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Tournai

Neben Tongeren in Belgisch-Limburg gilt Tournai als eine der ältesten belgischen Städte. Tournai war die erste Hauptstadt des Frankenkönigs Chlodwig (5.Jh.). Auch zur Zeit Heinrich VIII., der im 16.Jh. die Stadt eroberte, unter Karl V. und Louis XIV. war sie eine fürstliche Residenz. Im Verlauf von Reformation und Gegenreformation wandelte sich die Stadt in eine calvinistische Hochburg. Mit Waffengewalt änderte sich dies, nachdem spanische Truppen unter dem Oberbefehl des Herzogs von Parma die Interessen des katholischen Königs Philipp II. durchgesetzt hatten. Neben der Herstellung von Wandteppichen war Tournai bis in das 19.Jh. für seine Porzellanmanufakturen bekannt. Auch dem Comic fühlt sich die Stadt verbunden, denkt man an den ortsansässigen Verlag Casterman, bekannt durch die Herausgabe von „Tintin“ („Tim und Struppi“).

Belgien - Wallonien - Tournai - Standbild Childrerichs
Unweit vom Turm des hl. Georg die Statue des
merowingischen Königs Childerich © fdp

Im Kern der Stadt weisen Säulen auf die wichtigsten Sehenswürdigkeiten hin. Auf jeder der Säulen findet man eine Skulptur, ob einen Fischer, Louis XIV., einen Bischof, einen Drachen, einen Chorherren, Childerich oder einen Steinmetz. Sie stehen für verschiedene Phasen der Geschichte der Stadt, für den in Tournai bestatteten merowingischen Herrscher Childerich, den Vater von Chlodwig, für die im Mittelalter bedeutende Zunft der Steinmetze, die unter anderem Taufbecken für den Export herstellte, und die Bedeutung Tournais als geistliches Zentrum. Louis XIV. war insoweit von historischer Bedeutung für die Stadt, als er Tournai in der Zeit zwischen 1667 und 1709 in das französische Königreich eingliederte. Ein kostenlos im Tourismusamt erhältliches Faltblatt macht es dem Tournai-Besucher leicht, die Gegend rund um die Liebfrauenkathedrale zu erkunden.

Aspekte der Stadtgeschichte

Belgien - Wallonien - Tournai - Grand Place
Die Grand Place, der Treffpunkt in der Stadt © fdp

Mitten auf der Grand Place steht Pasquier Grenier, ein bekannter Teppichgroßhändler der Stadt, der für den burgundischen Hof arbeitete. Childerich finden wir unweit des Turms des hl. Georgs und den Drachen, der in luftiger Höhe den Glockenturm bekrönt, entdeckt man zwischen Glockenturm und Kathedrale. Auf dem Fischmarkt am Ufer der Schelde hat der Sonnenkönig seinen Platz, während der bekannte Stadtbaumeister Bruno Renard am Rande der Place St-Pierre zu finden ist.

Belgien - - Wallonien - Tournai - Drache
Unweit des Glockenturms – der Drachen,
Zeichen für Kraft und Macht © fdp

Neben den Säulen sind die mehrsprachigen Infotafeln mit historischen Fotoaufnahmen als Besucherinformation sehr hilfreich. Mit „Es war einmal ...“ fangen nicht nur Märchen an, sondern auch die Geschichten der Baudenkmäler der Stadt: So erfährt man – auf der Grand Place stehend – Wissenswertes über die Geschichte des Cafés du Carillon und dessen Vorläufer wie das Hôtel du Bailliage und das Réduit des Sions. Außerdem ließ Antoine de Roore, Abt von Saint-Martin, am Rande des Großen Platzes eine Zehntscheune errichten, die um 1900 neu erbaut wurde. In einer Fassadennische steht die Statue des hl. Martin, der seinen Mantel mit einem Armen teilt. Aufmerksame Besucher können nachlesen, dass aufgrund deutscher Bombenangriffe am 16. Mai 1940 die Grand Place vollkommen zerstört wurde. Was wir als Bebauung heute sehen, ist in den Nachkriegsjahren entstanden.

Profane und sakrale Bauten im Herzen der Stadt

An der dreieckigen Grand Place steht die im Renaissancestil erbaute Halle aux Draps. Wer vor der Tuchhalle (1610) steht, wird ohne Zweifel Ähnlichkeiten mit dem Genter Rathaus entdecken. Dorische und toskanische Säulen gliedern das Gebäude. Der Giebel verrät in seinen Bauformen beschwingten Barock. Am Rande des Platzes steht auf steinernem Sockel Christine de Lalaing, Prinzessin von Espinoy. Sie soll der Legende nach eine bedeutende Rolle im Kampf gegen die Spanier eingenommen haben, die 1581 die Stadt angriffen. Dem Glockenturm gegenüber steht die Eglise St.Quentin (um 1200). Bei diesem Sakralbau, der recht massiv wirkt, mischen sich romanische und gotische Stilelemente. Das Bogenfeld des Eingangs wird von einer farbig bemalten Kreuzigungsgruppe eingenommen. Der Chor dieser auf dem Grundriss eines Kreuzes errichteten Kirche befindet sich im Westen statt wie üblich im Osten. Die Ecktürme des Kirchenbaus sind eine Hinzufügung aus dem 13. Jahrhundert. Gotische Kreuzrippengewölbe entdeckt der Kirchenbesucher im Chor und in der sogenannten Vierung, außerdem die Reste einer Gewölbebemalung. In der Kirche wurde der Hoflieferant der Herzöge von Burgund, Pasquier Grenier, 1493 beigesetzt. Das Gotteshaus musste nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut werden. Dies war ein langwieriges Unterfangen, das erst 1968 abgeschlossen wurde.

Belgien - Wallonien - Tournai - das Rote Fort
Das sogenannte Rote Fort, ehemals Teil der
Stadtbefestigung und heute Ausstellungsort © fdp

Teile der alten Stadtbefestigung befinden sich am Rande einer kleinen Parkanlage hinter der Kirche. Es ist das sogenannte Rote Fort, das seinen Namen seinen roten Dachziegel verdankt. Errichtet wurde es im Zuge des Baus der zweiten Stadtbefestigung auf den Mauern eines viereckigen Turms der ersten Befestigung.

Schräg gegenüber erblickt man in der Rue des Bouchers St-Jacques ein altes in Backstein erbautes Patrizierhaus, das heutige familiär geführte Hôtel d'Alcantara, in dem der Gast noch Gast und nicht eine Nummer ist. Hinter dem Hotel erhebt sich weithin sichtbar der Turm der Eglise St.Jacques, die unter Kennern nach der Kathedrale als zweitwichtigster Sakralbau der Stadt gilt. Erbaut wurde dieses Gotteshaus im Wesentlichen in der ersten Hälfte des 13.Jahrhunderts im Stil der sogenannten Scheldegotik, so auch das Hauptschiff (1225). Die Kirche des hl. Jakob war im Mittelalter eine der Stationen auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Umbauten und Restaurierungsmaßnahmen im 19. Jahrhundert, so auch des Turms, bestimmen das heutige Aussehen der Kirche. Vom Vorgängerbau aus dem 12. Jahrhundert sind noch Fragmente im Turm der heutigen Kirche zu finden.

Belgien - Wallonien - Tournai - Kirchenfenster der Kirche St. Jacques
Buntglasfenster in der Kirche des hl. Jakob © fdp

Bezüglich der Innenausstattung ist der Orgelprospekt (1755) hervorzuheben, an den der Bildhauer Jean-Baptiste Caulier mit Hand angelegt hatte. Recht zahlreich sind die aus Holz geschnitzten und bemalten Heiligenfiguren wie der hl. Rochus und der hl. Jacob aus dem 18.Jahrhundert. Sehenswert sind auch die sieben farbigen Chorfenster, die die sieben Sakramente illustrieren. Im sogenannten Tauffenster erkennen wir Johannes den Täufer und an dessen Seite den hl. Philipp, die einen Eunuchen der äthiopischen Königin taufen. Die hl. Maria Magdalena, der ungläubige Thomas, der Apostel Petrus und der hl. Nepomuk, der Bischof von Prag, sind im sogenannten Bußfenster dargestellt. Weitere Buntglasfenster sehen wir im linken Querschiff. Dargestellt sind hier Unsere Liebe Frau von Tongern und die Unbefleckte Empfängnis. Die hl. Katharina von Siena und das heilige Kreuz entdeckt man in den Fenstern der Kapelle der hl. Sakramente.

Stätten des Weltkulturerbes

Am Rande des Großen Platzes – hier sprudelt tagsüber eine Fontänenreihe aus dem Boden – ragt der 72 Meter hohe Glockenturm (frz. Beffroi) empor, der durch türmchenbekrönte Seitenmauern stabilisiert wird. Mit anderen Glockentürmen Belgiens und Nordfrankreichs wurde er mit dem Titel „UNESCO-Weltkulturerbe“ bedacht. Zu den vielen Türmen, die die Stadt prägen, gehören auch die fünf Türme der romanisch-gotischen Cathedrale Notre-Dame – auch diese steht auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Auf dem Platz vor dem Südportal der Liebfrauenkathedrale stößt man auf das Denkmal zu Ehren des Brüsseler Hofmalers Rogier van der Weyden (Roger de la Pasture), der aus Tournai stammt. Bevor das Querschiff durch die kleeblattförmige Kapitolpforte betreten wird, kann man an der Westseite der Kirche die St. Vincentiuskapelle sehen. Bezüglich der Kirchenausstattung ist vor allem der aus der Renaissance stammende, triumphbogenförmige Lettner (1572) hervorzuheben.

Belgien - Wallonien - Tournai - Skulptur
Denkmal für den Maler Rogier van der Weyden, der in Tournai geboren
wurde und in Brüssel Karriere machte © fdp

Unserer  lieben Frau ist die seit über neun Jahrhunderten am zweiten Septembersonntag stattfindende große Prozession geweiht. Seit 1092 wird damit der Muttergottes dafür gedankt, dass die Stadt von der Pest erlöst wurde. Das Reliquiar des hl. Brixius wird während der Prozession durch die Straßen der Stadt ebenso mitgeführt wie das Reliquiar des hl. Nikolaus und Johannes des Täufers sowie das Reliquiar der hl. Ursula aus der Domschatzkammer.

Befestigt war die Scheldestadt im Mittelalter

Belgien - Wallonien - Tournai - alter Befestigungsturm
Der Schwanenturm, ein Teil der restaurierten
Stadtbefestigung von Tournai © fdp

Wer von der Kathedrale aus zur Schelde hinabgeht und an ihr entlangläuft, erreicht in nordwestlicher Richtung Teile der einstigen Stadtbefestigung. Dazu zählt der massive Burgfried, der sogenannte Heinrich-VIII-Turm (1515), an der Rue du Rempart ebenso wie die Pont des Trous („Lochbrücke“) nahe des Boulevard Delwart. Diese Brücke war Teil der zweiten Stadtbefestigung und wurde zwischen 1281 und 1329 erbaut. Zunächst existierte an der Schelde nur der Bourdiel-Turm, ehe mit der Ausdehnung der Stadt auf dem anderen Scheldeufer der Thieulerie-Turm erbaut wurde. Die mit drei Meter dicken Mauern und Schießscharten ausgestattete Wehrbrücke diente dazu, den Verkehr auf der Schelde zu kontrollieren und gegebenenfalls zu unterbinden. Was wir heute sehen, ist allerdings dem Umbau im Jahr 1947 geschuldet: Damals wurde die Brücke für die Schifffahrt auf der Schelde verändert: Die beiden Türme am Scheldeufer um 2,4 Meter angehoben und die ursprünglichen Brückenjoche durch neue ersetzt. So wurde der mittlere Brückenbogen erweitert, damit Binnenschiffe mit entsprechender Tonnage passieren können.

Belgien - Wallonien - Tournai - Lochbrücke
Die sogenannte Lochbrücke über die Schelde © fdp

Unweit des nördlichen Scheldeufers befinden sich, auf dem Weg von der Grand Place zum Bahnhof, die beiden ältesten romanischen Häuser Europas (1172-1200) in der Rue Barre Saint-Brice 10-12. Einen Katzensprung ist es bis zu der aus dem 12./13.Jh. stammenden Eglise St.Brice. Dieses Gotteshaus ruht auf Fundamenten eines präromanischen Bethauses. Im 13. Jahrhundert erhielt die Kirche einen frühgotischen Hallenchor. Zwei Jahrhunderte später verlängerte man den Chor und setzte dem Westturm ein gotisches Obergeschoss auf. In einer Straße neben der Kirche fand man 1653 das Grab von Childerich, dem Vater des ersten merowingischen Königs Chlodwig.

Tournai und seine „Museumsinsel“

Zwischen dem Hôtel de Ville (Rathaus), dem ehemaligen Palais der Abtei von Saint-Martin (1763) und der Place Reine Astrid befindet sich die „Museumsinsel“ der Stadt: das Musée des BeauxArts, das Musée d'Histoire Naturelle sowie das Musée de la Tapisserie. Letzteres ist im neoklassizistischen, ehemaligen Hôtel Gorin (1825) an der Place Reine Astrid untergebracht. Es ist nur wenige Schritte vom Schauspielhaus (1824) entfernt, das von Bruno Renard entworfen wurde. Auffallend sind an diesem Bauwerk, das sich in seiner baulichen Ausformung an das Antwerpener Bourla-Theater anlehnt, die Kolonnaden des Rundbaus. Der Bauschmuck ist sehr zurückgenommen, sieht man von einer sogenannten Zahnleiste und dem Triglyphenfries ab. Ein architektonisches Meisterwerk, an dem allerdings die Spuren der Zeit Narben hinterlassen haben, ist das Museum der Schönen Künste. Der Entwurf dieses Museumsgebäude, das 1912 bis 1927 entstand, geht auf den Jugendstilbaumeister Victor Horta zurück. Die Baugestaltung erinnert mehr an den tempelartigen Bau im Jubelpark (Tempel der menschlichen Begierden, 1892-1906) und historistische Museumsbauten, denn an das Warenhaus Waucquez (heutiges Comicmuseum in Brüssel) oder das Bozar.

Belgien - Wallonien - Tournai - Turm des hl. Georg
Der Turm des hl. Georg, der Teil der ersten
Tournaier Stadtbefestigung © fdp

Jenseits der Museumsinsel gelangt man zum Volkskundemuseum und zum Turm des hl. Georg. In dem in zwei Wohnhäusern des 17. Jahrhunderts untergebrachten Museum wird der Alltag der Stadtbewohner lebendig. Der Besucher erfährt von Sitten und Gebräuchen, Jahrmärkten und anderen Festen, die in Tournai begangen wurden. Der runde Wehrturm, flankiert von einer Kurtine, gehört zur ersten Stadtbefestigung und entstand zwischen 1197 und 1202. Diese erste Befestigung umfasste eine Gesamtlänge von 2720 Metern und besaß nicht weniger als zwölf Stadttore.

Weitere Informationen

Office du Tourisme de Tournai
Vieux Marché aux Poteries, 14
7500 Tournai
Tel. 0032 / (0)69 22 20 45
tourisme@tournai.be
http://www.tournai.be (auch in Englisch!)

Kathedrale von Tournai
http://www.cathedraledetournai.be/ (auch in Englisch!)

Große Prozession
http://users.belgacom.net/Grande_Procession_Tournai/



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