ wenig rissige oder gefurchte Rinde.

Die Zypresse der Varietät sempervirens (= immergrün) erreicht Höhen von 20 – 30 m, in Ausnahmefällen auch mal 40 m. Ihre Wuchsform ähnelt einer Spindel, deren Äste senkrecht aufsteigen, was der Krone ein säulenförmiges, dicht geschlossenes, lang zugespitztes Aussehen verleiht.

Ihren wohl prominentesten Vertretern begegnet irgendwann jeder Besucher Nordzyperns, nämlich dann, wenn die Abtei Bellapais auf dem Programm steht. Im dortigen Kreuzgarten ragen sie, vier riesenhaften Kerzen gleich, über altes Mauerwerk und die grazilen Bögen des Kreuzgangs hinweg in den klaren Himmel. „Die Zypressen sind schon Riesen und dabei habe ich sie selbst erst vor dreißig Jahren gepflanzt“, erfuhr der englische Reisende Colin Thubron von dem damaligen Wärter der Anlage, als er 1971 die Insel zu Fuß durchstreifte. Um die Jahrtausendwende waren sie also rund sechzig Jahre alt.

Noch imposanter sind die beiden Exemplare, die mitten in Lefkoşa, nahe dem Saray-Hotel, den Hauptsitz der islamischen Evkaf-Stiftung bewachen. Der Kleinere von ihnen erreicht eine Höhe von 28 m, während der größere 30 m hoch ist bei einem Stammumfang von 2,15 m. Ihr Alter wird auf 100 Jahre geschätzt. Ein leider schwer zugängliches kapitales Exemplar wächst in der Gegend von Güngör unterhalb des Buffavento. Es weist einen Umfang von 4,37 m auf, erreicht 31 m Höhe und soll mindestens 300 Jahre alt sein. Auch der in die Breite wachsende Verwandte der Varietät horizontalis hat ein ausgefallenes Exemplar im Alevkaya-Forst zu bieten. Es erreicht eine Höhe von 11m, einen Umfang von 5,30 m und wurde vor vielleicht 600 Jahren gepflanzt.

 



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