Wismar

 

Zu gucken gibt es auch viel am Marktplatz, dem mittelalterlichen Zentrum des Stadt. Noch heute ist der rund 100 mal 100 Meter große Platz einer der größten Marktplätze in Norddeutschland, damals spiegelte er durch seine Größe die ökonomische Kraft und den damit verbundenen Einfluss der Hansestadt wieder, schließlich regierte schon früher Geld die Welt und wenn man welches hatte, wurde das auch nach außen hin gezeigt.

Wismar - Ratsapotheke

Ein Zugang zum Marktplatz führt an der bis 1819 stadteigenen Ratsapotheke vorbei, sie wurde bereits 1336 in Dokumenten erwähnt. Das Haus wurde 1902 umgebaut

Das trifft vielleicht auch auf das Rathaus zu, wenngleich Wismars Bedeutung in den ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts weniger groß war, als bis ins 16. Jahrhundert. Vielleicht war es aber auch das wiedererstarkte Selbstbewusstsein nach dem Ende der Zeit unter schwedischer Regierung, anstelle des 1807 eingestürzten gotischen Rathauses einen das Gesamtensemble dominierenden klassizistischen Prachtbau am Rande des Platzes zu errichten. Das symmetrisch angelegte Gebäude, über dessen Eingangsportal ein von vier Säulen getragener Balkon ruht, wurde 1819 nach zweijähriger Bauzeit fertiggestellt. Mittelalterliche Spuren findet man allerdings noch heute in den Kellergewölben, erhalten blieb auch die Gerichtslaube.

Wismar - Rathaus am Marktplatz

Es braut sich etwas zusammen über dem Rathaus ...

Dass Straßennamen oft einen historischen Bezug etwa zu Gewerken haben, die zu früherer Zeit dort sesshaft waren, wie etwa die „Sargmacherstraße“ zeigt, ist nicht neu, ein Hingucker ist das Straßenschild, das schräg gegenüber dem Rathaus über einem Geschäft angebracht ist, dann aber doch. „Tittentasterstraße“ steht dort in weißer Schrift auf blauem Grund und dabei ist dort nicht einmal eine Straße. Nanu? Wie so oft ist der Volksmund schuld, denn in früheren Zeiten soll es einen schmalen Durchgang zwischen den Häusern vom Marktplatz zur „Diebstraße“ gegeben haben, der so schmal war, dass eine Begegnung ohne Körperkontakt nicht möglich war. Der Gang wurde von den Bürgern Tittentaster genannt, wobei aus sprachwissenschaftlicher Sicht keineswegs klar ist, dass es sich tatsächlich um die saloppe Bezeichnung der weiblichen Brust handelt, vielmehr wohl um die menschliche Brust an sich.

Wismar - Ater Schwede am Marktplatz

Die Restaurants "An der Wasserkunst" und "Alter Schwede"

Alter Schwede, denkt man sich da vielleicht, aber der ist ein paar Häuser weiter, nämlich als gleichnamiges Restaurant mit Schwedenkopf über dem Eingang und schwedischem Reiter auf dem eisernen Schilderhalter. Das ehemalige Bürgerhaus mit Gastronomiebetrieb seit dem 17. Jahrhundert wurde um 1380 gebaut und ist eines der ältesten in Wismar. Prächtig präsentiert sich vor allem der aufwendig gestaltete Pfeilergiebel mit seinen dunkel glasierten und unglasierten Formsteinen. Seinen guten Zustand verdankt das Haus am Markt einer langen Phase der Rekonstruktion und Restaurierung zwischen 1977 und 1989, nicht nur außen, sondern auch innen, Interieur eingeschlossen.

Wismar - die Wasserkunst auf dem Marktplatz

Ungewöhnlicher Pavillon: die Wasserkunst

Wie ein orientalischer Reinigungsbrunnen wirkt die Wasserkunst wenige Meter von dem schmucken Backsteinbau entfernt auf den ersten Blick. Und tatsächlich handelt es sich um ein zwölfeckiges Brunnenhaus mit einem geschwungenen Kupferdach, das der Utrechter Baumeister Philipp Brandin, der mehrere Jahre zuvor schon das Schabbellhaus entworfen hatte, zu Papier gebracht hatte. Von 1595 bis 1602 wurde der Bau nach seinen Plänen realisiert. Die lange Bauzeit bezieht sich nicht nur auf den sichtbaren Teil der Anlage, denn unter dem Straßenniveau befindet sich ein unterirdisches Wasserreservoir, das mit frischem Quellwasser aus dem nahegelegenen Metelsdorf gespeist wurde. Holzleitungen transportierten das Wasser vor allem an die zahlreichen Brauereien, aber auch an 220 Häuser gutbetuchter Bürger in Wismar. Alle anderen mussten wie schon zuvor ihr Wasser aus Brunnen schöpfen, erst 1897 machte ein neu installiertes Versorgungssystem für die ganze Stadt die Wasserkunst überflüssig.

Wismar - Nix und Nixe an der Wasserkunst

Alles Nix? Nein, Nixe ist auch dabei.

1861 wurde das Brunnenhaus umgebaut und renoviert, 1972 bis 1976 restauriert. In diesem Zuge wurden auch die zwölf schmalen Pfeiler aus Gotland-Sandstein des Pavillons durch Repliken ersetzt. Die Pfeiler zeigen Männer und Frauen, wie etwa „Frau ohne Arme“, „Mann mit Schild“, „Frau mit Blume“ oder „Mann mit gekreuzten Armen“. Auch die beiden bronzenen Wasserspeier „Nix“ und „Nixe“ sind nicht mehr die Originale.

Wismar - Hauptwache mit St. Marien Kirchturm

Hinter der Hauptwache ragt der Westturm der Marienkirche in den Himmel

Auf der andere Seite des Marktplatzes wurde 1858 die Hauptwache fertiggestellt. Der heute in Ocker getünchte Bau mit zwei Kanonenrohren aus der Schwedenzeit vor dem Eingangsportal wurde im Juli 2015 nach eineinhalb Jahren Umbau und Sanierung als Bürger-Servicecenter neu eröffnet. Je nachdem aus welcher Richtung und aus welchem Winkel man auf das Gebäude blickt, sieht man dahinter den Turm der Ratskirche St. Marien aufragen, eine von mehreren Kirchen der Stadt.

Wismar - Archidiakonat in der Sargstraße

Das Archidiakonat ist ein Schmuckstück

Verlässt man den Marktplatz Richtung St. Marien stößt man in der „Sargstraße“ auf ein weiteres sehr sehenswertes Beispiel der Backsteingotik in Wismar, das Mitte des 15. Jahrhunderts gebaute Wohnhaus des damaligen Archidiakon. Auch hier tauchen als Elemente zahlreiche Formsteine und Backsteine im Wechsel glasiert und unglasiert auf. Der Staffelgiebel und die Traufe (Längsseite) sind gleichermaßen hübsch anzusehen. Das dieses Haus überhaupt noch steht, ist mehrmaligen umfangreichen Restaurierungs- und Wiederaufbaumaßnahmen zu verdanken, beginnend im Jahr 1885. Nach Kriegsschäden kamen 1960 weitere Schäden durch die Sprengung des benachbarten Kirchenschiffs von St. Marien hinzu. Aber bereits ein Jahr später begann die Restaurierung und die Teilrekonstruktion, wobei der Südgiebel schlicht gehalten wurde, trotzdem eine Investition, die sich aus meiner Sicht gelohnt hat.

Wismar - Bronzemodell des Marienkirchhofs von 1880 am Forum

Das Bronzemodell am Forum zeigt den Marienkirchhof um 1880 und heute

Sprengung des Kirchenschiffs? Nach schweren Bombentreffern entschlossen sich die Stadtoberen trotz Protesten seitens vieler Bürger 1960 das Kirchenschiff der 1260 erbauten Kirche nicht wieder aufzubauen. Stattdessen ist ein Forum entstanden, das das Fundament und die Innenraumaufteilung andeutet. Eine Miniaturansicht aus Bronze zeigt wie der Marienkirchhof um 1880 ausgesehen hat, wie er heute aussieht und welche historischen Bauwerke neben dem Kirchenschiff ein Opfer der Fliegerbomben der Alliierten wurden, etwa die Alte Schule, ein Kleinod der Backsteingotik. Natürlich ist damit ein Teil der Wismarer Geschichte und Stadtkultur in Schutt und Asche zerfallen, dennoch kann die Hansestadt auf ein gut erhaltenes bzw. restauriertes historisches Stadtbild schauen und hat damit weitaus mehr Glück im Unglück gehabt, als Städte wie Kiel, die zu 80% aus der Luft dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Wismar - straßenseitige Front des Fürstenhofs

Straßenseitige Front des Fürstenhofs

Und historisch geht es einen Steinwurf vom Westturm von St. Marien mit dem Fürstenhof auf dem Weg zur St. Georgenkirche auch weiter. Auftraggeber für den dreigeschossigen Bau war der Herzog zu Mecklenburg Johann Albrecht I., der bis zu seinem Tod 1576 Teile des Landes regierte. Die Pläne für den Bau orientierten sich an oberitalienischen Vorbildern, primär an dem 1508 errichteten Palazzo Roverella in Ferrara. Die Residenz in Wismar wurde 1554 fertiggestellt und gilt als das erste bedeutende Renaissance-Gebäude des Landes. Die Renaissance-Variation mit von Terrakotten eingefassten Rundbogenfenstern, Friesen sowie Medaillons ebenfalls als Terrakotten ausgeführt und üppig dekorierten Portalen wurde als Johann-Albrecht-Stil im 19. Jahrhundert wieder aufgegriffen und war mitprägend für die Region. Ein gutes Beispiel dafür ist das Neorenaissance-Haupthaus der Universität Rostock am Universitätsplatz. Wie viele historische Gebäude, wurde auch der Fürstenhof im Laufe der Jahrhunderte mehrfach verändert und umgebaut.

Wismar - Kirche St. Georgen Innenraum

Und es ward Licht ... Beeindruckend hoch und ziemlich leer, aber letzteres soll wohl nicht so bleiben

Das kann man über die Stadtpfarrkirche St. Georgen nicht sagen, der gewaltige Bau wurde nur nie plangemäß fertiggestellt. Die gotische Kirche ist die dritte an dieser Stelle und die jüngste Wismars. Während der erste Bau wohl während der Zeit der Stadtgründung errichtet wurde, wurde die heutige Kirche vermutlich 1404 mit dem Turm begonnen. Kirchenbauten im Mittelalter waren nicht selten Großprojekte, die die Macht der katholischen Kirche symbolisierten, viel Geld verschlangen und über Jahrzehnte Baumeister und Handwerker beschäftigten. Aber rund 190 Jahre Bautätigkeit wie an St. Georgen sind dann doch ungewöhnlich. Wirtschaftlicher Abschwung durch den langsamen Niedergang der Hanse und die Reformbewegung innerhalb der katholischen Kirche, die schon vor Luther ihren Anfang nahm und mit dem Westfälischen Frieden ihren Abschluss fand, waren zwei Gründe den Bau nicht wie geplant abzuschließen.

Wismar - Jahrhundertealte Grabplatten in der Georgenkirche

Jahrhundertealte Grabplatten in der Georgenkirche

Dennoch verhinderte man den Verfall des Sakralbaus, auch trotz schwerer Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, seit 1990 wird dauerhaft an einer Restaurierung gearbeitet. Die Georgenkirche besitzt keinen über die Dächer der Kirchenschiffe hinausragenden Turm mehr, stattdessen hat man 2014 eine Aussichtsplattform auf dem Turmstumpf eingerichtet, die man vom Kircheninneren mit einem Fahrstuhl erreichen kann. Von hier hat man einen weiten Blick über die Stadt.

 

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