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Vorhang auf für das Welterbe im Hennegau

Der Hennegau war einst das pulsierende Herz der Kohle- und Stahlindustrie. Bis heute bestechen Städte wie Mons und Tournai mit ihren Sehenswürdigkeiten. Doch der Hennegau ist auch reich an UNESCO-Welterbe: Während des Karnevals von Binche versteht man es, ausgelassen zu feiern. Das Gleiche gilt für den Umzug der Riesen von Ath sowie des Doudou von Mons. Diese stark verwurzelten Festtraditionen gehören zum weniger bekannten geistigen und immateriellen Weltkulturerbe des Hennegaus. Doch neben derartigen volkstümlichen Umzügen wurden die romanisch-gotische Kathedrale von Tournai, die Glockentürme von Tournai, Mons, Thuin, Charleroi und Binche, die Feuersteingruben von Spiennes sowie die vier Schiffshebewerke am historischen Canal du Centre mit dem Titel „Weltkulturerbe“ geadelt. Sie erfreuen sich dabei so illusterer Gesellschaft wie der Grand Place in Brüssel, den Schlössern an der Loire, den Pyramiden von Gizeh oder der Völklinger Hütte im Saarland.


Belgien - Wallonien - Nicht beim Karneval in Binche, aber beim Umzug der Riesen von Ath
Nicht beim Karneval in Binche, aber beim Umzug der
Riesen von Ath tritt der heilige Christopherus auf © fdp

Farbenfrohe Gilles mit grünen Nickelbrillen

Wer zur Karnevalszeit nach Binche reist, wird aus dem Staunen nicht herauskommen: Vier Tage lang steht die Stadt Kopf. In aller Herrgottsfrühe, gegen fünf Uhr, eilen die borreurs, die so genannten „Ausstopfer“, durch die Gassen und Straßen, um die Gilles aus den Federn zu werfen und ihnen beim Ankleiden zu helfen. Besonderer Wert wird dabei auf das Ausstopfen des markanten Buckels gelegt. Vormittags tanzen dann die Gilles, die Wachsmasken, Backen- und Kinnbart sowie grüne Nickelbrillen tragen, vor dem Rathaus. Erst am Nachmittag werden dann für den Umzug durch die Stadt die Masken abgelegt und die Straußenfederhüte aufgesetzt.

Belgien - Wallonien - Einer der Prunkwagen beim Umzug von Ath © fdp
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iner der Prunkwagen beim Umzug von Ath © fdp

Gewichtige Riesen und Prunkwagen

Bonne Ducasse“ wünscht man sich in Ath, wenn Ende August jeden Jahres die Riesen durch die Straßen und Gassen ziehen, begleitet von zahlreichen Fanfarenzügen und aufwändig geschmückten Prunkwagen. „Ducassis“ – mit 3% vol.alc. ein leichtes süffiges Johannisbeerbier – wird ausgeschenkt, und auch anderer Gerstensaft rinnt durch die Kehlen der Schaulustigen. Bereits weit vor dem Umzugsbeginn stimmen sich die Fanfarenzüge auf das Ereignis ein. Mit dem Läuten der Glocken von St-Julian beginnt dann das Spektakel, angeführt von dem doppelköpfigen Adler, auf dem ein kleiner Knirps hockt. Immer wieder dreht sich diese Riesenfigur um die eigene Achse. Doch nicht nur dieser Riese ist beim Umzug präsent, sondern auch Samson in einer blau-roten Uniform und einer Tempelsäule im Arm, der 3,75 Meter große, gallische Krieger Ambiorix in glänzender Rüstung, das Pferd Bayard mit den vier Haimoniskindern im Sattel und Madame Victoire in Gestalt einer „Nike“. Doch die Hauptpersonen des Umzugs sind der 3,95 Meter große Goliath und seine fast ebenso große Gemahlin.

Belgien - Wallonien - Der Teufel mischt sich unter die Zuschauer, wenn in Ath die Riesen
Der Teufel mischt sich unter die Zuschauer, wenn in
Ath die Riesen durch die Straßen ziehen © fdp

Wenn auch religiösen Ursprungs – Goliath und Samson sind schließlich biblische Figuren –, so hat sich der heutige Umzug längst zu einem volkstümlichen Spektakel gewandelt, in dem in „lebenden Bildern“ und mit einigen Prunkwagen an die Zeit der habsburgischen Niederlande ebenso erinnert wird wie an die belgische Revolution, die in der Nationaloper in Brüssel begann. Unter den Prunkwagen ist besonders der Wagen der neapolitanischen Fischer recht auffallend. An Bord befindet sich neben den Fischern auch ein angeketteter wilder „Schwarzen“, der immer wieder versucht, sich seiner Ketten zu erledigen. Es gelingt ihm, ein Glas Bier in die Hände zu bekommen. Ein tiefer Schluck, die Backen werden aufgebläht und der Gerstensaft wird dem Nächststehenden ins Gesicht gespuckt.

Leicht sind die Riesen nicht, sodass schon eine Schar von starken Männern gebraucht wird, um beispielsweise das mehr als 632 Kilo schwere Pferd Bayard zum Tanzen zu bringen. Mit viel Ohs und Ahs von den Schaulustigen am Straßenrand werden Herr und Frau Goliath begleitet, die sich zur Freude der Umstehenden unterwegs mehrfach küssen.

Belgien - Wallonien - Die Hauptfigur des Umzugs von Ath: Herr Goliath © fdp
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ie Hauptfigur des Umzugs von Ath: Herr Goliath © fdp

Der Kampf mit dem Drachen

Viel stärker in der religiösen Tradition einer Prozession eingebunden ist der im Frühjahr stattfindende Doudou in Mons. Aus der Kirche der hl. Waltrudis wird auf dem goldenen Prunkwagen der Reliquienschrein der Heiligen durch die Stadt gefahren. Höhepunkt ist die Rückkehr des von sechs robusten Pferden gezogenen goldenen Wagens über die Rampe Sainte-Waudru hinauf zum Gotteshaus. Wenn dieser Rückweg die steile Rampe hinauf nicht beim ersten Anlauf gelingt, so bringe das Unglück über Mons. Erst nach der Rückkehr der Reliquie, die im Chor der Kirche ihren Platz hat, beginnt ein weiteres Spektakel, der Kampf des heiligen Georg mit dem Drachen. Ohne die Chin-Chins kann der Kampf Gut gegen Böse nicht beginnen. Wie in jedem Märchen siegt das Gute und der Drache gibt sich seinem Schicksal hin. Dann können die Bewohner der Stadt aufatmen und über den Marktplatz erschallt: „Und die Bewohner von Mons werden nicht sterben“ - bis zum nächsten Jahr.

Belgien - Wallonien - Eine der ältesten Glockentürme Belgiens steht in Tournai © fdp
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ine der ältesten Glockentürme
Belgiens steht in Tournai © fdp

Glockenharmonien in Tournai, Thuin, Binche, Mons und Charleroi

Der 72 Meter hohe Glockenturm von Tournai – wohl der älteste in Belgien – erhebt sich am Rand der dreieckigen Grand Place. Auf den vier Ecktürmchen des Bauwerks entdeckt man vier Skulpturen, die einen Bogenschützen, einen Armbrustschützen, einen Schwertkämpfer und einen Kanonier darstellen. Wer den Turm besteigen will, muss 257 Stufen bewältigen. Regelmäßig steigt in den Sommermonaten auch ein Glockenspieler zum Glockenspiel empor und unterhält dann mit allerlei wohl klingenden Weisen.

Ein Stadtturm in den „Hängenden Gärten“

Im kleinen Städtchen Thuin an der Sambre, das im „Stiefel des Hennegaus“ liegt, steht der 65 Meter hohe Glockenturm gleichsam in den für das Städtchen so charakteristischen „Hängenden Gärten“, in denen Kernobst und Wein gedeihen. Bis heute lässt sich am Turm die Inschrift „DECANUS ET/CAPITULUM/ECCLESIAEA“ und „COLLEGIATAE/THUDINIENSIS/AN 1639“ entziffern, die Auskunft sowohl über das Baujahr und als auch die Nutzer gibt.

Belgien - Wallonien - Inmitten von „Hängenden Gärten“ der Glockenturm von Thuin © fdp
Inmitten von „Hängenden Gärten“ der Glockenturm von Thuin © fdp

Renaissance muss es sein

Im Renaissancestil des 14. Jahrhundert erbaut, musste der Glockenturm von Binche nach der Zerstörung im Zuge der französischen Besetzung der Stadt 1554 wieder aufgebaut werden. Nach einem neoklassizistischen Umbau wurde erst 1901 die ursprüngliche Renaissancearchitektur wieder hergestellt.

Barocke Verspieltheit

Der Himmelsstürmer von Mons steht oberhalb des Rathauses auf einer Anhöhe. Erbaut wurde dieses Symbol des Bürgerstolzes 1661 bis 1672. Als der bekannte Schriftsteller Victor Hugo aus politischen Gründen seine französische Heimat verließ, besuchte er am 16. August 1837 Mons. In zwei Briefen an seine Gattin Adèle beschrieb er unter anderem den Glockenturm, den er als „une cafetière flanquée de quatre théières“ – „als eine Kaffeekanne flankiert von vier Teekännchen“ – bezeichnete.

Belgien - Wallonien - Hoch über dem Rathaus steht der Belfried von Mons © fdp
Hoch über dem Rathaus steht der
Belfried von Mons © fdp

Ein Turm, der aus der Reihe tanzt

Während die Mehrheit der Stadttürme aus der Zeit des Mittelalters und der Barockzeit stammen, datiert der Stadtturm von Charleroi aus dem Jahr 1936, als Neues Bauen und International Style in der Baukunst angesagt waren. Am Place Charles II. in der Oberstadt steht der Glockenturm neben dem Rathaus, das im Stil des Neobarock und Klassizismus erbaut wurde. Diese Anleihe an der Architekturtradition des 19.Jahrhunderts setzt sich fast nahtlos im 70 Meter hohen, aus Backstein erbauten Glockenturm fort.

Eins, zwei, drei, vier …Türme

In der Mitte der Schelde-Stadt Tournai, dessen einstige Befestigung nicht nur in Gestalt des so genannten Roten Forts und des Schwanen-Turms bis heute sichtbar sind, erheben sich zahlreiche Kirchen, so St-Jacques, St-Brice, und St-Quentin. Doch unter all diesen Sakralbauten mit ihren markanten Türmen ragt die Kathedrale von Tournai wegen ihrer weithin sichtbaren fünf Türme und dem beeindruckenden Bauvolumen aus graublauem Kalkstein heraus. Gewiss hat die Stadt auch noch andere Sehenswürdigkeiten zu bieten, denkt man nur an das Museum der Wandteppiche und Textilkunst oder aber an Wohnhäuser im Stil der Art nouveau und Art déco entlang der Boulevards der Stadt. Doch das romanisch-gotische Architekturjuwel unweit der Grand Place ist ein besonderer Anziehungspunkt. Römische, frühchristliche und merowingische Spuren wurden bei langjährigen archäologischen Untersuchungen gefunden sowie Vorgängerkirchen der heutigen Kathedrale freigelegt.

Belgien - Wallonien - Ein Architekturjuwel: die Kathedrale von Tournai © fdp
Ein Architekturjuwel: die Kathedrale von Tournai © fdp

Die viergeschossige Liebfrauenkathedrale gilt als eine der schönsten romanisch-gotischen Kirchen Westeuropas. Zugleich ist sie mit einer Länge von 134 Metern eine der größten Kirchen Belgiens. Gewaltig ist auch die überbaute Fläche von mehr als 5000 Quadratmetern.

Reich mit Steinmetzarbeiten versehen ist das Nordportal (Mantilius-Portal) des Querschiffes. Dort erblickt man vielfältige figürliche Darstellungen wie die eines Geizhalses mit einem Geldsack, der von einem Teufel gepackt wird. Aus der Zeit der Renaissance stammt der triumphbogenförmige Lettner (1574). Er ruht auf roten Marmorsäulen und ist mit biblischen Szenen aus dem Alten (Medaillons) und dem Neuen Testament (Vierecke) dekoriert.

Ein Zeugnis der modernen Eisenzeit

Im Kontext der Industrialisierung und des Booms der wallonischen Steinkohleförderung ist die Entstehung der durch Wasserkraft betriebenen Schiffshebewerke des 1888 bis 1916 entstandenen Canal du Centre zu sehen. Kohle und Roheisen haben als „alte Industrien“ abgewirtschaftet. Die vier Schiffshebewerke sind heute keine Lebensnotwendigkeit mehr, seit das neue Hebewerk von Strépy-Thieu in Betrieb genommen wurde. In einen sanften Dornröschenschlaf ist der historische Canal du Centre gefallen. Ab und an ist auf ihm ein touristisches Ausflugsboot unterwegs, längst aber keine Binnenschiffe mehr. Radfahrer nutzen die Treidelpfade zu einer Radtour. Angler haben sich am Ufer ebenso eingefunden wie Nachbarn aus der Umgebung, die sich zum Picknick treffen.

Belgien - Wallonien - Eines von vier historischen Schiffshebewerke am Canal du Centre © fdp
Eines von vier historischen Schiffshebewerke am Canal du Centre © fdp

Was geblieben ist, ist eine Meisterleistung der Ingenieurkunst – eine Leistung, die ohne Hector Genard niemals möglich gewesen wäre. Anstatt den Höhenunterschied zwischen Mons und Houdeng-Goegnies durch 30 Schleusen zu überwinden, entschied man sich für den Bau von vier hydraulischen „Schiffsfahrstühlen“, um die Schiffe über einen Gesamthöhenunterschied von 66,197 Metern zu transportieren.

Von einer gänzlich anderen Zeit erzählen die Feuersteingruben von Spiennes unweit von Mons. Um 3400 v. u. Z. fand nachweislich die erste Ausbeutung der Vorkommen statt. Mittels Geweihpickeln und Knochenschaufeln wurden Streben und bis zu zwölf Meter tiefe Schächte angelegt, um an das damals begehrte Gestein zu gelangen. Erst 1911 hat man diese steinzeitliche Fundstätte eingehend archäologisch untersucht und so ein Fenster in die Frühzeit des Bergbaus geöffnet.

Weitere Informationen

Ath
Office du Tourisme
Maison des Geants
www.ath.be

Binche
L'Office du Tourisme de Binche
Rue des Promenades,2
www.binche.be

Canal du Centre
Maison du Tourisme du Parc des Canaux et Châteaux
place Mansart, 21-22
7100 La Louvière
www.parcdescanauxetchateaux.be
www.voiesdeau.hanait.be

Charleroi
Pavillon du Tourisme
Square Gare du Sud
und
Maison du Tourisme du Pays de Charleroi
Place Charles II, 20
www.charleroi.be
www.paysdecharleroi.be

Mons
Maison du Tourisme de la Région de Mons
Grand-Place,22 u. place Léopold/Gare
www.monsregion.be

Spiennes
Feuersteinlagerstätten Spiennes
7032 Spiennes
www.minesdespiennes.org

Thuin
Office du Tourisme
Place du Chapitre
www.thuin.be

Tournai
Office du Tourisme
Vieux Marché aux Poteries,14
www.tournai.be
www.tournaisis.be

Infos Tournai

Hotels

Hotel Cathédrale***
Place Saint-Pierre,2
http://www.hotelcathedrale.be/de/index.html (Deutsch!)
In der ehemaligen Wache der Feuerwehr von Tournai untergebracht, am Place St-Pierre mit seinen Restaurants und Kneipen gelegen, fußläufig zur Kathedrale, zum Glockenturm und Grand Place

Hotel d’Alcantara
rue des Bouchers St-Jacques,2
www.hotelalcantara.be (Fr/Nl/Eng)
Kleines, familiäres Hotel in einem schmucken Bürgerhaus aus dem 18.Jh. mit kleinem Ehrenhof, unweit vom Roten Fort und der Kirche St-Jacques sowie der Grand Place

Restaurants

Ob man nun Crevettes de Zeebruges en salade oder Les scampis „Enfants Terribles“ et tagliatelles au basille wählt, Gaumenkitzler sind beide Gerichte in dem modern eingerichteten Restaurant der „Schrecklichen Kinder“ (Les Enfants Terribles, rue de l’Yser, 35): nur Schritte von der Grand Place entfernt. Direkt am Markplatz liegt das Restaurant Le Carillon – also in Sicht- und Hörweite vom Weltkulturerbe Glockenturm. Das Menu Poisson kann man sich hier ebenso munden lassen wie das Menü Confiance mit Foie gras de canard et son melon piment D’espelette, Le suprême de pinade aux girolles und Soupe de fruits rouges et sa glas vanille maison. Wer sich von den Kochkünsten des Hausherrn überraschen lassen möchte, sollte sich ins Le bruit qui court (Ruelle d’Ennetieres 4/11) begeben, außer am Wochenende, denn dann ist das Restaurant geschlossen. © fdp



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