Reisemagazin schwarzaufweiss

Berge, Wüste, Meeresstrand

Auf Schusters Rappen durch Andalusien

Text und Fotos: Reiner Wandler

Nein, nicht im Sommer, sondern im Winter schnürte unser Autor Reiner Wandler seine Wanderstiefel, packte seinen Rucksack und machte sich auf Schusters Rappen auf den Weg über die Sierra Nevada hinweg zur Küste Andalusiens und zum Mittelmeer, das auch während des Winters noch angenehm warm ist und zum Baden einlädt. Doch wie uns Reiner Wandler verrät, ist der Fernwanderweg GR 140, auf dem er unterwegs war, auch im Frühjahr und Herbst ein lohnenswertes Ziel.

Andalusien - Abrucema

Abrucema: Der Ort, an dem die erste Nacht der Wanderung verbracht wird. Von hier aus geht es dann über die Sierra Nevada

Endlich Rucksack ab und Wanderschuhe aus – die Füße erholen sich bei jedem Schritt durch den feuchten Sand. Der weiße Schaum der an den Strand schwappenden Wellen umspült die Zehen. Weit hinten am Horizont heben sich die weißen Berge der Sierra Nevada ab. Auf der anderen Seite des höchsten Gebirges der iberischen Halbinsel begann vor sieben Tagen das, was heute mit einem Bad im auch Anfang Januar angenehmen Wasser des Mittelmeeres seinem Ende entgegen geht: der Fernwanderweg GR 140. Noch acht Kilometer trennen uns vom Cabo de Gata, der unter Naturschutz stehenden Felsenküste unweit der andalusischen Provinzhauptstadt Almería.

Andalusien - Sierra Nevada

Ein Blick auf die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada: Wir überqueren den niedrigsten Teil dieses zweithöchsten Gebirges Westeuropas nach den Alpen.

Anfang Dezember waren wir uns mit unserer Tochter schnell einig: Dieses Jahr wollten wir Weihnachten und den Jahreswechsel fern vom üblichen Rummel verbringen. Nur das wie und wo war uns nicht klar, bis wir im Briefkasten die neueste Ausgabe der Zeitschrift fanden, die der Madrider Alpenverein an seine Mitglieder verschickt. »Die neuen Fernwanderwege« prangte auf dem Titelblatt. Einer davon führt durch den Süden, wo man auch im Dezember und Januar stabiles Wetter erwarten kann.

Andalusien - Dorf Ohanes

Ohanes: ein typisches Dorf aus der arabischen Zeit

Auf nach Alpujarras

Die Idee, den Rucksack zu packen, war geboren. Das Kopfschütteln von Freunden und Verwandten bestärkte unseren Entschluss: Am Ersten Weihnachtsfeiertag steigen wir in Fiñana, einem kleinen Ort auf der Nordseite der Sierra Nevada aus dem Zug. Die acht Kilometer, die uns vom ersten Quartier trennen, legen wir auf unserem Marsch durch Olivenhainen in Rekordzeit zurück. Das mitgebrachte Abendessen wird aus dem Rucksack geholt; dazu gibt es ein paar Schluck neuer Wein, den uns die Hausherren geschenkt haben. Und dann geht es ab ins Bett; schließlich soll am nächsten Morgen mit dem Sonnenaufgang der Ernst des Wanderlebens beginnen.

Ein schmaler Weg, der wahrscheinlich noch vor der Vertreibung der Araber 1492 angelegt wurde, führt uns am nächsten Tag abermals durch Olivenhaine. Erstmals hören wir das Geräusch, das uns die gesamte Wanderung über begleiten sollte: Zum Winteranfang werden die Oliven mit langen Stangen von den Bäumen geschlagen, um sie dann von den am Boden ausgebreiteten Tüchern aufzusammeln.

Unterwegs in den Alpujarras

In zahlreichen Kurven geht es für uns hinauf auf den knapp 1700 Meter hohen Pass zwischen verschneiten Bergen. Vor uns öffnen sich die Alpujarras, das tiefe Tal zwischen dem Küstengebirge und der Sierra Nevada. Schritt für Schritt tauchen wir in eine andere Welt ein: Es riecht nach wilden Rosmarin, Thymian und Minze. Wie übereinander geschichtete Würfel kleben die Häuser der kleinen Dörfer an den verbrannten Hängen des Gebirges. Über tausend Jahre alte Kanäle bringen das Wasser auf die dem Berg mühsam abgetrotzten Terrassen hinab, auf denen Olivenbäume, Weinstöcke und Orangen wachsen. Ragten keine Kirchtürme aus dem Gassengewirr, könnte man glauben, in Nordafrika zu sein. Von dort kamen die Berberstämme, die einst die Alpujarras besiedelten. Ihre Gebräuche und ihre Küche sind bis heute gegenwärtig – 500 Jahre nach der Zwangskatholisierung.

Andalusien - Wüste von Tabernas

Wüste von Tabernas: Die Kulisse für »Lawrence von Arabien« und »Indianer Jones« unter dem Regenbogen

Die Filmheimat von Indiana Jones

Richtung Südosten erstreckt sich die Weite Almerías. Wie ein gelbgrünes faltiges Tuch erstreckt sich die Wüste von Tabernas. Der Fluss Andarax zeigt den Weg zwischen Orangenhainen hinein in diesen europäischen Ausläufer der Sahara. Ausgetrocknete Seitenflüsse dienen als Weg, die an bizarren Felsformationen vorbeiführen. Sie dienten in den 1970er Jahren den Italo-Western als Kulisse. Auch heute machen die Konvois der großen Filmgesellschaften hier gerne Halt. Wenn »Lawrence von Arabien« und »Indianer Jones« durch Oasen streifen, dann tun sie es am Rande des GR 140.

Andalusien - Wandern

Mit scheren Schritten durch die Wüstenödnis

Die Füße schmerzen

Als wir die Palmeninseln erreichen, ist uns nicht wie Filmhelden zumute. Langen Stunden auf asphaltierten Wegen und durch ausgetrocknete Flussbetten haben ihre Spuren hinterlassen. Zwei Stunden später, in der Pension in Tabernas, kommen dann nach einer Etappe von 32 Kilometer erste Zweifel auf. Wenn unsere Füße schon jetzt so schmerzen, wie soll das dann erst morgen werden. 38 Kilometer und insgesamt 1200 Meter Höhenunterschied kündigt die Wegbeschreibung unerbittlich an. Ein paar Tapas und ein deutsches Weizenbier für die Erwachsenen, Traubensaft für die Dritte im Bunde, heben die Stimmung. Und oh Wunder, als wir morgens um sieben mit der Stirnlampe dem Sonnenaufgang entgegenstapfen, sind die Schmerzen des Vortages vergessen.

Über den Höhenkamm der Sierra de Alhamilla hinweg

Langsam aber stetig geht es hinauf auf den Höhenkamm der Sierra de Alhamilla, die die Wüste und die Bucht von Almería trennt. Im Westen, dort wo die Alpujarras beginnen, die wir vor zwei Tagen verlassen haben, hängen tiefschwarze Wolken. Regenschleier überziehen die Berglandschaft. Hoffentlich bleiben wir verschont, geht es uns durch den Kopf. Bis uns klar wird, dass wir auf der anderen Seite der Wüste wie durch eine magische Hand geschützt sind. Die Schlechtwetterfront endet wie mit dem Lineal gezogen dort, wo die ausgetrocknete Landschaft beginnt. Keine einzige Wolke überschreitet diese Grenze. Das Naturspektakel, das wir von den Hängen der Sierra de Alhamilla beobachten, erklärt mehr als jeder noch so gute Erdkundeunterricht.

Unterwegs in der Sierra de Alhamilla

Das Ziel ist in Sicht: Cabo de Gata

Oben angekommen sehen wir erstmals das Ziel unserer Reise, die Felsen des Cabo de Gata. Der Hinweis »21 km Tabernas, 16,5 km Níjar« erinnert uns daran, was an diesem Tag hinter uns und vor allem was bis zum Abend noch vor uns liegt. Pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Pension. Wieder schmerzen die Füße, doch Zweifel lassen wir dieses Mal keine mehr aufkommen. Schließlich wartet nur noch eine Etappe auf uns, so machen wir uns angesichts der letzten 34 Kilometer Mut.

Andalusien - Cabo de Gata

Die Felsenküste von Cabo de Gata

Obst und Gemüse unter Plastikplanen: Almería

Der letzte Tag wird zum Anschauungsunterricht für das, was die Provinz Almería ist: die »Obst- und Gemüsefabrik«, die Europas Tische deckt. Stundenlang geht es durch das »Plastikmeer«. Folienzelte so groß wie ein Fußballfeld ziehen sich bis zum Horizont. Tomaten, Gurken und Salat, alles was im kühlen Norden im Winter nicht wächst, wird hier angebaut. Zehntausende von Immigranten, die meisten ohne Papiere, arbeiten hier. Doch in den Dörfern will sie keiner haben. Sie leben in Baracken gleich neben ihrem Arbeitsplatz. Eines der Dörfer, wo aus Plastik Geld wird, El Ejido, gelangte vor zwei Jahren wegen dieser spanischen Variante der Apartheid weltweit in die Schlagzeilen. Nach dem Mord an einer jungen Spanierin durch einen psychisch kranken Marokkaner machten die Bewohner mit Knüppeln, Brandsätzen und Flinten Jagd auf die, die den Reichtum der Region mit ihren Händen erwirtschaften.

Andalusien - Dünen von Cabo de Gata

In den Dünen von Cabo de Gata mit der Sierra von Alhamillas im Hintergrund: Diese zu überqueren war die härteste Tour - 38 km und 1300 m Aufstieg.

Durch die Dünen dem Meer entgegen

Am Ende des »Plastikmeers« beginnt der Naturpark Cabo de Gata. Mit jedem Schritt durch die Dünen verblassen die Gedanken an die soziale Problematik Almerías. In Lagunen staksen die letzten wilden Flamingos Spaniens; Vogelschwärme streifen umher. Vor uns liegt einer der wenigen Küstenabschnitt am spanischen Mittelmeer an dem die Strände nicht von riesigen Bettenburgen überschattet werden. Kleine weiße Fischerdörfer laden zum Bleiben ein. Wanderwege durchziehen die Hügel und Berge. Riesige poröse Felsplatten zeugen von den Lavaströmen, die hier einst dem Meer Platz abgerungen haben. Mit jedem Schritt, den wir uns dem Strand nähern, werden wir schneller. Die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Endlich das Meer: Rucksack ab und Wanderschuhe aus.

Wir schlendern am Strand entlang und genießen den weißen Schaum der Wellen, der die Zehen umspült. Das beflügelt Körper und Gedanken: »Was machen wir an Ostern?« – »Den GR 11 durch die Pyrenäen, den GR 14 am Oberlauf des Duero, den GR 221 durch die Tramuntana auf Mallorca?« ... Es gibt so viel zu erlaufen.

Andalusien - am Meer

Endlich am Meer

 

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