Wismar

 

Wismar - stilisierte Stadtmauer mit gusseiserner Kanone

Alte Kanone

Zwar ebenso aus Backstein, aber gar nicht gotisch ist ein wenige Meter langes Stück Mauer mit zwei alten gegossenen Vorderladern auf Radlafetten neben dem Wassertor. Die Steinansammlung ist so niedrig, dass man sie überspringen könnte, sie steht aber symbolisch für die Befestigungsanlagen vor allem aus schwedischer Zeit. Eine Infotafel verweist auf einen Besuch des russischen Zaren Peter I. am 26. April 1716, bei dem er auch die umfangreichen Anlagen besichtigt hatte. Allerdings war der Zar kein Freund der Schweden, waren diese doch unter König Karl XII. über Sachsen durch Polen in kriegerischer Absicht im Jahr 1707 gen Moskau gezogen. Nach einer für die Schweden erfolgreichen Vorgeschichte, endete der erneute militärische Konflikt jedoch zwei Jahre später mit einer verheerenden Niederlage in der Schlacht bei Poltawa in der heutigen Ukraine im Juli 1709. Der Ausgang der entscheidensten Schlacht während des Großen Nordischen Krieges (1700-1721) beendete darüber hinaus die schwedische Vorherrschaft im Ostseeraum.

Wismar - Brauhaus am Lohberg

Brauhaus am Lohberg

Na, dann Prosit! Oder doch lieber Skål? Das haben sich die schwedischen Machthaber in der alten Hansestadt in Mecklenburg vielleicht angesichts der Niederlage gedacht und befunden, es seit Zeit für einen kräftigen Schluck. Den gab’s schon seit 1452 schräg gegenüber besagter Mauer im Brauhaus am Lohberg und so ist es noch heute. Im 15. Jahrhundert war das Brauhaus allerdings nur eines von vielen in der im Vergleich zu heute deutlich kleineren Stadt, annähernd 200 sollen es gewesen sein, die den Gerstensaft produzierten. Dauerhaft duun, also stets betrunken, waren die Einwohner angesichts der zahlreichen gut gefüllten Fässer aber nicht, denn das Bier aus Wismar wurde in großen Mengen in zahlreiche Länder Europas bis auf die Iberische Halbinsel exportiert.

Wismar - altes Fachwerk am Ziegenmarkt

Fachwerk am Ziegenmarkt, den vielleicht nie eine Ziege gesehen hat

Trotzdem mag sich in der Vergangenheit der eine oder die andere nach einem Krug zuviel für’s Wohlbefinden auf die eine oder andere Art in die nur einen Steinwurf vom Brauhaus am Ziegenmarkt befindliche Grube entleert haben. Nun ja, so genau muss man sich das ja nicht vorstellen, aber es brauchte hier gerade eine Überleitung ...

Zwar fahren wir alle irgendwann in die Grube, aber die ist hier genauso wenig gemeint, wie eine Sickergrube als Latrine oder gar ein Bergwerk. Allen gemein ist allerdings, dass etwas von Menschenhand ausgehoben wird, in diesem Fall Kanäle. Die hatten tatkräftige Hände schon im 13. Jahrhundert angelegt und damit schiffbare Wasserwege vom Hafen in die Innenstadt geschaffen. Das machte den Warentransport vielfach einfacher und schneller, aber das Wasser diente auch der Wasserversorgung der Bevölkerung und war schnell zur Hand, wenn es brannte. Stadtbrände waren zu jener Zeit sehr gefürchtet, denn nicht selten brannten ganze Straßenzüge, Viertel oder auch mehr als halbe Städte über Tage hinweg nieder.

Wismar - Kanal Frische Grube

Frische Grube

Von den ehemals vier Kanälen, die durch historische Quellen belegt sind, ist nur die „Frische Grube“ bis heute erhalten geblieben. Sie führt unter diesem Namen vom Ende des Alten Hafens bis zur Schweinsbrücke. Der zu beiden Ufern mit grob bearbeiteten Feldsteinen eingefasste Kanal wird von jeweils einspurigen Straßen flankiert, an denen sich architektonisch unterschiedlichste Häuser verschiedener Epochen aneinanderreihen, darunter auch ehemalige denkmalgeschützte Lagerhäuser.

Wismar - Lager- und Bürgerhaus

Es gibt mehrere ehemalige Lagerhäuser (links) in unmittelbarer Nähe der Wasserverkehrswege in Wismar, dieses Lagerhaus steht in der Scheuerstraße

Das Kopfsteinpflaster als Straßendecke ist hier, wie auch in zahlreichen anderen Straßen der Altstadt echt brutal grob, weil vielfach unbearbeitete rundliche Feldsteine verlegt wurden. Unfraglich trägt es dazu bei, das historische Stadtbild weitgehender authentisch zu erhalten, als es Asphalt je könnte und das ist auch gut so - ökologisch sinnvoller ist es ohnehin. Für Radfahrer jeglichen Geschlechts kann eine Tour über diese Pisten aber zu einer Prüfung für Material und das eigene fahrerische Können werden, freihändig fahren ist jedenfalls nicht zu empfehlen. Und im eiskalten Winter bekommt der Begriff „Schüttelfrost“ da noch eine ganz andere Bedeutung.

Wismar - Häuser in der Straße Am Poeler Tor

"Am Poeler Tor", früher ging es hier aus der Stadt hinaus

Ein klein wenig erinnert der Wasserweg mit seinen zahlreichen Treppchen, über die die Boote zu be- und entladen wurden, an eine Gracht, wie man sie vor allem im niederländischen Amsterdam findet. Einen Besuch sollte man unbedingt der schon genannten Schweinsbrücke abstatten. In früheren Zeiten lag eine Gemeinschaftsweide außerhalb der Stadtmauer vor dem damaligen nördlichen Stadttor, dem „Poeler Tor“, und wenn die Tiere in die Stadt getrieben wurden, führte der Weg an der mächtigen St. Nikolaikirche vorbei über die Brücke. Sehenswert ist allerdings nicht das Bauwerk selbst, sondern kleine Bronzeskulpturen von Schweinen in unterschiedlichen Haltungen an allen vier Brückenpfeilern. Die detailgetreuen Kunstwerke schuf der Bildhauer Christian Wetzel im Jahr 1989. Zu dieser Zeit war er im Beirat für architekturbezogene Kunst der Hansestadt. Blankgeriebene Stellen am Metall zeigen, dass vorbeikommende Menschen gerne mal mit der Hand darüberstreichen.

Wismar - Schweinsbrücke mit dem Schabbell

Eines der vier Schweine an der Schweinsbrücke, dahinter das Schabbellhaus

Direkt an einer der Ecken steht das Schabbellhaus. Dessen Name geht auf den Ratsherrn und späteren Bürgermeister Hinrich Schabbell zurück, der sich das Kaufmannshaus mit angeschlossener Brauerei zwischen 1569 und 1571 von dem niederländischen Baumeister Philipp Brandin im Stil der Frührenaissance errichten ließ. Der zwischen 2010 und 2017 restaurierte Bau beherbergt heute das Stadtgeschichtliche Museum der Hansestadt Wismar und dient „Der Stadt zur Zierde und Ehre“, wie der zu Lebzeiten (1531-1600) sehr einflussreiche Bürger selbst zu Papier brachte. Er konnte nicht ahnen, dass es gut 400 Jahre später immer noch so ist.

Wismar - Eingang zum Schabbellhaus

Eingang des Museums

Hinter den Fassaden erstrecken sich die Ausstellungsräume des Museums allerdings über zwei Häuser. Das benachbarte Renaissancegebäude mit der Hausnummer 6 ist ein typisch hanseatisches Bürgerhaus. An das aus Stein erbaute Vorderhaus wurde später ein Kemladen angefügt. Die in der Regel zweigeschossigen typischerweise langgestreckten Anbauten von Dielenhäusern wurden meist aus Holz errichtet und dienten als Wohntrakt der Besitzer. Der Name ist abgeleitet von dem Begriff Kemenate, der einen beheizbaren Wohnraum oder Raum mit Kamin meint. Aber natürlich gab es auch in den Geschäftsräumen im Vorderhaus eine Feuerstelle zum Beheizen der Räumlichkeiten. Wie die Menschen jener Zeit in ihrem Haus lebten, lässt sich durch einen Museumsbesuch erfahren.

Wismar - bemalte Decke im Welt-Erbe-Haus

Bemalte Decke im Welt-Erbe-Haus

Wer das nicht möchte, dem sei ein Besuch im Welt-Erbe-Haus neben der Touristmus-Information in der „Lübsche Straße“ sehr empfohlen. Vom Museum aus geht man einfach die Straße hinauf und biegt nach rechts in die Straße „Hinter dem Rathaus“ ein und folgt dem Straßenverlauf. Das Welt-Erbe-Haus ist ein Bau mit steinernem Vorderhaus und angebautem Kemladen aus Fachwerk, der auf einem Fundament aus losen Feldsteinen eines Vorgängerbaus aus dem Mittelalter steht. Der sehr schön restaurierte kleine Gebäudekomplex verdeutlicht visuell und über Texttafeln das Leben vergangener Generationen in den auch für Wismar typischen Dielenhäusern mit ihren Nebengebäuden. Darüber hinaus gibt es viele Informationen über die Stadtgeschichte und zahlreiche der denkmalgeschützen Bauten in der Altstadt - und das sind insgesamt 1754, 306 von ihnen als Einzeldenkmal ausgewiesen. In der Altstadt steht man also mittendrin im UNESCO-Weltkulturerbe Wismars.

Wismar - Häuser in der Lübsche Straße

Hübsche Häuser in der Lübsche Straße

 

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