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Warendorf: Kaltblüter sind nicht die einzigen Pferde


Warendorf

 

Wer durch die Straßen und Gassen Warendorfs bummelt, wird schnell erkennen, dass Warendorf eine Stadt des Pferdes ist. Es gibt kaum einen Ort, an dem nicht bunte Kunstpferde den Besucher daran erinnern. Mal ist es gelb mit blauen Karos, mal zart himmelblau mit einem Einhorn auf der Stirn oder in Magenta und Weiß getaucht. Auf einem Ponton treiben quietschbunte Pferde auf dem Emssee. Am Krickmarkt sind sie ebenso ein Hingucker wie in der Freckenhorster Straße, auf der Bahnhofstraße und in der Spitaler Straße. Hengstpräsentationen, Züchtersonntage, die Symphonie der Hengste und die Warendorfer Hengstparade im September und Anfang Oktober sind die Ereignisse, bei denen sich alles um das Pferd dreht.

Eines des Wirtschaftsgebäude des Nordrhein-Westfälischen Landgestüts Warendorf
Eines des Wirtschaftsgebäude des Nordrhein-Westfälischen
Landgestüts Warendorf

Warendorf ist nicht nur mit dem Namen Hans Günter Winkler, dem fünfmaligen Goldmedaillen-Gewinner im Springsport, sondern auch mit der Wunderstute „Halla“ verbunden. Winkler, der auch Ehrenbürger Warendorfs ist, gilt als lebende Reitsportlegende und ist im Reitsport ebenso ein Begriff wie Fritz Tiedemann, Paul und Alwin Schockemöhle oder die heutigen Stars im Sattel der Springpferde, die schwierige Parcours bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen überwinden. Die Stadt ist außerdem deshalb eine Reiterstadt, weil hier das NRW-Landgestüt ansässig ist und hier Pferdewirte ihre Ausbildung erhalten. Rund 100 zuchtaktive Hengste werden auf dem Gestüt gehalten, darunter auch eine stattliche Zahl von Kaltblütern. Da auf dem Landgestüt, das man während der werktäglichen Öffnung und im Rahmen von Stadtführungen zum Thema „Hohe Giebel, stolze Hengste“ besuchen kann, auch Fortbildungen und Prüfungen für Berufsreiter, Amateurreiter und Turnierfachleute abgehalten werden, sind im Lehrpferdebestand etwa 50 Hengste und Wallache vorhanden. Während der Decksaison von Februar bis August befinden sich einige Hengste in Deck- und Besamungsstationen in Westfalen und im Rheinland. Aus dem 19. Jahrhundert stammen zum Teil die heute existierenden Gebäude, schlichte Ziegelbauten ohne Schmuckelemente wie glasierte Ziegel. Es sind reine Funktionsbauten, auch wenn in ihnen kostbare Zuchtpferde untergebracht sind. Zum Areal gehören unter anderem das Landstallmeisterhaus aus gelbem und rötlichem Klinker, ein dreigliedriger Bauköper mit turmähnlichen Eckgebäuden und einer ausladenden Freitreppe. Hier residierte ursprünglich der Gestütleiter. Nebenan befinden sich das Kantinengebäude und der Stall 1, die eine u-förmige Anlage bilden, in deren Mitte sich das Rondell mit der Skulptur von „Paradox“ befindet. Dieses Zuchtpferd gilt dank seiner Nachkommen als der „Millionär der westfälischen Pferdezucht“. Weitere Teile des Landgestüts, auf dem Landgestüthauptwärter, Pferdewirtschaftsmeister und Gestütwärter beschäftigt sind, sind der Paradeplatz, auf dem unter anderem die Hengstparade stattfindet, und zusätzliche Stallgebäude wie der Stall III, der 1936 erbaut wurde. Auch die Deutsche Reitschule ist seit 1968 Bestandteil des Landgestüts, desgleichen die EU-Besamungsstation.

Warendorf - Blick in die Stallungen des Landgestüts
Blick in die Stallungen des Landgestüts

In einem Gespräch mit der stellvertretenden Gestütleiterin, Frau Springmann, konnte ich mehr über das Landgestüt erfahren, das 1826 als erstes Preußisches Landgestüt auf Wunsch von Züchtern in Westfalen und der damaligen Rheinprovinz gegründet wurde.

Interview

Wenn Sie in einem einzigen Satz formulieren müssten, was ein Landgestüt ist, was würden Sie sagen?

Birgit Springmann: Der größte Hengsthalter des Landes.

Sie halten nur Deckhengste oder halten Sie auch andere Hengste?

Birgit Springmann: Wir haben natürlich überwiegend Deckhengste, aber für die Deutsche Reitschule auch einige Wallache. Wir haben auch Hengste, die nicht oder zurzeit nicht im Deckeinsatz sind. Das richtet sich ja auch ein bisschen nach der Nachfrage der Züchter. Es gibt immer mal Linien, die gerade nicht so nachgefragt sind.

Woher bekommen Sie Ihren eigenen Nachwuchs?

Birgit Springmann: Wir kaufen die Hengste mit zweieinhalb Jahren direkt nach der Körung.

Sie haben nicht nur Westfalen, sondern auch Holsteiner, Hannoveraner und Trakehner. Warum? Sie sind doch ein Landgestüt von NRW und dann denke ich zunächst an Westfalen.

Birgit Springmann: Na, dann gehören auch die Rheinländer dazu. Das ist eine eigene Unterrasse des Deutschen Reitpferdes. Früher war das alles an die Landesgrenzen gebunden. Da gab es Westfalen und da gab es Rheinländer und dann durfte man auch nicht untereinander kreuzen. Heute ist das anders. Sobald ein Hengst in Westfalen oder im Rheinland anerkannt und gekört worden ist, dann dürfen wir ihn auch einsetzen. Es gibt nur zwei geschlossene Zuchtbücher, nämlich für Holsteiner und Trakehner. Die würden dann auch keinen Westfalen einsetzen. Es richtet sich nach den Linien, die nachgefragt werden. Ob das dann ein Holsteiner ist oder nicht, ist nicht so ausschlaggebend.

Sie halten Kaltblüter? Das ist ausschließlich Rheinisch-Deutsches Kaltblut?

Birgit Springmann: Doch wir haben einen Ardenner, um die etwas enge Zucht aufzufrischen. Es gibt verschiedene Kaltblüter wie das Süddeutsche und das Schleswiger, aber wir haben nur Rheinisch-Deutsches Kaltblut. Davon haben wir 18.

Sie haben auch Vollblüter?

Birgit Springmann: Wir haben jetzt noch einen Vollblut-Hengst und ansonsten Warmblüter.

Sind die Hengste aus der Zucht nur für den Reitsport gedacht?

Birgit Springmann: Auch, aber auch für den Freizeitsport. ... Wir hoffen natürlich auch, den Hengst zu haben, der ganz viele Olympiapferde hervorbringt, aber was letztlich gezüchtet wird, das bestimmt der Stutenhalter. Wir haben aktuell zwei Hengste, deren Nachkommen an den Pekinger Olympischen Spielen teilnahmen.

Gestatten Sie noch einen Sprung zu einer Frage, die sich mit der Art der Deckung beschäftigt: Warum entscheidet sich ein Züchter für einen Natursprung und warum für eine künstliche Besamung?

Birgit Springmann: Man muss sich vor einer Decksaison entscheiden, ob ein Hengst in die Besamung oder in den Natursprung geht. Man kann nicht innerhalb einer Saison hin- und herwechseln. Das geht aus seuchenhygienischen Gründen nicht. Es gibt ältere Züchter, die an dem Natursprung festhalten, weil sie von der Besamung nichts halten. Es gibt aber auch Stuten, die nur über den Natursprung aufnehmen und tragend werden können. Es gibt, wenn auch wenige, Hengste, die nur im Natursprung decken, weil die das Phantom blöd finden. Warum auch immer.

Was ist die Bedeutung der Hengstparade?

Birgit Springmann: Das ist schon eine Demonstration zu zeigen, was unsere Hengste alles können. Wir zeigen Fahrsport, wir zeigen Dressursport, wir zeigen in geringem Maße auch Springsport. Das liegt aber an dem Boden des Paradeplatzes, auf dem nicht richtig gesprungen werden kann. Es spricht aber auch die Züchter an, die sehen wollen, wie die Hengste die Decksaison überstanden haben. Es ist schon eine Leistungsschau.

Sind die Einnahmen wichtig?

Birgit Springmann: Ja, wir haben im Schnitt ungefähr 30 000 Zuschauer, über alle vier Hengstparaden. Wir sind gehalten, wirtschaftlich zu arbeiten. Wir treten mit unseren Hengsten auch außerhalb des Gestüts auf, um Geld damit zu verdienen. Ein Kaltblüter verdient sein Geld nicht mit dem Decken. Die Decktaxe beträgt 120 Euro. Damit kann man einen Kaltblüter nicht über das Jahr hin finanzieren.

Das Topereignis: Die herbstliche Hengstparade

Schon früh am Nachmittag füllt sich das Landgestüt, wenn die herbstliche Hengstparade auf dem Programm steht. Neugierige werfen einen Blick in die Stallungen, in denen Auszubildende die jeweiligen Pferde für die Parade vorbereiten. Wagen warten darauf, dass stämmige Rösser vor ihnen angespannt werden. Abertausende sind es, die sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen wollen. Komfortable Sitze darf man nicht erwarten, sondern einfache Holzbänke. Kein Wunder also, dass sich der eine oder andere Besucher ein Sitzkissen mitgebracht hat oder auf die zum Verkauf angebotenen handlichen Isomatten zurückgreift. Ein Fanfarenorchester spielt zum Auftakt und dann ist es so weit: Unter den gestrengen Augen und den dezenten Kommandos des Ersten Hauptberittmeisters betreten acht Westfalen mit ihren Reitern den Paradeplatz, um ihre Springquadrille vorzuführen. Das eine oder andere Pferd tänzelt nervös, versucht sich aufzubäumen und auszubrechen. Nicht alle Hindernisse bleiben beim wilden Galopp und Sprung stehen. Nur mit Mühe und einem kräftigen Ruck an den Zügeln gelingt es, einige der Hengste, die auf so klingende Namen wie Leonetto und Saint Tropez hören zu bändigen. Es gehört schon sehr viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl dazu die Viererzüge zu lenken, vor die Westfalen, Hannoveraner, Oldenburger und Rheinländer gespannt sind. Vier Züge drehen auf dem Paradeplatz unter Musikbegleitung ihre Runden. Die Peitsche in der Hand der Fahrer kommt überhaupt nicht zum Einsatz. Die Leinen, die behutsam geführt werden, lassen die Pferde nach links, nach rechts und geradeaus traben. Dem breiten Publikum, unter denen sich auch Züchter aus der näheren und weiteren Umgebung sowie Pferdeliebhaber aller Altersstufen befinden, werden auch diejenigen Hengste vorgeführt, die die Hengstleistungsprüfung erfolgreich bestanden haben. Es sind vierjährige Hengste, ob nun ein Brauner Hannoveraner oder ein Fuchs Rheinländer. Auch diese hören auf fantasievolle Namen wie „For Complete“ und „Love me“.

Warendorf - Die hohe Schule des Gespannfahrens mit Viererzügen wird bei der jährlichen Hengstparade vorgeführt
Die hohe Schule des Gespannfahrens mit Viererzügen wird
bei der jährlichen Hengstparade vorgeführt

Von vielen erwartet – und nun sind sie da, robuste Kaltblüter. Um genau zu sein, handelt es sich um Braunes Rheinisch-Deutsches Kaltblut. Bullig sind diese Pferde, die ein Gewicht von 800 Kilo und mehr auf die Waage bringen. Doch wer glaubt die „Dicken“ hätten sanfte Gemüter, seien nicht feurig, sondern eher phlegmatisch, der irrt. Ohs und Ahs, zudem angstvolle Blicke, ein hektisches Herumlaufen der Landgestütwärter auf dem Paradeplatz, ein Donnern der Hufen und ein abruptes Abstoppen vor der Tribüne ist kein alltägliches Szenarium. Manchmal sind die Vierbeiner stärker als ihre Lenker. Alex, Ed Oskar und Helmut haben halt ihren eigenen Willen, den sie auch durchzusetzen wissen. Doch zum Glück haben die Schwergewichte vor den Tribünenabsperrungen haltgemacht und können wieder an die Leinen genommen werden. Dramatik, ungeahnte und ungewollte Dramatik, macht, so die Erfahrung, den Reiz der Hengstparade aus.

Warendorf - Auch Kaltblüter haben Grazie
Auch Kaltblüter haben Grazie

Was Pferde alles können, wenn sie entsprechend ausgebildet wurden, zeigt man im Schaubild „Warendorfer Spezialisten“. Levade, Spanischer Schritt und Kapriole führen einige Hengste des Landgestüts vor. Sprünge, bei denen das Pferd ausgestreckt in der Luft schwebt, aber auch graziles Verbeugen sorgen für anhaltenden Szenenapplaus. Ein Braunschimmel legt sich auf die Seite, sodass sein Reiter bequem aufsteigen kann. Auch hierfür zollen die Besucher Beifall. Darbietung folgt auf Darbietung: Sogenannte Sandschneider hinterlassen auf dem Paradeplatz bei der Zweispänner-Galoppquadrille ihre Spuren. Ein besonderer Genuss ist es, dem Dressur Sextett zuzuschauen. Neben einem Braunen Westfalen werden auch Dunkelbraune Holsteiner und ein Oldenburger Rappe dafür gesattelt. Humor und Witz verspricht die Darbietung der „Dicken Tour“. Landgestüthauptwärter Georg Frerich reitet ein Rheinisch-Deutsches Kaltblut – ohne Sattel – und erzählt im wahrsten Sinne des Wortes vom Pferd – und das in Reimen! Wer von Dressurquadrille und Quadrigen nicht genug bekommen hat, der wird wieder kommen – zur nächsten Hengstparade in Warendorf.

Weitere Informationen

NRW Landgestüt Warendorf
Sassenberger Str. 11
48231 Warendorf
Telefon: 02581 / 63 69-0
www.hengstparade.de

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