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Reiseführer Nordzypern

Edward Daniel Clarke (1801)

"Als wir den Hof des Gouverneurspalastes (in Nicosia) betraten, fielen uns einige prachtvoll geschmückte Pferde auf, die an Pflöcke gebunden waren. Die wie eine Parade anmutende Aufstellung edler Pferde wird in allen Palasthöfen von Pasas in der Funktion eines Gouverneurs gepflegt. Man führte uns in den Empfangsraum des Dragomans, wo bereits eine geschäftige Menschenmenge versammelt war. Auch hier wurden uns Pfeifen gereicht, während unsere Geleitschreiben geprüft und Fragen gestellt wurden nach der Situation in Ägypten, dem Tod des Kaisers Paul und dem Sieg Nelsons über die Dänen. Dann geleitete man uns über lange Gänge in die Räumlichkeiten des Gouverneurs, der, nachdem er unsere Namen erfahren und über unsere Absichten informiert war, uns aufforderte, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Da sich dieser Mann all des Hochmuts befleißigte, mit dem "Franken" in früherer Zeit, als der englische Name noch nicht in dem Maße wie heute gelitten war, empfangen wurden, will ich die Besuchszeremonie etwas genauer beschreiben. Die Art und Weise wie hier Fremde empfangen werden, unterscheidet sich nicht von anderen Plätzen im Osmanischen Reich, wo stets die Regeln der Gastfreundschaft korrekt befolgt werden. Nur für uns gilt das anscheinend nicht . . . Der Gouverneur von Zypern war kein Pasa, noch besaß er irgendeinen Rang.Allein sein Reichtum hatte ihm seine gegenwärtige Position in Nicosia ermöglicht, die - so ist es üblich - alljährlich dem Kapudan Pasa meistbietend abgekauft wird. Ein kurzes Jahr der Herrschaft also, gänzlich einer wüsten Protzerei und grenzenlosen Habgier hingegeben, Ausgleich für die Summen, die ihn der Erwerb des Gouverneurspostens gekostet hatte. Es war daher wahrlich amüsant, ihn bei der Demonstration seiner Macht zu beobachten. Unsere Referenzen waren von bester Güte, zumal wir Empfehlungsschreiben vom Kapudan Pasa und den Oberkommandierenden von Marine und Heer vorweisen konnten. Als er indes letztere sah, rümpfte Excellenz die Nase und stieß zwischen den Zähnen ein kräftiges "Giaur" (Ungläubige) hervor. Auch zog er hastig sein üppiges Gewand zu sich heran, damit es nur nicht durch die Berührung eines Ungläubigen beschmutzt werde, kniete doch unser ehrwürdiger Freund, der Armenier, unmittelbar vor ihm, um zu dolmetschen. Diese Unverschämtheit war deshalb so bemerkenswert, weil die Türken, außer im Falle offener Rebellion, derartige hochrangige Empfehlungsschreiben selbstverständlich akzeptieren. Nachdem er uns auf diese Weise unsere Minderwertigkeit fühlen ließ, bemühte er sich darauf, unsere Sinne durch großartige Prachtentfaltung zu betäuben. Auf sein Klatschen hin betrat ein Schwarm wunderbar gekleidete Bedienstete den Raum und reichten uns Limonade und Fruchteis in vergoldeten Pokalen. Dann erschien der Scheich eines Derwisch-Ordens, warf sich vor dem Gouverneur zu Boden, berührte seine Lippen mit seinen Fingern, kreuzte die Arme vor der Brust. Nach diesen Zeichen größter Ehrerbietung nahm er seinen Platz links neben dem Gouverneur ein. Eine weitere Gruppe von Sklaven schritt in den Raum:sie überreichten uns lange, aus Jasminholz gefertigte Pfeifen mit Bernsteinspitzen. Ihnen folgten Bedienstete in langen weißen Überwürfen und weißen Turbanen, die unseren Schoß mit herrlichen Stücken himmelblauer und mit Goldfäden durchwirkter Seide bedeckten und konservierte Früchte und andere Süßigkeiten anboten. Kaum hatten wir diese Köstlichkeiten genossen, als uns verschwenderischer weißer Satin umgab und wir diamantbesetzte Kaffeetassen in der Hand hielten.Dann knieten Sklaven mit Räucherdüften in silbernen Gefäßen, die sie uns unter die Nase hielten, vor uns und schließlich umkreiste uns ein Diener, der unsere Gesichter, Hände und selbst die Kleidung mit Rosenwasser besprengte - eine kaum erwartete Artigkeit, welche uns mit einem solchen Eifer dargebracht wurde, dass uns die Ehrungen blind zu machen drohten. Der Oberdolmetscher des Gouverneurs überreichte jedem von uns ein besticktes Taschentuch aus Musselin, das in ein Stück von rotem Krepp eingeschlagen war. Im Verlaufe der Konversation erfuhren wir, dass die Verbindung mit Paphos und dem westlichen Teil der Insel durch den Ausbruch der Pest unterbrochen war. Da sie sich auch in der Nähe von Nicosia zeigte, entschlossen wir uns, noch in der gleichen Nacht in unser bescheidenes Quartier in Athienou zurückzukehren. Doch zu unserer Überraschung bat uns der Gouverneur, mit ihm noch einige Tage zu verbringen. Als wir dieses ablehnen mußten, drohte er uns damit, unsere Fregatte in Larnaca festzuhalten, damit wir ihm zu Verfügung stünden. Aber wir blieben standhaft. Schließlich schieden wir, begleitet von einem Offizier seiner Garde, der uns bei der Suche nach Medaillen und anderen Antiquitäten in den Goldschmiedeläden der Stadt Hilfestellung leisten sollte."

Edward Daniel Clarke (1769-1822), Professor der Mineralogie in Cambridge, war einer derzahllosen Wissensdurstigen, die es in den Nahen Osten zog, seit die Reisen dorthin einigenKomfort boten, sicherer und schneller waren als noch wenige Jahrzehnte zuvor. Zudem hatte sich das Wissen über Länder und Völker dieser Weltgegend beträchtlich erweitert und vertieft:ein Reisender konnte jetzt schon recht zuverlässig abschätzen, was ihn am Ziel erwarten würde. Clarke reiste gern und viel, sammelte unermüdlich antike Funde, Mineralien, Pflanzen, Manuskripte und Gemälde, kannte die Ruinen von Troja und die antiken Stätten Griechenlands. Auch auf Zypern ließ ihn sein sicheres Gespür für Ausgrabungsfunde nicht im Stich. Höhepunkt seiner vielen Begegnungen mit Einheimischen war zweifellos die Einladung in den Palast des osmanischen Gouverneurs in Nicosia, entnommen seinem 1817 in London veröffentlichtem Reisebericht Travels in Various Countries of Europe, Asia and Africa.

 



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