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Mit dem Rad von Ronquières zu den historischen Schiffsfahrtstühlen am Canal du Centre

Es ist einer dieser schönen Herbsttage. Das Laub ist erst leicht verfärbt. Leichter Dunst liegt über der Landschaft und auch über dem Kanal von Bruxelles nach Charleroi. Was kann es also Besseres geben, als sich auf den Drahtesel zu schwingen und eine Kanaltour zu unternehmen. Bis zur Schiefen Ebene sind wir über den modernen Canal du Centre und den Canal de Bruxelles-Charleroi mit einem umgebauten Binnenschiff unterwegs gewesen und konnten auf dieser Fahrt auch die Einschiffung in den gigantischen Schiffslift von Thieu-Strépy miterleben. Welch genialer Ingenieurgeist spiegelt sich in derartigen Bauwerken von Wasserstraßen, die bis heute aus Belgien nicht wegzudenken sind. Bleiben wir also zunächst einmal bei diesen Giganten der Binnenschifffahrt, ehe wir uns auf unser Rad schwingen, um den alten Canal de Charleroi sowie den neuen und den alten Canal du Centre mit seinen historischen und zum Weltkulturerbe gehörenden Schiffshebewerken zu erkunden.

Der Schiffslift von Thieu-Strépy

Der Schiffslift von Thieu-Strépy

Wasserstraßenbau hat die Menschen in Belgien seit Jahrhunderten beschäftigt. Varianten der schiefen Ebene waren im Wasserstraßenbau des 12. Jahrhunderts in Belgien und Nordfrankreich bereits integraler Bestandteil eines Konzepts für den schnellen Warentransport von A nach B. Bis ins 17. Jahrhundert hinein waren auf dem Kanal zwischen Ieper und Nieuwpoort mehrere schiefe Ebenen vorhanden. Die Schiffe wurden mit Pferden gezogen. Dabei liefen Taue über Zapfräder, um die Fortbewegung zu zu beschleunigen.

Ohne Vorbild ist die Schiefe Ebene von Ronquières nicht. 1850 gab es bereits in Glasgow ein entsprechendes Schiffshebewerk. Die Arbeiten an der Schiefen Ebene von Ronquières begannen im März 1862. Dabei musste nicht nur bedacht werden, wie die Beschleunigung und die Verlangsamung der „Riesenfähren“ auf der schiefen Ebene zu bewältigen sind, sondern auch wie die Entstehung von Wellenbewegung in den Wasser führenden und sich bewegenden Trögen, in denen die Schiffe schwimmen, zu verhindern ist. Das Schaukeln der Schiffe während der Fahrt bergan oder talwärts wäre einem Gau gleichgekommen.

Die Arbeiten, die anstanden, waren von enormen Dimensionen. So mussten beispielsweise 2,5 Mio. Kubikmeter Felsgestein beseitigt werden und 1,5 Mio. Kubikmeter Erde benötigte man für die Anlage der notwendigen Dämme. Zu überwinden war und ist auf dem Canal de Bruxelles-Charleroi ein Höhenunterschied von 68 m. Dazu dient bis heute das jetzige Bauwerk, auch wenn es angesichts neuer Klassen von Binnenschiffen nur von einem Teil moderner Containerbinnenschiffe genutzt werden kann. Unterdessen sind Schiffe mit einer Länge von 135 m unterwegs und die sind deutlich zu lang für die vorhandenen Tröge der Schiefen Ebene.

Schifffahrt über eine schiefe Ebene

Weithin sichtbar ist der 124 m hohe, besteigbare Turm des Bauwerks, ob man nun zu Lande oder auf dem Wasser unterwegs. Jede Fähre bzw. jeder Trog – es gibt zwei davon – misst 91 m mal 12m. Die Wasserhöhe in dem Trog kann bis zu 3,7 m betragen. Maximal können je Trog vier Schiffe mit 300 Tonnen oder ein Schiff mit 1350 Tonnen transportiert werden. Jeder der Tröge ruht auf 236 Rollen, die langsam, sehr langsam über Schienen laufen. Wer dabei zuschaut, wie dies geschieht, muss unwillkürlich an den Vergleich mit einem Tausendfüßler denken, nur das im vorliegenden Fall die Rollen die unzähligen Beinchen ersetzen. Schnurrend bewegen sich die Tröge bergan und auch talwärts. Was wohl die Binnenschiffe geladen haben? Wir erfahren es nicht.

Canal Brüssel Charleroi

Nachdem wir noch mitbekommen hatten, wie der Trog andockte und ein Schiff nach der Überwindung von 68 m Höhenunterschied seine Fahrt fortsetze, war es Zeit für uns, in die Pedale zu treten. Am westlichen Rand der Schiefen Ebene ging es stetig talwärts zum unteren Segment dieses genialen Bauwerks des Wasserstraßenbaus. Dabei nutzen wir einen Wanderweg – ausgewiesen mit GR - entlang des eingezäunten Geländes des Schiffshebewerks.

Im Gegensatz zum westlichen Hennegau mussten wir bei unserer Tour leider auf das bewährte Knotenpunktsystem als Wegweiser verzichten. Doch dank unseres guten Orientierungssinns und entsprechender Karten ging bei unserer Kanaltour nichts schief. Am Ende des Geländes des Schiffshebewerks querten wir den Kanal und bogen dann nach wenigen Meter nach halblinks auf den Treidelpfad längs des alten Kanals nach Charleroi ab.

Am alten Kanal von Brüssel-Charleroi

Riesig erscheinende Binnenschiffe haben hier festgemacht. Allesamt sind es Wohnschiffe, die teilweise auch zum Verkauf angeboten wurden. Arbeit gibt es weit und breit keine, sodass sich nur Ruheständler das beschauliche Leben auf dem Wasser erlauben können. Stille, um nicht zu sagen Totenstille, liegt über der Szenerie.

Am alten Kanal von Brüssel-Charleroi

Schiffe mit zunächst 70, später auch 300 Tonnen konnten nach der Fertigstellung der Wasserstraße ab 1832 Kohle und Stahl aus Charleroi nach Brüssel transportieren. Lang ist dies her. Auch die Modernisierung der Anlage verhinderte nicht, dass dieser Kanal außer Betrieb gesetzt werden musste, zumal auch ein unterirdischer Tunnel nach Charleroi ein nicht zu übersehendes Hindernis für die moderne Binnenschifffahrt darstellte.

Dass die Schiffe hier am Ende des alten Kanals von Brüssel nach Charleroi festgemacht haben, verstehen wir erst wirklich während unserer Fahrt, die uns an zahlreichen Schleusen und Schleusenwärterhäuschen vorbeiführte. Keine der Schleusen ist mehr wirklich funktionsfähig. Die Schleusentore sind verfallen oder stehen offen. In die Schleusen wurden Treppenstufen, wohl Fischtreppen, eingebaut, über die das Wasser langsam talwärts rinnt. Geranien schmücken einzelne Brücken, die die beiden Kanalseiten verbinden. Aus hellrotem Backstein errichtet wurde das Schleusenwärterhäuschen der Schleuse Nr. 25. Heute wohnt hier längst kein Schleusenwärterpaar mehr.


Die Kanalzone ist unterdessen zu einem Naturschutzgebiet erklärt worden, das Vogelbeobachter sehr schätzen: Ob man allerdings Bunt- und Grünspechte, Bussarde und einen Stieglitz zu Gesicht bekommt, wenn man unterwegs ist, dürfte eher ein purer Zufall sein.

Auf dem gut ausgebauten Treidelpfad setzten wir unsere Fahrt von Schleuse zu Schleuse fort. Unterwegs kreuzten wir auch einen Wanderweg, der Wanderer nach Rocq führt, einem kleinen Ort, den wir auch per Pedalkraft erreichen, nachdem wir den Treidelpfad verlassen hatten. Trutzig wirkten die eingeschossigen Reihenhäuser des Ortes, die aus massiven Sandsteinquadern gemauert wurden. Nur die Tür- und Fensterlaibungen bestehen aus Backsteinen. Am Place des Combattants Français stießen wir auf einen mächtigen Wehrhof mit feuerrotem Hoftor. Wir durchquerten nun den Ort, bis wir wieder am Kanal angelangt waren. Unterwegs entdeckten wir Verlandungen mitten auf dem Kanal. Wasserpflanzen und Algen hatten sich flächig auf der Wasseroberfläche ausgebreitet. Allmählich näherten wir uns Seneffe, bekannt für sein Schloss mit einer beachtenswerten kunstgewerblichen Sammlung.


Das Schloss und der Park von Seneffe

Auf Höhe der Bibliothek wandten wir uns nach links, um die „Schlossallee“ zu befahren, die schnurgerade auf das Schloss zuläuft. Das im Kern klassizistische Schloss - im Osten des Ortes Seneffe gelegen - ist das Werk des Architekten Laurent Benoît Dewez. Er erhielt den Auftrag für den Entwurf einer gräflichen Residenz von Julien-Ghislain de Pestre, der sich seines Palastes nur acht Jahre nach dessen Vollendung erfreuen konnte. Dann verstarb der Schlossherr. Seine Witwe und sein Sohn traten das Erbe wohl an, aber im Laufe der Zeit ging das Schloss durch viele Hände. Dass es zwischen 1940 und 1944 als Hauptquartier des deutschen Generals von Falkenhausen diente, ist der Besonderheit der belgisch-deutschen Geschichte und des deutschen Überfalls auf das neutrale Nachbarland geschuldet. Belgien wurde von der deutschen Wehrmacht als Aufmarschgebiet genutzt, um Frankreich von Norden her angreifen zu können.

Seit Jahrzehnten ist das Schloss, eine Dreiflügelanlage mit markanten Kolonnaden und „Turmbauten“ am Ende des linken und des rechten Flügels, nun in Staatsbesitz: Dank einer Schenkung verfügt es heute über eine europaweit wohl einmalige Sammlung von Gold- und Silberwaren. Die Kolonnaden dienen heute der Ausstellung klassischer Skulpturenabgüsse. Ein formaler Park mit „Heckentheater“, formalen Buchsbaumheckenbeeten und Springbrunnen sowie einem Spiegelteich und einem ausgedehnten, von Alleebäumen gesäumten Wegenetz gehört selbstverständlich auch zu dem Schloss von Seneffe. Verschwunden sind der Obst- und der Küchengarten auf drei Terrassen, deren Umgestaltung bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurde. Dazu gehörte auch die Anlage eines Rosengartens. Jüngeren Datums sind die weiteren mit Blumen besetzten Beete und ein Amphitheater. Dass man im Sommer den Park auch als Ausstellungsfläche für moderne Kunst nutzt, konnten wir bei unserem Besuch feststellen. Dabei verwandelt sich der Park in einen temporären Skulpturengarten. In einem nahe der Orangerie befindlichen Vogelhaus, erbaut aus schwarzen und roten Backsteinen, zwitscherten eine Reihe von Sittichen fröhlich um die Wette, als wir daran vorbeischlenderten.


Nahe einiger Nebengebäude der Schlossanlage stießen wir unter einem grünen Laubengang auf eine Skulptur von Jean-Michel Folon, dem in La Hulpe ein eigenes Museum gewidmet ist.

Nach unserem Schlossbesuch setzten wir unsere Fahrt entlang des Kanals fort und passierten dabei weitere Schleusen nebst ehemaligen Schleusenwärterhäuschen. Schließlich mündet der alte Kanal von Brüssel-Charleroi in den neuen Kanal zwischen Brüssel und Charleroi. An dessen Ufer hatten vereinzelte Angler ihre Rute ausgeworfen und warteten auf ihren großen Fang. Wir radelten über eine Brücke über dem neuen Kanal Brüssel-Charleroi hinweg, um zum neuen Canal du Centre zu gelangen.


Immer weiterradelnd erreichten wir schließlich das Industriegebiet von La Louvière. Von dort aus machen wir uns zum alten Canal du Centre auf, den wir zwischen den Schiffshebewerken 1 und 2 erreichten. Verlassen liegt das backsteinerne Haus an der Pont de La Louvière am Kanalufer. An dessen Hauswand können wir die leicht verblassten Hinweise auf die Schiffslifte ausmachen, nach rechts sind es 821 m bis zum ersten Hebewerk, nach links 2024 m bis zum zweiten.

Im Herbst war es ruhig auf dem alten Kanal. Kein Ausflugsboot brachte Neugierige zu den Hebewerken. Eine grüne Schicht sogenannter Entengrütze hatte sich auf der Oberfläche des Kanals abgesetzt. Noch immer sichtbar waren die runden Brückenstümpfe einer abgebauten Brücke, die wir unterwegs passieren.

Am Weltkulturerbe Canal du Centre

Wer auf dem nördlichen Uferweg am Kanal unterwegs ist, wird dank vorhandener Info-Stelen mit Wissenswertem zu dieser Wasserstraße versorgt, auch in deutscher Sprache. Daher wussten wir auch, dass wir die Drehbrücke von Houdeng-Aimeries als nächstes „Etappenziel“ erreicht hatten, als wir einen Stopp einlegten. Drehbrücken waren den Kippbrücken insoweit überlegen, als gleich zwei Binnenschiffe auf der Höhe der Brücke passieren konnten. Ursprünglich befuhr auch eine Tram die Brücke. Doch das führte stets zu Verkehrsbehinderung, sodass man sich eine neue Tram-Trasse ausdachte und die Brücke den Fußgängern überließ.


Anschließend erreichten wir in lockerer Fahrt das Heberwerk Nr. 2, das einen Höhenunterschied von ein wenig mehr als 16 Meter ausgleicht. 1919 war es erstmals soweit, dass ein Schiff passieren konnte. Bereits bei beginnender Dämmerung strahlt dieser Methusalem der modernen Eisenzeit in hellem Glanz und setzt sich gegen die rötlich und gelblichen Laubbäume links und rechts des Kanals in Szene.

Unsere Tour führte uns weiter zum Oberwasser des Hebewerks Nr. 3 von Strépy-Bracquegnies. Hier gleicht man einen Höhenunterschied von fast 17 m aus. Danach erreichten wir das Maschinenhaus des Hebewerks Nr.3, vor dem ein alter Lastkahn festgemacht hatte. Im abendlichen Licht schimmerten die verschiedenfarbigen Backsteine in Braun- und in Hellrot. Die Kippbrücke von Bracquegnies passierten wir nachfolgend, ehe wir am letzten Hebewerk des historischen Kanals ankamen. Wir fuhren vom Kanalweg ab, um zum neuen Canal du Centre zu gelangen, wo unser Binnenschiff, mit dem wir eine Kanaltour unternommen hatten, bereits festgemacht hatte. Einen Blick warfen wir noch auf das gigantische neue Schiffshebewerk von Thieu-Strépy, für dessen Bau ein halbes Dorf weichen musste, und dann stiegen wir für heute „entschleunigt“ aus dem Sattel.

Informationen

Hainaut Toerisme VoG
http://voiesdeau.hainaut.be/tourisme/voiesdeauhainaut/de/template/template.asp?page=accueil
u. a. Auskünfte zu den Bootstouren auf dem Kanal und Mieträdern im Besucherzentrum von Bracquegnies direkt am Kanal

Parc des Canaux et Chateaux
http://www.parcdescanauxetchateaux.be/index.php?lang=en

Schiffstouren über Belgiens Kanäle
http://www.barging-belgium.be/product/route-i/?lang=de

Schiefe Ebene von Ronquières
Route Baccara, 1w
7090 Ronquières (Braine-le-Comte)
Tourisme du Hainaut
http://www.hainaut.be

Anmerkungen

Ausgeschildert ist unser Radweg längs des alten Kanals du Centre mit RAVel 1 – weiße Schrift auf orangefarbenem Grund nebst Piktogramm für Radler und Fußgänger.

Räder kann man am Hebewerk Nr. 3 des historischen Kanals du Centre mieten. Allerdings muss man dann auch eine Rundtour von dort aus zur Schiefen Ebene und zurück planen. Dafür sollte man sich einen ganzen Tag lang Zeit nehmen. Da wir auf der Barkasse „De 4 Vaargetijden“ unterwegs waren, konnten wir auf die an Bord befindlichen Leihräder zurückgreifen.

 



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