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Aus der Not eine Tugend gemacht

Temporäre Sammlungspräsentation des
LWL-Museums für Kunst und Kulturgeschichte

Es wird noch bis 2013 dauern, ehe der Neubau des Museums fertiggestellt sein wird. Dies ist die Voraussetzung dafür, den umfänglichen Sammlungsbestand des Hauses nicht nur in einer sehr beschränkten Auswahl wie jetzt zu präsentieren. Aktuell sind 50 Arbeiten aus unterschiedlichen Epochen zu sehen, die nicht in chronologischer, sondern thematischer Hängung präsentiert werden. Zudem kann man im Kern des Museumsaltbaus einen Blick auf den dortigen Depotturm werfen und im Halbdunkel nicht nur niederländische Genremalerei entdecken.

Die Epochen übergreifende Zurschaustellung von Werken aus dem Mittelalter wie der Moderne erlaubt dem Besucher, die Arbeiten aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Eigene Entdeckungen und Assoziationen sind dabei überaus erwünscht.

Tritt man in die Ausstellungsräumlichkeiten ein – sie bestehen aus ineinander übergehenden Raumfluchten –, so fällt der Blick auf den Maler Willy Kriegel, der seine puppenhaft wirkende Gattin porträtiert. Das Werk stammt von Otto Dix, der seinen Malerkollegen in altmeisterlicher Art gemalt hat, während das Bildnis der porträtierten Frau Kregel eher dem Kanon der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen ist. Betrachtet man den konzentriert mit dem Pinsel arbeitenden Maler, so fallen dessen hervortretende Augen auf. Sie sind ausschließlich auf die Leinwand und den Pinsel gerichtet, der zum Malen eines Details die Leinwand berührt. Betrachtet man hingegen die Gattin des Künstlers Kregel, so sieht man die schmalen knallroten Lippen, den weißlichen Teint und die roten Haare. Entrückt scheint die Dame und zugleich sehr kühl – kein Engel und kein Vamp. In der Thematik ähnlich gelagert ist Derick Baegerts „Der hl. Lucas malt die Madonna“ aus dem späten 15. Jahrhundert. Auch hier sieht man Maler und Modell, wenn auch in einem ganz anderen Kontext: Vor der Kulisse einer mittelalterlichen Stadt mit charakteristischen Treppengiebeln und einem Brunnen, an dem eine Wäscherin ihrer Arbeit nachgeht, treten wir in das „Maleratelier“ ein. Der sitzende Heilige arbeitet an seinem auf der Staffelei aufgestellten Werk. Derweil widmet sich das Modell, die Madonna, ihrem Kind. Wer genau hinschaut, entdeckt in der Arbeit einige Symbole, die es zu deuten gilt. Dazu gehört auch der Hohlspiegel neben dem großen Rundbogenfenster. Er steht für die Jungfräulichkeit der Madonna. Gänzlich anders in der Komposition und im Malduktus ist Gerhard Richters Familienbildnis, das sich auf Grau-in-Grau-Stufen beschränkt. Diese Arbeit verbindet Fotografie mit Malerei. Im Gegensatz zur Fotografie fehlt jedoch Bild- und Tiefenschärfe, sodass sich der Eindruck ergibt, ein Schleier liege über den Porträtierten.

Auf Porträts folgen Stillleben
Gegenüber den oben genannten Porträts hängen drei Stillleben, darunter auch das Gemälde einer Kakteensammlung vor dem Fenster, durch das man auf drei Signalmaste schaut. Gemalt hat dieses Werk Georg Scholz 1923. Beim zweiten Blick auf sein Werk erkennt man auch, dass sich zu den stachligen Grünpflanzen noch zwei Glühbirnen gesellt haben, auf deren Hülle sich Sprossenfenster spiegeln. Doch wo befinden sich diese? Auf zwei schmalen hochformatigen Tafeln hat Ludger tom Ring d. J. Vasen mit Lilien und Iris sowie eine Vase mit Schwertlilien verewigt. Auf den Vasen ist in Lateinisch der Sinnspruch „In den Worten, den Pflanzen und den Steinen zeigt sich Gott“ zu lesen. Die blauen Blüten der Iris sind im Laufe der Zeit nachgedunkelt und haben sich in rostbraune Blüten verwandelt.

Nebenan in einer Vitrine erblicken wir Kunsthandwerk des 16. und 17. Jahrhunderts in Vollendung, so eine jüdische Traukette, einen Traubenpokal und einen Muschelpokal, die so ähnlich auch in dem Vanitas-Stillleben aus der Hand von Pieter Claesz auftauchen. Beinahe monochrom gehalten ist dieses Stillleben, das neben einem Nautiluspokal auch einen Totenschädel zeigt. Dieser ist wie der leere Kerzenständer ein typisches Kennzeichen für Vanitas-Gemälde. Diese verweisen durch die Symbolik – erloschene Kerze, leerer Kerzenhalter, Totenschädel – auf die Vergänglichkeit des Irdischen.

Während Pieter Claesz sich auf wenige Farbstufen beschränkte, als er sein Stillleben malte, hat sich Gabriele Münter der Fülle der Farben hingegeben, als sie ihr Stillleben mit Heiligenfiguren und einem Buch malte.

Abstraktion vs. Realismus
Figuration und Abstraktion vereinte Paul Klee in „Der Hörende“. Betrachtet man das Gesicht des Hörenden, so sieht man statt der Nase den Hals eines Zupfinstruments. Das organische Gebilde rechts von dem „Gesicht“ kann als Ohrmuschel interpretiert werden. Im Dialog mit Klee sehen wir eine Arbeit von Ludger tom Ring d. Ä., der den antiken römischen Dichter Vergil beim Studium porträtierte. Statt in römischer Kleidung präsentiert uns der Künstler den Dichter mit einen rosa Turban auf dem Kopf.

Verwundung und Trost
Unter dem Titel „Verwundung und Trost“ sind nachfolgende Arbeiten eines weiteren Raumes zusammengestellt worden. Ins Auge springt sogleich eine überlebensgroße Figur des Gekreuzigten, an dessen Seite die Wunde des Lanzenstiches deutlich zu erkennen ist. Es handelt sich um ein Triumphkreuz aus dem 12.Jahrhundert. Die Krone auf dem Haupt des Gekreuzigten steht für den Triumph über den Tod. Auch der dem Informel zuzurechnende spanische Maler Antoni Tàpies hat sich, wenn auch Jahrhunderte später mit dem Kreuz als Symbol beschäftigt. „Negri i creu de guix“ lautet der Titel des Werks.

Beinahe beschwingt und tanzend erscheint dem Betrachter der Patroklusturm aus Soest, den Karl Schmidt-Rottluff 1922 malte. Umgeben ist der tanzende Turm von flammenden „Luftströmen“ in Türkis-, Himmel- und Dunkelblau.

Die Zerstörung der gemalten Zweidimensionalität liegt den „Raumkonzepten“ von Lucio Fontana als Idee zugrunde. 1959 malte er eine Leinwand mausgrau an und versah diese mit einem dunkelgrauen Rahmen. Diagonal schlitzte er die Leinwand auf, sodass sich diese an der Schnittstelle leicht wellt und einen dunklen Hintergrund freigibt: „Concetto spaziale“. Nichts, aber auch gar nichts, verbindet diese Arbeit mit der Unnaer Pietá. Auch „Das weinende Mädchen“ von Edvard Munch ist gänzlich figurativ und in „zerfließenden Farben“ gehalten.

Beim weiteren Rundgang entdeckt der Besucher einen sogenannten Schandmantel (18. Jh.) ebenso wie die „Blühende Holunderhecke im Mondschein“ von Carl Gustav Carus. Carus fing einen idyllischen Sehnsuchtsort ein, der nur durch das auf dem Tisch liegende Buch menschliche Anwesenheit andeutet.

Bilder vom Menschen …
… ist eine weitere Thematik, der man sich im Museum unter anderem durch die Präsentation des sogenannten Soester Antipendiums widmet. In dieser Tempera-Arbeit auf Holz aus dem späten 12.Jahrhundert sieht man im Zentralfeld Jesus und daneben die heilige Walburgis und den heiligen Augustinus, die Kirchenheiligen der Soester Walburgiskirche. Welch Kontrast stellt dazu die abstrakte Komposition von Friedrich Vordemberge-Gildewart dar: Auf weißem Grund, der zwei Drittel des Bildformats ausfüllt, wurde ein tiefblaues Quadrat gesetzt. Der untere „Bildrand“ ist in Rot getaucht, das durch schmale hochfomatige Rechtecke aufgelockert wird.

Wir schauen, gehen wir weiter, ins Gesicht von Johannes Münstermann, dem Studenten der Rechtswissenschaften, den Hermann tom Ring im 16. Jahrhundert gemalt hat. Zudem erblicken wir die Gattin des Leiters des Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museums, die Max Pechstein 1921 mit einer Südseemaske porträtierte. Völlig selbstvergessen erscheinen die „Badenden Frauen“ von Erich Heckel. Nackt sind sie und eins mit der Natur. Beinah paradiesisch mutet diese Badeszene, die wohl an den Moritzburger Seen spielt an. „Das Paradies“ haben Franz Marc und August Macke zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg gestaltet, in dem sie beide umkamen. Zu Adam und Eva gesellen sich Kapuzineräffchen, ein Ochse, der im Wasser steht, ein Reh und eine Riesenbiene.

In der Schau sind zwei weitere Arbeiten Mackes zu sehen, darunter auch die vor einem Modegeschäft flanierenden Damen, deren Gesichter leer sind.

Gartenansichten
Mit gestischem Farbauftrag hat Max Slevogt den Garten des Kunsthistorikers Dr. Guthmann auf die Leinwand gebannt. Dieser Garten am Berliner Wannsee gelegen stößt direkt an diese im Südwesten Berlins gelegene Seenlandschaft. Auf dem Wasser des Wannsees sind zahlreiche Segelboote auszumachen, die im Wind kreuzen.

Gartenbilder haben neben Slevogt auch Liebermann und Nolde gemalt. Liebermann ist in der aktuellen Schau nicht vertreten, dafür aber Emil Nolde mit einem seiner „Blumenmeere“.

Konflikt, Aggression und Vernichtung
Diese Thematik hat unter anderem Ludwig Meidner in „Apokalyptische Stadt“ in eine adäquate Bildform gegossen: Die Stadt brennt, feurige Blitze schlagen in den Straßenschluchten ein, Explosionen entladen sich zwischen den Häuserreihen. Der Himmel ist vom Feuerschein erhellt. Ähnlich gehalten ist eine dynamische, farbenfrohe Komposition von Franz Marc, die den Titel „Abstrakte Formen II“ trägt. Doch beim genauen Hinschauen scheint man tanzende Figuren in Feuerrot zu entdecken und man denkt zugleich an die Töchter Lots.

Als gäb es kein Morgen, so erscheint die gedeckte Tafel, die uns der Antwerpener Barockmaler Frans Snyders präsentiert. Noch in vollem Federkleid liegt ein Pfau diagonal auf dem Tisch. Im Mittelpunkt der reich gedeckten Tafel ruht ein Hummer auf einem Teller. Fasane und weitere Vögel warten darauf gerupft, gebraten und verspeist zu werden. Spargel und Artischocken scheinen eher Beigaben zum Wildbret. Am rechten Bildrand sieht man einen Jungen, der einen Hund mit einem hochgehaltenen Knochen zu einem Sprung animieren möchte. Ob es ihm gelingen wird?

Den Pathos der Werbung zerstört Mimmo Rotella mit seiner Arbeit „La Guida Indiana“. Bereits in den 1950er Jahren begann Rotella Werbeplakate abzureißen und dadurch den Blick auf Lagen von Werbefragmenten zu lenken. Das Zerstörerische erscheint in Simon Hantaï eher im Verbogenen. Um seinen Reigen aus weißen Figuren auf blauem Grund zu erschaffen, zerknüllte er seine mit Farbe bestrichene Leinwand zunächst, um sie anschließend wieder zu entfalten und aufzurahmen.

Reduktion auf die abstrakte Form ist das Credo der Arbeiten von Josef Albers und dessen Huldigung des Quadrats. Auf das Wesentliche reduzierte auch Yves Klein seine Malerei mit typischem Blau. Beide Künstler sind im letzten Raum der kompakten Sammlungspräsentation ausgestellt. Sie macht Appetit auf mehr!

LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte
Domplatz 10
48143 Münster
www.lwl.org


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