Streifzüge durch die südliche Peloponnes

Mistras

Zu den Klöstern und Kirchen der Unterstadt (2)
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Der Weg steigt nun etwas an und führt die Besucher zur Evangelístria, einer relativ kleinen Kreuzkuppelkirche, schmucklos die Außenwände, die aus Bruchsteinen und ziegelgerahmten Quadersteinen errichtet wurden. Der Fund von großen Mengen Gebeinen in Anbauten und Exonarthex lässt den Schluss zu, dass die Evangelístria die Friedhofskirche von Mistrás war. Auch wurden Gräber auf dem Kirchhof entdeckt. Die ursprünglichen Wandmalereien, Skulpturenschmuck und architektonische Details deuten auf das frühe 15. Jahrhundert hin. Für die Kirchen Mistrás` ungewöhnlich ist der einheitliche Stil der formen- und motivreichen Bauplastik, die vermutlich von lokalen Künstlern geschaffen wurde. Das Freskenprogramm mache „einen eher dürftigen Eindruck“, heißt es, und wirke „provinziell“, wahrscheinlich angefertigt nach den Vorbildern in den Kirchen Perívleptos und Agía Sophía.

Im nordöstlichen Winkel der ummauerten Stadt siedelte sich das Vrontochion-Kloster an, zu dem die beiden großen Kirchen Agii Theódori und Panagía Odigítria gehörten. Die der Theodoren als die ältere (1296) fungierte zunächst als Katholikon, als Hauptkirche des Klosters. Die Odigítria aus dem Jahr 1311 übernahm nach ihrer Weihe diese Funktion, während die Kirche der Theodoren den Mönchen von nun an als Friedhofskirche diente. Das Kloster war keine regionale Gründung, sondern ging auf einen kaiserlichen Erlass zurück und war mithin dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt. Das hatte den großen Vorteil, dass die Klostergemeinde in den Genuss zahlreicher Privilegien kam.

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Die Namensgeber von Agii Theodóri waren christliche Märtyrer. Der eine, Theodor Stratelates, kommandierte im frühen 4. Jahrhundert eine römische Garnison in Heraklea am Schwarzen Meer (heute: türk. Ereğli). Der andere, Theodor „Tiro“ („der Rekrut“), war ein einfacher Soldat im Heer von Kaiser Maximianus, ebenfalls Anfang des 4. Jahrhunderts. Er starb in Amasia (heute: türk. Amasya im nördlichen Mittelanatolien). Die beiden Theodoren sind Schutzpatrone der Soldaten. Die ihnen geweihte Kirche in Mistrás gehört zu einem seltenen Bautypus, einer Achtstützenkirche, deren große Kuppel nicht von üblicherweise vier Bögen getragen wird, sondern von acht Bögen, die ein Achteck bilden. Es gab Vorbilder in Konstantinopel und wenigen Orten Griechenlands. Sehr wahrscheinlich orientierte man sich an der Kirche Agía Sophía im nicht weit entfernten Monemvasia. Die Kuppel auf hohem Tambour ist gewaltig. Sie überspannt den gesamten Innenraum und trägt im Wechsel sechzehn schmale Fenster und ummauerte Nischen.

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Ein besonderes Schmuckstück ist die Ostfassade mit ihren reich dekorierten drei Apsiden und den über die volle Breite laufenden sog. Ziegel-Sägefriesen, die die Ostfassade in fünf horizontale Zonen teilen. Und diese sind abwechselnd aus ziegelumrahmten Quadersteinen und nur grob bearbeiteten Bruchsteinen gestaltet worden. Der Freskenschmuck ist nur in schlechtem Zustand erhalten und auch längst nicht das gesamte für die damalige Zeit typische ikonographische Programm. Drei überlebensgroße, ausdrucksstarke Soldatenheilige, darunter die beiden Theodore, fallen besonders ins Auge.

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Die Panagía Odigítria („Geleiterin“ oder auch „Wegweiserin“) verbindet – wie andere Kirchen der Ruinenstadt – eine dreischiffige Basilika im Untergeschoss mit einer Kreuzkuppelkirche im Obergeschoss. Auf den Gurtbögen und Jochen des Unterbaus stützt sich die Viersäulen-Kreuzkirche mit Mittelkuppel und vier kleineren Eckkuppeln.

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Der Narthex, in der Mitte mit einer Kuppel, darunter die Loge für den Despoten, wird an seinen beiden Enden von turmähnlichen Kapellen flankiert. In der nördlichen Kapelle haben der verdiente Abt Pachómios und der Despot Theódoros I. Palaiologos ihre letzte Ruhestätte erhalten. Es gibt hier außerdem eindrucksvolle Wandmalereien zu betrachten. In der Kapelle gegenüber sind auf den Wänden Abschriften der kaiserlichen Goldbullen erhalten, die über die Gründung des Klosters, seine Besitztümer und Privilegien berichten.

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An der Südwestecke des Narthex` erhebt sich der dreistöckige Glockenturm (wie jener im Pantánassa-Kloster mit deutlichen „fränkischen“ Stilelementen). Gebaut wurde er mit ziegelumrahmten Quadersteinen. Darin unterscheidet er sich von allen anderen Bauteilen der Kirche, die in der geläufigen Steinbauweise gefertigt wurden, die nur hin und wieder schmale, horizontale Ziegellagen aufweisen. Auffallend die massive Mittelapsis an der Ostseite mit einem Drillingsfenster und blinden Bogenfenstern, wie auch die beiden Seitenapsiden mit blinden Bogenfenstern ausgestattet sind. Von der einstigen Pracht des Innenraums ist nicht viel geblieben. Er war einst bis zur Galerie mit polychromen Marmorplatten verkleidet. Davon ist kaum etwas erhalten, dafür hat reicher Freskenschmuck die Zeiten überdauert, wenn auch nicht selten stark mitgenommen. Es ist anzunehmen, dass Künstler, die sich dem Stil der Palaiologen-Renaissance verpflichtet fühlten, von ihrer Werkstatt in der Hauptstadt Konstantinopel nach Mistrás wechselten, um in der Odigítria tätig zu werden.

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Rückblick
Was in und um Mistrás weiter geschah, ist rasch erzählt. Weder die türkische Herrschaft ab 1460 noch das venezianische Intermezzo (1687 – 1715) hinterließen nachhaltige Spuren. Aufsehen erregte für kurze Zeit das Kommandounternehmen des Sigismondo Pandolfo Malatesta, eines Verwandten der Kleopatra Malatesta. Im Handstreich nahm er 1464 für ein paar Stunden Mistrás ein, entführte die sterblichen Überreste des Geórgios Gemistós Plethon und brachte sie nach Italien. Dort, in der Kathedralkirche Riminis, dem Tempio Malatestiano, bereitete er dem „Prinzen unter den Philosophen seiner Zeit“ eine würdige Bestattung. Wirtschaftlich war Mistrás mit etwa 40.000 Einwohnern dank der intensiv betriebenen Seidenraupenzucht und einer blühenden Handelstätigkeit in einer guten Verfassung. Die Lage trübte sich um 1770 ein, als der russisch-türkische Krieg auch auf die Peloponnes übergriff und albanische Hilfstruppen der Türken marodierend durch die Lande zogen. Von den Verwüstungen, die sie anrichteten, konnte sich Mistrás nicht mehr wirklich erholen. Die Lage verschlechterte sich dramatisch während des griechischen Freiheitskampfes 1825. In jenem Jahr attackierte Istanbuls Verbündeter, der ägyptisch-osmanische General und spätere Gouverneur, Ibrahim Pascha, die Stadt. Es war ihr Untergang. Die Einwohner überließen sie dem Verfall und siedelten sich im neugegründeten Sparta an, das auf den Fundamenten der antiken Stadt auf Anordnung des griechischen Königs, des Wittelsbacher Prinzen Otto, in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts unter der Leitung des bayerischen Architekten Baumgarten errichtet wurde.






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