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Jabbeke
Permekemuseum

Ein flämischer Expressionist mit einer Vorliebe für Erdfarben

Kaum einer kennt dieses Museum in einem Ort unweit von Brügge, Kenner vielleicht, aber sonst nur diejenigen, die zufällig davon hören. Untergebracht ist das Museum, das etwa 80 Gemälde und Zeichnungen sowie fast das gesamte bildhauerische Schaffen des in Antwerpen geborenen expressionistischen Malers und Bildhauers Constant Permeke zeigt, im ehemaligen Wohn- und Atelierhaus des flämischen Künstlers. Constant Permeke hat sich dieses Haus zwischen 1928 und 1930 teilweise nach eigenen Skizzen bauen lassen. Ein Foto des stolzen Bauherrn mit seiner Familie vor dem entstehenden Wohnhaus ist im ehemaligen Esszimmer zu sehen.

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Von einer Verkehrsinsel aus blickt Permeke
auf sein Wohnhaus foto:fdp

Ein Kubus für die Kunst
Aus Klinkern gemauert, entstand ein Kubus mit Flachdach, also ein Kind des Neuen Bauens. Das Mauerwerk ist von wildem Wein überwuchert, dessen Blätter sich im Herbst rot färben. Vom Balkon im ersten Stock und von der Terrasse im Untergeschoss aus kann man den Blick in den Garten mit seinen sauber geschnittenen Hecken, seinem Weiher, seinem Alleenweg und seinen Esskastanien genießen. Wenige Skulpturen Permekes wie die eines liegenden Aktes, der einer Sarkophagfigur gleicht, haben ihren Platz vor und hinter dem Haus gefunden. Historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die in der Ausstellung zu sehen sind, zeigen, wie das Ehepaar Permeke in ihrem Haus „De vier winden“ gelebt hat. Vor dem Eingang entdeckt der Besucher eine afrikanisch anmutende Maske, eine Arbeit von Oscar Jespers, mit dem Permeke ebenso befreundet war wie mit dem belgischen Expressionisten Frits van den Berghe.

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Ein Blick in den Garten des
Permekemuseums foto: fdp

Weibliche Akte, Bauern und Fischer als Bildmotive
Im Wohnhaus selbst sind vornehmlich Kohle- und Holzkohlezeichnungen, darunter zahlreiche stehende und sitzende weibliche Akte sowie entsprechende Gipsskulpturen zu sehen. Neben den weiblichen Akten sind es Fischer und Bauern, die Permeke auf Papier und Leinwand verewigt hat. Nur selten finden sich nicht-tonige Arbeiten, darunter ein Winterbild aus den Ardennen und „Die Ernte in Devonshire“ (1917). Der Betrachter ist im Angesicht der Farbenfreude dieses Gemäldes überrascht, und man kann sich sogar dazu versteigen, von Farbexplosion zu sprechen, auch wenn damit nicht die „Explosion gefühlter Farben“ gemeint ist, die für die Maler der Vereinigung „Die Brücke“ typisch war.

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Das Haus von Permeke: Klinker unter Efeu foto:fdp

Die Kunst der „Primitiven“
Betritt man das Haus, so steht man in einem Eckzimmer, dessen Einrichtung auf Emil Veranneman, eine der Lichtgestalten des belgischen Designs, zurückgeht. In einem Vitrinenschrank aus dunklem Holz stehen afrikanische Schnitzfiguren. Wie die deutschen Expressionisten scheint auch Permeke eine gewisse Vorliebe für „primitive Kunst“ gehabt zu haben, ohne dass diese direkt in sein Werk eingeflossen ist.

Die Familie Permeke stellt sich vor
Die Ansicht von Jabbeke aus dem Jahr 1940, also zur Zeit der deutschen Besetzung Belgiens, besticht durch gewisse Tonigkeit: Durch die Straßen des Ortes ziehen Grauröcke im Gleichschritt, beobachtet von den Bewohnern Jabbekes, die vor ihre Haustüren getreten sind. Im Kontrast zum Grau der Soldaten und dem Braun der Häuser stehen die roten Dächer, teilweise recht windschief auf dem Haussockel ruhend.

Das ehemalige Esszimmer enthält unter anderem Fotos und schriftliche Zeugnisse, die in Beziehung zu Permeke stehen. Sein Vater ist auf einer Aufnahme zu sehen, auf einer anderen Permeke mit drei von ihm gefangenen Fischen von kapitaler Größe. Schließlich erblickt man den Künstler auf dem Sterbebett in der Heilig Hartkliniek in Oostende und findet außerdem Aufnahmen von Permekes letztem Weg am 8. Januar 1952.

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Die kopflose "Niobe" in einer Nische des Hauses, Gartenseite foto:fdp

Darüber hinaus fällt der Blick des Besuchers auf die skizzenhafte Zeichnung „Die Garnelentreppe“. Unter den Augen zweier alter Frauen mit hochgestecktem Haar, hat ein Fischerboot unten an der Treppe angelegt. Am oberen Treppenende steht ein plump wirkender Mann mit einem Korb unter dem Arm. Nur in Umrissen sind die „Fischerfrauen am Kai“ gezeichnet worden. Drall sind die weiblichen Formen, riesig die Hände, die zuzupacken wissen. In dichter Hängung sind weitere Arbeiten zu sehen, darunter das Porträt der in Schwarz gekleideten, sitzenden Mutter Permekes, die sich nur dank ihres helleren Gesichtes vom umgebenden schwarzen Hintergrund ein wenig absetzt. Im ehemaligen Esszimmer ist zudem eine Kopfbüste von Beatty Permeke zu sehen, eine Arbeit von Oscar Jespers, der sich bei der Art der Gesichtsgestaltung an afrikanischen Masken orientiert zu haben scheint.

Dass Flandern nicht nur das platte Land ist, dass von tiefgrauen Wolken geküsst wird und von Bauern, die den lehmigen Boden beackern, unterstreicht Permekes Gemälde „Hafendock von Gent-Terneuzen“ (1913): Ein mediterranes Blau für den Himmel vereint sich mit einem fleckig gesetzten Rosaviolett und Himmelblau für das Wasser und dem dunklen Rotviolett der Bootskörper und aufgespannten Segel. Zu sehen sind in diesem Teil des Hauses auch Arbeiten des Vaters von Constant Permeke, Henri-Louis Permeke, darunter „Stillleben mit Tod“, eine typische Vanitas-Darstellung mit einem Totenschädel, einem verwelkenden Lorbeerkranz und einer erloschenen Kerze im Messingleuchter.

Weibliche Blöße
Durchstreift man das Haus, so fallen die vielfältigen Räume auf, die bisweilen durch Treppen und bogenförmige Durchbrüche von einander getrennt sind. In einem von ihnen versammeln sich zahlreiche weibliche Schönheiten, die einen schlank und die anderen vollschlank. Die „Drei Grazien“ sind als Gipsskulptur und als Zeichnung ebenso zu sehen wie ein stehender und ein sitzender Akt in Gips. Zum Teil entstanden die Arbeiten in den 1940er Jahren, so auch die Zeichnung des sitzenden Aktes mit seitlicher Drehung und X-Stellung der Beine. Dem Betrachter streckt ein anderer Akt das pralle Gesäß entgegen, da es sich um die Rückenansicht einer Nackten handelt. Nahezu schlank und ein wenig überlängt kommt dem Betrachter die nackte Schönheit mit Haarknoten vor, die eine Hand schützend vor eine der Brüste hält. Zu sehen ist zudem ein Torso aus patiniertem Gips und ein liegender Akt, der 1946 entstanden ist.

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Das Landleben Flanders und seiner Menschen
auf die Leinwand gebannt, foto: fdp

Marie-Lou und Bauernvolk
Im eigentlichen Eingangsbereich, dem Untergeschoss des Treppenhauses, begegnet der Besucher „Marie-Lou“ (1938), die auf ihrem Sockel ruht und den Kopf seitlich in die verschränkten Arme gelegt hat. Neben den Akten und den Frauenporträts sind es immer wieder Bauern, die es Permeke angetan haben, so auch das müde und abgekämpft erscheinende, auf dem Heimweg befindliche Bauernpaar, aus dessen Gesichtern zu lesen ist, dass sich keiner von ihnen noch Hoffnungen auf ein besseres Leben macht. Breit ist das Kreuz des Bauern, der mit einer seiner Pranken die Sichel umgreift – auch dies wie andere Arbeiten im Museum eine Holzkohlezeichnung. Aber auch Damen aus der feinen Gesellschaft hat Permeke gemalt, so die „Drei Damen“ (1942), die an die Wilmersdorfer Witwen aus dem bekannten Theaterstück des Grips-Theaters „Linie 1“ erinnern.

Einblicke ins Atelier
Im Obergeschoss des Hauses betritt man das Atelier Permekes, das durch Oberlichter und die Balkonfenster in gutes Tageslicht getaucht ist. Palette und Farbtuben, Pinsel und Staffeleien sind noch vorhanden. Ein unfertiges Werk von 1951 ruht auf einer der Staffeleien, eine Landschaft, die ein wenig an die Malerei des Informel von Emil Schumacher erinnert. Ein Blickfang ist das aus einem Stamm herausgeschälte Selbstporträt, das die Kantigkeit der Physignomie des Malers Permeke unterstreicht. Unmittelbar daneben sehen wir das Gemälde „Über Permeke“  (1922) – Einblicke in die Familie des Malers.

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"Die Gestürzte" im Garten des Permekemuseum
foto:fdp

Holzkohle und Kreide nutzte Permeke für die Darstellung eines Bettlers und eines Säers, die beide auf übergroßen Füßen stehen. Soll dies die Erdverbundenheit der beiden Figuren zum Ausdruck bringen?

Großformatig und tonig
Abschließend sollte man unbedingt einen Blick in den angebauten, lang gestreckten Flachbau werfen, wo auch einige Leihgaben aus dem Museum für Schöne Künste in Oostende zu sehen sind. Der Anbau ist vornehmlich den großformatigen Ölgemälden vorbehalten, die bis auf den „Gelben Akt“ und die bereits erwähnte „Ernte in Devonshire“ eine intensive Tonigkeit aufweisen. Ein besonderer Blickfang ist eine Meeresansicht, die gänzlich auf Tinten- und Taubenblau oder Marineblau verzichten kann. Stattdessen überwiegen Mausgrau, Schwarz, Blaugrau und Antrazit, um die stürmische See und die dahinfliegenden Wolken auf die Leinwand zu bannen. Schaumkronen in Grauweiß sind außerdem vorhanden. Ein schmales gelbbraunes Lichtband schafft eine Trennung von Meer und Himmel in diesem 1935 gemalten Meeresblick.

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Typisch für Constant Permeke: tonige
Landschaften Flanderns, foto:fdp

Zu den tonigen Arbeiten Permekes gehören auch die „Frau bei der Kartoffelernte“, die mit dem Kartoffelacker zu verschmelzen scheint, und eine Bäuerin, die kniend Unkraut zupft. Nur dank der schwarzen Pupillen und der strahlend weißen Hornhaut kann man überhaupt eine der drei Bäuerinnen in einem weiteren Werk wahrnehmen, da die in Erdtönen gemalten Frauen kaum von einander abgegrenzt sind, sondern in einander übergehen. Ein weiterer Hingucker ist die als Torso angelegte Niobe aus Kunststein.

Museum Constant Permeke
Gistelsesteenweg 341
8490 Jabbeke
Tel. 00 32 (0)50 81 12 88
pmmk.oostende@west-vlaanderen.be
Öffnungszeiten
1.4. bis 30. Sept. außer Mo tägl. 10.00-12.30 Uhr und 13.30-18.00 Uhr, sonst 10.00-12.30 Uhr und 13.30-17.30 Uhr
(c) fotos und text fdp, abb. rechte bei künstler und rechtenachfolger






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