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Tournai museal

Unter den zahlreichen Museen sind die Nachfolgenden besonders herauszustellen. Der Vollständigkeit halber sei nur darauf hingewiesen, dass in Tournai selbstverständlich ein Kunstgewerbemuseum, ein Volkskundemuseum wie auch ein Archäologisches Museum existieren. Doch die Highlights der Museumslandschaft sind sicherlich das Museum der Wandteppiche und Textilkunst sowie das Museum für Schöne Künste.

Das Musée de la Tapisserie zeigt alte Wandteppiche des 16. Jahrhunderts ebenso wie einen Querschnitt moderner und zeitgenössischer Textilkunst. Das Experimentieren mit anderen Werkstoffen als Baumwolle, Wolle und Seide durch Stipendiaten des Museums, aber auch durch zeitgenössische belgische Künstler wie Tapta, die sich von der klassischen Form des Wandteppichs entfernen, finden im Museum ein offenes Forum. Im Atelier des Museums arbeitet eine Weberin an einem „Hochwebstuhl“, sodass die Besucher einen Einblick in die Technik des Wandteppichwirkens erhalten. Die hier gezeigte „vertikale Webtechnik“ ist typisch für die Ateliers und Manufakturen in Oudenaarde und Tournai.

Belgien - Wallonien - Tournai - Exponat im Musee de la Tapisserie
Exponat im Musée de la Tapisserie © fdp

Die Kunst der Wandteppiche in Tournai hätte sich im 15.Jh. ohne die Aufträge des Herzogs von Burgund nicht entfalten können. Gestaltet wurden vornehmlich Themen der griechischen Mythologie, wobei die Bildgestaltung sehr flach und ohne Tiefe ist. Szenen aus Homers „Ilias“, die im Detail sehr realistisch sind, sind durch eine mittelalterliche Architekturstaffage bestehend aus Burganlagen, Stadtbefestigungen, Herrenhäusern und Palästen voneinander getrennt. Wer genau hinschaut, entdeckt einen starken Ausdruck in den Gesichtern der lebensgroßen Figuren.

Im Gegensatz zu der Verwendung von Blaugrüntönen in Oudenaarder Teppichen zeichnet sich die Tapisserie von Tournai durch eine breitere Farbpalette aus. Im 15. und 16. Jh. wurden in Tournai maximal 28 verschiedene Farbstufen verwendet; heute kennt man 1300 und mehr Farbtöne. Typisch für Webarbeiten aus Tournai ist das Einweben von Schriftzügen, z. B. „Hercule“, in die dargestellten Figuren.

Verlässt man das Untergeschoss des Museums und betritt die Galerie der ersten Etage, so sieht man sich Teppichen aus dem 16.Jh. gegenüber, die die Belagerung Jerusalems und die Zerstörung der Goldenen Pforte zeigen. Wie auch in den Wandteppichen aus dem 15.Jh. werden Architekturelemente zur Gliederung der szenischen Darstellungen eingesetzt. So muss die Architektur Jerusalems, allerdings mit typischen Gildehäusern aus Tournai, dazu herhalten, die sehr grauenvollen Schlachtszenen zu selektieren. Die damalige irrige Vorstellung über die Juden ist in die Gestaltung der Teppiche eingeflossen: Gezeigt wird eine Jüdin, die ein Kind über dem Feuer röstet.

Zu den modernen und zeitgenössischen Textilkünstlern, deren Arbeiten ausgestellt sind, zählt Pierre Caille, dessen Teppiche gekonnt Graffitikunst und Spielzeugsujets wie Reiterfiguren und Pferde vermischen. Die Technik der Freskenmalerei hat Roger Somville in „l'Homme Couché“ umgesetzt. Dynamik und leuchtende Farben, wie in „Die Sonnenblumenernte", zeichnen die Arbeiten von Edmond Dubrunfaut aus. Der Mitbegründer von „Forces Murales“ ist im Übrigen bekannt als künstlerischer Gestalter öffentlicher Flächen und Räume. Wer in Brüssel die Metrostation Louiza betritt, findet hier wie im Fußgängertunnel des Gare de Tournai Wandschmuck von Dubrunfaut. Unter den zeitgenössischen Künstlern ist Tapta zu erwähnen. Sie umschlingt mit Sisalschnüren polierte Pfähle und entfernt sich wie MarieThérese Prégardien – man denke an ihre Textilpaneele „Quadriptyque“ – von der klassischen Form des Wandbehangs.

In der ehemaligen Brauerei der St.-Martinsabtei ist das Musée d'Histoire Naturelle untergebracht, das 1828 gegründet wurde. Die neoklassizistische Innenarchitektur ist dem Tournaier Architekten Bruno Renard geschuldet. Der Saal Barthélemy Dumortier ist als Kuriositätenkabinett im Zuge der jüngsten Renovierung wieder hergestellt worden. Besucher begegnen Lamas, Moschusochsen, Koalas und Nilpferden. Dank der vorhandenen Dioramen kann man eine Reise in die afrikanische Savanne und die Antarktis unternehmen – und das in Windeseile. 150 verschiedene Affenarten sind in Tournai zu finden, darunter auch Orang-Utans aus den Regenwäldern Indonesien – allerdings nicht lebendige, sondern präparierte. Wie eine Aldabraschildkröte und ein Kolibri ausschauen, bleibt beim Besuch kein Geheimnis. Gleiches gilt für die Japanische Riesenkrabbe und die Pazifische Riesenmuschel. Besonders sehenswert ist das Vivarium mit seinen über 70 Arten von Amphibien, Fischen und Reptilien. Es gilt die Welt der Korallen ebenso zu erkunden wie die der Bromelien und Orchideen. Giftige Frösche kann man ebenso beim Museumsbesuch beobachten wie Chamäleons. Der Besuch dieses Museums ist ein guter Tipp für Familien, die in Tournai zu Besuch sind.

Belgien - Wallonien - Tournai - Museum der schönen Künste
Von Victor Horta, dem berühmten belgischen Architekt der Art nouveau
entworfen: das Museum für Schöne Künste © fdp

Um es vorwegzunehmen: Die Sammlung des Museums für Schöne Künste ist hochkarätig, doch der konservatorische Zustand einiger Exponate ist mehr als nur bedenklich. Außerdem mangelt es dem Haus an jedweder Form von Information zur Sammlung und zu deren Highlights. Weder finden Besucher ausführliche Saaltexte noch einen Audioguide, mit dem ein Besuch des Museums jenseits des Schauens zu einem Kunstgenuss werden kann.

Die Sammlung umfasst Kunstwerke des 16. bis frühen 20.Jahrhunderts. Besonders breiten Raum nehmen die Arbeiten des Historienmalers Louis Gallait (1810-1887) ein. Zu seinen Arbeiten gehören „Die Enthauptung der Grafen Egmont und Hoorn“, „Die Abdankung von Karl V.“ und „Die Pest in Tournai“. Es sind riesige Leinwände, auf denen die europäische Geschichte in einem pathetischen Bild geronnen ist. Werke der französischen Impressionisten Claude Monet und Eduard Manet sind in diesem Museum ebenso präsent wie die von Henri Toulouse-Lautrec stammenden Arbeiten „La dernière goutte“ („Der letzte Tropfen“) und „La Pierreuse“.

Belgien - Wallonien - Tournai - Skultur vor Museum der schönen Künste
Georges Grard schuf diese Plastik vor dem
Museum für Schöne Künste © fdp

Am Eingang stößt der Besucher auf eine Plastik von Bram Bogart, die in Yves-Klein-Blau erstrahlt. Die zentrale, von Licht durchflutete Säulenhalle wird als Ausstellungsfläche für Skulpturen genutzt. Unter diesen sind auch solche von Jef Lambeaux. Anschließend tauchen wir ein in die Bilderwelten eines Manets, der 1884 eine stimmungsvolle Szenerie am Cap Martin auf die Leinwand bannte: Strichweises Himmelblau bedeckt den Horizont. Hellgelbe Lichtstreifen liegen über der aufgewühlten tiefblauen und grünlich schimmernden See. In den Wellen tanzt ein kleines Segelboot und unaufhörlich prallen die Wellen an die zerklüfteten Felsen. Edouard Manet hielt Argenteuil und die zunehmende Industrialisierung im Pariser Umland in seinem Gemälde für die Nachwelt fest: Segelboote ziehen an einem Paar vorbei und im Hintergrund recken sich rauchende Schlote in den Himmel. Bildpunkt für Bildpunkt bedeckt bei Georges Seurat die Leinwand, auf der er das flirrende Licht über dem Meer einzufangen versuchte. Leer ist der Strand, unbezwingbar der Kreidefelsen und auf dem Wasser tummeln sich Segler und ein Dampfschiff schnauft langsam vorbei. Tonig gehalten ist die Studie von Felsen, die wir Gustave Courbet verdanken. Félicien Rops, dem in Namur ein eigenes Museum gewidmet ist, wird in Tournai nicht als Illustrator vorgestellt, sondern mit dem Gemälde „Die Schelde“: Der Fluss ist in Grau getaucht, Wölkchen gleiten am Himmel dahin. Ein Segler versucht sich im Kreuzen des Flusses. Auch ein Großsegler ist auf dem Fluss unterwegs. James Ensor, der seine Zeitgenossen zu schockieren verstand, ist nicht nur mit seinen Maskeraden im Haus vertreten, sondern auch mit einem Stillleben: „Der natürliche Tod der Ente“ heißt dieses Gemälde, dessen Komposition aus einer toten Ente auf weißem Tischtuch, Zwiebeln, einem Rot- und einem Weißkohl sowie einem Lauch und einem Kupfertopf besteht.

Mit flottem Pinsel malte Henrin-Fantin-Latour (1835-1904), der zu seiner Zeit ein angesehener Porträtist war, seine hübsche Schwester. Emil Claus porträtierte seine rothaarige Frau in einem hellblauen Kleid am Esstisch stehend, während Theodore Verstraeten (1851-1907) ein Landschaftsgemälde schuf, das von gestutzten Weiden dominiert wird. 1861 entstand „Die Bleiche“ von Henri de Braekeleer. Das Gemälde rückt den Alltag der einfachen Leute in dem Mittelpunkt, zeigt Männer und Frauen beim Aufhängen der Wäsche. Ähnliches tat auch Constantin Meunier, dessen Atelierhaus in Brüssel heute als Meunier-Museum dem Besucher offen steht. Die Industrielandschaft der Borinage und die dort lebenden Arbeiter hatten es ihm angetan, so auch in „Le Pays Noir“ und in „Cabaret du Borinage“. In Kohle und Kreide schuf er „Mann an der Presse“. Die sogenannten Brabanter Fauvisten wie Rik Wouters waren in den ersten Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts aus der damaligen Kunstszene nicht wegzudenken. In der Sammlung des Museums befindet sich das 1915 entstandene Werk „Frau bei der Toilette“.

Nicht allein die Malerei des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ist in Tournai ausgestellt, sondern auch die Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Der Genremaler Adrian Brouwer schuf eine deftige Wirtshausszene. Zum Verweilen lädt die „Landschaft mit Mühle“ ein, die Jan van Goyen zu verdanken ist. Frans Snyders hingegen widmete sich der Studie eines Rehs. Gekonnt gestaltet ist Hendrik van Steenwycks II Blick in eine gotische Kirche mit Chorlettner. Auch Roger van der Weyden, ein berühmter Sohn der Stadt, ist im Museum für Schöne Künste zu sehen.

Noch ein abschließender kurzer Hinweis: Das im ehemaligen, 1618 durch Wenzel Coebergher entworfenen Leihaus Mont de Piété untergebrachte Musée d'Archéologie ist besonders wegen eines Bleisarkophags aus dem 4.Jh. mit reichhaltigen Verzierungen und eines „Baumbrunnen“ aus dem Ende des 1./Anfang des 2.Jh., aber auch weiterer Funde aus gallorömischer und merowingischer Zeit einen Besuch wert.

Weitere Informationen

Musée de la Tapisserie
Place Reine Astrid
7500 Tournai
Tel. 069 / 84 20 73
http://www.tournai.be/en/officiel/index.php?page=14

Musée d'Histoire Naturelle
Cour d'honneur de l'Hôtel de Ville
7500 Tournai
Tel. 069 / 33 23 43
http://www.museum.tournai.be (nur Französisch)

Museé des Beaux-Arts
Enclos Saint-Martin
7500 Tournai
Tel. 069/33 24 31
http://www.tournai.be/en/officiel/index.php?page=12 (in Englisch)

Musée d'Archéologie
Rue des Carmes, 8
7500 Tournai
Tel. 069 / 22 16 72
http://www.tournai.be/en/officiel/index.php?page=18 (in Englisch)



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