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Korfu ist wie ein Lied

Wandern auf dem "Corfu-Trail" über die Insel im Ionischen Meer

Text und Fotos: Kerstin Wolters

Beinahe beschwörend legt die alte Frau ihre Hand auf meinen Arm. „Was lauft ihr hier rum bei dem Regen?“ fragt sie und mustert jeden einzelnen irritiert. „Wir wandern auf dem Corfu-Trail“, antwortet das knallrote Regencape, unter dem sich Christine verbirgt, die als Einzige Griechisch spricht. Die Korfiotin zieht die Augenbrauen noch ein wenig höher. Corfu-Trail? Davon habe sie noch nie etwas gehört.

Griechenland Korfu alte Festung

Kein Wunder. Eine korfiotische Erfindung ist dieser Weitwanderweg nicht. Warum laufen, wenn man fahren kann, lautet die Devise der Einheimischen. Schließlich kommt man auf Korfu schnell von A nach B – dank der Briten, die auf der Insel im 19. Jahrhundert ein 700 Kilometer langes Straßennetz anlegten; das dichteste Griechenlands. Für eine Infrastruktur anderer Art hat Hilary Whitton Paipeti gesorgt. Die Britin, die seit langem auf Korfu lebt, ist Initiatorin des Corfu-Trails, der auf 222 Kilometern von Süd nach Nord über die Insel führt. Fernab der Touristenhochburgen wandert man auf gepflasterten Karrenwegen aus venezianischer Zeit, Nebenstraßen, Feldwegen und Bauernpfaden von Dorf zu Dorf, über Gebirgspässe, zu abgelegenen Klöstern und malerischen Buchten.

Griechenland Korfu Wanderpfad

Unterwegs auf steinigen Pfaden

Zehn bis zwölf Tage benötigt man für die gesamte Strecke, die mehr schlecht als recht mit einer gelben Raute markiert ist. Wir sparen uns zwei Etappen und starten bei strahlendem Sonnenschein direkt am Strand von Perivóli. Erstaunt heben die in den Liegestühlen dösenden Urlauber die Köpfe, als wir mit Rucksäcken und Wanderstiefeln durch ihren Horizont marschieren. Hinter dem kleinen Ort Agios Georgios bahnen wir uns einen Weg durch die ockerfarbenen Dünen und erreichen den See Límni Korissia. Diese Süßwasserlagune, in der die Bewohner der umliegenden Dörfer eine Fischfarm betreiben, ist nur durch einen schmalen Landstreifen vom Meer getrennt. Mehr als 120 verschiedene Vogelarten und 14 Orchideenarten kommen hier vor.

Korfu, auch „grüne Insel“ oder „Smaragdinsel“ genannt, verdankt seine artenreiche, für griechische Verhältnisse sehr üppige Vegetation den hohen Niederschlägen und günstigen Grundwasserverhältnissen. Mediterranes Klima prägt das Eiland im Ionischen Meer: Auf milde, regenreiche Winter folgen trockene, heiße Sommer. Zum Wandern – und hinterher baden! – sind die Monate Mai, Juni und September ideal.

Grosses Hallo in engen Gassen

Mit rund 135.000 Einwohnern gilt Korfu, nur durch eine schmale Meeresstraße vom Festland getrennt, für Landesverhältnisse als relativ dicht besiedelt. Die Insel hat eine Fläche von 590 Quadratkilometern, ist etwa 62 Kilometer lang und zwischen 28 im Norden und knapp vier Kilometer an der schmalsten Stelle im Süden breit.

Griechenland Korfu Blick auf die Bucht

Immer wieder Ausblicke dieser Art

Mit lauten „Ja sas“-Rufen heißen uns die Bewohner der kleinen Bergdörfer Ano Paviliana, Kato Paviliana und Vouniatades im Inselinneren willkommen. Die Einheimischen winken, lachen, fragen nach dem Woher und Wohin und feiern unsere Gruppe, die mit klackernden Wanderstöcken durch die blumengeschmückten engen Gassen marschiert, wie einen Faschingszug. Die Freundlichkeit der Korfioten ist unbeschreiblich! Überall begegnen wir Menschen, die uns etwas Gutes tun wollen. Wie der Frau in Komianata, die uns ihre frisch geernteten Weintrauben schenkt. Einfach so. Oder der Besitzer des längst geschlossenen Kafenions, der uns – patschnass wie wir sind – hineinbittet, als wieder einmal ein Wolkenbruch auf uns niedergeht. Nicht zu vergessen den Inhaber des Caffe Olympia in Lakones, eine Institution seit 1944. Nachdem ich fast jeden Winkel seines über und über mit Lebensmitteln, Ansichtskarten und Andenken aus aller Welt voll gestopften Ladens fotografiert und seine Geduld auf eine harte Probe gestellt habe, winkt er mich heran. Ich ahne nichts Gutes, doch er schiebt mich nur sanft in Richtung Ladentheke, nimmt mir die Kamera aus der Hand und – macht ein Foto von mir!

Unter den griechischen Inseln gilt Korfu als eine der grünsten. Oliven, Zypressen und immergrünes Strauchwerk prägen ihr Gesicht. Für den Aufstieg zum höchsten Punkt des östlichen Küstengebirges stärken wir uns mit Salat, Zaziki und Moussaka auf der schattigen Terrasse der Dorf-Taverne in Strongili. Von Dafnata aus eröffnet sich ein herrlicher Ausblick auf das Ionische Meer und das sich schemenhaft abzeichnende Festland. Im Norden sehen wir Korfu-Stadt und die mitten in eine Lagune hinein gebaute Landebahn. Sie ist so kurz, dass darauf nur Piloten mit Zusatzausbildung starten und landen dürfen. Als Passagier meint man, mitten im Meer zu landen.

Mit Sissi und Kaiser Wilhelm

Auf halber Strecke zwischen unserem Aussichtspunkt und der 35.000-Einwohner-Stadt befindet sich das Achilleion, das die wohl berühmteste Bewohnerin Korfus, die Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt als Sissi, zwischen 1890 und 1892 als ihr Traumschloss errichten ließ. Die Kaiserin benannte das Schloss nach Achilles, ihrem Lieblingshelden in der griechischen Mythologie. 1907 kaufte Kaiser Wilhelm II. das Gebäude und verbrachte bis 1914 fast jedes Frühjahr auf Korfu. Einige der Räume sind heute zu einer Art Museum umfunktioniert. Das schönste sind jedoch der Park und die Aussicht, die man von der obersten Terrasse hat. Viele der Statuen im Park kaufte Sissi während einer Italienreise, darunter Kopien aus den Museen von Neapel und Florenz.

Griechenland Korfu Hauptstadt

Die Hauptstadt und ihre Festung

Das Schlossgelände reicht bis hinunter ans Meer. Kaiser Wilhelm II. ließ hier eine Brücke über die Uferstraße bauen, so dass er von seinem Domizil aus einen direkten Zugang zum Strand hatte. Diese „Kaiser’s Bridge“ wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute sind nur noch die Brückenpfeiler dieses Bauwerks zu bewundern.

Unser nächstes Ziel ist das hübsche Dorf Pélekas. Auch hierher fuhr Kaiser Wilhelm II. häufig, um von der Pélekas-Bergspitze (270 m) aus den Sonnenuntergang zu genießen. Seither wird dieser Aussichtspunkt „Kaiser’s Throne“ genannt. Mittlerweile kommen jährlich Tausende von Besuchern hierher, um sich an dem grandiosen Rundblick zu erfreuen. Trotzdem: Nirgendwo sonst lässt sich der Sonnenuntergang stilvoller erleben als mit einem Sundowner in der Hand auf der Terrasse des am Aussichtspunkt gelegenen Hotels.

Die Hippies waren die ersten

Nach Einbruch der Dunkelheit statten wir noch der legendären Zanzibar im Dorfzentrum einen Besuch ab. Die Kneipe soll ein beliebter Treffpunkt der Hippies gewesen sein, die vor mehr als 30 Jahren in einfachen Schilfhütten am Strand von Pélekas hausten. Sie hatten als erste die schönen Strände der Umgebung entdeckt.

Griechenland Korfu Landschaft

Durchs wilde Innere der Insel

Der Tourismus auf Korfu beschränkt sich hauptsächlich auf die Küstenstreifen mit langen Stränden und Felsbuchten, wo bereits Mitte der 60er Jahre erste Hotels und Ferienanlagen entstanden. Die Strände sind hier wirklich so weiß, das Meer tatsächlich so türkisblau wie in den Prospekten. Dass mehr als die Hälfte aller 800.000 Urlauber, die pro Jahr Korfu besuchen, Briten sind, ist historisch bedingt. 1815 wurde Korfu als Teil der Republik der Ionischen Inseln britischem Protektorat unterstellt. Mit den Engländern kamen das Ingwerbier, das Kricketspiel und die Kumquats. Die zu kandierten Früchten, zu Likör oder Marmelade verarbeiteten Zwergapfelsinen avancierten zum Markenzeichen Korfus. In den Auslagen der Souvenirshops von Korfu-Stadt stapeln sich die Flaschen und Gläser mit dem unappetitlich leuchtend-orangen Inhalt.

Korfus Geschichte ist ein Flickenteppich: 466 von den Vandalen verheert, 550 von den Ostgoten verwüstet, 1081 von den Normannen erobert, 1152 von den Byzantinern zurückerobert, 1386 von den Venezianern übernommen, 1537 von den Türken belagert, gelangte die Insel 1797 in französischen Besitz. Kurze Zeit (1798 - 1807) war sie russisches Protektorat. Danach folgte erneut eine französische Periode bis 1814, ab 1815 unterstand sie britischer Schutzherrschaft. Am 21. Mai 1864 schließlich wurden Korfu und die anderen sechs Ionischen Inseln mit Griechenland vereinigt.

 

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