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Blockhütten und Luxushotels, Matratzenlager und Himmelbetten

Wandern und Inselhüpfen in Fjordnorwegen

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Norwegen: kalt, regnerisch und allenfalls etwas für Angler? Ein Vorurteil, denn in Westnorwegen, das unter dem Einfluss des milden Golfstroms steht, eignen sich die Sommer -  mit ihren nahezu endlos langen Abenden, an denen es nie dunkel zu werden scheint – ganz hervorragend für Outdoor-Aktivitäten und für aktiven Naturgenuss. Pumps und Nadelstreifenanzug dürfen dabei getrost zu Hause gelassen werden, stattdessen empfehlen sich Wanderstiefel, Radlerhosen und – zugegeben auch das – ein Regenmantel. „Die Landschaft ist so schön, dass es innerlich schmerzt“, mit diesen Worten versuchte die Schauspielerin Liz Ullmann in Worte zu fassen, was nicht mit Worten auszudrücken ist: Die norwegische Natur ist Balsam für die Seele, eine Ort der Ruhe, an dem gestresste Mitteleuropäer frei durchatmen und neue Kraft tanken können. Vor allem die Westküste Norwegens, insbesondere die Region zwischen dem Geirangerfjord und Kristiansund, die sich touristisch unter dem Begriff „Fjordnorwegen“ vermarktet, übt auf Naturliebhaber eine nahezu magische Anziehungskraft aus. Hier treffen bis zu 200 Kilometer lange und mehr als 1000 Meter tiefen Meeresarme - die Fjorde – mit einer schroffen Gebirgslandschaft zusammen, hier finden sich Schären und Holmen, Fischerdörfer und Küstenstädte – aber auch fast 2000 Meter hohe Berge und gewaltige Gletscher.

Norwegen - Bergwanderung mit Ausblick auf den Fjord

Verlockende Wanderungen

Wer sich nicht mit Tagestouren begnügen möchte, hat sogar die Möglichkeit, einen kompletten Fjord per Pedes komplett zu umrunden.
Der norwegische Bergwanderverein DNT hat eine Rundwanderung um den  Vinjefjorden ausgeschildert, die in Tømmervåg begonnen werden kann und die anfangs über mehrere Inseln führt, so dass Richtung Norden stets das Meer zu sehen ist. Die Wanderstrecke lockt vor allem durch ihre landschaftliche Faszination, durch die Verbindung von Küste und Bergen, von Felsen und Wiesen, von Blicken über das blaue Wasser der Schärenküste bis hin zu Ausblicken auf die schneebedeckten Gipfel des Trollheimen-Massivs. Plätschernde Bäche, im Sommer Rinnsale, während der Schneeschmelze massive Wasserfälle, und steinige Pfade, schattige Wälder und, da die Baumgrenze hier sehr niedrig liegt, mit Felsen durchsetzte Gras- und Heidekrautlandschaft – wer Ruhe und Einsamkeit sucht, wer Erdung sucht und nicht Zerstreuung, ist hier genau richtig.

Norwegen - Wandern

Übernachtet werden kann dabei in rustikalen Wanderhütten, für die zum Teil aufgelassene Kuhställe oder ausgemusterte Jagdhütten umgebaut wurden. „Unsere Hütten“, erklärt Inge Gudmudsen, „schließen wir nur ab, wenn sie sehr leicht mit dem Auto erreichbar sind“. Ansonsten, so der Aktivist in der Kristiansunder Sektion des norwegischen Bergwandervereins DNT, sind die über 400 Unterkünfte für Wanderer, die der norwegische Bergwanderverein betreibt, alle unverschlossen. Reservierungen sind unüblich – egal, wie viele Leute kommen, sie finden immer irgendwie Platz. „In unserer kleinsten Hütte, die nur zwei Schlafplätze hat, haben vorletzten Winter zwanzig Leute gleichzeitig übernachtet“, beteuert Inge Gudmudsen. Klar, dass sich die Wanderer dabei auch gelegentlich näher kommen. „Bei uns in den Bergen sind mehr Frauen als Männer unterwegs – und bei den Wandertouren haben sich auch schon manche Paare gefunden“, versichert Dina Gupseth, die sich ebenfalls im Bergwanderverein engagiert.

Norwegen - Andrang an der Wanderhütte

Mit dem Fahrrad über die Schären

Eine Wanderung entlang der Fjordroute, durch Moore und Farnwälder, über Schafweiden und entlang sprudelnder Bäche, ist nur eine Möglichkeit, die wildromantische Landschaft Fjordnorwegens aktiv zu genießen. Äußerst populär ist mittlerweile auch eine 200 Kilometer lange Fahrradtour über verschiedene Schäreninseln. Eine der beliebtesten Routen für das Inselhüpfen beginnt in der Rosenstadt Molde und führt über Ona, wo ein 15 Meter hoher roter Leuchtturm aus dem Jahr 1867 besichtigt werden kann, und Bud Richtung Norden bis nach Kristiansund, früher eine Metropole des Klippfisch-Handels. Die etwa 200 Kilometer lange Radwanderung, bei der mehrmals mit der Fähre übergesetzt werden muss,  führt zum Großteil auf ruhigen Straßen mit wenig Autoverkehr – und ermöglicht es, die Schärenlandschaft entlang der Atlantikstraße hautnah zu erleben.

Norwegen - Inselhüpfen mit Fahrrad

Ob die kleinen, höckerförmigen Inselchen, die ebenso wie die majestätischen Fjorde, die nach der letzten Eiszeit in die Landschaft gefräst wurden, von den Bewegungen des Inlandeises geformt wurden, nun Schären oder Holme genannt werden, ist für Besucher nicht recht nachvollziehbar. Doch egal, wie die Eilande bezeichnet  werden -  charakteristisch ist, dass die Inselchen allesamt sehr überschaubar sind. Der 56-jährige Øyvind Jünge und seine Frau Tove besitzen sogar eine Insel ganz für sich alleine. Das Eiland Ringholmen hatte 1986, als sie es gekauft hatten, gerade 200.000 Kronen gekostet. Mittlerweile hat Øyvind Jünge, der hauptberuflich als Fluglotse tätig ist, viel investiert und bietet seinen Besuchern komfortable Übernachtungsmöglichkeiten in behaglichen Holzhäusern. Auch kleinere Tagungen und Konferenzen sind möglich – und abends schürt Øyvind für seine Gäste gerne das Kaminfeuer an und serviert frischen Lachs und schmackhaften Rentierbraten.

Norwegen - Ona mit dem roten Leuchtturm

Übernachten im „Wunderland“

Ringholmen ist eine von mehreren Möglichkeiten, in Fjordnorwegen außergewöhnlich zu übernachten. Im Westen Norwegens finden sich etliche Häuser, in denen bereits der deutsche Kaiser Wilhelm II. regelmäßig logiert hat. Auf dreien seiner Nordland-Reisen nächtigte Wilhelm II. im Fleischer’s Hotel in Voss, das im Jahr 1889 im Schweizer Stil erbaut wurde. Nicht nur Kaiser Wilhelm, auch andere Regenten, etwa Kaiserin Augusta Victoria, Gustav von Schweden und Edward von England, hatten sich hier verwöhnen lassen. Auch das Stalheim Hotel, mit einer grandiosen Aussicht über das Nærøytal, besuchte der deutsche Kaiser regelmäßig. Häufig mussten die Pferde, die den Kaiser in einer Kutsche hochziehen sollten,  aufgeben, weil die Straße zu steil war. Fünfundzwanzig Jahre lang fuhr Kaiser Wilhelm jeden Sommer nach Norwegen. Seine Vorliebe für das Land der Fjorde löste zu Beginn des vorigen Jahrhunderts einen regelrechten Reiseboom aus: „Jeder möchte das Wunderland sehen, welches unseren kaiserlichen Herrn immer wieder von neuem fesselt und entzückt“, schrieb die Reiseautorin Theres Kracht gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Gut zehn Jahr später, im Jahr 1909, empfing man im Geirangerfjord sage und schreibe 109 Kreuzfahrtschiffe.

Deutlich kleiner als Fleischer’s- und das Stalheim-Hotel ist das Union Hotel in Oye. Dieses Hotel, dessen 27 Zimmer fast alle mit Himmelbetten ausgestattet sind, entführt seine Gäste schnurstracks in die „belle époque“. In dem 1891 erbauten Hotel, das 1989 renoviert wurde, war neben Kaiser Wilhelm der II. auch Königin Wilhelmine aus den Niederlanden zu Gast, doch auch Künstler wie Henrik Ibsen und Edvard Grieg hatten das Haus am Hjørundsfjorden gerne besucht.  Mit einer mobilen Besonderheit kann das deutlich größere Union-Hotel in Geiranger aufwarten - dort können sich zahlungskräftige Besucher vom Hoteldirektor persönlich in historischen Buicks, Studebakers oder in altehrwürdigen Opelmodellen vom Bootsanleger abholen lassen. Und anschließend von der Terrasse des Hotels den herrlichen Blick über den Geirangerfjord genießen, der seit dem Jahr 2005 zum UNESCO-Weltnaturerbe zählt.

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