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Münster mit dem Nachtwächter erleben

Wenn sich die Dämmerung über Münster legt, ist die Zeit der Nachtwächter angebrochen, die späten Zechern heimleuchten und vor Feuersbrüsten mit einem kräftigen Ton ihres Hornes warnen. Nun ja, heute ist dies alles eine Inszenierung von stattreisen, doch Jahrhunderte zuvor war der Nachtwächter neben dem Türmer ein überaus wichtiger Beruf in einer mittelalterlichen Stadt.

Münster - Nachtwächter
Müde stützt sich der Nachtwächter auf seine Hellebarde,
mit der er sich gegen Ganoven jeder Art zur Wehr
setzen konnte

Hinter dem Rathaus empfängt uns ein in schwarz gekleideter, durchaus gut genährter Mann, dessen rothaariger Schopf unter einem breitkrempigen Hut hervorschaut. Die Laterne hat er abgestellt, auf die Hellebarde stützt er sich, gähnt und blinzelt in die Gegend. „Gevatter und Gevatterinnen“, so hebt der Nachtwächter an, der mit uns heute seine Runde macht. „Bei Regen, Hagel und Schnee muss man des Nachts durch die Gassen der Stadt unterwegs sein, immer auf der Hut vor allerlei Gesindel oder einem Pisspott, der aus dem Fenster entleert wird. Daher auch mein Hut mit breiter Krempe, man weiß ja nie.“  Und wieder ein tiefes Gähnen, um dann gleich fortzufahren: „Die Nachtwächterei ist nur für einsame Gemüter und obendrein noch schlecht bezahlt.“ Dass Totengräber und Henker noch weniger Ansehen als Nachwächter genossen, sagt vieles über diesen ehrbaren Stand aus, der so gar nicht nach dem Motto „Nachts sollst du ruhen“ leben konnte. Für ein paar Stunden vertrauen wir uns dem Nachtwächter an, der uns in die Zeit des 30-jährigen Kriegs entführt, als in Münster 10.000 Menschen lebten und nochmal so viele Tiere.

Die feinen Herren Gesandte, die zu Verhandlungen über das Ende des elenden, 30 Jahre dauernden Kriegs in der Stadt weilten, ließen sich nicht gerade lobend über die Stadt an der Aa aus. Man wohne hinter dem Saustall, wusste einer nach Hause zu vermelden. Ein anderer Herr aus der Seinemetropole bemerkte, es liefen in den Gassen Münsters mehr Schweine herum als Hunde in Paris. Kaum zu glauben angesichts des heutigen Stadtbildes …

Münster - Prächtiger Barockgiebel am Prinzipalmarkt
Prächtiger Barockgiebel am Prinzipalmarkt, wo die
reichen Handelsleute im Mittelalter zuhause waren

Doch zurück in die Gegenwart: Im Rathaus, hinter dem wir unseren Nachtwächter getroffen haben, brennt noch Licht. Die heutigen Herren haben sich im Ratssaal versammelt. Applaus ist zu vernehmen. Dies bleibt vonseiten des Nachtwächters nicht unkommentiert: „Ich glaube, die Ratsherren haben sich gerade die Steuern erhöht, Gevatter und Gevatterinnen. Also, dann lasst uns ein paar Schritte gehen.“ So beginnen wir eine kleine Tour durch die Stadt, bestaunen die Schaufassade des Rathauses, dessen Friedenssaal an den 30-jährigen Krieg und den Friedensschluss von Münster und Osnabrück erinnert. Während die hohen Herren sich in den 40er Jahren des 16. Jahrhunderts noch mit dem Protokoll plagten, gingen die Bürger der Stadt ihren alltäglichen Geschäften nach. Unter ihnen waren Türmer, Schließer der Tore, Stadtmedikus, Tuchbeschauer, Markmeister, Hebamme, Stadtreiter und Tagwächter, wie wir von kompetenter Seite erfahren. Der Rat der Stadt tagte zweimal in der Woche und ließ es sich im Stadtweinhaus gut gehen. Gemeinsam soff man den halben Weinkeller leer. Derweil mussten sich die einfachen Leute, wenn überhaupt, mit einem Gebräu aus Hafermalz und Gerste begnügen.

Vom Balkon des Stadtweinhauses wurden alle „Halssachen“ verkündet. Die Strafen jener Zeit waren drastisch: Jungfernschändung endete am Galgen; einem Dieb schnitt man die Hand oder den Arm ab. Ein Totschläger wurde ins Rad geflochten. Für Mordbrennerei gab es keine Gnade. Der eine oder andere Ganove endete bisweilen am Pranger auf dem Markt.

Dass man mit politischen Widersachern wie den Wiedertäufer hart ins Gericht ging, erzählt die Geschichte und unser Nachwächter. Jan van Leiden, einer ihrer „Könige“, wurde sieben Stunden lang mit glühenden Eisen gefoltert, dann erdolcht und schließlich in einem der drei Käfige am Turm von St. Lamberti zur Schau gestellt. Das war die gerechte Strafe für Vielweiberei und Ungehorsam gegen den allmächtigen Fürstbischof, der gar nichts von der nahen Wiederkehr des Herren Jesu Christi und von einem neuen Jerusalem hielt, an das die Wiedertäufer glaubten.

Münster - Treppengiebel und Sandsteinfassade – typisch für die Bebauung des Prinzipalmarkts
Treppengiebel und Sandsteinfassade – typisch
für die Bebauung des Prinzipalmarkts

Vor der Lambertikirche stehend, lassen wir den Blick hinauf zu den Käfigen wandern, in denen die Wiedertäufer zur Schau gestellt wurden. Wir schauen anschließend hinüber zu den Kaufmannshäusern am Prinzipalmarkt. Hier residierten einst die Familien Hering – beim Namen weiß man schon, womit sie handelten – und Travelmanns – weit gereiste Kaufleute muss man angesichts des Namens vermuten, so weiß es jedenfalls unser nächtlicher Begleiter zu erzählen. Vom Turm der Lambertikirche ist kein „Feurio, Feurio“ zu vernehmen und auch das halbstündige Blasen ins Horn bleibt aus. Feuersbrunst ist nicht auszumachen und der Türmer scheint zu schlafen. Oder ist er beim Weibe, das er mit auf den Turm nehmen darf, damit die Sauferei unterbleibt?

Münster - Prinzipalmarkt
Ein letzter Blick auf den Prinzipalmarkt

Über die Domgasse gelangen wir zum Dombezirk. Zuvor passieren wir eine dicke Mauer, die den weltlichen Teil der Stadt von dem kirchlichen trennt. Im Rahmen der Skulptur Projekte hat Daniel Buren hier sinnigerweise ein Tor in Markisenstoffdesign installiert.


Münster - im Dombezirk
Im Dombezirk

Während wir vor dem ausladenden Dombau stehen und die Zeit weiter fortschreitet, meldet sich der Hunger, zunächst nur beim Nachtwächter, der uns einige Brosamen von Dinkelschwarzbrot anbietet und sogleich das heimische Bier mit Anis, Wacholder und Gagel preist. Doch Bier kommt nicht jeden Tag auf den Tisch des Nachtwächters, der ein Spaßvogel vor dem Herren zu sein scheint. Als wir am Flüsschen Aa stehen, lässt unser Begleiter die Bemerkung fallen, dass heute kein Kuhkadaver im Wasser schwimme. Doch an manchen Tage gelte: „Wer die Aa sieht, muss auch bäh sagen.“ Nach diesen Worten geht unser nächtlicher Weggefährte mit uns schnurstracks durch die Stadt zum Alten Gasthaus Leve, wo eine zünftige westfälische Brotzeit auf uns wartet. Es wird aber auch höchste Zeit für einen Gaumenkitzler.

Münster - Standbild des Kiepenkerls unweit der Aa
Das Standbild des Kiepenkerls unweit der Aa erinnert
an die wandernden münsterländischen Kaufleute, die
Erzeugnisse des Umlandes in Kiepen in die Stadt brachten

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