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Eine Stadt und ihre Kunst im öffentlichen Raum
Zu Besuch in Marl

Wer Sinn für Kunst im öffentlichen Raum hat und sich auf seinem Bummel durch Münster noch nicht an Skulpturen und Installationen auf Plätzen und rund um den Aasee sattgesehen hat, der mache sich auf nach Marl. Das städtische Ambiente dort ist sicherlich nicht nach dem Geschmack eines jeden Besuchers, aber von Kunst versteht man in Marl etwas – und nicht nur vom jährlich ausgelobten Grimme-Preis.

Marl - Friederich Werthmann: Dividorizzonte, 1975
Friederich Werthmann: Dividorizzonte, 1975,
Remanit, 800 x 150 x 150 cm

Für alle, die sich für Plastik und Skulptur interessieren – in den meisten Museen fristen dieses Formen der Kunst oftmals ein Schattendasein, sieht man mal vom Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum ab – ist Marl der Ort, an dem man sich ausgiebig mit Plastik der Gegenwart auseinandersetzen kann. Mein Tipp: Hingehen, schauen, staunen und wiederkommen!

Nicht sehr einladend sieht die „Sitzbank“ von Richard Serra aus, die vor dem Aufgang zum Rathaus ihren Platz gefunden hat. Ungläubig schaut der bronzene Rabe – ein Werk des Surrealisten Max Ernst – auf die Vorbeilaufenden. Auf dem Platz vor dem Rathaus faltet sich Hagen Hilderhofs „Vertikaler Rhythmus“ auf. Wie riesige Würmer, die sich aus dem Erdreich an die Oberfläche bewegt haben und sich nun erstmals im Sonnenlicht krümmen, erscheint die „Naturmaschine“ von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff, die auf einer Steinplatte vor dem Eingang des Skulpturenmuseums Glaskasten ruht. Im Schatten des Rathauses haben „Sitting People“ von Kenneth Armitage regungslos Platz genommen.

Nicht nur Orpheus im satten Grün

Aus der sanft hügeligen Gestaltung des öffentlichen Grüns am Eduard-Weitsch-Weg taucht Ansgar Nierhoffs „Skulptur“ empor, ein rostiger Stachel in der Natur. Wie gestapeltes Reifenmaterial, aus dem dicke Säulen gestaltet wurden, erscheint dem Betrachter das „Tor zu Baalbek“ von Carl Bucher, ebenfalls am Eduard-Weitsch-Weg zu sehen. Die Rasenfläche vor dem leeren Hallenbad hat Friedrich Gräsel mit seinen voluminösen Raumplastiken besetzt. Sie scheinen mit ihren Formen aus einem Baukasten für Kleinkinder zu stammen, mal kubisch, mal als Zylinder, mal als Zickzack-Band – alle aus dem Rasen aufragend.

Marl - Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff: Naturmaschine, 1969
Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff: Naturmaschine, 1969

Am flachen Trakt des Rathauses, der der Josefa-Lazuga-Straße zugewandt ist, prangt der Schriftzug „Angst“, der von einem roten Golfspieler und einem blauen Kirchlein umrahmt wird. Unwillkürlich fragt der Betrachter, nach der Rolle der Kirche. Ist sie ein Hort, der Angst vergessen lässt? Zum „Glaskasten“ zurückgekehrt, blickt der Besucher auf die Böschung zum „Patio“ des Museums: Der Hang ist mit „umgefallenen“ Straßenschildern bepflanzt. Diesen „Schilderwald“ hat Stefan Wewerka erdacht, der mit seinen Arbeiten der „Anti-Kunst“ in der Tradition der Dadaisten steht.

Marl - Ludger Gerdes: Neon-Stück („Angst“), 1989 – an der Rückwand des Theaterrestaurants
Ludger Gerdes: Neon-Stück („Angst“), 1989 – an der
Rückwand des Theaterrestaurants

Organisch entfalten sich die Knospen des „Ruhendes Blattes“ von Hans Arp, das am Ufer des Citysees seinen Bestimmungsort gefunden hat. In unmittelbarer Nachbarschaft „durchzieht“ Wilfried Hagebölling mit seinem „Raumpflug“ die Rasenfläche. Es ist eine für die 1980er Jahre typische Stahlplastik ohne Sockel. Mitten im See treiben roten "Kunststoffschwimmkörper", die von Dorothee Golz entworfen wurden, und auf einer kleinen Anhöhe hebt der „Große Orpheus“ von Ossip Zadkine an, die Saiten seiner Leier zu stimmen. Und auch Ulrich Rückriem hat am City-See einen Raum gefunden, seinen „Granit gespalten“ dem Publikum zu zeigen. James Reineking konfrontiert den Betrachter mit „Innen-Außen-Neben“, einer Bodenskulptur aus drei Teilen, die einem Abwurfring des Kugelstoßers gleicht.

Marl - Ossip Zadkine: Grand Orphée, 1956, Standort Ufer des City-Sees
Ossip Zadkine: Grand Orphée, 1956,
Standort: Ufer des City-Sees

Wer um das Rathaus und den Citysee schlendert, wird wie auch in und an der Paracelsusklinik weitere Werke finden, die typisch für die Bildhauerei des 20. Jahrhunderts sind. Zu empfehlen ist aber auch der Besuch des Museums Glaskasten, das immer wieder interessante Videoinstallationen neben der Sammlungspräsentation zeigt.

Ein Geschenk mit Nägeln, ein monströser Straßenkreuzer und Schatten, die Klänge erzeugen

Ein Blick in das Innere des „Glaskastens“ enthüllt Wolf Vostells Vorstellungen von unserer „Brave New World“: Ein ausgestopftes Kalb liegt unter einem schwarzen Straßenkreuzer, dessen einer Scheinwerfer durch einen Projektor ersetzt wurde. In der Fahrertür klemmt ein Fernseher. Ein Video zeigt Fleischhauer bei der Arbeit des Zerlegens. Im Auto entdeckt der Betrachter die Kettenhandschuhe und Gummistiefel eines Fleischers; aus dem Kofferraum lugt eine Schreibmaschine hervor. Vostell formulierte zu seinem Kunstwerk die folgenden Worte: „Dieses Jahrhundert ist ja nicht so unschuldig und idyllisch, und ich empfinde es nicht so, und deshalb kann ich dem Publikum unschuldige und idyllische Motive nicht liefern.“

Dringen wir als Besucher weiter ins Museumsinnere vor, so fällt der Blick auf eine Sich-Entkleidende, der es aber nicht vollständig gelingt, sich aus Hose und Bluse zu schälen. Drei Kupferpfeifen, die aus der Marmorplatte eines Nachttisches aufragen, lassen brummende „Heimattöne“ erklingen, während in einer Raumecke ein länglicher Neonfaden sich seinen Weg bahnt: “Brain Wave“ lautet der Werktitel. Doch wessen Hirnwelle ist in ihm materialisiert?

Marl - Carl Bucher: Tor zu Baalbek, 1977, Standort: Eduard-Weitsch-Weg
Carl Bucher: Tor zu Baalbek, 1977, Standort: Eduard-Weitsch-Weg

Schattenwürfe lassen eine Klanginstallation lebendig werden. Atonales und hohes Pfeifen, quälender Computerklang und harmonischer Orgelton schwellen an und klingen ab. Einer Landschaft mit „Flugobjekt“ gleicht die Assemblage „Bild-Relief“ von Erwin Wortelkamp, die aus Eisen und Holz geschaffen wurde. An einen Tag auf dem Lande erinnert Robert Jacobsens „Polychromes Relief“. Rostige Platten, Fleischerhaken, eine Stange, ein Regal, gebogener Stacheldraht, Holzreste und eine Petroleumlampe sind die Werkstoffe, mit denen Jannis Kounellis eine monströs wirkende „Plastik“ erarbeitet hat.

Nahezu filigran erscheint dagegen Gerlinde Becks „Hängende Figur“, und einem Torso gleicht die „Kleine schwarze Figur“ von Joachim Bandau. Zwei Holzschnecken verführen den Besucher zum Berühren – doch das ist nicht erlaubt. Nicht die bekannten zerschnittenen monochromen Leinwände, sondern eine aufgerissene verformte Bronzekugel diente Lucio Fontana diesmal dazu, sein „Raumkonzept“ zu materialisieren.

Ein anthropomorpher Gipsstein wird unter den Händen von Abraham David Christian zum „Heiligen Menschen“. Während man noch dieses reliefierte Gipsgebilde im Blick hat, schweift das Auge schon zu Berto Larderas „Unterredung III“. Doch wer redet hier eigentlich mit wem? Schließlich präsentiert Fabian Sanchez dem Besucher des Glaskastens die Metamorphose einer Nähmaschine.

Marl - Timm Ulrichs: so und so, 1988/89, Standort: Ufer des City-Sees
Timm Ulrichs: so und so, 1988/89, Standort: Ufer des City-Sees

Kleinplastiken findet der Besucher in einer Art Atrium, darunter auch Constantin Meuniers „Bergmann“, der neben Pierre Bonnards „amorphem Seepferdchen“ seinen Platz gefunden hat. Der „gehockte Akt“ stammt von Henri Matisse. Nicht verschlankt wie sonst bei Giacometti zeigt sich der „Frauentorso“, dessen Vertiefungen Augen und Bauch des abstrakt dargestellten Weibes erahnen lassen. Nicht nur vor dem Glaskasten, sondern auch unter den Kleinplastiken im Inneren findet man „Habakuk“, der von Max Ernst gestaltet wurde und an Hans Huckebein von Wilhelm Busch erinnert. Ein ganz besonderes „Geschenk“ hat sich Man Ray ausgedacht: ein Bügeleisen mit Stacheln auf der Bügelfläche.

Weitere Informationen

Skulpturenmuseum Glaskasten
http://www.marl.de/skulpturenmuseum

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