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Herrn Ludwig Salvator sei Dank!

Wanderungen durch die Serra de Tramuntana auf Mallorca

Text und Fotos: Volker Mehnert

Jetzt hat´s auch mich erwischt: Nach bisher lebenslanger Mallorca-Abstinenz sitze ich auf der Insel und staune: kein Ballermann und kein Strandgetümmel, kein Prominentenauftrieb und keine neureichen Finca-Eitelkeiten. Stattdessen schaue ich ganz allein von einem Felsvorsprung aufs Meer und auf die Brandung, die sich mit sanfter Macht über die Felsbrocken am Ufer schiebt und dann schäumend gegen die Klippen rauscht. Wenn ich mich umdrehe, fallen mir nur zwei alte Fischer ins Auge, die bewegungslos am Ufer sitzen und dort seit hundert Jahren mit dem Stein verwachsen scheinen. Ein mallorquinisches Stillleben an der Cala d´Estellencs.

Mallorca Tramuntana Dracheninsel

Weiter oben am Hang, auf uralten Steinterrassen, hängen leuchtend gelbe und orange Früchte in den Zitronen- und Apfelsinenbäumen, ein verspäteter Mandelbaum wirft seine letzten Blüten ab, die Feigen beginnen zu knospen. Hier und da grast ein Schaf, und es gackern die Hühner. Im Dorf sind die engen Gassen still und leer, nur aus einer Gartenkneipe dringt lautes Gelächter: Dort feiern die Nachbarn mit viel Wein und Gegrilltem ein sonntägliches Familienfest. Beschaulicher mallorquinischer Frühling im Südwesten der Insel.

Mallorca Tramuntana Serpentinen

Serpentinen durchs steinige Mallorca

Seit einigen Tagen wandern wir durch die Serra de Tramuntana, den hundert Kilometer langen Bergrücken, der die kühlen Nordwinde vom Rest der Insel fernhält. Es ist ein schroffer, meist steiniger Felsriegel, borstig und struppig überwachsen mit Malven, Stechginster und Zistrosen, mit Schöpflavendel und Rosmarin, mit Steineichen, Oliven- und Johannisbrotbäumen. Wir treffen mehr wilde Ziegen als Menschen, haben immer wieder fabelhafte Ausblicke über die zerklüftete Steilküste aufs Mittelmeer, und das Rauschen des Waldes lässt sich manchmal nicht vom Rauschen der Brandung unterscheiden. Alle anderen Laute lösen sich darin auf.

Mallorca Tramuntana Ruine

Zwischenstation an verfallener Hütte

Auf dem „Camí des Correu“, dem alten Postweg zwischen Banyalbufar und Esporles, marschieren wir geradewegs in die Vergangenheit der Insel. Es ist ein steiniger Weg durch karges Gelände, befestig mit Trockensteinmauern, die über Generationen und Jahrhunderte aufgeschichtet wurden. Der Postweg ermöglichte Mensch, Maultier und Esel eine Passage durchs Landesinnere in einer Zeit, als Küste und Meer für die Mallorquiner noch keine Bedeutung besaßen - höchstens als gefährliches Einfallstor für die fortwährenden Piratenüberfälle. Jetzt dient er als friedlicher Wanderpfad durch die Einsamkeit der Berge.

Die Spekulation frisst sich ins Gebirge

Dramatische Ausblicke erlaubt der Weg zur Ruine Sa Trapa bei Sant Elm, einem ehemaligen Trappistenkloster, das nur wenige Jahre während der Französischen Revolution Bestand hatte. Ein schmaler Pfad schlängelt sich oberhalb der Steilküste entlang, und von hier aus erscheint die Insel vollkommen unbewohnt. Das Auge springt von Klippe zu Klippe, von Bucht zu Bucht, findet keine Siedlung und kein Haus und bleibt deshalb immer wieder hängen an der Sa Dragonera, einer menschenleeren Insel, die in der Tat wie ein mächtiger Drache vor der Südwestküste Mallorcas im Meer lauert.

Mallorca Tramuntana Sa Dragonera

Sa Dragonera, der mächtige Drache im Meer

Einmal endet unsere Wanderung auch im mondänen Mallorca - in Port d´Andratx: Der einst beschauliche Badeort breitet sich inzwischen aus wie ein Krebsgeschwür. Längst hat er sich festgesetzt auf den Hängen, die unmittelbar am Hafen und über der Bucht liegen - mit einfallslosen Terrassenhäusern, die sich auch auf den steilsten Teilstücken festkrallen, mit Luxusvillen, deren waagerechtes Fundament aus dem Fels herausgesprengt und herausgebohrt werden musste, mit dem protzigsten Palast als Krönung auf dem Gipfel des jeweiligen Berges.

Mallorrca Tramuntana Durchblick

Durchblick auf einen Ausblick

Jetzt, da die unmittelbaren Uferlagen zugebaut sind, sucht man den begehrten Meerblick weiter im Landesinneren und betoniert auch dort einen Hang nach dem anderen zu - mit legalen und illegalen Baugenehmigungen. Die Spekulation frisst sich ins Gebirge. Ganze Urbanisationen und kleine Luxusdörfer entstehen dort auf einen Schlag. Unter den Baukränen und dem Baulärm von Port d´Andratx bleibt eine Mallorca-Idylle auf der Strecke.

Aber irgendwo müssen sie ja bleiben, die Besuchermassen, die sich von der Insel immer wieder und in wachsendem Maße angezogen fühlen. Fast zehn Millionen Touristen kamen 2006 - eine Steigerung von zehn Prozent im Vergleich zum Jahr davor und eine Verdopplung gegenüber 1992. Und eine Abschwächung oder gar ein Ende des Wachstums scheint nicht abzusehen. Angesichts solcher Zahlen und der ausgeuferten Bauwut in Port d´Andratx mag der Mallorca-Wanderer mit dem zunehmenden Protest gegen den weiteren Ausbau sympathisieren. Immer lauter und eindeutiger artikuliert sich der Widerstand: „Prou destrucció, salvem Mallorca!“

Symbole der Vergänglichkeit

Der Wanderer freilich darf sich nicht täuschen: Zwar hat es den Anschein, als laufe er in der Serra de Tramuntana durch eine ursprüngliche Naturlandschaft, doch das ist keineswegs der Fall. Denn ein großer Teil der Westküste, die heute so wild und unberührt erscheint, war einst in ganz eigener Weise verbaut: Schon von den Römern und im frühen Mittelalter von den Arabern wurden die steilen Hänge mit gewaltigen Steinterrassen überzogen, auf denen die Bevölkerung Landwirtschaft betrieb. Damals müssen fremde Seefahrer vom Meer aus die graubraunen Natursteinmauern für die Bastionen und Bollwerke einer gigantischen mallorquinischen Festung gehalten haben.

Mallorca Tramuntana Kletterpartie

Die Wanderung wird zur Kletterpartie

Heute sind die meisten Mauern verfallen. In den Wäldern werden sie vom Kiefern- und Piniendickicht überwuchert, und an den freien Berghängen sind sie oft auf dem felsigen Untergrund abgerutscht, so dass man kaum noch unterscheiden kann, was natürlicher Stein und was Mauerbruchstück ist. Nur angedeutet sieht man noch die Linienführung und die Strukturen der einst kunstvoll und mühselig angelegten Terrassen: eine Kulturlandschaft in Ruinen, Symbole der Vergänglichkeit von Zivilisationen.

Auf den Pfaden von „Don Baleraros“

Am letzten Tag unserer Wandertour laufen wir auf dem Weg eines Mannes, der seiner Zeit um ein Jahrhundert voraus war: Erzherzog Ludwig Salvator von Habsburg. Er war Ende des 19. Jahrhunderts der erste Ausländer, der auf Mallorca im großen Stil Ländereien kaufte und sich so sehr in die Insel verliebte, dass er Gebäude restaurieren, Wälder aufforsten und Plantagen anlegen ließ.

Mallorca Tramuntana steiniges Gebirge

Windig und kühl kann´s hier schon mal werden

„Don Balearos“, wie die höfische Wiener Gesellschaft den extravaganten adligen Aussteiger spöttisch nannte, wollte auch die Einheimischen mit der steinigen Schönheit der Serra de Tramuntana vertraut machen und ließ deshalb oberhalb von Valldemossa einen großartigen Reiterweg anlegen, der sich über die Hochebene von Teix windet: harmonisch ins Gebirge eingefügt, zwei Meter breit, von großen Feldsteinen eingefasst, mit Geröll aufgefüllt, wenn nötig auf einem Damm verlaufend.

Mallorca Tramuntana Lavendel

Auch zwischen den Steinen blüht es üppig

Der Weg führt an seiner schönsten Stelle mehrere hundert Meter weit über einen schmalen Grat, auf dessen einer Seite der Bergrücken fast senkrecht zum Meer hinunter abbricht, während man auf der anderen Seite in der Ferne die Kathedrale von Palma erkennt. Die Mallorquiner allerdings hatten damals Lebenswichtigeres zu tun, als sich auf diese beschwerliche Bergtour zu begeben, und Touristen waren noch Ausnahmeerscheinungen. So blieb der solide gebaute Reiterweg weitgehend unbenutzt und wurde erst hundert Jahre später zu einer beliebten Wanderroute.

Wir, die wir sie heute benutzen dürfen, bedanken uns mit einem Zitat des idealistischen und vorausschauenden Herrn Ludwig Salvator, das wir voll und ganz unterschreiben können: „Man lässt dann wohl allerhand Bilder aus fernen Zonen in seiner Fantasie aufsteigen, und wenn man schließlich aus seinem Traume erwacht, so preist man sich glücklich, in diesem gesegneten Erdenwinkel verweilen zu dürfen.“ Hoffentlich, so möchte man aus heutiger Sicht hinzufügen, bleibt er mindestens noch einmal hundert Jahre in diesem Zustand. Ändern muss sich hier nichts.

Mallorca Tramuntana Panoramablick

Reiseinformationen zur Serra de Tramuntana

Wanderwege:
Das Wegenetz in der Serra de Tramuntana ist nur dürftig, manchmal gar nicht und manchmal verwirrend ausgeschildert. Am besten ist man deshalb mit einem einheimischen Führer unterwegs oder schließt sich einer Gruppe an.

Veranstalter:
Wikinger Reisen bietet im Frühjahr und Herbst ein- oder zweiwöchige Wandertouren mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden in allen Teilen der Serra de Tramuntana an. Tel. 02331/904742, www.wikinger.de.

 

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