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Geschichte

Der lange Leidensweg der Cajuns

“Ich will auf dem Schulhof nicht Französisch reden”

Die Orte heißen Pointe-aux-Chenes, Jeanerette oder Vacherie, die Bayous und Seen Fausse Pointe, Grand Caillou oder Boeuf, die Familien Thibodeaux und Chenier und Sonnier – Frankreich im Süden der USA, doch war es ein langer Leidensweg, bis die Einwanderer aus der Alten Welt in Louisiana ankamen, und noch mehr Anstrengungen bedurfte es, ihre Kultur zu erhalten.

Zwischen 1632 und 1654 wanderten französische Bauern zumeist aus den Centre Ouest-Provinzen nach Nova Scotia ins heutige Südost-Kanada aus. La Cadie hieß die 1604 für Frankreich entdeckte Kolonie, Land der Vielfalt, analog zum griechischen “Land von Milch und Honig”, Arkadien. Aus La Cadie wurde L’Acadie und später Acadia, aus Cadiens bzw. Acadiens amerikanisiert schließlich Cajuns (sprich: Kedschns).

Die frühen Kolonisten entwickelten eine eigene Identität, und so fühlten sie sich im englisch-französischen Krieg weder der einen noch der anderen Partei so recht verbunden (später fand diese Eigenständigkeit in der massenhaften Desertation von Cajuns aus der Bürgerkriegsarmee des Südens ihren Ausdruck). Zudem war ihnen, nachdem das Land englischer Besitz geworden war, 1713 im Vertrag von Utrecht ihre Eigenständigkeit als Kultur garantiert worden. Die Briten allerdings betrachteten die “Fremden” irrtümlich als Verbündete des französischen Gegners und drohten, falls der Krone keine Loyalität geschworen wurde und die Acadiens nicht am Krieg gegen Frankreich teilnehmen würden, die Deportation an. Sie taten dies mit dem Hintergedanken, daß das Gebiet dann englischen Einwanderern anheim fallen könnte. Die Akadier wiederum nahmen an, man würde sie allenfalls in frankokanadisches Gebiet ausweisen, doch erwies sich ihre Verfolgung, ein weiteres düsteres Kapitel britischer Kolonialgeschichte, als viel gravierender.

Die Vertreibung aus Nova Scotia

Ihre Häuser und Felder wurden niedergebrannt, sie selbst 1755 unter menschenunwürdigen Bedingungen in die Carolinas oder nach Georgia verbracht. So starben von 417 Deportierten 207 auf dem Weg nach South Carolina. In Philadelphia mußten die Ausgewiesenen drei Monate an Bord überwintern, was viele von ihnen nicht überlebten. Ganze Familien wurden auseinandergerissen, viele Menschen versklavt und in Gefängnisse geworfen. 

Le grand derangement
Le grand Dérangement: An der Vertreibung der  Cajuns durch die Briten
 erinnert auch das Schicksal von Evangeline in St. Martinville

Etliche Acadiens flüchteten, nahmen den Kampf gegen die Briten auf, reisten zurück nach Frankreich, und 2000 von ihnen segelten ins heutige Haiti – der Weg der Vertriebenen führte also keineswegs direkt nach Louisiana, das seit 1762 französischer Besitz war und wo im Februar 1765 die ersten 192 Vertriebenen eintrafen und bald weitere Gefolgschaft fanden.

Ihre Erfahrung als frühe Kolonisten und ihr Schicksal, le grand dérangement genannt, ließ sie im “Schmelztiegel” diverser ethnischer Gruppen in Louisiana bald zur dominierenden Gruppe werden. Erst gingen sie als Trapper ins unwegsame Gelände, dann als Jäger und Fallensteller, später arbeiteten sie als Bauern. Dies alles geschah in der Sumpflandschaft unter schwierigsten Bedingungen. Die Cajuns rangen der wilden Natur ihre Existenzgrundlage ab, besaßen Farmland, betrieben Milchwirtschaft und Schweinezucht, handelten mit Pelzen (40 Prozent des US-Aufkommens stammt aus Louisiana), jagten Krokodile, Bären, die 1937 aus Südamerika eingeführte Biberratte (Nutria) und Rotwild, machten im Wasser reichlich Beute: Langusten, Krebse, Krabben, Austern, Garnelen, Frösche.

"Armer weißer Müll"

Bis 1900 waren die Cajuns längst noch nicht amerikanisiert. Für viele waren sie nach wie vor Fremde, “armer weißer Müll” irgendwo in den backwoods an den Sümpfen. Im Zuge der Nationalisierung und des Education Act unter US-Präsident Theodore Roosevelt (“One country, one language”) war ihre Sprache seit 1916 offiziell verboten: Die Kinder, die in der Schulpause weiter Französisch sprachen, mußten zur Strafe hundertmal “Ich will auf dem Schulhof nicht mehr Französisch reden” schreiben.

Die Cajuns verließen immer häufiger ihre selbstgewählte Isolation, strebten nach Texas ins Ölgeschäft, lernten als Seeleute und vor allem als Soldaten im 2.Weltkrieg andere Länder kennen und gewannen an Selbstbewußtsein, als sie sich wie in Frankreich und Belgien sprachlich “zuhause” fühlten.

Mit der 200.Wiederkehr des Jahrestages der akadianischen Vertreibung 1955 manifestierten sich Ansprüche, die eigene Kultur zu bewahren, die 1968 in die Gründung der staatlichen Agentur CODOFIL, des Council for the Development of French in Louisiana, mündeten. CODOFIL hat inzwischen vielfältige Initiativen zur Wiederbelebung der Cajun-Kultur unternommen, was Feste und die Cajun-Küche ausdrücken. Das Cajun-Französisch war zwar nicht mehr zu retten, doch hat die Entwicklung einer ganzen Region ihre Identität wiedergegeben, die sich nun allerorten wieder in musikalischen “Hymnen” wie “Jolie Blonde” oder “Allons à Lafayette” äußert. “Und dann”, hat Barry Jean Ancelet von der Universität Lafayette das revival der Cajun-Kultur beschrieben, “holten sie wieder ihre Akkordeone vom Klo...”.

In Mitteleuropa hat man lange Zeit von der Existenz dieser “Franzosen” nahe New Orleans nichts gewußt. In den deutschsprachigen Ländern machte erst das Hollywood-Kino mit den Cajuns und der Cajun-Musik bekannt. Zuerst war da der Action-Film “Die letzten Amerikaner” (“Southern Comfort”), in dem bei einer Reserveübung National Guard-Leute ausrasten und “Hinterwäldler” angreifen. Zum blutigen Finale spielt dann natürlich eine Cajun-Band (gedreht wurde bei Lake Charles). "Belizaire, der Cajun” war fürs US-Fernsehen produziert und verschwand nach einer Woche Laufzeit aus den deutschen Kinos. Richard Gere flüchtete mit Kim Basinger in die Sümpfe (“Gnadenlos”), ebenso einige Gefangene in “Down by law”. Jill Clayburgh entdeckt als New Yorker Journalistin eine reichlich übertrieben dargestellte “Hinterwäldler”-Familie am Bayou, dies im Film “Shy people / Bedrohliches Schweigen”, und im New Orleans-Krimi “The Big Easy / Der großen Leichtsinn” sind ebenfalls reichlich Cajun-Fiddler im Einsatz.

Jedenfalls hatte so auch das Kino dazu beigetragen, dass Cajun Country nun kein weißer Fleck auf der Landkarte mehr war.

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