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Lier - das Städtische Museum:
eine Entdeckung für Kunstliebhaber

Eine bisher unentdeckte Perle unter den Museen Flanderns ist das Stedelijk Museum Wuyts-Van Campen en Baron Caroly. Die Städtische Kunstsammlung wäre ohne Schenkungen und Nachlässe nie zustande gekommen. Wer weiß schon, dass Werke von Peter Paul Rubens, Jan Steen, David Teniers und Pieter Brueghel dem Jüngeren („Die flämischen Sprichwörter“) ebenso im Bestand sind wie die Vertreter der klassischen Moderne Constant Permeke („Die Pilger“), Floris Jespers („Harlekin“) und Edgard Tytgat („Bohemiens“). Eine „Entdeckung“ ist das Werk des Luministen Raymond de la Haye (1882-1914), dessen zartfarbene „Lichtpunktmalereien“ einen eigenen Saal bespielen.

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Jan Steen: Raufende Bauern

Die erste Schenkung von 107 Gemälden ist dem Antwerpener Kunstsammler und Weinhändler Jacob Jozef Wuyts (1798-1857) sowie dessen Gemahlin Françoise Van Campen zu verdanken. Mit der Übernahme dieses Grundstocks der Sammlung verpflichtete sich die Gemeinde Lier, ein Museum einzurichten, was 1892 geschah. Zu sehen waren die Kunstwerke anfänglich in einer dichten St.-Petersburger Hängung.

Nach der Eröffnung sorgten weitere Schenkungen für das Anwachsen des Bestandes. Darunter war auch die Schenkung des Barons Georges Caroly (1862-1935), die eine Erweiterung des Museums nach sich zog. Diese war allerdings erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs möglich. Unter den Gönnern des Städtischen Museums ist schließlich Jos Verhoeven (1921-1979) zu erwähnen, der dem Museum neben zwei Ikonen 24 Gemälde und 92 Zeichnungen überließ. Unter diesen Zeichnungen ist eine Kopie von Lorenzo Pasinellis Rötelzeichnung „Cornelia hört vom Untergang Pompejis“.

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Albert van Dijk: Kinder am Tisch mit Brot und Kaffekanne, 1938,
Leihgabe des Ministeriums der Flämischen Gemeinschaft

Nicht nur Familienfeste
Die Genremalerei, die sich im 17. Jahrhundert den Zechkumpanen im Wirtshaus und der ausgelassenen Dorffesten zuwandte – man denke an Arbeiten von Adriaen Brouwer – fand auch in folgenden Jahrhunderten Beachtung. Von Ferdinand de Braekeleer stammt „Der kleine Dieb“ und von Karol F. Venneman das „Familienfest“ (1844) auf dem gesungen, Musik gemacht und Wein getrunken wird. Aus der Distanz betrachtet die Frau des Hauses die ausgelassene Männerrunde. Derb geht es in Jan Steens „Raufende Bauern“ zu. Zu spät gekommen ist die Frau des Hauses, die ihrem unterlegenen Mann zu Hilfe eilt. Der liegt schon auf dem Boden, Hut und Axt auch. Der Widersacher hat den Unterlegenen bereits am Schopf gepackt. Ohne auf die Streithähne zu achten verrichtet ein Wirtshausgast seine Notdurft. Eine anekdotische Wirtshausszene hat außerdem der Hofmaler David Teniers (1610-1690), ein Schüler von Adriaen Brouwer, geschaffen, als er „Die eifersüchtige Frau“ malte: Auf frischer Tat wird der liebestolle Gatte mit einer jungen Dame im Arm von seiner Ehefrau überrascht – und der Betrachter ahnt nichts Gutes... [Mehr]

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Detail aus Brueghels "Flämischen Sprichwärtern"

Die flämischen Sprichwörter ...
... heißt eine der bekanntesten Arbeiten von Pieter Brueghel dem Jüngeren, von dem auch „Die Predigt des Johannes“ (1624) stammt. Bilder über Bilder vereinen sich in kleinen Szenen zu einem Ganzen, zu den 1607 entstandenen Sprichwörtern. Hier sieht man „Er hängt der Katz die Schelle an“ (Sich einer schwierigen Aufgabe unterziehen), dort den „Hennentaster“ (Sich um ungelegte Eier kümmern) und an anderer Stelle „Da hängt die Schere heraus“ - das Sinnbild der Beutelschneiderei. Weit über 80 Sprichwörter sind in diesem gemalten Puzzle zu finden: Man sieht einen Mann, der mit dem Kopf gegen eine Wand rennt, ein Schwein den Zapfen aus einem Weinfass ziehen, eine Frau, die den Teufel auf einem Kissen festbindet, einen Mann auf die Weltkugel scheißen und einen anderen aus dem Fenster gegen den Halbmond pinkeln. An der Museumskasse gibt es eine kleine Broschüre mit den entsprechende Erklärungen der Bilder und Sprichwörter, so dass der Besucher nicht wie der „Ochs vor'm Scheunentor“ stehen muss.

Ein weiteres Highlight der Sammlung ist Brueghels „Die Predigt des Johannes“ (1624). Dicht gedrängt, gar auf den Bäumen sitzend, lauschen die Anwesenden der Predigt. Unter den Zuhörern sind Menschen aller Herren Länder zu sehen, so ein Chinese mit typischem Chinesenzopf, ein anderer Mann aus dem Fernen Osten in grünem Umhang und mit Reishut auf dem Kopf, ein Orientale mit einem Turban als Kopfbedeckung, drei mit einem gelben Hut bekleidete Männer, bei denen es sich um Juden handeln könnte, ein Mongole mit weiten roten Pluderhosen und ein Mann mit schwarzer Kinnmaske, dessen Herkunft rätselhaft bleibt.

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Raymond de La Haye: Sonnenuntergang an der Nete, 1913

Ein Meister des Lichts: Raymond de la Haye
Bodenständig war der aus einer Brüsseler Textilindustriellenfamilie stammende Künstler der Belle Epoche, malte er doch vornehmlich die Umgebung von Lier – in einem recht kurzen Leben, das auf dem Schlachtfeld an der Marne endete. Doch ist de la Haye weniger bekannt als der belgische Luminist Théo van Rysselberghe. Zu Unrecht, wie der Besucher feststellt, der der stimmungsvollen Ansicht der Sankt-Agneskapelle (1914) gegenüber steht: Dieses Gotteshaus ist vom Dunst des frühen Morgens umfangen. Nur als Schattenrisse erkennbar sind zwei Kirchgängerinnen, die sich von dem über den Poldern liegenden Schwaden dunkel abzeichnen. Schwach ist das Licht der aufgehenden Sonne, die sich gegenüber dem Nebel zu behaupten sucht. Ähnlich eindrucksvoll gestaltete der Künstler „Sonnenuntergang an der Nete“ (1913): eine Pappelreihe am Ufer der Nete, die spiegelglatt dahinfließt, unter dem gelben Licht der am Horizont verschwindenden Sonne. Frühlingshaftes Grün bestimmt de la Hayes Ansicht des Lierer Beginenhofs. In allerlei Blautönungen schimmert das Wasser, das unter der „Brücke vom Jambes“ (1912) dahinfließt. Mit Sinn für das Dekorative – man betrachte den Wandteppich mit orientalischen Mustern und den Goldrahmen des Spiegels – hat de la Haye das „Mädchen vor dem Spiegel“ in Szene gesetzt. Wer genau hinschaut, bemerkt, dass die Spiegelung nicht realistisch ist, da sich nur das Mädchen und nicht das Interieur spiegeln.

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Pieter Faes: Vase mit Blumen, 1793

Porträts, Stillleben und Lierer Ansichten
Abschließend sei noch auf die Auswahl von Porträts, Stillleben und Lierer Ansichten hingewiesen: Zu nennen ist unter den Porträts das Gemälde „Porträt der Familie Teniers“ (1678) von David Teniers III sowie Peter Lelys Arbeit „Die Kinder des Markgrafen von Trazegnies“, die mit ihren Spielgefährten, einem Äffchen und einem roten Ara“ dargestellt werden. Auch Frans Floris verzichtet nicht auf exotisches Getier, als er ein Familienporträt schuf: Bei ihm gesellt sich ein Mungo zur musizierenden Familie. „Vase mit Blumen“ (1793) von Pieter Faes ist nur eines der zahlreichen Stillleben, zu der auch „Blumenstillleben“ von Henri Fantin-Latour (1836-1904) gehört. Zu den Lierer Ansichten, die es lohnt zu sehen, gehören Louis Van Engelens „Die Vollmühle in Lier“ (1892) und die „Stadtansicht mit Großem Markt“ von Filips de Momper.

Stedelijk Museum Wuyts-Van Campen en Baron Caroly
Florent Van Cauwenberghstraat 14
2500 Lier
Tel 0032/(0)3 8000 396
Öffnungszeiten Di-So 10-12 und 13-17 Uhr
Eintritt 1 € /0,50 €
musea@lier.be
http://www.lier.be

(c) fotos und text fdp, abb. rechte bei künstler und rechtenachfolger



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