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Deinze
Museum van Deinze en de Leiestreek

• Die Maler von der Leie
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In der Künstlerkolonie von Sint-Martens-Latem versammelten sich zahlreiche Künstler, ob nun Valerius de Sadeleer, Emile Claus, Constant Permeke oder Frits Van den Berghe. Die einen verstanden sich in der Tradition der französischen Freilichtmalerei und des Luminismus, die anderen als flämische Expressionisten, denen es darum ging, in ihren Arbeit Gefühlswelten sichtbar zu machen. Manch einer der Maler setzte Farbtupfer an Farbtupfer, um Stimmungen auszudrücken, so Emile Claus, andere wie Gustave van de Woestyne verschrieben sich einer bisweilen symbolistischen Bildsprache, die es zu entziffern gilt.

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Tjok Dessauvage: Wolkenspiegel

Nicht nur Maler aus Sint-Martens-Latem
Neben den Malern der ersten und zweiten Generation der Malerkolonie von Sint-Martens-Latem finden wir im Museum van Deinze en de Leiestreek mit Roger Raveel und seinen Arbeiten der weißen Flecken, der Spiegel und der bunt karierten Flächen einen Künstler, der bisweilen der Pop Art zugerechnet wird. Doch der in einem kleinen Ort namens Machelen lebende, heute hochbetagte Raveel lehnte stets eine derartige Einordnung ab. Auch der Begriff der Neuen Vision, der seinen Werken übergestülpt wurde, sagt ihm nicht zu. Statt dessen malt er schlicht das, was ihn umgibt, ohne es zu beschönigen oder schlecht zu machen. Es ist der banale Alltag eines Dorfes jenseits von malerisch und idyllisch: die Betonmauern, die schmucklosen Ziegelbauten, das Kirchlein, den Blick aus dem Fenster in den Vorgarten, der Vater mit brauner Schiebermütze, die Mutter auf dem Sterbebett oder einen Künstler vor seiner weitgehend noch weißen Leinwand hockend. Neben dem beträchtlichen Bestand von Arbeiten Roger Raveels und Raoul De Keysers, eines „Raveel-Schülers“, der gleichfalls in der Leieregion lebt und arbeitet, sind es vor allem die Werke von Emile Claus, die das Museum wie einen teuren Schatz hütet.

Nicht nur Gemälde werden im Museum gezeigt, sondern auch Skulpturen, die – rhythmisch gesetzt – den Gemäldeparcours auf interessante Weise ergänzen. George Minne ist ebenso mit plastischen Arbeiten, so mit einer Kopfbüste und seinem bekannten knienden Jüngling, im Museumsbestand vorhanden wie auch Jozef Cantré mit seinen kantig-kubistischen Kopfbüsten: Man betrachte die  maskenhaft-starr wirkende Frauenbüste von 1928.


Ein runder Gockel vor dem Museum van Deinze:
Walgrave Marijke: Nicht vor der letzten Abendpause, 1997

Mit Emile Claus beginnt der Parcours durch das Haus, auf dessen erster Etage einige zeitgenössische Arbeiten zu sehen sind. Angesichts der Fülle der Exponate sollte man sich eigene Schwerpunkte setzen. Ob man sich für Roger Raveel oder Raoul De Keyer begeistern kann, ist dabei jedem selbst überlassen.

Nicht nur Malerei und plastische Kunst bis 1945 wird in Deinze gepflegt, sondern auch Nachkriegs- und Gegenwartskunst von Künstlern aus der Region, darunter sind auch fotorealistische Gemälde von Roger Wittevrongel, u. a. „Zwei Fenster“ – eine Arbeit, die den Blick auf das Detail lenkt.

Wenn auch Saaltexte fehlen, so muss der Besucher nicht auf die didaktische Aufbereitung der Sammlung verzichten. Es gibt einige „Saalblätter“ – auch in Deutsch (!!) –, die Themen wie „Unabhängige Geister“ oder „Romantischer Realismus und Luminismus“ in knappen Texten behandeln.

Das Highlight der Sammlung ist „Die Rübenernte“, ein großformatiges Werk von Emile Claus, noch in der Tradition von Naturalismus und Realismus und im Malduktus stark an den deutschen Impressionisten Max Liebermann erinnernd: Dieses Gemälde zeigt vier Bauern und eine Bäuerin beim Ausgraben der Rüben. Es ist eine körperlich anstrengende Arbeit bei durchaus frostigen Temperaturen, so dass die Bäuerin sich ihre kalte Hand mit ihrem Atem wärmen muss.

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Museum van Deinze en de Leiestreek im Vordergrund:
Etienne Desmet: Fischerei

Linien und Flächen
Interessiert man sich für die Malerei der Moderne, dann beginnt man mit den Arbeiten von Raoul De Keyser. Dieser Künstler ist schwer einzuordnen. Am ehesten kann man sein Schaffen der abstrakten Kunst zuordnen, auch wenn figurative Elemente in seine Gemälde einfließen und nicht nur Linien, Diagonalen, Rechtecke oder Zickzack-Blitze als Fremdkörper auf farbigen Flächen zu sehen sind. Bisweilen glaubt der Betrachter der Arbeiten De Keysers, dieser habe Cut Outs in Collagen zusammengefügt. In „Rdk 781“ erkennt der Betrachter eine Flusslandschaft mit rostroten Uferzonen. Im Flussbett selbst befinden sich zwei „schwebende“ Rechtecke, „schwimmende Container“ in Lindgrün mit orangem Sockel.

Zu den abstrakten Arbeiten De Keysers gesellt sich die skulptierte „Mutter mit Kind“ von George Minne. Es ist eine sitzende Frau mit kräftigen Händen, die ihr Kind fest an sich drückt. Im gleichen „Raumsegment“ wie Minne sind auch die „unabhängigen Geister“ Albert Saverys (1886-1964) und Jules De Sutter (1895-1970) untergebracht. Sutter vermischte in seinen Werken – u. a. „Das weiße Kalb“ – Erdtöne mit grellen Partien, während Saverys im Sinne des Luminismus und des Impressionismus Farbtupfer an Farbtupfer setzte.

Leere Flächen, bunte Karos
Dem Betrachter hat Raveels Maler den Rücken zugewandt. Zu seinen Füßen hockt eine grüne Katze. Auf der Leinwand sind vier bunte Quadrate und hingeworfene schwarze Linien zu sehen. Über dem Kopf des Malers schwebt ein riesiges Gemälde in Orangetönen mit einem weißen Klecks links oben. Im oberen Bildabschluss sieht der Betrachter eine weiße Taube mit schwarzen Umrissen, die gen Himmel aufsteigt. Wie oben angedeutet, hält Raveel außerdem seine Eindrücke von Machelen im Bild fest, so in „Durchblick mit Kirche“. Dabei dienen die Fensterrahmen als Rahmen für eigenständige Bildausschnitte jenseits der eigenen vier Wände des Künstlers. Mehr als zwei Dutzend weitere Arbeiten sind Teil eines Bildtagebuchs, das 1981 in Marnac entstanden ist. Ein graues Kirchlein von Häusern gerahmt, eine Wäscheleine mit bunter Wäsche, eine Hügellandschaft mit einem einsamen Baum, der weiße Blüten trägt – das sind einige der Bildmotive Raveels. Welch ein Bruch zur impressionistischen, tonigen Arbeit von Charles-René Callewaerts gleich nebenan: ein Winterbild vom St-Elisabethplein in Gent: Allerlei Volk ist unterwegs, hält ein Schwätzchen und geht dann seiner Wege.

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R.Monteyne: Echo der Stille

Die Bildmotive, die ausgestellt sind, sind nicht allein auf Leieansichten beschränkt, sondern vielfältig – und das ist auch gut so. So kann man sich an Julian De Costers Meeresansicht erfreuen, die 1939 entstanden ist und einen bewölkten Himmel über dem Meer zeigt. Am Horizont ist ein Dampfer unterwegs, der eine graue Rauchschwade hinter sich herzieht. Wie ein grauer Schleier entladen sich die Wolken über der See. Neben einer kämpferischen Christusfigur, eher Rächer als Leidender – von Antoon Van Parys geschaffen – ist auch eine Kleinplastik eines Brabanter Kaltblüter in der Ausstellung zu sehen.

Expressionismus und Luminismus eigener Prägung
Mit dem flämischen Expressionismus und Luminismus sind Namen wie Gust und Leon De Smet, Frits Van den Berghe, Constant Permeke, Emile Claus und Jozef Cantré verbunden. Einige von ihnen verbrachten im Kontext des Ersten Weltkriegs Jahre in der Emigration, so Gust De Smet, Cantré und Van den Berghe erst in Amsterdam und dann im niederländischen Örtchen Blaricum, Permeke und andere in England.


Ein Flugkörper - Kunst am Museum van Deinze

Strich an Strich setzte Leon De Smet in „Dame auf der Terrasse“ die pastellenen Farben an einander, um flirrendes, gleißendes Sonnenlicht zu imitieren. Gust De Smet verlegte sich mehr auf die Darstellung von Interieurs, ohne in „Schlafzimmer“ (1920) die grellen Farbsetzungen der Fauvisten aufzunehmen. Dennoch sind die Farbsprünge – hier ein grüner Bettkasten, dort eine orange Bettauflage – gewagt. Einmal nicht gänzlich der Tonigkeit verfallen, schuf Permeke sein Werk „An Flandern“. Doch sein „Scherenschleifer“ (1927) belehrt den Betrachter eines Besseren: Tonigkeit ist angesagt, und die Frau, die aus dem dunkelbraun gehaltenen Wohnwagen tritt, hebt sich in ihrer braunen Kleidung kaum von ihrer Umgebung ab. Sinn für Lichtregie beweist Van den Berghe in „Weißes Zimmer“, das jedoch ganz und gar nicht in Unschuldsweiß erscheint, sondern eher in einem zarten Grünblau. Im Zimmer anwesend ist eine Frau in einem langen Kleid, die an einem Tisch steht. Auch deren Kleid überzieht ein Hauch von durscheinendem Eisblau. Mit „Bäumen an der Leie“ von Albert Saverys ist auch eine Leieansicht im modernen expressiven Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts zu sehen.

Gemälde von Gustave Van de Woestyne fehlen in der Sammlung ebenso wenig wie Zeichnungen von George Minne, ganz abgesehen von Arbeiten Valerius De Sadeleers (u. a. „Gänse an der Leie“, 1903). Betrachtet man Bildaufbau und Malweise, so kommt man zu dem Schluss, dass Modest Huys von van Gogh nicht gänzlich unbeeindruckt gewesen sein muss. Die berühmten Felder von van Gogh scheinen Vorbild für die „Flachsernte“ von Huys gewesen zu sein: Inmitten des goldgelben Flachsfeldes sieht man fleißige Hände am Werk.

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P. Van Gijsegem: Pinochet ... Vertilger, 1996

Ansichten und Gegenwartskunst links und rechts der Leie
Immer wieder stößt der Museumsbesucher auf Ansichten der Leie. Zu diesen gehören die Leie unter tiefgrauem Himmel von Albijn Van den Abeele und „Übersetzen“ von Modest Huys.

Zwei auf einander liegende Marmorherzen beschert uns Etienne De Smet und nennt diese organische Form sinniger Weise „Herzlich“. Organisch ist außerdem die Skulptur „Spiralwurm“, die sich Herman Van Nazareth 1978 ausgedacht hatte. Minimalistisch ist das Gemälde von Henri Vandermoere mit dem Titel „Ateliermauer mit Rolle“ (1999). Gleich vier quadratische Bildformate dienen Richard Simoens dazu, Spiegelungen am Leieufer bei Ooidonk auf die Leinwand  zu bannen.

Text: ferdinand dupuis-panther Fotos: ferdinand dupuis-panther (c) SABAM Belgien 2007 / Museum van Deinze en de Leiestreek / Künstler und deren Rechtenachfolger

Museum van Deinze en de Leiestreek
Lucien Matthyslaan 3-5
9800 Deinze
Tel. 09 / 381 06 70
museum@deinze.be
Öffnungszeiten
Di-Fr 14-17 Uhr, Sa/So 10-12, 14-17 Uhr, geschlossen 21.10.-8.11., 21.10-26.10.2008

 






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