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Minarette weisen den Weg

Wandern im türkischen Kaçkar-Gebirge

Text und Fotos: Volker Mehnert

Schon am Ortsrand von Ayder, dem Ausgangspunkt unserer Tour, tauchen wir ein in einen üppigen Regenwald. Wir wandern durch einen grünen Korridor zwischen Moosen, Farnen und Pilzen, zwischen Rhododendron, Buchen, Fichten und Kiefern. Meterlange Flechten hängen wie die Bärte von tausend türkischen Methusalems von den Ästen herab. Gräser und Blumen wuchern mehr als dass sie wachsen. Die Pflanzen kämpfen um jeden Quadratzentimeter Boden und überziehen selbst den glattesten und steilsten Felsen mit einer grünen Haut. Gebirgsbäche und Wasserfälle rauschen durch diese vor Saft und Kraft strotzende Wildnis, aus Felsspalten sprudelt kristallklares Wasser.

Türkei Kackar Minarett

Die Luft ist angefüllt mit intensiven Gerüchen nach Regen, frischem Grün und Fäulnis; die Feuchtigkeit nimmt alle Sinne gefangen. Es dampft und nebelt um uns herum, und diese mystische Stimmung wird durch das unablässige Tropfen des Wassers von den Bäumen noch verstärkt. Es würde uns nicht wundern, wenn plötzlich eine Fee von einem Ast herabschwebte, wenn ein Kobold oder irgendein anderes Fabelwesen aus dem Unterholz hervorträte.

Türkei Kackar Almwiese

Feucht und üppig

Am Wegesrand treffen wir auf Yusuf, der hier während der Sommermonate zusammen mit seiner Frau ein Zelt aufgebaut hat und darin ein improvisiertes Regenwald-Café betreibt, das die beiden mit ein paar Teppichen und rustikalen Tischen und Bänken möbliert haben. Auf dem Herd brodeln Kessel mit heißem Wasser. Hier trinken die Bergwanderer einen letzten Schluck Tee vor dem Aufstieg zum Kaçkar Dagi, dem mit 3.932 Metern höchsten Gipfel des Kaçkar-Gebirges.

Wo liegt Lasistan?

Auf etwa zweitausend Meter Höhe erleben wir dann einen abrupten Wandel. Das grüne Dickicht fächert sich auf und gibt den Blick frei auf die blumenbestandene Ceymakçur-Alm. Ein paar Holzhütten kleben am Hang, die meisten sind verlassen. Wir sehen ein Dutzend Kühe, viel mehr ist nicht übrig von einer einst blühenden Almwirtschaft, die heute niemanden mehr ernährt.

Noch vor dreißig Jahren lebten während der Sommermonate sechzig Familien auf dieser Alm, jetzt verbringen nur noch ein paar ältere Menschen den Sommer hier oben, meistens Frauen, die in ihrer traditionellen Tracht vor den Häusern sitzen, palavern, lachen und stricken. Sie kümmern sich auch um die verbliebenen Bienenstöcke, in denen ein hervorragender Honig entsteht. Er ist nicht ganz so berühmt wie der Anzer-Honig, der vom Westhang des Kaçkar-Gebirges stammt, doch seine Qualität ist ebenso gut, weil die Bienen auch auf dieser Alm eine ungeheure Vielfalt an Blütenpollen vorfinden.

Türkei Kackar Frauen auf der Alm

Tradition auf der türkischen Alm

Ein Teil der Berg- und Küstenbewohner im Nordosten der Türkei gehört zur Minderheit der Lasen, einer kaukasischen Bevölkerungsgruppe, die mit den Georgiern verwandt ist und bis heute eine eigene Sprache erhalten hat. Die Provinz Lasistan, die sich an der östlichen Schwarzmeerküste entlang erstreckt, geriet schon früh in die Auseinandersetzungen zwischen Persien und dem Römischen Imperium, war dann jahrhundertelang Teil des Osmanischen Reiches, bevor sie 1878 ans zaristische Russland abgetreten wurde. Der größte Teil von Lasistan kam nach dem Ersten Weltkrieg zurück zur Türkei, der Rest verblieb im heutigen Georgien. Später dienten Lasistan und das Kaçkar-Gebirge als strategisches Bollwerk vor dem Kaukasus: Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion befand sich hier, tausend Kilometer östlich von Istanbul, der abgelegene Vorposten der Nato, ein buchstäbliches Ende der Welt.

Eine Probeversion des Kaukasus

Nach vier Stunden Aufstieg erreichen wir schließlich eine Passhöhe, und dort ändert sich die Bergwelt dramatisch. Die Nebelschwaden verziehen sich, und der Sprühregen hört auf. Die Regenfronten haben sich an der Nordseite der Kaçkar-Berge ausgetobt, die Südseite ist trocken, kahl und schroff. Wir schauen auf immense Felsblöcke, auf erodiertes Geröll und ausgewaschene Steilhänge. Von hier aus faltet sich Bergkette auf Bergkette Richtung Nordosten durch Georgien bis nach Russland und Richtung Südosten durch Armenien bis in den Iran. Es ist eine kolossale, menschenfeindliche Landschaft von asiatischen Dimensionen - der Kaukasus, Afghanistan und der Himalaja kündigen sich hier bereits in einer Probeversion an.

Türkei Kackar Almhäuser

Türkische Alpen?

Die Vegetation beschränkt sich auf die Ufer der Gebirgsbäche und auf die Flusstäler in der Ferne. Auch diese Täler sind von gigantischen Ausmaßen, aber nur hier und da hat sich am Fluss oder auf einer Anhöhe ein winziges Dorf angesiedelt: eine Gruppe schlichter Holzbauten, meist mit einem Minarett in der Mitte, das Einheimischen und Wanderern von Dorf zu Dorf den Weg weist. Hier läuft das Leben ab wie vor hundert oder zweihundert Jahren. Der Fluss versorgt mit seinem Wasser eine archaisch anmutende Landwirtschaft, die sich mit etwas Getreide, Mais und Reis begnügt.

Türkei Kackar Klosterruine

Verwildert und verwittert: georgische Klosterruine

Einmal treffen wir auf die Ruinen eines georgischen Klosters aus dem neunten Jahrhundert, lange verlassen und von der Zeit angenagt. Und doch erkennt man zwischen den Pflanzen, die sich an der Fassade festgesetzt haben, noch christliche Ornamente, und im Innern haben einige farbige Reste von Fresken und Malereien die Jahrhunderte überstanden. Vor tausend Jahren muss in der Umgebung des Klosters ein geschäftiges Treiben geherrscht haben; heute plätschert ein Gebirgsbach mitten durch die Gebäude und erzeugt ein verträumtes Ambiente. Es könnte keinen schöneren Ort geben für eine Rast.

Zeit zum Feiern

Am Abend kehren wir zurück in die Bergsiedlung Ayder. Es ist ein kleines, bizarr anmutendes türkisches Touristendorf mitten im Regenwald. Wir bummeln im Nebel und Nieselregen über die einzige Dorfstraße. An grell beleuchteten Souvenirständen verkaufen Händler Teppiche, Kopftücher, Armreifen, bestickte Stoffe, Schnitzereien, Teekessel und viel touristischen Krimskrams, der sich jedoch von den Allerweltsandenken aus fernöstlicher Billigproduktion unterscheidet. Hier verkaufen Türken für Türken einheimische Produkte, und die Informationen sind ausschließlich in türkischer Sprache angeschrieben. Als Deutsche werden wir dennoch sofort identifiziert und immer wieder auf Deutsch angesprochen: „Na, wo kommt ihr denn her? Aus Frankfurt? Kenne ich - ich habe fünf Jahre in Mannheim gearbeitet.“ Anatolien liegt eben doch näher an Deutschland, als der geographische Abstand vermuten läßt.

Türkei Kackar Moschee

Immer wieder: das Minarett als Wegweiser

Aus allen Teilen der Türkei haben sich Menschen in Ayder eingefunden, denn es ist nicht nur Urlaubszeit in den Städten, sondern auch Erntezeit auf dem Land. Viele Türken, die ihre Heimat vor Jahren Richtung Westen verlassen haben, pflegen die familiären Bande nach Lasistan und ins Kaçkar-Gebirge. Manche verfügen sogar noch über ein wenig Grundbesitz, der ihnen von ihren Vorvätern vererbt wurde. Deshalb kommen sie während der Ferien hierher, beteiligen sich an der Ernte und schauen auf der Alm vorbei, auf der Großmutter oder Urgroßmutter ihren Sommer verbringen.

Am Abend ist Zeit zum Feiern, und auch Türken lieben Hüttenabende mit Folklore. Kurz vor Mitternacht kocht die Stimmung im Restaurant Nazli Çiçek über - auch ohne Alkoholausschank. Zwischen den vollbesetzten Tischen sind fünfzig bis sechzig Gäste auf den Beinen, die Arme verschränkt, und sie schaukeln sich im anatolischen Tanz Horon durch den Raum. Ein junger Mann bläst unermüdlich auf dem Tulum, einer Art türkischem Dudelsack. Einige Mädchen und Frauen haben bunte Kopftücher mit Pailletten umgebunden, die nichts schamhaft verstecken, sondern die hübschen Gesichter einfach nur schmücken. Ganze Familien bis hin zum Kleinkind sind an diesem ausgelassenen Fest beteiligt.

 

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