Noch nicht reif für die Insel 

Urlaub an der Nordsee im ostfriesischen Norddeich

Text und Fotos: Stephan Eigendorf 

 

Norddeich - Kutter

Gemächlich rollt der Regionalexpress von Emden Richtung Nordseeküste und vermittelt damit einen ersten Eindruck, dass manches in Ostfriesland etwas langsamer zu gehen scheint. Abwarten und Tee trinken. So haben wir wenigstens genug Zeit, den Blick über die weiten Grünflächen schweifen zu lassen, die vor dem Zugfenster vorbeiziehen. Das Land ist wie die Bezeichnung eines hier ursprünglich gesprochenen deutschen Dialekts – platt. Die einzigen Erhebungen, die das Auge in oft kilometerweiter Entfernung ausmachen kann, sind Deiche.

Norddeich Mole - Fährschiff

Eine der Fähren kurz vor dem Anlegen an der Mole

Marienhafe, Norden, Norddeich und dann rollt der Express nur noch im Schritttempo die letzten 200 Meter bis zur Endstation an der Mole mitten im Hafen. In hektischem Gewusel zieht es die Zugreisenden vom Bahnsteig Richtung Fähranleger, wo gerade eines der weißen Fährschiffe nach Norderney oder Juist ablegt - für uns die falsche Richtung, wir bleiben erstmal Landratten und wollen in den Ort.

Entdeckungen in Norddeich

Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck gewinnen, das Nordsee-Heilbad sei nur die Transferstation für die Urlauber, die es in Scharen auf die Inseln zieht. Nicht nur gleich mehrere Fähranleger dominieren den Hafen, auch große Parkplätze und Großgaragen der Reederei Frisia direkt hinter dem Deich bieten Hunderte Stellplätze für die Autos der Inselbesucher, die ihren Wagen nicht mitnehmen wollen oder dürfen – Juist ist schließlich autofrei. Aber jenseits dessen zeigt sich Norddeich als weit weniger hektischer und überschaubar kleiner Küstenurlaubsort. In dem staatlich anerkannten Nordseebad wird erst seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts der Tourismus gefördert, offenbar mit Erfolg, wie mehr als 1 Mio. Übernachtungen jährlich zeigen.

Norddeich - Bummelstraße

Und hoch geht's auf den Deich

Neben dem Ocean Wave Erlebnisbad, dem Kinderspielhaus und dem Waloseum, wo die Besucher viel über die Welt der Wale und Delfine erfahren können, ist vor allem die Seehundstation einen Besuch wert. Hier werden junge verwaiste Seehunde, sogenannte Heuler, so lange aufgepäppelt, bis sie genug Speck auf den Rippen haben, um in der rauen Nordsee ohne menschliche Hilfe zu überleben, bevor sie wieder auf einer Sandbank ausgesetzt werden. Die Station in Norddeich ist für das gesamte niedersächsische Wattenmeer zuständig. Die Zahl der untergebrachten Tiere schwankt natürlich abhängig davon, wie viele im Frühling und Frühsommer ohne Mutter aufgefunden werden, aber über siebzig können es schon sein. Keiner der eleganten Schwimmer, die man hier auch bei ihren Tauchgängen beobachten kann, verlässt die Seehundstation ohne ein Mindestgewicht von 25 Kilo, nachdem sie oftmals mit nur einem Drittel dessen hier angekommen sind. Rund 2500,- Euro kostet die Aufzucht eines Tieres, bis es meist im Oktober wieder ausgewildert wird. Wahrlich kein Pappenstiel, insofern ist das Eintrittsgeld gut angelegt. Ein Highlight ist die öffentliche Fütterung der schon etwas älteren Tiere mit Fisch.

Norddeich - Seehund in der Seehundstation

Ein Seehund in der Seehundstation auf Tauchgang

Fisch ist aber nicht nur bei den Seehunden angesagt, sondern steht hier an der Küste auf nahezu jeder Restaurant-Speisekarte. Im Fischereihafen oder in unmittelbarer Nähe etwa in der Tunnelstraße gibt’s frischen Fisch und natürlich Krabben in großer Auswahl zum Mitnehmen, auf die Hand oder gleich zum dort essen. Dabei sollte man heimische und vor allem nicht bedrohte Fischarten bevorzugen.

Norddeich - Krabben

In jedem Fischgeschäft zu bekommen: Krabben, auch Granat genannt

Unterwegs am Deich

Wer in Norddeich ausgedehnte sanft ins Meer laufende Strände erwartet, dessen Vorstellungen erleiden hier Schiffbruch. Die Wasserlinie vor den 8,60 m hohen Deichen ist befestigt und selbst der unweit vom Haus des Gastes künstlich angelegte und mit Strandkörben zwar sehr schöne, aber vergleichsweise kleine Sandstrand führt nur über Asphalt und Beton in das zumindest im Sommer erfrischende salzige Nass. Übrigens ein Bild, das dem Besucher an der deutschen Festlandküste an der Nordsee häufiger begegnet, denn so schön das aufgrund seiner einmalig abwechslungsreichen Lebensformen 2009 zum Weltnaturerbe erklärte Wattenmeer auch ist, in den Wohnzimmern möchten es die Küstenbewohner denn doch nicht stehen haben. Angesichts steigender Meeresstände und den ohnehin vorhandenen Erfahrungen mit Sturmfluten, baut man hier lieber vor, als wie der Deichgraf in Theodor Storm’s Schimmelreiter miterleben zu müssen, dass der Deich den Wassermassen nicht standhält und Existenzen oder gar Leben in den Fluten untergehen, schließlich liegt das Land ziemlich tief.

Norddeich - aufgeschütteter Sandstrand vor dem Haus des Gastes

Aufgeschütteter Sandstrand vor dem Haus des Gastes

Doch ein Blick von der Deichkrone zeigt, dass es in Norddeich nicht bei dieser Befestigung belassen wird, sondern das Deichvorland wächst immer weiter in die Nordsee. Doppelreihen aus Holzpflöcken mit dazwischen verflochtenen widerstandsfähigen Ästen sind tief genug in den Meeresboden geschlagen, um der Kraft der Wellen zu trotzen. An ihnen fängt sich ein Teil des Sandes und Sediments, das von der Meeresströmung anderenorts mitgerissen wurde, gleichzeitig wird verhindert, dass neuerlich kostbarer Wattenmeerboden fortgeschwemmt wird. In den immer weiter verlandenden Bereichen zwischen den Holzkonstruktionen schreitet die Vegetation schließlich immer weiter voran und schafft so vor allem für Seevögel optimale Brutplätze in Wassernähe. Deshalb sind viele dieser neu entstandenen Küstenstreifen als Vogelschutzgebiete ausgewiesen und das Betreten für Menschen untersagt.

Norddeich - Landgewinnung im Wattenmeer

Landgewinnung im Wattenmeer

Ein weitläufiger Sandstrand zum Relaxen und für Spaziergänge mit Wellenrauschen direkt am Wasser ist schön, aber auch eine strandarme Küste hat einiges zu bieten, und nicht nur im Sommer. Von der Marina aus, von der man das kurze Stück bis an die langgezogene Hafeneinfahrt laufen und mit dem regen Fähr- und sonstigen Schiffsverkehr fast Tuchfühlung aufnehmen kann, kann man weit direkt unten am Wasser oder auf dem Deich auf befestigten Wegen laufen.

Norddeich - Marina

Die Marina

Hier kommt man am Freiluftbad, dem benachbarten Haus des Gastes und dem Strand vorbei. Zu den wärmeren Jahreszeiten kann man hier den Surfern und Kitern der hier angesiedelten Surf- und Kiteschule bei ihren, gerade bei etwas mehr Wind, rasanten Luftsprüngen und Wenden zuschauen. Auf der so genannten Drachenwiese zwischen Hafen und Sandstrand findet jeden Sommer das Internationale Drachen- und Windspielfest statt.

Norddeich - Drachenfest

Drachenfest in Norddeich

Östlich, also auf der anderen Seite des Hafens, führt links vom Deich ein gepflasterter Weg an einem Vogelschutzgebiet vorbei, um schließlich im Hafen zu enden. Sinnigerweise stehen entlang des Wegesrandes zahlreiche Sitzbänke, sodass man sich bei längerem Verweilen nicht die Beine in den Bauch steht. Denn wenn man nicht gerade Vögel oder ein- und ausfahrende Schiffe beobachten möchte, hat man von hier einen weiten Blick hinüber zu den flach aus dem Wasser ragenden Inseln.

Norddeich - Blick auf Norderney vom Festland aus

Blick auf Norderney vom Festland aus

Der Deich dagegen präsentiert sich ziemlich unspektakulär, ist aber Dank der Asphaltierung im unteren Bereich bestens für kilometerlange Fahrradtouren direkt am Wasser geeignet. Auch ohne menschliche Begleitung ist man dort oft nicht allein, denn insgesamt Tausende von Schafen der rund 60 Deichschäfer halten hier und an anderen Deichabschnitten der niedersächsischen Küste das Gras kurz. Die Schafe fungieren aber nicht nur als quasi natürliche Rasenmäher, sondern ihr Tonnengewicht als ganze Herde sorgt bei ihrer Wanderschaft über den Deich für eine Verdichtung des Bodens. Zudem halten sich Wühlmäuse und Maulwürfe fern, solange die Schafe dort grasen. Da löchriger und lockerer Boden die Sicherheit der Deiche massiv gefährdet, klingt die Kombination gewinnbringend für alle Seiten. Auch für die Schäfer, denn das Fleisch der Lämmer ist vor allem in Frankreich und Holland sehr beliebt und erzielt gute Preise am Markt.

Norddeich - Schafe auf dem Deich

Schafe auf dem Deich

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Deutschland bei schwarzaufweiss

 

Reiseführer Berlin

Wer heute ein wenig Berliner Luft schnuppern möchte, den laden wir zu einer Reise an Spree und Havel ein. Eine prima Gelegenheit, sich wesentliche Teile der Stadt an einem Tag anzuschauen, ist die Fahrt mit den Bussen 100 und/oder 200. Ausgehend vom Alexanderplatz kommt man unterwegs am Berliner Dom und der Museumsinsel vorbei, am Deutschen Historischen Museum, der Neuen Wache, dem Brandenburger Tor und dem Reichstag, an der „Schwangeren Auster“ und am Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten.

Reiseführer Berlin

Mehr lesen ...

Bayerwald: Ein Baumwipfelpfad als Besuchermagnet

Nein, keine Angst, der Pfad schwankt nicht. Dennoch greifen viele Besucher des längsten Baumwipfelpfads der Welt unwillkürlich ans Geländer. Sie haben den Eindruck, der Holzweg, der an dieser Stelle auf 18 Metern Höhe unterhalb der Baumwipfel entlang führt, bewegt sich hin und her. Dabei ist es nur der wenige Zentimeter vom Geländer des Pfads entfernte Schubsbaum, den ein Baumwipfelpfad-Führer mit einer Hand zum Schwingen gebracht hat.

Bayerwald - Baumwipfelpfad

Mehr lesen ...



Auf zwei Rädern rund um Rügen

52 km lang und 41 km breit, darauf verteilt 926 Quadratkilometer Landschaft, das ist sie, Rügen, die größte Insel Deutschlands. Nicht wenige Touristen bezeichnen sie gleichzeitig auch als die schönste Insel des Landes. Ihre Vielfalt ist einmalig.

Rügen per Rad

Mehr lesen ...

Hotspot HafenCity. Hamburgs neuer Stadtteil

Direkt an der Elbe, mitten in Hamburg, nimmt seit 2003 das größte innerstädtische Bauprojekt Europas Gestalt an – die HafenCity. Mit 155 Hektar ist Hamburgs jüngster Stadtteil mit seinen zehn Quartieren fast 14 Mal so groß wie der Potsdamer Platz in Berlin. Voller Leben und Flair sind bereits Sandtorkai und Dahlmannkai im Westen der HafenCity – die östlichen Bereiche der HafenCity mit dem Überseequartier sollen sukzessive bis 2025 fertig gestellt werden.

Hamburg Hafencity

Mehr lesen ...