Wandern in Deutschland und Europa
Die Stiefel geschnürt, den Rucksack gepackt, das entsprechende Kartenmaterial zur Hand – so ausgestattet kann man der Natur am nächsten sein, sich den Wind um die Nase wehen lassen, einhalten und die Stille genießen. Von Skandinavien bis ans Mittelmeer reichen die unterschiedlichen Wandertouren, über die unsere Autoren berichten.

Deutschland
Die Ruhe geniessen. Wandern auf dem Harzer Hexen-Stieg
Noch im Oktober, wenn in alpinen Höhen bereits der erste Schnee fällt, kann man im Harz wandern – sogar mehrere Tage lang, wie auf dem West-Ost-Querweg durch Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge, dem 2003 eingerichteten Harzer Hexen-Stieg. Er wurde 2008 vom Deutschen Wanderverband als Qualitätsweg ausgezeichnet. Darüber freut sich die Tourismusbranche in der Region des Harzes, das mit einer Fläche von 247 Quadratkilometern ein vergleichsweise kleines Gebirge ist.
Durch Wildnis und Weinberge. Wanderrouten durch den nördlichen Schwarzwald
Der Schwarzwald ist eine famoses Wandergebirge mit Wegen zwischen Weinbergen und Tannen, zwischen kultiviertem Land und Wildnis. Das heutige Wegenetz durch den Schwarzwald mit insgesamt 23.000 Kilometern nahm seinen Anfang 1870, als ein erster Rundweg am Feldberg ausgewiesen wurde. Allein das Fernwegenetz nimmt inzwischen eine Länge von 2.300 Kilometern ein und umfasst neben dem Westweg den Mittelweg (Pforzheim-Landshut) und den Ostweg (Pforzheim-Schaffhausen). Über 285 Kilometer kann man von Nord nach Süd oder umgekehrt in den Höhenlagen und Tälern des Schwarzwaldes unterwegs sein.
Tanzende Steine, Besenginster und Bärlauch. Unterwegs auf dem Soonwaldsteig
Unter all den Steigen, die es unterdessen in Deutschland gibt, gehört der Soonwaldsteig zu den jüngeren. Zugleich ist er als Trekking-Strecke ausgelegt, sodass der Anteil sogenannter Forsthighways im Streckenverlauf gering ist. Stattdessen muss man sich über „tanzende Steine“ bewegen, kann im Frühjahr ein Meer an blühenden Maiglöckchen durchwandern und im steten Auf und Ab des Weges ab und an einhalten und den Alltag hinter sich lassen. Wenn die Dämmerung sich über den Soonwald senkt, hört man nur das Rauschen der Bäche und der Wipfel der Buchen, durch die der Wind streicht. Dass wir im Hunsrück unterwegs sind, merken wir nicht nur an den Kammwegen, sondern auch an den aufragenden Quarzitfelsen. Hier und da stoßen wir unterwegs auch auf den Abraum aus dem Schieferabbau, der seit Jahrzehnten eingestellt ist. Machen wir uns also auf von Kirn nach Bingen am Rhein!
Ostsee-Tour auf Schusters Rappen. Auf dem 9. Europäischen
Fernwanderweg durch Mecklenburg-Vorpommern
Der 9. Europäische Fernwanderweg beginnt an der Biscaya. Er führt durch die französische Bretagne ins belgische Antwerpen, nach Amsterdam, Hamburg und weiter Richtung Baltikum. Bei Travemünde beginnt die wohl eindrucksvollste und abwechslungsreichste Strecke. Zerklüftete Steilküsten mit windzerzausten Bäumen, einsame weiß-weite Strände, stille Bodden und schilfbewachsene Buchten säumen den Weg; Hansestädte, Badeorte, Künstlerdörfer berühren die Route. Voilà die schönsten Stationen des EF 9 "Atlantik-Nordsee-Ostsee" auf seinem Weg vom Priwall bis zur Peene.
Frankreich
Im Wald von König Artus. Unterwegs in der Bretagne
In der Bretagne mangelt es wahrlich nicht an Mythen. Das Rätsel der gewaltigen Dolmen und Menhire, der stehenden Steine, ist bis heute nicht vollständig gelöst. Auch die Wälder und Heideflächen bieten mit ihrem natürlichen Zauber den alten Legenden immer wieder neuen Stoff. In Brocéliande, einem Waldgebiet bei Rennes, können Wanderer sogar auf den Spuren von König Artus und seinen Rittern wandeln.
Korsika. eine Trauminsel für Wanderer
Der Wanderweg Tra Mare et Monti entlang der grandiosen Westküste Korsikas wurde teilweise auf alten Maultierpfaden aus den Zeiten der Transhumance, des Herdenwanderns, angelegt. Die Höhenmeter, die auf manchen Etappen zurückgelegt werden, können stellenweise mit dem berühmten hochalpinen Wanderweg GR 20 auf Korsika konkurrieren, doch erfordert die Route keine hochalpinen Erfahrungen und kann auch mit der ganzen Familie realisiert werden.
Griechenland
Wandern auf dem "Corfu-Trail" über die Insel im Ionischen
Meer
Eine korfiotische Erfindung ist dieser Weitwanderweg nicht. Für eine Infrastruktur dieser Art hat Hilary Whitton Paipeti gesorgt. Die Britin, die seit langem auf Korfu lebt, ist Initiatorin des Corfu-Trails, der auf 222 Kilometern von Süd nach Nord über die Insel führt. Fernab der Touristenhochburgen wandert man auf gepflasterten Karrenwegen aus venezianischer Zeit, Nebenstraßen, Feldwegen und Bauernpfaden von Dorf zu Dorf, über Gebirgspässe, zu abgelegenen Klöstern und malerischen Buchten.
Irland
Wandern in Irland. An den Küsten von Antrim und Donegal
Wer Spaß an
ausgedehnten Wanderungen hat, den Reiz von Küstenlandschaften und
steilen Klippen schätzt, wer die von Touristen überfüllten
Urlaubszentren fürchtet und das gemäßigte Klima Irlands ebenso schätzt
wie das mediterrane Ambiente: der muss seine Wanderstiefel einpacken
und im Norden Irlands sowohl die West- wie die Ostküste kennenlernen.
Wer dann noch im Englischen etwas zu Hause ist, der wird mit vielfältigen
Eindrücken von Land und Leuten zurückkommen und darauf hoffen, dass
die Tage der Teilung auch für Irland bald endgültig beendet sein mögen.
Mehr zu Irland können Sie in unserem Reiseführer Irland nachlesen.
Italien
Am eindrücklichsten ist die große Wanderung von Sorrent über die Halbinsel nach Positano und von dort entlang der Küste bis Salerno. Perfekt verbinden sich während der fünf Tage dramatische Landschaft und klassische Architektur, schwitzende Anstrengung und entspanntes Tafeln, alltägliche italienische Lebensart und modernes Touristen-dolce-vita.
Norwegen
Wandern und Inselhüpfen in Fjordnorwegen
In Westnorwegen, das unter dem Einfluss des milden Golfstroms steht, eignen sich die Sommer - mit ihren nahezu endlos langen Abenden, an denen es nie dunkel zu werden scheint – ganz hervorragend für Outdoor-Aktivitäten und für aktiven Naturgenuss. Vor allem die Westküste Norwegens, insbesondere die Region zwischen dem Geirangerfjord und Kristiansund, die sich touristisch unter dem Begriff „Fjordnorwegen“ vermarktet, übt auf Naturliebhaber eine nahezu magische Anziehungskraft aus. Hier treffen bis zu 200 Kilometer lange und mehr als 1000 Meter tiefen Meeresarme - die Fjorde – mit einer schroffen Gebirgslandschaft zusammen, hier finden sich Schären und Holmen, Fischerdörfer und Küstenstädte – aber auch fast 2000 Meter hohe Berge und gewaltige Gletscher.
Das "Haus des Riesen" und das "Mädchenpensionat". Zu Fuß in Fjellnorwegen unterwegs
Zweihundert auch im Frühsommer noch schneebedeckte Gipfel, schroffe Felsen und anstrengende Auf- und Abstiege zeichnen die Bergwelt von Jotunheimen aus, übersetzt „Haus des Riesen“. Im Rondane Nationalpark liegen längst nicht so viele Gipfel um und über 2000 Höhenmeter wie in Jotunheimen. Herausforderungen gibt es aber auch, wenn Storronden oder Rondslottet mit ihren mehr als 2100 Metern zu bezwingen sind. Insgesamt sind die Berge von Rondane jedoch eher weiblich-rund und abgeschliffen. Daher leitet sich für Rondane auch der norwegische Spottname „Mädchenpensionat“ ab. In den Ausläufern dieses Nationalparks und mit Blick auf Jotunheimen kann man stundenlang wandern, ohne gleich hohe Berge ersteigen zu müssen.
Wandern und Klettern im norwegischen Sunnmøre
Die Fjordregion an der Westküste Norwegens liegt abseits der Touristenrouten, auf halbem Wege zwischen Bergen und Trondheim. Als Wikinger eroberten ihre Bewohner Frankreich, heute widmen sich die „Schwaben Norwegens“ dem Möbeldesign, der Fischzucht und dem Tourismus. Bereits um 1880 entdeckten britische Bergsteiger die Schönheit der „Alpen am Meer“. Begeistert schrieb William Cecil Slingsby nach einem Aufstieg zum Gipfel des Slogen (1564 m) am 12. August 1884 in sein Buch: „Der stolzeste Ausblick in Europa“. Heute enthält die Wanderkarte der Region mehr als hundert Streckenvorschläge – von einfachen Trekkingtouren bis zu ambitionierten Klettersteigen für Kraxler.
Weitere Informationen zu Norwegen finden Sie in unserem Reiseführer Norwegen.
Österreich
Die Kalkalpen: ein Paradies für Wanderer und solche, die es noch werden wollen
Die abwechslungsreiche Landschaft der Kalkalpen mit naturnahen Wäldern, aussichtsreichen Gipfeln, verborgenen Schluchten, unberührten Bergbächen und stillen Almen ist ein Paradies für Wanderer – und noch nicht sehr bekannt. 600 Kilometer bestens ausgeschilderte Wanderwege warten – auch auf Urlauber, die bislang glaubten, dass Wandern zu beschwerlich sei. In den Kalkalpen fängt das Wandern mit dem Spazierengehen an. Darüber freuen sich besonders ältere Menschen und Familien mit kleinen Kindern. Und immer gibt es mehr zu entdecken als auf herkömmlichen Wegen.
Kulinarisches
Wandern im österreichischen Mühlviertel
Das Mühlviertel ist eines der schönsten Wandergebiete in Österreich, nur einen Steinwurf entfernt von Passau - ein touristisches Schmankerl für Wanderer, jenseits des Massentourismus sowieso, aber auch jenseits der viel begangenen alpinen Wanderrouten. Immer wieder hat man Ausblicke auf Feld, Wald, Wiese und kleine Dörfer, denn der südliche Ausläufer des Böhmerwaldes ist kein düsteres Gehölz, sondern eine gewachsene Kulturlandschaft im sanften Mittelgebirge. Nicht selten läuft man durch duftende Kräuterfelder mit Melisse, Minze, Schafgarbe, Brennnessel und Löwenzahn, in denen chemischer Dünger nichts verloren hat, denn die Kräuterbauern des Mühlviertels haben sich der biologischen Landwirtschaft verschrieben.
Schweiz
Auf dem Jakobsweg durch die Schweiz
Halb Europa war im Mittelalter im Wanderfieber. Mit Sandalen, einem weiten Umhang, einer Muschel als Erkennungszeichen an Kragen oder Hut und einem langen Wanderstab als Stütze, der in Notfällen auch der Verteidigung diente, machten sich die Pilger auf den Weg in Richtung Spanien. Sie kamen aus den unterschiedlichsten Gegenden des Abendlandes, aus Deutschland, der Schweiz, England, Frankreich, Polen, Griechenland, sogar aus der Türkei. Der feste Glaube an den Erlass aller Sünden am Grab des heiligen Jakobus (spanisch: Santiago), Frömmigkeit oder die Bitte um Hilfe in existentieller Not brachte Millionen auf die Beine, Bettler ebenso wie Könige.
Spanien
Wanderungen durch die Serra de Tramuntana auf Mallorca
Seit einigen Tagen wandern wir durch die Serra de Tramuntana, den hundert Kilometer langen Bergrücken, der die kühlen Nordwinde vom Rest der Insel fernhält. Es ist ein schroffer, meist steiniger Felsriegel, borstig und struppig überwachsen mit Malven, Stechginster und Zistrosen, mit Schöpflavendel und Rosmarin, mit Steineichen, Oliven- und Johannisbrotbäumen. Wir treffen mehr wilde Ziegen als Menschen, haben immer wieder fabelhafte Ausblicke über die zerklüftete Steilküste aufs Mittelmeer, und das Rauschen des Waldes lässt sich manchmal nicht vom Rauschen der Brandung unterscheiden. Alle anderen Laute lösen sich darin auf.
Berge, Wüste, Meeresstrand. Auf Schusters Rappen durch Andalusien
Nein, nicht im Sommer, sondern im Winter schnürte unser Autor
Reiner Wandler seine Wanderstiefel, packte seinen Rucksack und machte
sich auf Schusters Rappen auf den Weg über die Sierra Nevada
hinweg zur Küste Andalusiens und zum Mittelmeer, das auch während
des Winters noch angenehm warm ist und zum Baden einlädt. Doch
wie uns Reiner Wandler verrät, ist der Fernwanderweg GR 140,
auf dem er unterwegs war, auch im Frühjahr und Herbst ein lohnenswertes
Ziel.
Mehr Informationen über Andalusien verrät Ihnen unser Reiseführer Andalusien.
Türkei
Auf dem Lykien-Wanderweg an der türkischen Südküste
Die türkische Südküste ist fest in der Hand von Pauschaltouristen. Die gesamte Küste? Nein - nur wenige Kilometer abseits der Tourismuszentren, hinter Postkartenständern und Tennisplätzen hat man Ruhe vor aufdringlichen Teppichverkäufern und findet eine Türkei, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. In diese „andere Türkei“ entführt uns der Autor Michael Hennemann, der auf dem so genannten Lykien-Wanderweg unterwegs war.
Minarette weisen den Weg. Wandern im türkischen Kaçkar-Gebirge
Schon am Ortsrand von Ayder, dem Ausgangspunkt unserer Tour, tauchen wir ein in einen üppigen Regenwald. Wir wandern durch einen grünen Korridor zwischen Moosen, Farnen und Pilzen, zwischen Rhododendron, Buchen, Fichten und Kiefern. Meterlange Flechten hängen wie die Bärte von tausend türkischen Methusalems von den Ästen herab. Gräser und Blumen wuchern mehr als dass sie wachsen. Die Pflanzen kämpfen um jeden Quadratzentimeter Boden und überziehen selbst den glattesten und steilsten Felsen mit einer grünen Haut. Gebirgsbäche und Wasserfälle rauschen durch diese vor Saft und Kraft strotzende Wildnis, aus Felsspalten sprudelt kristallklares Wasser.
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