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Schildkröten kreuzen den Pfad

Auf dem Lykien-Wanderweg an der türkischen Südküste

Text und Fotos: Michael Hennemann

Die türkische Südküste ist fest in der Hand von Pauschaltouristen. Die gesamte Küste? Nein - nur wenige Kilometer abseits der Tourismuszentren, hinter Postkartenständern und Tennisplätzen hat man Ruhe vor aufdringlichen Teppichverkäufern und findet eine Türkei, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. In diese „andere Türkei“ entführt uns der Autor Michael Hennemann, der auf dem so genannten Lykien-Wanderweg unterwegs war.

Türkei / Lykien / auf Wanderung

„Was willst du denn damit?". Skeptisch betrachtet der alte Mann meine Trekkingstöcke, runzelt sein faltiges Gesicht, schüttelt den Kopf und gibt mir zu verstehen, dass er Stöcke bräuchte, aber doch nicht ich. Es war nicht das erste Mal und sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass meine Wanderstöcke für einige Aufmerksamkeit sorgen. Die Türkei ist kein klassisches Wanderland. Das Ziel der Pauschaltouristen aus Deutschland, England und den Niederlanden ist vor allem der Strand, und die Einheimischen wandern nur dann, wenn es unbedingt sein muss, aber ganz sicher nicht zur Erholung.

Dreißig Tage am Meer entlang

Mein Ziel aber war der Weg: Der Lykien-Wanderweg. Gesponsert von einer großen türkischen Bank wurde die 530 Kilometer lange Strecke von Fethiye bis Antalya mit rotweißen Markierungen im Stil der französischen Grand Randonnées durchgehend markiert. Seit 1999 führt der erste Langstreckenwanderweg der Türkei immer an der Küste entlang, an der das Taurusgebirge jäh ins Mittelmeer abstürzt.

Türkei / Lykien / am Meer

Für die gesamte Strecke benötigt man mindestens dreißig Tage. Wer nicht gar so viel Zeit hat, der kann seine Wanderung in einer der vielen Städte entlang des Wanderweges beginnen. Ich entscheide mich für das Städtchen Kas, etwa auf der Hälfte der Strecke gelegen. Kas, einst ein verschlafenes Fischerdorf, blieb bisher vom Massentourismus verschont und steht für gehobenen Individual- und Sporttourismus. Entlang der engen Gassen liegen kleine Pensionen, und gemütliche Restaurants mit Blick aufs Meer. Im beschaulichen Hafen dümpeln eine überschaubare Zahl von Ausflugsdampfern neben den Fischerbooten und den Schiffen für Tauchausflüge. Die Urlaubssaison ist noch jung. Auf dem Campingplatz steht einsam und verlassen ein Wohnmobil, ein Zettel an der Rezeption teilt mir die Telefonnummer mit, unter der ich den „Platzwart“ erreiche.

Türkische Gastfreundschaft

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit würzigem Schafskäse, Tomaten, Gurken, Oliven und Weißbrot beginne ich am nächsten Morgen meine Tour. Die rege Bautätigkeit entlang der Strandpromenade kündet davon, dass der Tourismus auch in Kas expandiert: Hier wird ein Stück Strasse neu gepflastert, dort entsteht eine Pension. Doch schon nach wenigen Schritten wird es sehr, sehr ruhig. Schildkröten kreuzen meinen Weg, und mein Blick schweift frei über das Meer und die vorgelagerte Insel Meis.

Türkei / Lykien / Meerblick

Ich lasse Kas hinter mir und bin eine halbe Stunde später in der ländlichen, scheinbar seit Jahrhunderten unveränderten Türkei, weit weg von feilschenden Teppichverkäufern und Ansichtskartenverkäufern. Mein Weg führt über Felder und durch Olivenhaine, vorbei an verlassenen Häusern und mühsam aufgeschichteten Steinmauern. Ich bin vielleicht vier oder fünf Stunden unterwegs, als ich das erste Mal – in den nächsten zwei Wochen sollte mir das noch oft wiederfahren – türkische Gastfreundschaft erlebe: Freudig erregt winkt mich ein Mann vom Weg. Er begrüßt mich überschwänglich, zieht mich auf die Terrasse seines Hauses und weist seine Frau an aufzutischen. Augenblicke später türmen sich dünne Brotfladen – „Yuffka“ genannt – vor mir auf. Dazu wird ein großer Krug mit Ayran gereicht, einem köstlich-erfrischenden Getränk aus Ziegenmilch und Ziegenjoghurt. Zum Abschluss dieses köstlichen Mahls darf natürlich der obligatorische Tee nicht fehlen. Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal staune ich, wie viel Zucker hier in die kleinen bauchigen Teegläser geschüttet wird. Herzlich bedanke ich mich bei meinen beiden Gastgebern für diese unerwartete, aber willkommene Abwechslung und den freundlichen Empfang.

Der Geruch von Holzfeuer und Ziegen

Nicht ganz so freundlich empfängt mich Kale, das vor allem für die Felsengräber von Myra bekannt ist, und in jedem Reiseführer angepriesen wird. Stellen Sie sich ein Tal vor, an dessen Grund ein Plastikfolienmeer wogt und Sie haben in etwa einen Eindruck von dem, was sich mir beim Abstieg bot.

Türkei / Lykien / Tal

In Myra, einst eine der führenden Städte im Lykischen Bund, werden Tomaten, Gurken und Orangen für die Touristenzentren der türkischen Südküste angebaut und mehrmals im Jahr geerntet. Kulturbanause oder nicht: Ich verspüre nur mäßige Lust mich zusammen mit den anderen Touristen durch Myra zu drängeln und beschließe, dass mir der flüchtige Blick auf die zugegebenermaßen beeindruckenden Felsengräber genügt, die in die senkrecht abfallende Felswand geschlagen wurden.

Ich lasse die Felsgräber von Myra rasch hinter mir und setzte meine Wanderung fort. Schnell wird es wieder beschaulich-ländlich. Zwei Männer reparieren mit Draht eine Pumpe, die Wasser aus dem Demre in ein Treibhaus befördern soll. Trecker und Mopeds, stapelhoch mit Kisten von Tomaten und Gurken beladen, tuckern an mir vorbei. Geruch von Holzfeuer und Ziegen begleitet mich, ebenso das Kläffen einiger Hunde. Ein meckernder Esel versucht sich gegen das Rattern einer Dieselpumpe zu behaupten und aus einem Schuppen glotzt mir verschlafen ein Kamel entgegen. Langsam werden die Häuser weniger und über einen Pfad, der zwischen zwei Treibhäusern liegt, kehre ich Kale den Rücken.

Die Küste im Schnee

Türkei / Lykien / im Schnee

Der markierte Wanderweg schlängelt sich nun einen Berg hinauf und trifft auf eine Straße, die nach Zeytin führt. Hier beginnt einer der schwersten und anstrengenden Abschnitte der Wanderung: Ständig geht es bergauf; vorbei an den Ruinen der Kirche von Alakalise klettert der Pfad bis auf fast 1 800 Meter empor. Dies allein ist schon eine Herausforderung.

Türkei / Lykien / Kirchenruine

Doch auch Schnee erwartet mich und so stapfe ich tapfer durch zehn Zentimeter hohen Schnee, um meine Wanderung fortsetzen zu können. Da beim Abstieg nach Finike zu allem Überfluss noch unaufhörlicher Regen einsetzt, bin ich froh, als ich am dritten Tag dieser Etappe die Orangenhaine von Finike sichte. Müde und erschöpft sinke ich in mein Hotelbett.

Nach denn Erfahrungen der letzten Etappe beschließe ich, dass ich den folgenden Abschnitt, der hoch über einige Bergketten und den Sattel des Olympos führt, dessen Gipfel 2.366 Meter aufragt, lieber bei einer kommenden Wanderung nachholen werde. Darum besteige ich in Finike den Bus, der mich direkt nach Olympos bringt. Dieses kleine Dorf hat sich vom „Geheimtipp“ zum Mekka für Weltenbummler und Rucksacktouristen aus aller Welt gemausert. Überall herrscht buntes Treiben, wird fröhlich gefeiert.

Die Flammen des Altertums

Nachdem ich schon tagsüber durch die Ruinen von Olympos geschlendert war, gönne ich mir am Abend eine weitere Attraktion und nehme an einem Ausflug zur ewigen Flamme der Chimeira teil. Bei leichtem Nieselregen tasten sich unsere Taschenlampen den Weg über die rutschigen Felsen, bis uns der Geruch von Erdgas in die Nase steigt und Flammen aus den Felsen züngeln, die seit dem Altertum hier brennen.

Türkei / Lykien / Feuer aus der Erde

Vorbei an den „Bettenburgen“ von Kemer und Tekirova und die im duftenden Pinienwald gelegenen, erstaunlich gut erhaltenen, antike Ruinen von Phaselis mit einem beeindruckenden Theater, erreiche ich den Endpunkt meiner Tour im Örtchen Hisarçandir.

Türkei / Phaselis / Theater

Nur etwa eine halbe Stunde dauert die Fahrt von hier aus mit dem Minibus nach Antalya. Doch da gerade Sonntag ist, verkehrt kein Bus und so bleibt mir nichts anderes übrig, als das zu tun, was ich die letzten zwei Wochen gemacht habe: Ich laufe.

 

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